Ich versteh die Welt nicht mehr…

10 Jun

Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) hat eine Buchrezension empfohlen, deren Inhalt sich mir absolut nicht erschließt. Gut zugegeben, es geht dabei um Feminismus und Queer-ismus, also zwei Themen, die von vornherein schwer bis gar nicht zu verstehen sind. Und ich bezweifle, dass irgendjemand beim LSVD verstanden hat, was uns die Rezensentin eigentlich sagen will:

Aha, denke ich. Es gibt also Femmes, die sich als queer verstehen und nicht als lesbisch, auch wenn sogenannte Lipsticklesben auch oft als Femmes bezeichnet werden. Damit geht für mich ein neuer Selbstbezeichnungsraum auf, gegen den ich mich bis dahin gewehrt hatte, weil eine Selbstbezeichnung als Femme sich für mich nicht stimmig angefühlt hat, wenn sie gleichbedeutend mit Lesbischsein ist. Ich denke atemlos weiter. Femme als Identität ist von der Anerkennung anderer abhängig und damit immer ein Stück weit auch einschränkend, weil bestimmte Sachen als femme gelesen werden und andere nicht, auch, wenn es sich für mich trotzdem nach Femmeininität anfühlt… Plötzlich kann ich die Figur der Mira, die sich in Tanjas Aufsatz für die „offizielle Nicht-Existenz“ entscheidet, indem sie bei ihrer Variante von (Queer-)Femmeness bleibt, gut verstehen.

Ich hingegen verstehe gar nichts, im Gegenteil, dafür schmerzt mir der Kopf. Und dabei ist das erst der Anfang:

Die Frage nach der (Nicht-)Anerkennung von femmeininen Identitäten ist in meinen Augen stark mit Fragen nach Lesarten, Lesbarkeiten und Sichtweisen und Sichtbarkeiten, also Les_Sichtbarkeit, verbunden. Über dieses Thema schreibt Sabine Fuchs, eine selbstidentifizierte Femme und Herausgeberin dieses Buches, in ihrem Aufsatz „Das Paradox der sichtbaren Unsichtbarkeit. ‚Femme’ im Feld des Visuellen“. An diesem Aufsatz habe ich zugegeben keine Markierung gefunden, weil ich den Titel ganz schön kompliziert fand. Für einen Einstieg in Zusammenhänge von Femme und Les_Sichtbarkeit fand ich Sabines Aufsatz „Femme ist eine Femme ist eine Femme … Einführung in den Femme-inismus“ am Anfang des Buches geeigneter. Hier sagt sie klare Sachen wie „Nach den vorherrschenden Wahrnehmungs- und Denkmustern werden feminine Genderinszenierungen (…) nur äußerst selten als queer gelesen.“

Ein Aspirin, bitte! Oder am Besten gleich zwei!

Mit Begehrensdynamiken beschäftigt sich in Femme! auch der Artikel „Rezeptivität neu besetzen: Femme-Sexualitäten“ von Ann Cvetkovich, d_ie in Texas im Bereich Frauenforschung arbeitet. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich dabei auf „lesbische Femme-Kontexte (…), speziell denen von selbst-identifizierten Femmes und der Butches, die sie ficken“ (S. 185). Gleich zu Anfang des Artikels macht sie klar, dass dieses Wort, insbesondere in seiner passiven Variante von „Geficktwerden“ in den Vorstellungen vieler Personen zum Teil so stark mit Erniedrigung verbunden wird, „dass es fast unmöglich scheint, Geficktwerden als eine mit Lust und Genuss verbundene Erfahrung zu beschreiben, ohne gleich einen völlig anderen Ausdruck dafür zu benutzen.“ (S. 184). Deswegen verwendet sie in ihrem Aufsatz eher den Begriff der Rezeptivität, um den damit einhergehenden positiven Erfahrungen einen passenderen Namen zu geben.

Ist es das also, was uns die Zukunft bringt? Unverständlicher Kauderwelsch, der nur deshalb in den Himmel gelobt wird, weil es „queer“ ist, lesbisch ist, feministisch ist? Und wo soll die Homo-Bewegung mit so was enden, wenn nicht in der absoluten Bedeutungslosigkeit?

21 Antworten zu “Ich versteh die Welt nicht mehr…”

  1. pedro luis 10. Juni 2011 um 08:25 #

    Ein weiterer Beweis dafür, dass die Abgrenzung der schwulen Männer von den Lesben dringend notwendig ist, da die Schwulen nicht nur als Schwule, sondern auch als Männer diskriminiert sind. Ein gemeinsames Auftreten ist nur da geboten, wo Schwule und Lesben gegenüber den Heteros legal benachteiligt werden. Ansonsten: den größtmöglichen Abstand halten!

  2. ChristinaK. 10. Juni 2011 um 08:27 #

    „Unverständlicher Kauderwelsch, der nur deshalb in den Himmel gelobt wird, weil es „queer“ ist, lesbisch ist, feministisch ist?“

    Dass dies aus dem Munde eines Mannes kommt klingt einleuchtend. Auch homosexuelle Männer sind ja bekanntlich Männer und eingebettet in das patriarchale Grundmuster der Unterdrückung. Lesbische Frauen haben von euch nichts zu erwarten, das weiß ich schon lange. Ihr seid wie alle Heteros letztlich nur „Schwanzträger“, von Hass und Angst vor Frauen und dem queeren Lebensstil erfüllt und versucht, nicht zuletzt auch in der LBGT über uns Lesben hinwegzufahren. Eine Umbenennung des CSD wäre eine Möglichkeit gewesen, eure Verbundenheit zum weiblichen, immer schon unterdrückten Geschlecht aufzuzeigen und was macht ihr? Über einen totalitären, hasserfüllten Gestus unterdrückt ihr auch weiterhin das lesbisch-feminine und seine Ausdrucksformen und tut uns damit Gewalt an, ihr tut allen Frauen Gewalt an, welche, ginge es nach mir, schon lange strafrechtlich geahndet werden sollte. Von euch DSK’s haben wir die Schnauze voll.

    Es lebe das weibliche Geschlecht, die Zukunft gehört uns 🙂 🙂 🙂

  3. Peter 10. Juni 2011 um 11:00 #

    Und wo soll die Homo-Bewegung mit so was enden, wenn nicht in der absoluten Bedeutungslosigkeit?

    Das hoffe ich doch. Die Homobewegung – nicht die Homos – sollte in der absoluten Bedeutungslosigkeit enden.

    Der gesetzliche Rahmen verbietet die Diskriminierung von Homosexuellen. Soweit dies trotzdem geschieht, auf eine subtile und nicht justiziable Art und Weise, liesse sich dies nur durch pädagogische Massnahmen eindämmen. Der Staat aber hat keinen pädagogischen Auftrag. Manche Menschen mögen nun mal keine Homos, manche mögen keine Heteros.

    Welche Forderungen der Homobewegung sind konkrete, d.h keine erzieherischen Anmahnungen? Es sind nur ganz wenige wie die Forderung, das Adoptionsrecht auf gleichgeschlechtliche Paare auszudehnen u.a.

    Ist es das also, was uns die Zukunft bringt? Unverständlicher Kauderwelsch, der nur deshalb in den Himmel gelobt wird, weil es „queer“ ist, lesbisch ist, feministisch ist?

    Homophil hast du vergessen. Das ist nicht die Zukunft, sondern die Gegenwart. Wenn ganze Innenstädte abgeriegelt werden, damit Schwule ihren Ballermann abhalten können und jede nicht ausdrücklich positive Stellungsnahme dazu als homophob, ja menschenverachtend verschrien wird, kann es mit der Diskriminierung von Homosexuellen (in Westeuropa) ja so schlimm nicht sein, oder?

    Ein Aspirin, bitte! Oder am Besten gleich zwei!

    Eins für mich bitte!

    Warum wurde dieser Quatsch vom Lesben- und Schwulenverband (LSVD) empfohlen? Hat dieser Mumpitz irgendeine politische Relevanz? Irgendeinen Sinn? Der einzige Sinn ist die Aufforderung zum Bekenntnis: Wo queer, gender, lesbisch, schwul drauf steht, da ist Gerechtigkeit drin.

  4. Adrian 10. Juni 2011 um 11:15 #

    @ ChristinaK.

    DSK? „Deutscher Sportfahrer Kreis?“ „Deutschen Seniorenförderung und Krankenhilfe“? „Deutsche Stratigraphische Kommission“?

  5. ChristinaK. 10. Juni 2011 um 11:58 #

    @ Adrian
    Domique Strauss-Kahn, auch so ein Frauenverachter wie ihr!

  6. pedro luis 10. Juni 2011 um 12:15 #

    «Wie sollen wir, o Herr, mit den Weibern uns verhalten?»
    «Nicht anschauen, Anando.»
    «Und wenn, Erhabener, wir sie bereits gesehen haben, soll man sich wie verhalten?»
    «Nicht ansprechen, Anando.»
    «Wenn aber eins anspricht, o Herr, soll man sich wie verhalten?»
    «Achtsamkeit, Anando, bewahren.»

    (Der Buddho im „Mahaparinibbanasuttam)

  7. Adrian 10. Juni 2011 um 12:21 #

    @ ChristinaK.
    Also, ich habe keinerlei sexuelles Interesse an Frauen. Was verbindet mich also mit DSK?

  8. Christian 10. Juni 2011 um 12:45 #

    Man könnte Gaywest auch einfach mal als Watchblog betrachten und nicht als Grenzerhäuschen zwischen Nord- und Südkorea 2.0

    Nichtsdestotrotz ich komme mit Buchrezensionen für Soziologiestudierte mit Schwerpunkt Genderstudies und militanten ChristinaKs besser klar als mit den „Peters“ und „Pedro Luises“.

    Ich hab mal an einem Ort gewohnt in dem die Mehrheit Peters Meinung war.
    Peter deine Ansichten erzeugen keinen schönen Ort zum Leben, außer für Peters.

    Das geschwurbel von Menschen auf der Suche nach Identität kann ich dagegen wenigstens nachvollziehen.

  9. ChristinaK. 10. Juni 2011 um 12:50 #

    @ Adrian
    Du willst dich nur deiner patriarchalen Verantwortung entziehen indem du dich darauf hinausmogelst, dass du homosexuell bist. Ihr Männer habt uns Jahrtausende lang unterdrückt, ihr tragt dieses Gen quasi in euch. Darum ist es gut so, dass wenigstens in den Schulen Jungen die weibliche, bessere, sanfte Seite entwickeln können. So und jetzt weißt du es.

  10. Andreas 10. Juni 2011 um 12:57 #

    Klarheit im Denken aeussert sich durch Klarheit der Sprache. Wenn sich dieses links-protestantische Frankfurter-Schule-Gender-Schwadroneurs-Volk nicht anders auszudruecken vermag, dann gehoeren ihre „rasenden Wortgeflechte“ zu den „Deliramenten der Tollhaeuser“ (Schopenhauer). Wenn sie sich aber absichtsvoll nicht verstaendlich ausdruecken wollen, muss man die schlimmsten Absichten gewaertigen.

  11. Adrian 10. Juni 2011 um 12:58 #

    @ChristinaK.
    „Ihr Männer habt uns Jahrtausende lang unterdrückt, ihr tragt dieses Gen quasi in euch.“

    Vielleicht solltest Du, anstatt vor dem Computer sitzen und zu schreiben, lieber in die Küche gehen und mir und meinem Lover ein Bier holen, Weib!

  12. Adrian 10. Juni 2011 um 13:04 #

    @ Christian
    „“Nichtsdestotrotz ich komme mit Buchrezensionen für Soziologiestudierte mit Schwerpunkt Genderstudies und militanten ChristinaKs besser klar als mit den „Peters“ und „Pedro Luises“.“

    Das ist schön für Dich. Mir geht das ganz anders. Langfristig würde ich wohl nur mit Pedro Luises klar kommen. Und mit Dir auch. Du scheinst sehr bodenständig zu sein.

  13. Thomas 10. Juni 2011 um 13:15 #

    @ChristinaK.

    Vielen Dank für diesen Beitrag! Der hat mir den Tag versüßt. So laut habe ich an meinem Arbeitsplatz schon lange nicht mehr gelacht! Spitze, bitte mehr davon!

  14. julian 10. Juni 2011 um 14:29 #

    die gute frau vergleicht hier also tatsächlich sämtlichst männer mit mutmaßlichen vergewaltigern und behauptet, der blogautor unterjoche seit jahrtausenden frauen (oder doch d_ie femmes und butches?), obwohl er offenbar in der blüte seines alters steht.
    frei nach t.c. boyle könnte man sagen: um ein freund der queer-theory zu werden, muss man zuerst ein feind des menschen werden. schräg auch wie geschichte mit dem unterdrückungs-gen.

    eine ergötzung sondergleichen, nur übertreffbar durch ein anständiges ge-rezipitivität-werden!

  15. Adrian 10. Juni 2011 um 14:33 #

    „obwohl er offenbar in der blüte seines alters steht.“

    Wie charmant 🙂

  16. Andreas 10. Juni 2011 um 16:30 #

    Christina wird schon seit Jahrtausenden unterdrueckt. Hierzu stelle ich fest: 1. Ich war es keineswegs, bin ich doch gerade mal 46 Jahre alt. 2. Wenn Christina schon so lange dabei ist, muss sie eine verdammt alte Hexe sein.

  17. Alreech 10. Juni 2011 um 20:30 #

    hm, das „feminierte genderinszenierungen bei Frauen nicht als quer gelesen werden“ bedeutet wohl das Lesben die sich nicht wie die Klischee-Lesbe kleiden und verhalten wohl das Problem haben nicht als homosexuell wahrgenommen zu werden.
    Das Problem kennen ja auch schwule Männer, die sich weigern tuntiges Verhalten an den Tag zu legen und die keine Lederklamotten + Schnurrbart tragen.

    Nehmen eigentlich die Typen die Genderstudien betreiben mehr Drogen als der normale Student ?

  18. Omti 10. Juni 2011 um 23:05 #

    @Alreech: Ja, der normale Student nimmt keine Drogen (außer Alkohol). Aber ja, wer genderstudies belegt hat entweder einen gehörig an der Birne, oder sucht ein Fach wo man mit rassistischen Platitüden eins komma schnitte bekommt.

    @Christina: Offensichtlich waren wir nicht gründlich genug mit der „Unterdrückung“, da es so etwas wie dich gibt. Nebenbei gesagt, wer die halbe Menschheit stellt und sich trotzdem Unterdrücken lässt, der ist selber schuld und ist warscheinlich von Natur aus zu Passivität und Unterwürfigkeit programiert.
    Artgerechte behandlung ist keine Unterdrückung 😛

  19. Cyrano 10. Juni 2011 um 23:48 #

    ich würde gerne sagen, solche einen zusammenhangslosen schrott wie in dem zitierten artikel hatte ich noch nie gelesen. aber der heideggerisierende jargon der sog. postmoderne bringt ja solche texte tausendfach hervor. gerade die damit in den „wissenschaftlichen“ sprachgebrauch eingebrache binde-strichschreibung eröffnet gepeinigten un-dicher seelen, die mit beduetungsebenen spielen möchten, das aber nicht konsequent, also kunstvoll, können, ein nettes arbeitsfeld, auf dem garantiert weder form (=zwang) noch inhalt (= totalitäres begriffliches denken) irgendwie bewertet werden.
    das rechtfertigt dann wohl auch, dass sich hier kaum ein kommentar ernsthaft auf den artikel bezieht. wo Nichts ist, kann man schlecht auf etwas antworten. nu denn. christinaK hat mich zumindest prächtig amüsiert, diese essentialisierende runterbrechen (teils existenter, teils nur noch imaginierter) machtgefällt auf den allmächtigen penis überrascht und schockiert immer wieder, und reizt dann schließlich doch nur zum lachen (noch…).
    was bleibt? achja: heidegger und die klassische frankfurter schule haben genau einen schnittpunkt, den Herrn Marcuse. das ändert sich erst mit den umdeutungen durch Habermas. der posttrukturalismus hat keine realen anknüpfungspunkte an die kritische theorie, die im kern marxistisch ist im sinne der kritik der politischen ökonomie. das lehnt der ps ab, wie er alle art von begrifflichem denken ablehnt (und auch das „subjekt“, dessen rettung z.b. foucaul der frankfurter schule vorwirft). fundierte kritik am queer-feminismus, jenseits von lagerdenken, kommt dann auch vor allem aus dieser ecke (d.i. die sogenannten antideutschen)

  20. Christian 11. Juni 2011 um 12:33 #

    @Adrian: Danke für die Blumen und ich kann schon verstehen das man jegliche sympathien für eine „Gruppe“ verliert, wenn die einem ständig sagen will wie man besser zu handeln und auch noch besser zu denken hat. Ich glaube übrigens ChristinaK ist ein Troll und nichtmal zwangsweise ein Weiblicher;-)
    Vielleicht ist Omti dafür eine Frau das wäre irgendwie lustig. (Unwarscheinlich lustig)

    @Cyrano: Vielleicht hätte ich doch Philosophie studieren sollen.

  21. Jan_Alex 14. Juni 2011 um 12:20 #

    Vielen Dank, lieber Adrian, für diesen Kommentar. Spricht mir aus der Seele (wie der gesamte blog). Großartig!
    Gay West ist eine Wohltat …

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