Macht Armut schwul?

17 Aug

Für die Krawalle in  Großbritannien sollte zunächst Armut ursächlich gewesen sein. Nachdem immer mehr durchaus wohlhabende Täter verhaftet wurden, hat man eine neue Erklärung aus dem Hut hervorgezaubert. Nun sollen fehlende Werte Schuld gewesen sein, so auch hier:

Die jüngsten Jugendkrawalle in England sind hauptsächlich auf einen Verfall der Moral und der traditionellen Familie zurückzuführen.

Der britische Regierungschef selbst hat eine bunte Mischung im Angebot:

Ursachen für die Unruhen sind laut Cameron nicht nur die hohe Jugendarbeitslosigkeit, ein mangelhafter Sozialstaat und schlechte Schulen, sondern auch „vaterlose Familien“.

Bei rechten Christen gilt die Vaterlosigkeit bekanntermaßen als eine Ursache der Homosexualität. Die jedoch sei heilbar, zeigt sich Eduard Berger, Ex-Bischof der Pommerschen Evangelischen Kirche in einem Brief an den Papst überzeugt. Die Forschung hierzu jedoch sei in unserer Gesinnungsdiktatur nicht ohne Protest möglich verboten:

Weil Forschung zu Ursachen und Veränderungsmöglichkeiten homosexueller Empfindungen als politisch inkorrekt gilt, gibt es keine Gelder mehr. Warum beginnen wir Christen nicht mit einem eigenen Forschungsinstitut? Therapeuten in Europa, die Menschen helfen, homosexuelle Empfindungen zu begrenzen, müssen mit Berufsverbot rechnen. Warum stehen wir ihnen nicht stärker bei? Die Fakten sprechen für uns. Veränderung ist für viele möglich. Christen könnten hier ein Signal setzen und solidarisch werden mit einer Minderheit in der Minderheit.

Solidarität haben auch andere ostdeutsche Christen als Mittel gegen die staatliche Repression entdeckt. Nachdem ein evangelischer Jugendpfarrer im Rahmen einer Anti-Nazi-Demonstration

Deckt die Bullen mit Steinen ein!

gerufen haben soll, durchsuchte die Polizei die Diensträume und die Privatwohnung des Geistlichen. Der Vorwurf: „aufwieglerischer Landfriedensbruch“. Bei einer Protestaktion gegen die Durchsuchung trugen „Jenaer Bürger“, so die Bildunterschrift, ein Transparent mit der alten Autonomenparole „Unsere Solidarität gegen ihre Repression“. Bei all dem weltweiten Aufruhr will man auch beim Zentralorgan der christlichen Reaktion nicht abseits stehen und fragt daher:

Brauchen wir eine andere Weltwirtschaftsordnung?

Amanda Jackson, Koordinatorin für Kampagnen und Politik der internationalen evangelikalen Micha-Initiative, meint „Ja“ und ist sich sicher:

Wirtschaftssysteme sollten dem Gemeinwohl dienen.

Stattdessen jedoch bevorzugten sie Großkonzerne, die dadurch Kleinbauern gegenüber Konkurrenzvorteile hätten.  Daniel Hoster, Managing Director und Mitglied der Geschäftsleitung Private Wealth Management der Deutschen Bank in Frankfurt/Main, widerspricht und versorgt uns mit Weisheiten wie dieser:

Jedes Land hat mit unterschiedlichen strukturellen Herausforderungen zu kämpfen. Die Welt lässt sich nun mal nicht über einen Kamm scheren.

Nur in einem Punkt, da seien alle gleich bedürftig:

Wir brauchen Familien, in denen Kinder eine gute Kinderstube und ein gesundes Vorbild der Eltern erleben.

Sonst nämlich plündern die Jungs irgendwann die Kaufhäuser. Oder fahren schwarz, wie in Hamburg, und haben dabei nicht mal ein schlechtes Gewissen:

Fährt jemand „schwarz“, behält er das lieber für sich – denkt man zumindest. Doch mit unglaublicher Dreistigkeit tauschen sich neuerdings Hamburger Verkehrsteilnehmer bei „Facebook“ über aktuelle Kontrollen in Bussen, U- und SBahnen aus, um ungehindert schwarzfahren zu können. (…) Die meisten Nutzer zeigen keinerlei Schuldbewusstsein. Sie begründen ihr Schwarzfahren mit zu hohen Fahrpreisen.

Dabei wäre die Lösung so einfach:

Die Präambel des Grundgesetzes sagt, dass wir „in Verantwortung vor Gott und Menschen“ stehen. An diesem Anspruch sollten wir uns alle jeden Tag messen lassen. Dann  würde keiner mehr nach einer anderen Wirtschaftsordnung fragen.

Und, so ließe sich wohl nach dieser Lektion ergänzen, keiner mehr schwarz fahren. Und, selbstredend, keiner mehr schwul werden. Denn Gott ist ein heterosexueller Fahrkartenkontrolleur, der den Kapitalismus liebt. Was sonst?

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Eine Antwort to “Macht Armut schwul?”

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  1. Femokratie News 231-2011 « FemokratieBlog - 19. August 2011

    […] Macht Armut schwul? Für die Krawalle in Großbritannien sollte zu­nächst Armut ursächlich ge­we­sen sein. Nachdem immer mehr durchaus wohlhabende Täter ver­haf­tet wurden, hat man eine neue Er­klä­rung aus dem Hut her­vor­ge­zau­bert. Nun sollen fehlende Werte Schuld gewesen sein, so auch hier:[..] Der britische Re­gie­rungs­chef selbst hat eine bunte Mischung im An­ge­bot: Ursachen für die Un­ru­hen sind laut Cameron nicht nur die hohe Jugendarbeitslosigkeit, ein mangelhafter Sozialstaat und schlechte Schulen, sondern auch „vaterlose Familien“. Gay West […]

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