Warum tun sich Menschen mit Homosexualität so schwer?

2 Jul

In einem meiner letzten Beiträge habe ich in einem Kommentar die Vermutung geäußert, dass Homosexualität niemals vollständig akzeptiert werden wird, und dafür verschiedene Gründe angeführt. Diese Gründe möchte ich im Anschluss noch mal ein wenig präzisieren.

Vorneweg ein Hinweis: Eigentlich verabscheue ich Disclaimer, aber in diesem Falle erscheint es mir angebracht, da mir bewusst ist, dass dieser Beitrag dazu geeignet sein kann, schwulen- und lesbenfeindliche Meinungen und Handlungen zu begründen oder zu rechtfertigen. Das liegt selbstverständlich nicht in meiner Absicht. Auch soll dieser Beitrag nicht dazu dienen, dem fortwährenden Kampf von Schwulen und Lesben um Akzeptanz eine Absage zu erteilen, oder in Resignation zu verfallen. Aber wenn ich etwas noch mehr verabscheue als Disclaimer, dann sind es Denkverbote und Meinungstabus, auch wenn diese gut gemeint sind.

Im Grunde genommen, so sollte man sich denken, ist die Sachlage doch ganz einfach. Zwei Menschen lieben sich, mögen sich, haben Sex miteinander. Wo liegt da das Problem? Was kann an Liebe schlecht sein? Was an Begehren? Was am Sex? Nun, prinzipiell nichts. Doch warum dann diese Abneigung gegenüber der Homosexualität? Warum diese Beklemmung, das Unverständnis, die Antipathie, dieser Hass, weil sich zwei Menschen gleichen Geschlechts zueinander hingezogen fühlen?

Ich glaube, dass die Gründe hierfür eigentlich ziemlich banal sind. Banal, aber ungeheuer wirkungsmächtig.

1. Der Status als Minderheit

Mögen Queer-Theoretiker auch noch so sehr von der Heterosexualität als purem Konstrukt zur Machterhaltung überzeugt sein, als rationaler Mensch kann man der Tatsache nicht entfliehen, dass die übergroße Mehrheit der Menschen nun mal heterosexuell ist und auch bleiben wird. Und als Minderheit werden Schwule und Lesben immer mit einem gewissen Grad an Vorurteilen, Diskriminierungen und „speziellem Interesse“, also mit einer „Nicht-Normalität“ leben müssen. So wie alle Minderheiten.

2. Der Zusammenhang zwischen Sexualität und Fortpflanzung

Heterosexualität ist nichts anderes, als die menschliche Ausprägung der evolutionären Strategie der Fortpflanzung, die bei allen höheren Lebewesen zwei Geschlechter vorsieht, um einerseits die Fortpflanzung einer Spezies und andererseits die optimale Vermischung des Genpools zu garantieren.

Homosexualität an sich, behindert dabei weder die Fortpflanzung einer Spezies, noch ihre evolutionäre Fitness, sie ist also mitnichten „unnatürlich“ oder gar eine „evolutionäre Sackgasse“. Aber sie ist nun mal eine Form der Sexualität, die für nicht wenige Menschen schwer fassbar ist, da sie scheinbar „keinen Sinn“ ergibt.

3. Der „komplementäre Gegensatz“ zwischen Mann und Frau

Auf Sexualität und Fortpflanzung aufbauend, ist die Existenz von Mann und Frau und ihre Sexualität miteinander, die natürlichste Sache der Welt. Penis und Vagina sind objektiv und unübersehbar füreinander geschaffen. Daraus leiten sich natürlich auch kulturelle, gesellschaftliche und religiöse Vorstellungen ab, die das Wesen von Mann und Frau als unvollständige Teile ansehen, die verschmelzen müssten, um das Menschliche als Ganzes zu erfahren. Homosexualität ist in dieser Vorstellung wiederum ein schwer fassbarer „Störfaktor“, denn wie jeder weiß, passen Schloss und Schlüssel perfekt, aber was soll man bitte schön mit einem Schlüssel ohne Schloss anfangen?

4. Sexualität und Intimsphäre

Schon die Worte sagen es; Homo- und Heterosexualität haben mit Sexualität zu tun. Und alles was mit Sexualität zu tun hat, unterliegt gesellschaftlichen Tabus und Restriktionen, u. a. auch, weil es die Intimsphäre unmittelbar berührt. Daher der häufig gehörte Vorwurf, Schwule und Lesben, würde Sexualität verabsoltieren, und eine Privatsache, die doch eigentlich niemanden etwas angehe, in die Öffentlichkeit tragen. Dass Heterosexuelle dies ebenso machen, wird dabei nicht reflektiert, eben weil Heterosexualität (siehe alle vorherigen Punkte) eben die „normale Weltordnung“ darstellt.

Es gibt sicherlich noch mehrere Gründe, aber diese vier scheinen mir die wichtigsten zu sein. Homosexualität birgt enormen gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Sprengstoff, weil diese tradierte Ordnungsvorstellungen und Kategorisierungen in Frage stellt und dazu geeignet ist, grundsätzliche Annahmen von Geschlecht, Geschlechtsrollen und Sexualität auf den Kopf zu stellen. Was vermutlich erklärt, warum das Thema so gerne, ausdauernd und anhaltend diskutiert und politisiert wird. Und es erklärt – nicht rechtfertigt – auch die vielfältigen Ausprägungen der Abneigung gegenüber Schwulen und Lesben, der im Westen glücklicherweise weitgehend überwunden wurde, der aber im Rest der Welt noch allzu abscheuliche Blüten treibt.

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25 Antworten to “Warum tun sich Menschen mit Homosexualität so schwer?”

  1. pedro luis 2. Juli 2011 um 19:12 #

    Wenn das so ist (und ich glaube es auch), dann gibt es nur eine einzige Konsequenz: Der Gesellschaft so weit wie möglich den Rücken kehren. Das Einzige, was ich verlange, ist in Ruhe gelassen zu werden.

  2. Andreas 2. Juli 2011 um 23:23 #

    Alles schlüssig. Nur, was ist die ethische Konsequenz?

    Mir dämmert immer mehr, die „Befreiung der Sexualität“, d.h. ihre Zurschaustellung im öffentlichen Raum, ist das eigentliche Grundproblem. Denn so treffen disharmonische Tendenzen ungehemmt aufeinander. Ist es am Ende doch besser, die Sexualität weitestgehend ins Private zu verbannen? Respektvolle Distanz.

    Hat die katholische Sexuallehre in letzter Konsequenz doch Recht?

  3. Adrian 2. Juli 2011 um 23:31 #

    „Mir dämmert immer mehr, die ‚Befreiung der Sexualität‘, d.h. ihre Zurschaustellung im öffentlichen Raum, ist das eigentliche Grundproblem.“

    Und ich frage mich, wo es eine Zurschaustellung der Sexualität im öffentlichen Raum gibt.

  4. Andreas 3. Juli 2011 um 00:20 #

    >Und ich frage mich, wo es eine Zurschaustellung der Sexualität im öffentlichen Raum gibt.

    3 Meter Titten und Ärsche liegen zwischen Zapfsäule und Kasse einer Durchschnittstanke.

  5. Thommen 3. Juli 2011 um 01:33 #

    In den ganzen Diskussionen wird immer vergessen, welche Wirkungen die Sexualität hat im Gefühlshaushalt des Menschen. Ebenso wenig wird berücksichtigt, dass es in der Homosexualität und eine Identität geht, bei der Heterosexualität aber um eine Abgrenzung. Somit wird klar, dass Homosexualität ein integrierender Bestandteil der Heterosexualität ist und letztere einzig für die Fortpflanzung benötigt wird. Es geht also darum, die Menschen von der Homosexualität zur Heterosexualität zu verführen. Zurzeit ist es umgekehrt! 😉

  6. Adrian 3. Juli 2011 um 09:14 #

    @ Andreas
    „3 Meter Titten und Ärsche liegen zwischen Zapfsäule und Kasse einer Durchschnittstanke.“

    Mon Dieu, der Untergang des Abendlandes! Zeitschriften mit Titten drauf. Und die werden auch noch gekauft! Und das im öffentlichen Raum schlechthin – der Tankstelle.

    Thommen, Dein Kommentar ist einfach nur unlogisch.

  7. Thommen 3. Juli 2011 um 09:44 #

    Die Logik ist ein Kind der Algebra, aber meistens wird ohne sie gerechnet. – Bedenke mal, dass mehr Homosexualität praktiziert wird zwischen Männern, die sich nicht als schwul begreifen, als unter Schwulen überhaupt. Wie kann da eine stramm-heterosexuelle Moral aufrechterhalten werden, ohne Ausgrenzung und Diskriminierung? Grad kürzlich hat eine Studie herausgefunden, dass bei 30 % von sich als hetero vestehenden Männern eine schwache Erektion erfolgt, wenn sie unvorbereitet einen Schwulenporno sehen…
    So heterosexuell ist die Welt eben nicht, wie sie selber glauben möchte! Frauen haben auch Sex mit Männern und sind nicht schwul… (Ich empfehle, immer auch den Link zu lesen, der sich hinter meinem Namen hier verbirgt! Er führt zu einem weiterführenden Text auf meinen Blogs)

  8. Adrian 3. Juli 2011 um 10:00 #

    @ Thommen
    „Bedenke mal, dass mehr Homosexualität praktiziert wird zwischen Männern, die sich nicht als schwul begreifen, als unter Schwulen überhaupt.“

    Gibt es dafür irgendwelchen Belege?

    „Grad kürzlich hat eine Studie herausgefunden, dass bei 30 % von sich als hetero vestehenden Männern eine schwache Erektion erfolgt, wenn sie unvorbereitet einen Schwulenporno sehen…“

    Das überrascht mich nicht. Wenn ein heterosexueller Mann unvorbereitet einen Schwulenporno sieht, assoziiert sein Gehirn, ausgehend von männlichen sexuellen Handlungen auf dem Bildschirm, bereits Titten und Mösen.

    „Frauen haben auch Sex mit Männern und sind nicht schwul…“

    Natürlich nicht, denn es sind ja Frauen die Sex mit Männern haben.

  9. Thommen 3. Juli 2011 um 10:53 #

    Wer selber keine Belege beibringt, sollte nicht bei Anderen danach fragen…

    Lies mal sorgfältig die Studien von Kinsey bis in die Neuzeit! Vor allem Shere Hite ist wichtig, weil sie es wagte, politisch unkorrekt zu interpretieren. Die meisten „eiern“ um Zahlen herum und wie sie das „heterosexuell“ hinkriegen.

    Es dürfte „logisch“ sein, dass die heterosexuellen Männer in der Überzahl sind gegenüber Männern, die sich als „schwul“ verstehen. Und dann noch die Schwulen, die verheiratet sind…

    Ist Dir noch nie aufgefallen, dass es so viele Männer um die 50 gibt, die in die schwule Internetszene einsickern?

    Das homosexuelle Bedürfnis nach Einheit mit dem eigenen Geschlecht und mit anderen Männern ist universell. Seine Ritualisierung äusserst kompliziert. Und nur der hat ein Problem mit etwas, wenn es ihn selber betrifft. Sei es Verdrängung, oder meistens Angst. Das wussten Schwule schon immer, wenn sie andere Männer am lautesten dagegen schimpfen hören! Logisch oder?

    Und nun belege mal Deine Theorie von den Titten und Frauenärschen mit Zahlen! Viel Vergnügen! Über diese Symbole definiert sich die konstruierte Männlichkeit, aber keine Identität. Kein hetero Mann möchte sein wie die Frau, die er fickt! Aber Schwule und Frauen möchten so sein, wie ihr Ficker, oder so… Logisch oder?

    Mit diesen Anregungen möchte ich diese Diskussion beenden. Ich bin gespannt auf weitere Postings zum Text von gaywest!

  10. mentally sane 3. Juli 2011 um 11:06 #

    @thommen

    ???

  11. Adrian 3. Juli 2011 um 11:11 #

    @ Thommen
    Ich würde gerne sagen, dass mir Deine Texte irgendwelchen Anregungen geben, aber dafür sind sie mir einfach zu mysthisch-verschwurbelt.

  12. terminator 3. Juli 2011 um 11:13 #

    Hi Adrian,

    ich finde es aufrichtig und ehrlich was du schreibst und darum werde ich als Hetero, fern aller Polemik antworten. Zunächst einmal tue ich mit mit Homosexualität überhaupt nicht schwer. Warum auch: Du stehst auf Männer, ich auf Frauen. Punkt. Ich muss nicht dabei sein wenn du Sex mit Männern hast und du nicht, wenn ich mit Frauen verkehre. Sex ist Privatsache. Punkt.

    Manche Dinge stören mich allerdings. Da es sich hier, in diesem Artikel um Homosexualität dreht, werde ich mich diesbezüglich äußern, wobei mich radikale Meinungen sonst auch stören, obwohl ich fern aller PC geneigt bin, diese auch zu verteidigen. Was mich stört, ist die Vereinnahmung „aller Schwulen“ durch bestimmte Interessensverbände. Was mich stört, ist, wenn so etwas: http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/schwuler_segen/ aus Propagandazwecken veranstaltet wird. Das stört mich und das kann ich, mit Broder, nicht ernst nehmen und zwar aus dem Grund, weil es hier auch nicht den Hauch einer öffentlichen Kritik am radikalen Islam gibt. Wenn die Protestierer Cohones gehabt hätten, hätten sie die wahre, menschenverachtende Ideologie bezüglich der Sexualität im Islam angesprochen aber dazu fehlen die Cohones. Das stört mich und darum kann ich es auch nicht ernst nehmen. Du kannst das Christentum verunglimpfen wie du willst, Pornos drehen, wo mit versteckter Kamera in der Kirche gefilmt wird, den Papst verunglimpfen usw usf., da kräht kein Hahn danach – das nennt man „Freiheit der Kunst“, ein Geldbuße gibts nur dafür, dass keine Drehgenehmigung in der Kirche vorlag, wenn überhaupt ersichtlch ist, welche Kirche das war – und du willst mir allen Ernstes sagen, der Papst wäre für die Unterdrückung der Homosexuellen verantwortlich?

    Ich finde, Andreas hat einen wahren Punkt angesprochen. In einer offenen, pluralen Gesellschaft spitzen sich Weltanschauungen zu, treffen „disharmonische Tendenzen“ aufeinander, wenn Privates öffentlich wird. Das ist so. Es geht auch nicht um den Untergang des Abendlandes, es spitzt sich nur zu, wenn Gesellschaft sexualisiert wird. Das führt zur Radikalisierung, Konservierung der eigenen Weltanschauung, einer geschlossenen Subgesellschaft. Privates darf eben nicht Öffentlich werden.

    @ Thommen, das mit den Schwulenpornos halte ich für Quatsch. Ein Hetero schaut sich in der Regel keine Schwulenpornos an. So wie sich Adrian wahrscheinlich keine Lesbenpornos reinzieht, d.h. aber im Gegenzug nicht, dass es, würde er es trotzdem tun, durch das Gestöhne und die transportierte „Lust“ nicht zu einem Ansteigen der Erregungskurve bei ihm kommt, die er jedoch nicht einmal bewußt wahrnehmen muss. Es gibt ja auch die Versuche von Masters & Johnson, wo Studentinnen Pornos gezeigt wurden und die angemachten Elektroden einen Erregungsreiz transportierten, obwohl die Studentinnen in eigener Einschätzung nicht erregt waren. Deswegen ist Adrian nicht heterosexuell oder bi und umgekehrt ist das wahrscheinlich auch nicht der Fall.

  13. Adrian 3. Juli 2011 um 11:16 #

    @ terminator
    „und du willst mir allen Ernstes sagen, der Papst wäre für die Unterdrückung der Homosexuellen verantwortlich?“

    Ich glaube, das habe ich so nie behauptet.

    „Privates darf eben nicht Öffentlich werden.“

    Das wäre dann eine Gesellschaft wie im Iran. Habe ich keinen Bock drauf.

  14. Thommen 3. Juli 2011 um 14:08 #

    @terminator: Wenn Sex und vor allem Homosex wirklich Privatsache wäre, dann würde es die oben beschriebenen Schwierigkeiten nicht geben. Auch kein Strafgesetz.

    Männer, die sich über Frauen definieren, können sich nicht mit ihrem Sexualpartner identifizieren. Sie spielen das „heterosexuelle Spiel“ mit dem Machtgefälle. Als Schwuler merke ich das auch von Seiten dieser Männer und Bisexueller als Sexualpartner. Sogar in Chats… Bsp: Hallo Süsser, bis gleich Baby…

    Keine der sexuell möglichen Orientierungen kann verhindern, dass Männer mit dem jeweils anderen Geschlecht Sex und Lust geniessen wollen. Die Ansicht, über das sichtbare Sexualverhalten auch jeweils die Orientierung festlegen zu können ist schon lange veraltet. Die Sicherheit, in den Betätigungen auch definitiv eins mit den Partnern und der Orientierung zu sein ist Illusion. Dabei ist die Identität mit dem Gleichen stärker als der Abgrenzungsfick mit dem Anderen. Das zeigen die letzten Bücher über ein spätes coming out bei Männern, die den Umweg über die Heterobeziehungen machten.

    Die heterosexuelle Familie ist grundsätzlich homophob und weist schon den Kindern das jeweils andere Geschlecht als würdigen Partner zu. Doch wer nimmt sich das Gegengeschlecht als Lebensvorbild? Die Damenwäscheträger und Transen??

    Vergessen geht dabei immer, dass auch Schwule ihr Leben in heterosexuellem Kontakt (nicht Geschlechtsverkehr!) beginnen. Die Frauen in Gleichgeschlechtlichkeit mit ihrer Mutter. Drum ist die Homosexualität der Frauen auch nicht so das Problem.

    So einfach ist das eben nicht mit der Heterosexuellen Mehrheit und der paar Homosexuellen. Aber welcher Homosexuelle fragt sich schon, wie seine Orientierung entstanden ist? Genau an dieser Frage arbeite ich seit einiger Zeit! 😉

  15. Thommen 3. Juli 2011 um 14:10 #

    Es sollte natürlich heissen: „Welcher Heterosexuelle fragt sich schon… – Und zur Fortpflanzung braucht es keine heterosexuelle lebenslange Fixierung. Aber eine Sicherheit im und zum eigenen Geschlecht! 😉

  16. Andreas 3. Juli 2011 um 16:32 #

    In Thommens Standpunkt fehlt die Bisexualität als eigene Kategorie. Ist das bewußt so, soll das so Sinn machen?

    Jemand, der mit 50 erst seine homosexuellen Tendenzen bemerkt, kann doch nicht als einer festen sexuellen Richtung zugeschrieben werden.

  17. Thommen 3. Juli 2011 um 17:46 #

    Weder Homosexualität noch Bisexualität noch Transsexualität noch alles andere sind „eigene Kategorien“ in einer Hierarchie, die Fortpflanzung als oberstes Prinzip stellt, denn sie dürfen das einzig „Wahre und zugleich Natürliche“ nicht grundlegend relativieren.

    Bisexualität besteht grossmehrheitlich aus abgespaltenen homosexuellen Abenteuern oder aus serieller Monogamie mit beiden Geschlechtern. Es gibt keine Kategorie bisexuelle Beziehung neben der hetero Familie oder der eingetragenen Partnerschaft…

    Das Individuum wird durch die propagierte Fortpflanzung, etablierte Ehe, oder eingetragene Partnerschaft dazu gezwungen, sich selber zu kategorisieren, was für Viele unmöglich ist oder scheint, aber dafür die gesellschaftspolitische Brisanz vermindert. Es wird „privatisierte“ Kategorie, Fetisch, Variation…

    Die Absicht der Sexualität ist ganz allgemein das Lustprinzip neben den alltäglichen Verpflichtungen und nicht, sich mit jeglichem Akt fortzupflanzen. So ist auch die Heterosexualität schon längst losgelöst von der Fortpflanzung und bedarf der Rechtfertigung ihrer Lust – vor allem mit zunehmendem Alter bis 70 und 80! 😉

  18. Andreas 4. Juli 2011 um 08:19 #

    >Das Individuum wird durch die propagierte Fortpflanzung, etablierte Ehe, oder eingetragene Partnerschaft dazu gezwungen, sich selber zu kategorisieren …

    So redet mein bisexueller Trainingskumpel auch immer. Ich höre die Worte wohl, aber allein mir fehlt der Glaube. Ich kann das überhaupt nicht nachempfinden.

    Marc Mettlock hat mal in einem Interview gesagt, er habe rein schwul empfunden, von der ersten sexuellen Regung im Pubertätsalter an und seitdem nie etwas anderes. So kenne ich das auch, nur mit umgekehrten Vorzeichen als rein Hetero.

    Dieses angebliche Gesellschafts-Druck-Genorme-Theoretisieren kann ich nicht nachempfinden.

    Thomme, wie erklärst Du Dir dann das Phänomen der 100-%-Schwulen und 100-%-Heteros? Wie ist es dann möglich, das es Leute gibt, die ihr ganzes Leben nur eine Sexualität empfinden und gar nichts anderes wollen?

  19. Thommen 4. Juli 2011 um 11:47 #

    Die Identität in der Homosexualität ist stärker als die „Abirrung“ zum Gegengeschlecht. Drum ist die Homosexualität vor allem für ältere Männer ein eigentliches „heimkommen“. Vergleiche mal die wichtige Rolle der Männerreligion in unserer „hetero“ Männergesellschaft. Heterosexualität ist eine andere Qualität. Sie ist zwar gleichwertig wie Homosexualität, aber nicht vergleichbar. Die gegenseitigen Bedürfnisse der PartnerInnen sind anders.

    Ich bin ein „genuiner“ Homosexueller. Ich habe sehr spät die hetero Avancen von Frauen bemerkt und ich bin durchaus empfänglich für hetero Erotik (war verliebt in Lehrerinnen), aber „es reichte eben nicht aus“… Vergiss mal die 100%! Das ist Zahlenmagie!

    Es gibt keine Leute die „ihr ganzes Leben…“ das wäre unnatürlich! Als Babies erleben wir den Frauenkörper ungefragt und vergessen es einfach, weil wir später alles an den Genitalien messen und Busen gelten nicht als Geschlechtsteile! 😉

  20. Bombe 20 4. Juli 2011 um 18:12 #

    Schwule und Lesben, würde […] eine Privatsache, die doch eigentlich niemanden etwas angehe, in die Öffentlichkeit tragen. Dass Heterosexuelle dies ebenso machen, wird dabei nicht reflektiert,

    Ich denke, das ist ein wichtiger Punkt: Spiegelneuronen. Wenn ich als Hetero sehe, wie sich zwei Männer küssen, dann denkt mein Gehirn automatisch mit, wie es wohl wäre, wenn ich einer von den beiden wäre. Und da ich kein Interesse habe, Männer zu küssen (ja, so richtig zu 100%), bin ich erstmal reflexhaft abgestoßen. Menschen, die nicht weiterdenken, bleiben dann eben an dem Punkt stehen: Schwule sind abstoßend.
    Das würde auch dazu passen, daß Männer mit (der Existenz von) Lesben oft deutlich weniger Probleme haben als mit Schwulen.

    Aber wie geht es eigentlich Homosexuellen in einer Gesellschaft, in der knutschende Hetero-Paare allgegenwärtig sind? Ist da einfach Gewöhnung oder Abstumpfung im Spiel, oder findet das Gehirn in einer Situation, in der sich zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts küssen, automatisch in demjenigen des anderen Geschlechts die passende „Identifikationsfigur“?

    Wäre letzteres der Fall, müßten Schwule ja ähnliche Probleme mit knutschenden Lesben haben wie Hetero-Männer mit Schwulen, während im ersteren noch Hoffnung für die Gesellschaft bestünde.
    (Und ja, diese Hypothese ist in unverzeihlicher Weise androzentrisch. Voll übel.)

    Bombe 20

  21. terminator 4. Juli 2011 um 20:14 #

    „@terminator: Wenn Sex und vor allem Homosex wirklich Privatsache wäre, dann würde es die oben beschriebenen Schwierigkeiten nicht geben. Auch kein Strafgesetz.“

    @ Thommen
    Nein. Natürlich muss der Staat auch weiterhin das Recht haben, sicherzustellen, dass die Mindestanforderungen einer Rechtsordnung garantiert werden. So kann der Staat sexuelle Übergriffe an Kindern und unfreiwillige Sexualakte auch im Privaten nicht dulden. Ansonsten ja, Sexualität sollte Privatsache sein. Die Verschränkung mit dem Kapital, mit Interessensgruppen in den letzten Jahrzehnten zerrte vormals Privates in die Öffentlichkeit und bewirkte damit Zustimmung und Ablehnung.

    Zum Rest deiner Ausführungen kann ich nur sagen: Ziemlich viel umgedeutetes Psychoanalyse bla bla. Hast du einen Kurs bei Butler belegt? Das Individuum wird gezwungen! sich zu kategorisieren, weil es ja auch gezwungen wird zu heiraten – bla bla.

  22. Thommen 7. August 2011 um 20:09 #

    Terminator! Du betreibst die fiese Taktik, alles von mir zu dekonstruiren, bringst aber selber keine Belege oder Erfahrungen bei! Du bist gefangen in Selbstverständlichem und in der Normalität. Daher gibt es für Dich nicht mal Denk-Alternativen und bringen meine Beiträge Dir gar nix. Müssen sie auch nicht. Bleib einfach bei Deiner Normalität, die Du schon immer hattest! Und überlass das Debattieren Anderen! 😉

  23. Sabine 11. September 2011 um 08:21 #

    @Bombe 20

    Hab ja leider diesen spannenden Blog erst gestern entdeckt, deshalb etwas verspätet:

    „Wenn ich als Hetero sehe, wie sich zwei Männer küssen, dann denkt mein Gehirn automatisch mit, wie es wohl wäre, wenn ich einer von den beiden wäre.“

    Für mich nicht nachvollziehbar. Wenn ich als Bi-Frau sehe, wie sich zwei Männer küssen, freue ich mich, weil mir Männer, die sich küssen, tausendmal lieber sind als Männer, die sich killen. Und wenn ich sehe, wie zwei Frauen sich küssen, freue ich mich auch, weil ich hier zwei allem Anschein nach wenigstens im Moment glückliche Menschen sehe. Und wenn ich ein Manderl und ein Weiberl sehe, die sich küssen, denkt mein Gehirn immer noch nicht „automatisch“ mit, wie es wohl wäre … Das tut mein Hirn auch in den anderen beiden Fällen nicht. Ich schätze mal, wenn ein Gehirn automatisch denkt, wie es wohl wäre – dann sollte man vielleicht einmal die Neugier des Gehirns befriedigen und es erleben lassen, wie es ist. Dann hat sich nämlich die Was-wäre-wenn-Frage erledigt. Ein für alle Mal.

    „Und da ich kein Interesse habe, Männer zu küssen (ja, so richtig zu 100%), bin ich erstmal reflexhaft abgestoßen.“

    Diese 100 % nehme ich Dir nicht ab, denn Du hast ja bereits geschrieben, dass Dein Hirn das anders sieht. Und weshalb man sich „reflexhaft abgestoßen“ fühlen soll, nur weil man an etwas kein Interesse hat, kann ich schon erst recht nicht nachvollziehen. Ich selbst habe beispielsweise keinerlei Interesse an Modelleisenbahnen. Fühle ich mich deshalb von Modelleisenbahnen „reflexhaft abgestoßen“? Nope, weil die Dinger mir sowas von wurscht sind.

    Männer zu küssen ist übrigens genauso wie Frauen zu küssen. Manchmal kitzelt’s halt ein wenig – aber auch nicht immer. Kommt ganz auf den Typ an.

    „Das würde auch dazu passen, daß Männer mit (der Existenz von) Lesben oft deutlich weniger Probleme haben als mit Schwulen.“

    Ist ja logisch. Heteromänner geilen sich an der Vorstellung auf, wie zwei Frauen es miteinander treiben, würden liebend gern zuschauen, wenn man sie ließe. Ziehen sich aus genau diesem Grund von Heteros geschneiderte „Lesben“pornos rein. Der entscheidende Grund dafür, dass Heteromänner mit Lesben „deutlich weniger“ Probleme haben, liegt in der schlichten Tatsache begründet, dass Frauen keine Schwänze haben und dass folglich dort auch nichts rauskommen kann, vor dem der Heteromann sich ekeln müsste. Weshalb Ekel auch das Lieblingswort von Homophoben ist. Denn wovor sollte man sich denn sonst ekeln?

  24. Yo 12. September 2011 um 22:58 #

    Meine Theorie ist, dass besonders Männer öfter ein Problem mit männlicher Homosexualität haben, weil sie sich (vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben) in eine Frauenrolle versetzt sehen. Meistens natürlich unbegründet, aber sie tun es.
    Und mit einer Frau verglichen werden wollen die meisten Männer nicht.

    Darauf deuten auch viele „Begründungen“ gegen Homosexualität hin, die man so zu lesen und zu hören bekommt.
    Da geht es dann darum, Angst davor zu haben, angemacht, angeguckt oder begehrt zu werden von einem anderen Mann. Besonders in Umkleidekabinen und Duschen ist das offenbar eine große Angstvorstellung.
    Sie sind zum ersten mal unfreiwillig das (vermeintliche) Sexobjekt, sind in der Rolle des „Gejagten“ usw.
    Zudem ist es denkbar, dass der andere Mann körperlich gleichwertig oder sogar überlegen ist. Das erzeugt wahrscheinlich (+ dass es das gleiche Geschlecht ist) einen größeren Angstfaktor als der Gedanke, von einer hässlichen Frau angemacht zu werden,

    Dazu das Arschfick-Klischee. Homosexualität = Arschficken. Dass das unter Heterosexuellen durchaus auch verbreitet ist, tut ja nichts zur Sache. Bei manchen Männern hat man den EIndruck, sie hören das Wort schwul und halten sich sofort eine Hand vor den Arsch. Denn es könnte ja sein, dass irgendwo ein anderer Schwanzträger daherkommt und sie penetrieren will.
    Penetriert werden. Als Mann. Obwohl man doch eigentlich von Berufswegen der Eindringende ist. Nein, das geht gar nicht. Das ist Frauensache. Und man will ja keine Frau sein.
    Viele Männer veranstalten um ihre Hintertür ein größeres präventives Theater als eine anatolische Jungfrau um ihre Jungfräulichkeit.
    Und es ist ja auch etwas anderes, jemanden in sich eindringen zu lassen als umgekehrt. Frauen werden das wissen, Männer mit Erfahrungen in passivem Analsex auch.Obwohl Analsex und Vaginalsex natürlich auch noch wieder zwei verschiedene Paar Schuhe sind.

    Jedenfalls glaube ich, dass die Angst, seine „männliche Rolle“ in der man die Initiative ergreift und sich nicht jemandem hingibt usw. zu verlieren, eine große Rolle bei der Ablehnung von Homosexualität spielt.
    Und deshalb ist weibliche Homosexualität auch nicht so ein Problem.

    Ich habe übrigens den Eindruck, dass es das Phänomen Männer mögen Lesben auch bei Frauen in Bezug auf Schwule gibt. Man kann es nicht pauschalisieren, aber viele Frauen scheinen Schwule Liebesszene durchaus erotisch zu finden.

  25. Thommen 13. September 2011 um 11:48 #

    Es gibt zwei Gründe, die Deine Vermutungen stützen: Während Frauen mit Frauen ihre ersten körperlichen Erfahrungen machen, müssen Männer mit dem anderen Geschlecht in ihrer Kindheit vorlieb nehmen. Es geht hier übrigens noch nicht um Genitales. Aber der Versuch, sich mit der Mutter zu identifizieren muss fehl schlagen. Der Vater ist meistens homphob und fällt als Identifikator auch aus anderen Gründen noch weg („vaterlose Gesellschaft). Der Mann identifiziert sich nur indirekt – inbezug darauf, dass er eine Frau fickt. Ein hetero Mann kann sich nie wirklich in Frauen verlieben, denn das würde Identifikation bedeuten. Aber das was er fickt, wird er nie sein (wollen). Heterosexualität ist also eine klare Abgrenzunghandlung. Dass es mehr DWTs und Transen bei Männern gibt als bei Frauen, bestätigt diese „missglückten“ Identitätsversuche, oder krankhaften Versuche, doch noch eine „wirkliche Frau“ werden zu können.

    Andererseit versuchen heute viele hetero Männer, den Einstieg in die Homosexualität mit Transen, Transvestiten und androgynen Männern als Partner. Lustig ist die Bezeichnung „Schwanzmädchen“. Denn das gibts nicht. Es sind Tittenbuben… 😉

    Es gibt aber auch Heteros und Bisexuelle, die die Alternative zu Frauen wirklich in „richtigen Männern“ als Partner suchen und alles „weibische“ im Schwulsein orten… 😉

    Leider werden diese und andere Feinheiten der Psyche und der Geschlchtsrollen heute mehr und mehr in einer Genderdiskussion verwischt und vernebelt. Sie hat wohl den Zweck, die Illusion zu nähren, mann könne seinem biologischen Geschlecht entfliehen und es selbst wählen. Frauen müssen sich auch als Gefickte abfinden. Also sollten Männer auch lernen, sich über Homosexualität zu identifizieren, um sich dann sicher zu sein, von wem sie sich beim ficken abgrenzen können, statt „Vereinigung“ zu illusionieren…

    Ich will nicht leugnen, dass es „Transmenschen“ gibt. Auch gibt es konsequent-Bisexuelle. Aber weder sind die äusseren Merkmale bestimmend, noch ist es nur mit der inneren Einstellung getan, nach der man seinen Körper medizinisch-operativ einfach „ummodeln“ kann.

    Letztlich bleibt uns nur die Lösung der Rollenvariétät innerhalb des biologischen Körpers. So wie es alte Kulturen schon immer gelöst haben, ohne aufwendige Operationen.

    Jedenfalls ist der Ödipuskomplex historisch zu entsorgen. Es geht in Wirklichkeit um den „heterosexuellen Familienkomplex“, der die Zwangsheterosexualität etablieren muss für die Fortpflanzung. Aber viele Heteros haben nicht gemerkt, dass auch in geschlechtlichen „Verwirr/oder Degenerationszeiten“ es immer genug Männer und Frauen gegeben hat, um die Fortpflanzung zu gewährleisten. Nicht zuletzt waren auch Schwule und Lesben dabei! 😉

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