Zwei Welten

25 Jun

Natürlich hat Henryk M. Broder teilweise recht, wenn er den Hype der schwul-lesbischen Proteste angesichts des Papstbesuches in gewohnt polemischer Manier kritisiert. Dass die Welt eines Schwulen in Europa anders aussieht als in Nigeria oder im Iran, wird auch kaum jemand bestreiten. Auf den Erfolgen der Schwulenbewegung hinweisend, stellt Broder dann auch die Frage aller Fragen:

Wie weit muss die Emanzipation der Lesben, Schwulen und Transgender gehen, um als vollendet zu gelten?

Oder anders gefragt: Was wollen die Schwulen eigentlich noch? Haben sie nicht schon alles erreicht, was es zu erreichen gilt?

 Was also müsste noch passieren, damit der LSVD erklärt: Mission accomplished! Gay-Games? Gay-Hotels? Gay-Kreuzfahrten? Gay-Banking? Gay-Kreditkarten? Gay-Parenting? Gibt es alles schon. Das Einzige, das noch fehlt, sind Gay-Parkplätze in Parkhäusern und ein Beschluss des Heiligen Stuhls, eine Kongregation für die Belange der Gay-Community einzurichten. Eher aber wird die al-Qaida eine Frau an die Spitze der Organisation berufen.

An dieser Stelle müssen sich die Geister scheiden, denn ein bekennend heterosexueller Mann wie Broder, kann sich unmöglich in die Lage und Gefühlswelt eines Homos in einer heterosexuellen Welt hineinversetzen. Der Hetero blickt sich um und entdeckt eben genau das: Gay-Games, Gay-Hotels, Gay-Kreuzfahrten, Gay-Banking, Gay-Kreditkarten, Gay-Parenting, abgesperrte Innenstädte zum CSD, Fernsehserien und Kinofilme mit homosexuellen Charakteren, und jede Woche ein fröhliches Coming-Out irgendeiner Berühmtheit. Daraus wird dann ganz logisch der Schluss gezogen, dass es von schwul-lesbischer Seite aus, doch eigentlich nichts mehr zu tun gäbe.

Der Schwule dagegen lebt zwar so ziemlich frei und unbefangen, doch er lebt eben auch in einer Realität, die unmöglich die Realität des Hetero sein kann. Denn der Hetero mag in den Augen von Gesellschaft und Kirche zwar sündigen, doch niemand – weder der Papst, noch seine Eltern, nicht sein Vorgesetzter, nicht seine Freunde und auch nicht der Schuljunge auf dem Pausenhof – wird ihn ob seines Gefühlslebens jemals für grundlegend sündhaft, oder bedauerlich, oder krank, oder traurig, oder einfach nur „voll schwul“  erklären.

Wie soll man also einem Hetero erklären, dass es wehtut, wenn das Gefühls- und Liebesleben, das innerstes Wesen, der grundlegende Teil der Menschlichkeit, für sündhaft und schlecht oder einfach nur als „Abweichung“ deklariert wird? Dass immer ein Gefühl von Minderwertigkeit und Schmutz an einem kleben bleibt, nur weil man das gleiche Geschlecht liebt, und sei man auch noch so selbstbewusst und mit sich im Reinen? Und dass diese Gefühl auch dann wirkungsmächtig ist, wenn einem das Gerede von Papst und Co im Grund genommen gar nicht interessieren.

Die Antwort ist banal und tragisch zugleich: Ein Hetero kann so etwas nicht verstehen, weil es seine Erkenntnis übersteigen muss. Und das ist auch der Grund dafür, dass es den Ausruf „Mission accomplished!“  niemals geben wird, weil Homosexualität zu leben auch noch in hundert Jahren bedeuten wird, sich gegenüber einer heterosexuellen Welt rechtfertigen zu müssen. Diesem Schicksal werden wir Homos nicht entfliehen können.

22 Antworten zu “Zwei Welten”

  1. Damien 25. Juni 2011 um 12:27 #

    Merkwürdig, so etwas ausgerechnet von Broder zu lesen. Wenn andere ihm vorhalten, die Juden sollten doch froh sein, dass sie nicht mehr vergast werden und immerhin freie Berufswahl haben, würde er sich vermutlich nicht einsichtig zeigen. Aus gutem Grund! Dabei sind seine Argumente auch nur die softe Variante von „früher hätte man Perverse wie Euch ins KZ gesteckt, also seid doch froh, dass man Euch heute leben lässt“. Dass Broder als Hetero nicht in der Lage ist, das zu verstehen, bezweifle ich. Es gibt schließlich auch Schwule, die nicht verstehen, was Du beschreibst und Broders Haltung einnehmen. Und es gibt Heteros, die sehr wohl verstehen. Letztlich kommt es nicht darauf an, wer denkt, sondern wie vernetzt jemand denkt. Und bei entsprechender Vernetzung im Köpfchen könnte man schon auf strukturelle Ähnlichkeiten zwischen Antisemitismus und Homophobie kommen. Es ist doch kein Zufall, dass ausgerechnet diese Feindbilder sich so hartnäckig halten.

  2. Adrian 25. Juni 2011 um 13:20 #

    „Dass Broder als Hetero nicht in der Lage ist, das zu verstehen, bezweifle ich.“

    Keine Ahnung. Ich glaube mittlerweile, dass Heteros sich der schwulen Realität nur graduell annähern können.

    „Es gibt schließlich auch Schwule, die nicht verstehen, was Du beschreibst und Broders Haltung einnehmen.“

    Internalisierte Minderwertigkeitskomplexe.

    „Und es gibt Heteros, die sehr wohl verstehen.“

    Ich hab da so meine Zweifel.

    „Und bei entsprechender Vernetzung im Köpfchen könnte man schon auf strukturelle Ähnlichkeiten zwischen Antisemitismus und Homophobie kommen.“

    Könnte man. Oder eben auch nicht. Weil man halt nicht versteht.

  3. CK 25. Juni 2011 um 14:00 #

    Ich glaub, ich kann das besser nachvollziehen als Broder, wenngleich wohl nicht so gut wie ein Homosexueller selbst. Ja, es gibt immer noch Vorurteile gegen Schwule und Lesben und ich kann verstehen, dass diese wehtun. Man muss sie daher vehement bekämpfen, natürlich friedlich durch Aufklärung und ohne kontraproduktive Staatsgewalt. Und vor allem indem man es einfach lebt. Aber ich kann mir vorstellen, dass dies nicht einfach ist.

    Auch wenn der Vergleich etwas unpassend sein mag, ich hab mir auch ne Zeitlang Gedanken über meine Neigungen gemacht und wie die Leute reagieren, wenn sie rausfinden, dass mich „Perverses“ erregt. Heute stelle ich mir die Frage nicht mehr. 1. es muss ja nicht jeder wissen, ist privat und 2. muss man dadrüber stehen bzw. sich die passende Freunde aussuchen, die das auch tolerieren (können.) Und vor anderen Menschen hält man sich lieber fern bzw. belässt es bei oberflächlichen (bspw. rein beruflichen) Kontakten.

    Habt da ruhig den Mut Leuten, die euch als unmoralisch betrachten, genauso für unmoralisch zu betrachten und als persona non grata zu meiden. Diskriminiert sie wie sie euch diskriminieren! Ich bin furchtbar intolerant gegenüber (religiöser oder anderweitiger) Intoleranz.

    Was meint ihr?

    • Damien 25. Juni 2011 um 14:40 #

      @CK: Ich glaube, dass Heterosexuelle das sehr gut nachvollziehen können, wenn sie sich nur die Mühe machen. Das ist doch schlicht eine Frage der Phantasie und des Einfühlungsvermögens. Wenn man darüber nicht verfügt, dürfte das Verständnis allerdings tatsächlich schwer fallen.
      Nein, es muss nicht jeder wissen. Aber man kann natürlich zum Role model werden, wenn man genug Selbstbewußtsein hat und damit anderen Mut machen, die gerade an sich zweifeln.
      Und klar, die, die andere, nur weil sie anders sind, für unmoralisch halten, kann man selbst für unmoralisch ansehen. Das Problem sind aber die Machtstrukturen, die es der Mehrheit ermöglichen, eine Minderheit viel effektiver zu diskriminieren als das umgekehrt möglich ist. Das ändert natürlich nichts daran, dass es sinnvoll ist, sich seine Freunde selbst auszusuchen und nicht um die Akzeptanz von Menschen zu betteln, die einen lieber heute als morgen am nächsten Baum hängen sehen würden.

  4. Irene G. 25. Juni 2011 um 14:04 #

    Ich vermute, Broder hat manchmal einfach keinen Bock auf ernsthafte Genauigkeit, vielleicht aus Rebellion gegen Leute, die ihm mit einer anderen politischen Haltung oder mit der lästigen Realität auf die Nerven gehen.

    Beispiel aus einem anderen Bereich: Er hält Genetik und Tradition für austauschbar, oder tut zumindest so. Er wirkt selbstzufrieden in diesem Interview. (Konservative sind angeblich besser im Verdrängen von Problemen als Linke, und weniger depri. Vielleicht stimmt es ja.)
    http://www.youtube.com/watch?v=Rsz8YtFgVAk – ca. bei 1:50 min

  5. morus 25. Juni 2011 um 14:25 #

    Danke für diesen Beitrag.

  6. Robert Mugabe 25. Juni 2011 um 16:20 #

    Kritik an der Schwulenbewegung kommt aber auch von anderer Seite. Hier wird ihr etwa vorgeworfen, sie würde sich für die sexuelle Befreiung gar nicht mehr wirklich interessieren:

    http://www.theeuropean.de/harry-tisch/7128-staatlich-verordnete-sexualitaet

  7. robert 25. Juni 2011 um 17:26 #

    das war beruehrend, sehr schoen, und fuer mich sls hetero auch bewusstseinserweiternd. vielen dank dafuer, dass du deine gefuehle mit uns geteilt hast.

  8. Christian 26. Juni 2011 um 10:14 #

    Das im Artikel Beschriebene ist dann auch der kleinste gemeinsame Nenner der LGBT- Bewegung.
    Aber immerhin

  9. Ralf 26. Juni 2011 um 11:12 #

    Wann die Emanzipation als vollendet gelten darf? Ganz einfach: sobald Schwule und Lesben genauso behandelt werden wie alle anderen Menschen auch. Dass es dahin noch ein weiter und mühsamer Weg ist, beweist nicht zuletzt Broders dümmlicher Kommentar.

  10. Adrian 26. Juni 2011 um 11:35 #

    @ Ralf
    „Ganz einfach: sobald Schwule und Lesben genauso behandelt werden wie alle anderen Menschen auch.“

    Und ich denke, dass wird nie der Fall sein. Es spielen einfach zu vielen Faktoren hinein: der Minderheitenstatus, Sexualität und Intimssphäre, der Zusammenhang zwischen Sexualität und Fortpflanzung, der „komplementäre Gegensatz“ zwischen Mann und Frau. Das Thema birgt zuviel Sprengstoff.

  11. neutrum 27. Juni 2011 um 12:09 #

    Der erste und wohl beste Weg wäre, Sexualität Privatsache sein zu lassen. Ihr Homos und Heteros diskriminiert mit euren öffentlichen Abschleckaktionen asexuelle Menschen die ganze Zeit, nur diese Minderheit ist ja nicht so wichtig.

  12. Adrian 27. Juni 2011 um 12:44 #

    @ neutrum
    Das ist eine typisch postmoderne Definition von Diskriminierung, die nicht mal annähernd Sinn macht. Die Existenz von Blonden diskriminiert nicht diejenigen, die nicht blond sind.

  13. neozelot 25. Februar 2012 um 05:41 #

    @Adrian
    “Es gibt schließlich auch Schwule, die nicht verstehen, was Du beschreibst und Broders Haltung einnehmen.”

    Internalisierte Minderwertigkeitskomplexe.

    kannst du mir das bitte genauer erklären Adrian? ich scheine darunter zu leiden und wäre Dir sehr dankbar näheres darüber zu erfahren.

  14. Adrian 25. Februar 2012 um 11:10 #

    @ neozelot
    „kannst du mir das bitte genauer erklären Adrian?“

    Könnte ich bestimmt. Aber dafür müsste ich erst mal Deinen Standpunkt kennen.

  15. neozelot 25. Februar 2012 um 19:23 #

    Mein Standpunkt ist genau der beschriebene.
    Ich bin schwul, verstehe nicht alles was Du beschreibst, und habe die Haltung Broders eingenommen.

    Du scheinst zu wissen das das mit Minderwertigkeitskomplexen zu tun hat. Ich kann den Zusammenhang noch nicht erkennen und wäre sehr dankbar wenn mir das endlich mal jemand aufzeigen kann.

  16. Adrian 26. Februar 2012 um 02:15 #

    @ neozelot
    Wenn Du die Haltung Broders einnimmst, sorry, dann sind Schwule und Lesben für Dich nicht gleichwertig mit Heteros.

  17. neozelot 26. Februar 2012 um 06:02 #

    @Adrian
    Wie kommst Du denn nun da drauf? Wieso sollen für mich oder Broder homosexuelle und heterosexuelle Menschen nicht gleichwertig sein? Wenn ich mich als Schwuler minderwertiger fühlen würde wäre das für mich wirklich verheerend. Im Besonderen wenn ich es nicht erkennen kann. Ich wäre darum echt dankbar wenn mir das jemand aufzeigen könnte.

  18. Adrian 26. Februar 2012 um 11:30 #

    @ neozelot
    „Wie kommst Du denn nun da drauf? Wieso sollen für mich oder Broder homosexuelle und heterosexuelle Menschen nicht gleichwertig sein?“

    Weil ihr offenbar der Meinung seid, es gäbe nichts mehr zu tun. Weil ihr euch mokiert über Proteste gegn den Papst und ernsthaft fragt, was Homos denn noch alles wollen, bis man „Mission accomplished“ sagen kann.

  19. neozelot 26. Februar 2012 um 13:50 #

    Ja aber das sind Beurteilungen einer Situation und eines Protestes. Woraus schliesst du nun dass ich Schwule nicht als gleichwertig betrachte.
    Welcher Satz ist es genau, der dich solche Unterstellungen äussern lässt?
    Und was ist an der berechtigten Frage eines Heteros, was die Homos alles noch wollen bis man sagen kann „mission accomplished“ so unpassend? Und wieso gibt es auf diese einfache Frage nie eine Antwort?

  20. Adrian 27. Februar 2012 um 12:03 #

    @ neozelot
    „Woraus schliesst du nun dass ich Schwule nicht als gleichwertig betrachte.“

    Das schließe ich konkret aus Deiner Zustimmung zur Frage, was Homos noch alles wollen. Denn diese Frage impliziert zweierlei:

    a) Die Homos haben doch schon alles
    b) Die sollen sich nicht so anstellen, wenn sie jemand als Sünder (bezogen auf die Proteste gegen den Papst), und damit als schlechtere Menschen betrachtet

    „Und wieso gibt es auf diese einfache Frage nie eine Antwort?“

    Die Antwort hat Ralf gegeben. Ich zitiere:

    „Wann die Emanzipation als vollendet gelten darf? Ganz einfach: sobald Schwule und Lesben genauso behandelt werden wie alle anderen Menschen auch.“

  21. neozelot 27. Februar 2012 um 16:53 #

    Das stimmt nicht, dass die Frage „was Homos alles noch wollen“ impliziert, dass sie doch schon alles haben, im Gegenteil. Das wäre unfair dies zu unterstellen, und würde zeigen dass derjenige dem die Frage gestellt wird sich von der Frage angegriffen fühlt.

    Und zum Zweiten: Weder ich, noch Broder in seinem Artikel, kritisieren dass sich Schwule zurecht weiterhin für Akzeptanz und gegen Unterdrückung der Homosexualität engagieren. Nur wie und bei wem die Einen das tun ist lächerlich, und zeigt mir dass es sich bei den Beteiligten um naive und gottesfürchtige Individuen handeln muss, die anscheinend jemanden brauchen der ihnen sagt dass es ok ist schwul zu sein und sich nicht auf ihren eigenen Verstand und ihre Moral verlassen können um zu wissen was richtig und was falsch ist. Dass solche nun den Papst über Moral aufklären wollen ist doch lustig und traurig zugleich, und eine zynische Kritik wert.
    Ich denke Aufklärung, Information und Mut im Alltag würden mehr positives bewirken als irgendwelchen ideologischen Aufrufen folge zu leisten welche im Kern null und nichts mit Sexualität und Liebe zu tun haben, und welche garantiert nicht das Ziel verfolgen wissende, selbst denkende und eigenständige Menschen zu erzeugen. Menschen die weder einen Geistlichen noch einen Experten brauchen um zu wissen was richtig und was falsch ist, und denen niemand eine Schuld oder ein schlechtes Gewissen einreden kann weil sie sich als Männer in Männer verlieben.

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