Wie humorlose Antikapitalisten durch verschärften Geständniszwang die Liebe optimieren wollen

7 Nov

Die auch unter Linken vieldiskutierte »Polyamorie« sieht vor, dass man mit Wissen und Einverständnis aller Beteiligten mehrere Liebesbeziehungen führen darf. Ist das damit die passende Beziehungsform für den Neoliberalismus?

Mit diesen Worten eröffnete Oliver Schott vor einigen Wochen einen Artikel in der Jungle World.

Damit ich Polyamorie betreffend auf dem neuesten Stand bin, habe ich mir  „Polyamory – Eine Erinnerung“ zugelegt. In schick-schrillem Design (pink auf schwarz) verspricht das Büchlein keine

Hierarchisierung von Liebesweisen, wie sie mit den meisten Veröffentlichungen zum Thema Polyamory Hand in Hand gehen.

Statt der Idealisierung des Neuen, Ungewohnten, Provokativen möchte man vielmehr

eine Variante der Möglichkeiten, Liebe zu leben, beschreiben und nicht bewerten.

Stellung – und zwar kulturkonservativ – beziehen Thomas Schroedter und Christina Vetter dabei trotz alledem. So beklagen sich die beiden über eine Gesellschaft,

in der Waren verkauft werden müssen, egal ob sie sinnvoll sind oder nicht,

wodurch

Stil, Romantik und Kulinarisches banalisiert

würden. Warum eigentlich ersetzen Linke Argumente so oft durch moralisierende Fragmente? Wären die Autoren nicht unter den Ersten, die „mehr Spiel“ in der Liebe begrüßen würden? Warum soll dann in der Welt des Konsums plötzlich alles Sinn machen? Warum darf Essen nicht einfach schmecken, schön bunt sein, Spaß beim Zerkauen oder Tropfen machen? Wenig verwunderlich ist es, dass den Autoren als Beispiel für ihre Gesellschafts“kritik“ ausgerechnet  McDonalds einffällt. Dessen Werbeslogan „Ich liebe es“ wird als banalisierend und narzisstisch zugleich denunziert. Für mehr als billiges Amerikabashing reicht es, wie es sich für gestandene Linke gehört, bei der Begründung dann leider nicht, wenn beklagt wird,

dass bekanntlich die meisten US-amerikanischen Kinder Ronald McDonald kennen, nicht aber ihren Präsidenten.

Der kurzzeitige Eindruck, dass die Autoren über Humor verfügen, verflüchtigt sich rasch, wenn man nach dem Satz,

Polyamory wäre so die Frage danach, ob wir mehrere Fastfoodketten gleichzeitig lieben können.

weiter liest:

Die Möglichkeit einer solchen Interpretation macht allerdings auch deutlich, in welch oberflächlicher Form in unserer Gesellschaft mit dem Begriff Liebe umgegangen wird.

Doch die Autoren stören sich nicht nur an der Oberflächlichkeit der Form, nein, sie stellen auch Fragen, wie sie in dieser Merkwürdigkeit nur Linken einfallen:

Können wir in einer Gesellschaft, die annähernd der Totalität der Verwertung unterworfen wird, einer solch profanen Liebe entkommen?

Was Polyamorie eigentlich ist, ist gar nicht so leicht zu sagen, meinen die Autoren:

Eine exakte Definition, was genau polyamoröse Liebe bedeutet, ist bisher in keiner Quelle dargestellt.

Ob nun Abhilfe naht? Weit gefehlt:

Eine solch exakte, trennscharfe Festlegung wäre auch kontraproduktiv. Denn eine solche Definition, die bestimmt, was eine polyamoröse Beziehung genau ist und was nicht, würde den Begriff in seiner Produktivität einengen.

Im vierten Kapitel des Buches folgt überraschenderweise dann doch eine Definition von „Polyamory“:

Polyamory ist ein Beziehungskonzept, das es ermöglicht, sexuelle und/oder Liebesbeziehungen mit mehreren Partner_Innen gleichzeitig einzugehen. Voraussetzung ist, dass alle Beteiligten um den nicht-monogamen Charakter der Beziehungen wissen und diesen befürworten. Offenheit, Kommunikation und Konsensfindung sind zentrale Werte dieser Beziehungsphilosophie und begründen ihren ethischen Anspruch.

Soweit also endlich mal ein wenig Aufklärung, worüber eigentlich gesprochen wird. Nur wenige Seiten später aber nimmt die Verwirrung wieder zu:

Monogamie und Treue sind also keine Synonyme. Ehebruch geht sogar oft mit der Monogamie Hand in Hand.

Natürlich sind Monogamie und Treue Synonyme. Wenn ich untreu bin, lebe ich schließlich nicht mehr monogam. Richtig wäre die Aussage, dass Ehebruch Monogamie voraussetzt und sie dann praktisch aufhebt. Und die Verwirrung geht weiter:

Mit nicht-monogam können in manchen Kontexten auch Menschen gemeint sein, die zölibatär, also ganz ohne Sexualpartner_In(nen) leben.

Nach dieser Logik können dann wohl auch Autos und Waschmaschinen nicht-monogam sein. Zurück zur Polyamorie, auch wenn es in diesem Buch etwas schwer fällt, den roten Faden nicht zu verlieren. Entgegen der oben zitierten Definition ist es unter Polyamoristen durchaus umstritten, ob Sex ohne Liebe für ihresgleichen erlaubt ist. Eine Fraktion bezieht sich bewußt

auf eine gesellschaftliche Norm, die Sexualität durch Liebe rechtfertigt und gesellschaftlich höher bewertet als Sex, der aus Freude am Sex ohne romantische Liebe entsteht.

Um der eigenen Argumentation genug Pathos zu verleihen, wird dabei eine Dichotomie aufgemacht von Herz und Seele einerseits, willkürlichem Sport-Sex andererseits. Dies kann man zu Recht als Anbiedern an traditionelles Denken kritisieren und als Abwertung von anderen Lebensentwürfen. Bemerkenswert, wie neue Definitionen ihrerseits neue Ausschlüsse generieren und alte Normen reproduzieren. Ob das Definitionen inhärent ist, wie es im Buch nahegelegt wird, darf bezweifelt werden:

In dem Moment, wo Sprache hier genutzt wird, um etwas zu beschreiben, wird gleichzeitig eine neue Kategorie konsturiert. Durch dieses sprachliche Konstrukt wird der Begriff eingegrenzt. Automatisch entstehen dadurch auch Ausgrenzungen und Bewertungen.

Zugegeben, wird eine Eingrenzung vorgenommen, findet damit automatisch auch eine Ausgrenzung statt, wobei ich letzteren Begriff wertfrei verstanden wissen möchte. Insoweit ist mir nicht nachvollziehbar wieso durch eine Abgrenzung automatisch eine Bewertung entsteht, die über ein Geschmacksurteil hinausgehen muss.

Unter der Überschrift „Werte und Grundsätze der Polyamory“ erfahren wir:

Mit nur einem/einer Partner_In kann es allerdings leichter passieren, dass ein Paar unbewusst über größere Unklarheiten hinweggeht oder sie nicht wahrnimmt.

Wieso das?

In einer polyamorösen bzw. einer verantwortungsbewussten nicht-monogamen Beziehung ist es von großer Bedeutung, die Beziehung bewusst zu gestalten, zu verfeinern und auszuhandeln.

Das klingt verdächtig nach „Polyamory und bewusste Beziehungsgestaltung sind Synonyme“… und das halte ich für weitaus fragwürdiger als die Aussage, Monogamie und Treue seien Synonyme. Einen Automatismus jedenfalls sehe ich nicht am Werk, der dafür sorgen würde, dass Polyamoristen ihre Beziehung bewusst gestalten. Es hängt von den Menschen ab und das gilt ebenso für die Frage wie treu jemand im Rahmen einer monogamen Beziehung ist. Diese Erkenntnis jedoch bleibt den Autoren verborgen. Grund hierfür ist ihre Ablehnung der Monogamie, die sie zwar wortreich bestreiten, aber die zwischendurch immer wieder deutlich wird:

Die Verbindung von Individualität und Respekt ist seitdem nie zur herrschenden gesellschaftlichen Realität geworden,

schreiben sie vor dem Hintergrund der Veränderung der gesellschaftlichen Vorstellungen von Liebe und Sexualität und den Gründen einer Ehe. Dem Ideal der romantischen Liebe gilt ihre Ablehnung:

Ein solches Ideal der Liebe stellt nicht nur eine große Herausforderung an die Menschen dar, sie ist vielfach eine Überforderung. Scheidungsgründe und psychische Erkrankungen, die durch diese Herausforderung begründet sind, belegen diesen Sachverhalte nur zu gut.

Nur komisch, dass in den Jahren der Flexibilisierung von Monogamie und lebenslanger Treue, die sie selbst im Buch beschreiben, die Zahl der psychischen Erkrankungen stetig zugenommen hat. Nach dieser Logik hätte die Freisetzung der Menschen aus dem bürgerlichen Zwangskorsett des Ideals der romantischen Liebe die Menschen doch eigentlich psychisch gesunden lassen müssen. Wenn sich dann noch eine falsche feministische Kritik dazugesellt, fällt das Weiterlesen schwer:

Die bis heute propagierte Dreieinigkeit von Liebe, Sexualität und Lebensform (Ehe), die in der Prostitution und Ehe als Zugriff auf den weiblichen Körper herrscht und dabei als Liebe geheuchelt wird (…)

Wollen die Autoren hiermit ernsthaft behaupten, Prostitution und Ehe seien heutzutage Funktionen patriarchaler Herrschaft und Liebe nur ein Konstrukt, dass dieses Herrschaftsverhältnis überdeckt? Ein wenig widersprüchlich scheint es mir schon, wenn kurz darauf bisher implizit weiblich gedachte Prostituierte vom Opfer zu geschlechtsneutralen und nicht länger mit moralischer Bewertung versehenen „Sexarbeiter_Innen“ mutieren:

Für Sexarbeiter_Innen ist es notwendig, Liebe und Sexualität zu trennen, um ihren Beruf ausführen zu können. Dieser tägliche Vorgang belegt nicht nur die Möglichkeit dieser Trennung,

als wenn es dieses Beweises bedurft hätte,

sondern zeigt auch, wie die Marktgesellschaft den Verlust von Galanterie und Humor bewirkt

– und damit nun keiner auf die Idee kommt, diesem kulturkonservativen Gebräu unter Berufung auf den sich gesellschaftlich ausbreitenden Hedonismus zu widersprechen, outen die Autoren sich in einer Fußnote als säkulare Anhänger von Peter „Spaßbremse“ Hahne:

Die Galanterie und der Humor, auf die wir uns hier beziehen, unterscheiden wir deutlich von den Eigenschaften, die all das kennzeichnen, was heute als „Spaßgesellschaft“ verstanden wird. Während in der „Spaßgesellschaft“ oberflächliche Emotionen marktförmig zugerichtet und sich jenseits jeglichen kritischen Bewusstseins befinden,

müssen, wenn es nach den Autoren geht, Liebe und Sexualität offenbar erst einmal ihr gesellschaftskritisches Bewusstsein nachweisen, um dann ggf. eine Existenzberechtigung zugesprochen zu bekommen. Bei der Lektüre wird zunehmend deutlich, wie ideologisch vorbelastet die Autoren sind. Als eine Untersuchung der Aufsätze von Schülerinnen und Schülern bezüglich der Perspektive, wie diese sich ihr weiteres Leben vorstellen, ergibt, dass die große Mehrheit von einer Familie (Mann, Frau, zwei Kinder) träumt, kommentieren die Autoren:

Auch bei diesen Jugendlichen wird eine historisch entwickelte Erscheinung zur anthropologischen Konstante, zum Wesen menschlichen Zusammenlebens.

Dabei hätte die revolutionäre Pflicht der Pennäler selbstredend darin bestanden, total diversifizierte Zukunftsperspektiven zum Besten zu geben. Liest man wiederum derartige Sätze, könnte man die Autoren für Schreibsexarbeiter_Innen des Neoliberalismus halten:

Vereinzelung und die Vermischung von Freizeit und Arbeitszeit bei einigen Teilen der Lohnarbeit verwischen die Grenzen zwischen Produktion und Reproduktion. Die Verwertung der menschlichen Arbeitskraft wird totalitär in dem Sinne, dass das gesamte Dasein der Menschen den Gesetzen dieser Verwertung unterworfen wird. Individualisierung und Flexibilisierung prägen in diesem Prozess zunehmend die Biographien der Menschen. Die monogame Familie ist immer weniger imstande, die aus diesen Biographien entstehenden Ansprüche zu erfüllen. Es wäre daher konsequent, wenn vielfältige Lebensformen mit der Ehe gleichgestellt würden.

Okay, doch keine Neoliberalismuswerbung. Vielmehr ganz normaler etatistischer Kram. Der Staat soll es also wieder mal richten. Und die bürgerliche Gesellschaft ist auch nicht mehr das, was sie noch nie war:

Die scheinbar rationale Auswahl via Partnerbörse ist die letztendliche Verdrängung des Gleichheitsversprechens der bürgerlichen Gesellschaft, nach dem alle auf dem (Heirats-) Markt die Möglichkeit haben, sich unabhängig von sozialer Herkunft zu verlieben.

Denn freies Verlieben ist ab sofort reglementiert:

Für die Aufnahme in eine solche Partnerbörse ist das Ausfüllen eines ausgiebigen Fragebogens notwendig,

was irgendwie eine ganz perfide Variante von Auschlussmechanismen darstellen muss. Die Kontrollmechanismen, von denen die Autoren für eine polyamoröse Zukunft träumen, finde ich allerdings um ein Vielfaches beängstigender. Unter Bezug auf Herbert Marcuse träumen sie von einer Optimierung der Liebe, in der es keine Geheimnisse mehr gibt:

Das Verheimlichen, das eng verbunden ist mit dem, was gesellschaftlich als verwerflich angesehen aber dennoch getan wird, hätte in einer solchen Kultur keinen Platz.

Merkwürdig, bei Foucault, auf den sich die Autoren an anderer Stelle durchaus positiv beziehen, lief das noch unter Geständniszwang, d.h. dem gesellschaftlichen Zwang, Intimitäten preisgeben zu müssen und das für einen Ausdruck von Freiheit zu halten. Kurz vor Schluss des Buches ist der ideologische Hintergrund der Autoren dann nicht mehr zu überlesen. Sie träumen von der Abschaffung der Geschlechter. Und von der Rückkehr zum Clan, wie sie ihn heute noch in autochthonen Stammeskulturen finden:

Wenn wir jedoch sehen, wie in Deutschland seit über zwanzig Jahren Wohnprojekte entstehen, in denen auch Kinder angemessene Lebensbedingungen vorfinden, dann lässt sich eine dem Clan ähnliche Rückendeckung entwickeln, die gerade in der Frage des Schutzraumes für Kinder einer Förderung bedarf.

Das hier als Vorbild präsentierte Volk der Mosuo zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass Männer kein Recht auf ein privates Schlafzimmer haben. Darüber hinaus gibt es ein System der Regulation des Verhältnisses der in einem Haus lebenden Frauen und Männer:

Wird dieses Gleichgewicht nicht eingehalten, da mehr Kinder eines Geschlechts geboren werden, so adoptieren Mosuo-Familien Kinder des entsprechend anderen Geschlechts oder die Haushalte tauschen Jungen und Mädchen auf.

Da bekommt der Wunsch nach Abschaffung der Geschlechter gleich einen ganz anderen Sinn, könnte man sich damit doch die komplette Tauscherei sparen.

Meine Quintessenz: Für 10 Euro bietet der Band eine Einführung ins Thema, die vor allem für Menschen interessant sein dürfte, die ausdrücklich eines Konzepts bedürfen, um  Beziehungen abseits der Norm zu leben.

Worauf das ganze Brimborium mit dem Traum von der anderen Welt, die möglich sei, in diesem Buch hinausläuft, zeigt der letzte Satz des Bandes:

Entspannung und Rückzugsmöglichkeit gegenüber dem Leistungsdruck des herrschenden Alltags und lustvolles Sein könnte den Schein der Warenwelt entzaubern.

Spart man sich die ideologische Zauberei am Schluss, dürfte also genauso gut ein Besuch bei Starbucks oder in der örtlichen Therme Abhilfe schaffen, vielleicht reicht auch einfach nur ein heißes Bad.

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