Über die Verwechslung von selbstbestimmter Sexualität mit Vergewaltigung

25 Jun

Eine von der Stadt Gießen und „pro familia“ gemeinsam ins Leben gerufene Kampagne will erreichen

dass jeder Mensch sein Grundrecht wahrnehmen kann, seine sexuelle Orientierung und seine sexuellen Beziehungen frei zu wählen und sein Leben entsprechend zu gestalten.

Das ist zwar ein wenig albern und Wasser auf die Mühlen der evangelikalen Sauertöpfe, die ja tatsächlich an die freie Wahl von sexuellen Orientierungen zu glauben scheinen und daher auch immer wieder Schwulen und Lesben nahelegen, sich für die Heterosexualität zu entscheiden. Doch das ist einfach nur dekonstruktivistischer Bullshit. Ebenso wenig wie ich mir meine Hautfarbe auswählen kann, ist es möglich, die sexuelle Orientierung frei zu wählen. Sinnvoller hätte man in Gießen das Recht postuliert, seine sexuelle Orientierung frei zu leben. Aber im Großen und Ganzen argumentiert man seitens der Kampagne mit dem Namen „Liebe wie du willst“ durchaus vernünftig:

Aus Angst vor Diskriminierung isolieren sich viele junge Menschen mit ihrer homosexuellen Orientierung und finden nur schwer den Mut, sich anderen anzuvertrauen. Sich in Familie oder gar Schule zu outen, wird als erheblicher Stressfaktor wahrgenommen. Die Mehrzahl jugendlicher Homosexueller, gerade in eher ländlich strukturierten Regionen, erfährt meist negative Reaktionen von Beschimpfungen bis hin zu körperlicher Gewalt. Die Persönlichkeitsentwicklung wird dadurch erheblich beeinträchtigt. Die Folgen reichen von Lernstörungen über Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu Depressionen.

Der Wunsch des Abteilungsleiters der städtischen Kinder- und Jugendförderung, Egon Wielsch, Jugendliche sollten durch das Projekt lernen, jede Art von sexueller Beziehung als normal anzusehen, den ideaSpektrum nennt, ruft bei konservativen Christen erwartungsgemäß Kritik hervor:

Für den Generalsekretär des evangelischen Fachverbandes für Sexualethik und Seelsorge „Weißes Kreuz“, Rolf Trauernicht (Ahnatal bei Kassel), zeigt das Projekt, dass in sexualethischen Fragen ein Damm gebrochen sei. „Das ist Sodom und Gomorrha“, sagte er in Anspielung an die Begebenheit aus dem Alten Testament, wo Gott die Städte Sodom und Gomorrha wegen der Lasterhaftigkeit ihrer gottlosen Bewohner vernichtet hat.

Wenn man der Wikipedia glauben darf, zeigt dieses Zitat, dass die Fachleute vom Weißen Kreuz einer relativ modernen Theologie anhängen:

Während Sodom sowohl im Tanach als auch im Talmud, aber auch in den Evangelien nach Matthäus und Lukas vor allem ein Symbol für Fremdenfeindlichkeit und den Bruch der Gastfreundschaft ist, wird die Stadt in der späteren christlichen Tradition mit der Sünde der Wollust und schließlich mit dem „Laster wider die Natur“ (Sodomie) in Verbindung gebracht.

Darüber hinaus ist die Analogie zu Sodom und Gomorra selbst dann, wenn man sich die Theologie der Weißkreuzler zu eigen machen würde, schlichter Unsinn. Schließlich geht es in der biblischen Geschichte darum, dass Gott Engel in eine Stadt schickt, die dann von Bewohnern der Stadt vergewaltigt werden sollen. Der Gastgeber, der die Engel des Herrn schützen will, bietet den Vergewaltigungswilligen ersatzweise seine jungfräulichen Töchter an. Was dieses Verhalten mit selbstbestimmter Sexualität zu tun haben soll, bleibt das Geheimnis von Herrn Trauernicht. Aber der hat noch mehr Unsinn zu bieten und verkündet:

Es ist doch nicht so, dass Lesben und Schwule mit ihrer sexuellen Orientierung glücklich sind.

Wer käme auch darauf? Schließlich haben Homosexuelle Probleme, von denen Heterosexuelle nicht einmal gehört haben:

Viele litten unter ihrer Prägung und hätten mit wechselnden Partnerschaften, Neid und Eifersucht zu kämpfen.

So weit, so banal. Da gibt es Leute, denen ist es aus mir unerfindlichen Gründen enorm wichtig, regelmäßig zu behaupten, Homosexuellen gehe es schlecht, weil sie homosexuell seien. Doch dabei belassen sie es nicht:

Trauernicht rief die evangelikalen Gemeinden in Gießen dazu auf, ihre Stimmen gegen das Projekt zu erheben. Die Verantwortlichen in der Stadtverwaltung müssten wissen, dass biblische Werte nicht einfach zur Disposition gestellt werden dürften.

Das eigentliche Problem an dieser Aussage ist nicht, dass Trauernicht seine Interpretation von biblischen Werten für allgemeingültig erklärt, sondern seine Erwartung, dass die Gießener Stadtverwaltung sich an biblischen Werten zu orientieren hätte.

Bleibt zu hoffen, dass kein evangelikaler Jünger auf die Idee kommt, Trauernichts Aufruf allzu wörtlich und persönlich zu nehmen. Das erste Mal wäre es nicht, dass das Leben eines  Schwulen auf  der Strecke bleibt, und die Tat danach aus der Bibel begründet wird.

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3 Antworten to “Über die Verwechslung von selbstbestimmter Sexualität mit Vergewaltigung”

  1. franz 25. Juni 2011 um 19:32 #

    Diese Kampagne ist wahrer „bullshit“. Du kannst dir weder aussuchen welche Orientierung du hast, noch wen du liebst. Das geht letztlich wieder gegen die Homosexuellen und ist diesem bescheuerten Queergedanken geschuldet.

    Jetzt werden sie wieder darangehen, Homosexualität mit Pädosexualität zu vergleichen, darauf zu bestehen, dass sich Homosexuelle doch ändern könnten, da ja alles nur eine Wahl sei usw usf.

    Ich habe der ganzen Queertheorie noch nie getraut. Sie ist und bleibt in letzter Instanz einer Sache der lesbischen Frauenbewegung, die ja immer darauf bestand, dass homosexuelle Männer zumeist weiblich wären.

  2. Christian 26. Juni 2011 um 10:44 #

    Nordhessen war ja noch nie ein Hort besonderer Fröhlichkeit oder Lebenslust.
    Meistens kalt meistens nass und in den „abgeschiedenen“ Mittelgebirgstälern rund um so grunddepressive Städte wie Kassel oder Gießen (Marburg ist jetzt mal die Ausnahme) kann man schon so ein echter Miesepeter werden.
    Aber seit sich die Evangelikalen, Jesusfreaks, Freikirchler und all die anderen das als mitteldeutsche Lieblingsspielwiese ausgesucht haben weil da die „Welt noch in Ordnung ist,“ bin ich echt froh da raus zu sein. Auch wenn ich eher am Rande dieses Phänomens gewohnt habe.

    Ein sehr charismatischer und sehr vielen sehr sympatischer Religionslehrer (Typ: Birkenstocksandalen auch bei Schnee, Vollbart und Leinenweste)
    hat uns in der 7. Klasse fröhlich erklärt das die armen Schwulen meistens voll unglücklich und Eiversüchtig wären und nie in einer Partnerschaft glücklich werden können.
    Und das ist der einzige Moment meiner ganzen Schullaufbahn in dem Homosexualität explizit erwähnt wurde.

    Von den kruden Theorien der Frau eines gewissen ex-CDU Bundestagsabgeordneten zu Harry Potter, dem islamischen Glauben, und der Seele als von Gott gemachtes Gefäß, dass nur durch den richtigen Partner ganz erfüllt werden kann, ganz zu schweigen.
    „Jetzt stehen wir alle auf und sagen: Das Kreuz ist Heil das Kreuz ist Glück, das Kreuz ist Leben.“

    Und das ist der Boden auf dem Trauernicht und Co jetzt aussäen.
    Ohne das Internet würde ich mir echt sorgen machen, aber da mittlerweile fast jedes Kaff DSL hat und die Jugend da unten ja nicht blöd ist werden es die meisten wohl raus schaffen.

  3. Yadgar 1. Juli 2011 um 14:30 #

    @Christian:
    „Ein sehr charismatischer und sehr vielen sehr sympatischer Religionslehrer (Typ: Birkenstocksandalen auch bei Schnee, Vollbart und Leinenweste)“ […]

    …also ein Mensch, der seinem Habitus ganz und gar dem typischen Ökofreak/Ur-Grünen der frühen 80er Jahre entspricht! Merkwürdig… die galten doch damals landläufig als im weitesten Sinne links, also antiautoritär, egalitär und grundsätzlich nicht lust-/sexualfeindlich (es sei denn, Lust- und Sexualbedürfnisse kollidieren unmittelbar mit öko-asketischen Moralansprüchen).

    Waren viele „linke“ Ökofreaks bei näherer Betrachtung eventuell doch im Grunde verkappte Evangelenfundis? Ich muss da an eine Begegnung Mitte der 90er Jahre mit einem damals schätzungsweise 40jährigen Ex-Hausbesetzer in Köln denken, langhaarig, zottelbärtig, rein optisch ein Freak aus dem Bilderbuch (und daher ziemlich exakt meinem „Beuteschema“ entsprechend)… Thomas, so hieß er, wohnte in den damals schon seit einigen Jahren legalisierten und sanierten Hausbesetzerwohnungen in der ehemaligen Textil(?)fabrik am Karthäuserwall, wo auch das SCHULZ seligen Angedenkens untergebracht war. Als ich ihm spontan meine Verknalltheit eingestand, meinte er nur, er könne Homosexualität gar nicht nachvollziehen, das sei ja „unnatürlich, da findet ja keine Fortpflanzung statt“.

    Oder ca. 1999, bei einem Bekannten aus meinem Viertel im Kölner Norden, Informatikstudent, ziemlich fundamentalistischer Freikirchler („Ecclesia-Gemeinde“), kam Besuch von einem seiner Glaubensgenossen aus besagter Freikirche vorbei, Parka, stoppelbärtig, langhaarig (und das trotz 1. Kor 11, 14!), also wiederum äußerlich der prototypische 80er-Jahre-Alternativling… ich frage mich seither, ob sich viele Alternative nach dem Niedergang der genuin linken Utopien in den (christlichen) Fundamentalismus geflüchtet haben (neben anderen Fluchtburgen wie etwa der Mittelalterszene).

    Das wäre nichts völlig Neues – Ende der 70er Jahre war in der Sinnkrise der „progressiven Gegenkultur“ eine Zeitlang auch der Islam als revolutionäre Ersatzweltanschauung angesagt, man denke an Cat Stevens oder Hadayatullah Hübsch…

    …nun ja, und die lässig-langhaarigen Sponti-Hedonisten der 70er waren dann irgendwann, auch dank des nach 1989/90 in die westdeutsche Linke eingesickerten SED/PDS-Miefs keine Linken mehr, sondern eher Liberale, meinetwegen auch Libertäre (wenn nicht ohnehin wie gehabt Anarchisten), da blieb für die Linken ja nur noch das Erstarren in Autoritarismus und (nicht nur, aber eben auch religiösem) Fundamentalismus übrig…

    Bis bald im Khyberspace!

    Yadgar

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