Der Untergang des Abendlands als Geburtsstunde des Westens

20 Dez

Es ist interessant zu beobachten, wie deutsche Autoren, wenn sie selbst für ihre Übersetzungen verantwortlich waren, gerne die vermittelnde Formel „occidental West“ einbrachten, sich aber damit nicht durchsetzen konnten. Die allgemeine Westorientierung bewirkte vielmehr, dass im Nachkriegseuropa diesseits des Eisernen Vorhangs die Berufung auf das Abendland zunehmend obsolet und durch den politisierten und globaleren Begriff des Westens ersetzt wurde.

Abendland, das war in Deutschland jedoch ein Hauptbegriff gewesen – in den zwanziger Jahren und dann noch einmal nach 1945. (…) Die „Abendländerei“, wie man nach 1945 bald im Spott sagte, war eine katholische und mehrheitlich süddeutsche und österreichische Angelegenheit. Als gegen Preußen und tendenziell auch gegen den Nationalsozialismus eingestellte Orientierung gehörte sie zu den unentbehrlichen Requisiten des geistigen Wiederaufbaus nach 1945, und wenn sie auch deutlich antidemokratische Züge hatte, so wurde sie doch von den Besatzungsmächten befürwortet oder toleriert, da der Antikommunismus der Abendland-Bewegung außer Frage stand.

(Wolfgang Kemp: Foreign Affairs. Die Abenteuer einiger Engländer in Deutschland 1900 – 1947, S. 351)

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