Der arabische Westen

27 Aug

Es tut sich was in der arabischen Welt, was die Sichtbarkeit von Homosexuellen angeht. Unter dem Schutz der einzigen liberalen Demokratie im Nahen Osten, hat eine Gruppe junger Palästinenser ein Internetportal gegründet, welches in einer Rubrik auch Schwule und Lesben zu Wort kommen lässt:

Das neue Portal, das von Palästinensern in Israel betrieben wird, möchte im arabischsprachigen Webseiten-Dschungel eine Plattform „jenseits aller religiösen, politischen und sozialen Fesseln“ anbieten, erklärt Rasha Hilwi, Redakteurin bei Qadita.net. Man wolle an Tabus rütteln, sensible Themen anpacken und den Usern gedankliche Freiheitsräume eröffnen.

Das Portal soll dabei einen Schutzraum bieten, jenseits der Repression der Homosexuelle in der arabischen Welt ausgesetzt sind:

Homosexualität wird in der öffentlichen Meinung arabischer Länder oft als „westlicher Import“ diskreditiert, sie gilt weithin als unmoralisch oder fehlgeleitetes Verhalten. In einigen Ländern wird sie sogar mit dem Tod bestraft.

Der Vorwurf der Verwestlichung scheint dabei ein besonders wirksame Diskreditierung zu sein, der sich ja auch afrikanische Diktaturen immer wieder gerne bedienen, um Homosexualität als gleichsam westliches, neokoloniales Produkt zu verteufeln, da der Westen in diesen Ländern nunmal als Synonym für „Dekadenz“ herhalten muss, wobei „Dekadenz“ widerum ein schlecht kaschiertes Schimpfwort für Freiheit ist.

Bemerkenswert ist allerdings, dass die arabische Welt tatsächlich schon nicht unwesentlich „verwestlicht“ ist. So kommt ein Initiator des Projekts nicht umhin, die Anzahl der Homosexuellen mit zehn Prozent anzugeben, und sich damit auf (nicht verifizierten) Zahlen zu berufen, die offensichtlich aus den Verlautbarungen von Schwulenverbänden westlicher Länder stammen:

„Die patriarchalische Dominanz in unseren Gesellschaften will einfach nicht akzeptieren, dass zehn Prozent der arabischen Gesellschaften homosexuell sind“, empört er sich, „wir wollen uns nicht mehr verstecken, sondern zeigen, dass auch nicht-heterosexuelle Menschen ihre Gesellschaften durch Literatur und Kunst bereichern können!“

Und ist nicht auch letzterer Teil interessant? Warum sollten „nicht-heterosexuelle Menschen“ ihre Gesellschaften ausgerechnet durch „Literatur und Kunst“ bereichern? Erinnert das nicht an ein bisschen an die Situation im Westen bis noch vor wenigen Jahren, als man sich Schwule nur im Kunstbetrieb und vielleicht noch beim Friseur vorstellen konnte?

Schon seltsam, wie sich Stereotype und Zuschreibungen globalisieren. Andererseits lässt dies hoffen, dass die Schwulen und Lesben der arabischen Welt einen nicht mehr allzu weiten Weg vor sich haben…

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