Über die Freiheit zur intelligenten Distanzierung

4 Aug

Immer neu Brechreiz erzeugend ist es, wie manch einer den Massenmord in Norwegen für seine eigenen Zwecke funktionalisiert: Idea-Leiter Helmut Matthies verweist in der aktuellen Ausgabe von ideaSpektrum darauf, dass Anders B. Breivik entgegen ersten Meldungen kein „fundamentalistischer Christ“ sei. Soweit, so richtig. Doch statt es dabei zu belassen, nutzt Matthies die Gelegenheit zu einer Ehrenrettung ausgerechnet der „Jungen Freiheit“. In deren „Internetbereich“ habe laut „tagesthemen“ ein Leser geschrieben, Breivik sei „intelligent“:

Für die ARD gehörte das Blatt damit offenbar schon zur Sympathisantenszene des Massenmörders. Dabei hatten die „tagesthemen“ schlecht recherchiert: Es war gar nicht die Internetplattform dieses Blattes! Doch wenn es gegen die „Junge Freiheit“ – die man einblendete – geht, scheint jedes Mittel recht, obwohl ihr erst vor kurzem Bundespräsident a. D. Roman Herzog ein Exklusivinterview gegeben hatte.

Das muss man erst einmal hinbekommen, in drei Sätzen die ARD abzuwatschen, die Bewunderung für einen Massenmörder zu bagatellisieren und das

Sprachrohr für die Bemühungen von Neuen Rechten und Rechtsextremisten, im konservativen Lager und unter Intellektuellen Fuß zu fassen

zu verteidigen. Doch Matthies ist auch jetzt noch nicht fertig. Breivik ist nämlich nicht nur kein „fundamentalistischer Christ“, sondern auch kein Rechtsextremer:

Kann man den Täter so einfach dem Rechtsextremismus zuordnen – wie es fast alle tun? Dann müssten viele Medien ihr Weltbild ändern. Denn laut „Spiegel“ „distanziert er sich von Neonazis: Antisemitismus sei Blödsinn, die Juden Europas Verbündete im Kampf gegen den Islam“.

Damit mag der idea-Leiter es wohl für bewiesen halten, dass Breivik kein Rechtsextremer sei. Praktisch ist das zuvorderst für ihn selbst, denn diese „Distanzierung“ könnte auch der Rechten-Freund Matthies ganz sicher unterschreiben. Gerhard Scheit weiß allerdings auf Lizas Welt ein wenig mehr über Breiviks „Distanzierung“ zu berichten:

Sein gesamtes Manifest folgt geradezu dem Prinzip, von den Antisemiten bis ins Detail der Ressentiments möglichst viel zu übernehmen – so vor allem das Feindbild, worin „Marxisten“ und „kapitalistische Globalisten“ ineinander aufgehen, aber auch die spezifisch ausgeprägte Polemik gegen die Emanzipation der Frauen –, nur nicht den Antisemitismus selbst dabei ins Zentrum zu rücken. Dadurch wird es möglich, dass er sich auf Henryk M. Broder und Imre Kertész beruft (freilich nur, soweit sie nicht über die Shoah, sondern von europäischen Werten sprechen), die Juden, die Israel unterstützen, sogar als seine Brüder bezeichnet und statt vom Judentum, das die abendländischen Werte zersetze, lieber von der Frankfurter Schule spricht, die genau damit begonnen habe. Von Hitler aber, den er eigentlich ablehnt wie die gesamte Ordnung, die sich nach dem Ersten Weltkrieg etabliert hat, zitiert er zustimmend die hohe Meinung über Karl Martell, der das Abendland rettete.

Wo es gegen den Islam geht, versteht das Manifest demnach die Juden im selben Sinn wie Hitler als Bündnispartner. So sieht die Parteinahme für Israel aus: Breivik gehört zwar nicht zu den Holocaust-Leugnern, aber es ist ihm zuallererst um eine Relativierung der Vernichtung der europäischen Juden zu tun. „Die ‚Holocaust-Religion’ ist zu einem destruktiven anti-europäischen Monster herangewachsen, das nationalistische Doktrinen unterdrückt“, schreibt er. „Und ohne nationalistische Doktrinen wird Europa verkümmern und schließlich sterben, wie wir heute sehen. Ironischerweise scheint selbst Israel ein Opfer davon geworden zu sein. Es ist wohl unnötig zu sagen, dass ich zwar ein Unterstützer Israels und aller patriotischen Juden bin, aber zugleich die Ansicht vertrete, dass die anti-europäische Holocaust-Religion dekonstruiert und durch eine anti-islamische Version ersetzt werden muss. Letzten Endes sprechen wir über das Missverhältnis von sechs Millionen getöteten Juden gegenüber 300 Millionen Juden, Christen, Hindus, Buddhisten, Zoroastrier und Animisten, die massakriert wurden. Die ‚Holocaust-Religion’ ist einer der Hauptgründe, warum Europa so empfänglich für die islamische Eroberung in Form der demografischen Kriegsführung ist und durch sie verwundet wird.“

Womit wir vieles von dem versammelt hätten, was Helmut Matthies und seine Mitstreiter Woche für Woche in idea-Spektrum beklagen: Überall Marxisten und emanzipierte Frauen, die Bedrohung des christlichen Abendlands durch den Islam sowie mangelnden Mut zum Nationalismus wahlweise Patriotismus. Auch die Funktionalisierung Israels teilen Breivik und die rechten Christen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Von Breivik wird Israel

nicht seinem Wesen nach als Zufluchtsstätte der Juden vor dem Antisemitismus betrachtet, sondern als Bollwerk gegen den Islam; die Grundlage des Staats wird ignoriert und ebenso der Hauptgrund dafür, den radikalen Islam zu bekämpfen: die von diesem Islam drohende Wiederholung von Auschwitz.

Evangelikale hingegen begründen ihr Engagement für Israel in der Regel mit ihrem Glauben an den dort bevorstehenden Endzeitkampf, womit jeder neue Terroranschlag in Israel als – wenn auch bedauerlicher – Vorbote für die Wiederkunft des Herrn fungieren kann. Manchmal ist der Zynismus noch offensichtlicher, so wenn der Leiter des evangelikalen Missionswerks „Juden für Jesus“, David Brickner,

terroristische Anschläge auf Israel als ein Gottesurteil gegen Juden, die sich dem Christentum verweigerten

bezeichnet. Wenn Matthies, sein Editorial abschließend, Breivik mit Jost Joffe als durchgedrehten Einzeltäter charakterisiert, mag daraus nicht zuletzt die Sorge sprechen, dass, auch ohne eine Verankerung des Anders B. Breivik im christlichen Fundamentalismus, die zahlreich vorhandenen Gemeinsamkeiten erkennbar werden könnten.

Advertisements

2 Antworten to “Über die Freiheit zur intelligenten Distanzierung”

  1. hugo 5. August 2011 um 10:16 #

    „Christlicher Fundamentalismus“ ist in der Tat etwas Schlimmes. Linker Fundamentalismus auch. RAF, Rote Brigaden, Attentat auf Johannes Paul den Zweiten hat es ja niemals gegeben – oder?

    Und die linke Mainstreammedienlandschaft von damals hat sich danach natürlich zutiefst betroffen davon distanziert. Der Spiegel wurde ja auch zur Rechenschaft gezogen, weil er die Menschen in „das Waldsterben“ und „den sauren Regen“ hetzte usw usf.

    Es stimmt schon. Der Attentäter war sicher ein gläubiger Christ.

    • Damien 5. August 2011 um 10:26 #

      @hugo: Du hast meinen Beitrag nicht verstanden, was nicht zuletzt daran deutlich wird, dass Du uns offenbar für „links“ hälst.
      Warum sollte ich mich in einem Text über Rechtsextremismus unbedingt zum Linksextremismus oder zum Waldsterben äußern?
      Gläubiger Christ war Breivik sicherlich nicht, das behauptet ja mittlerweile auch niemand mehr. Und mein Vorwurf war das schon gar nicht, ich bin selbst gläubiger Christ.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: