„Neue Akzente“ in der „Israelkritik“

19 Aug

Eine einseitige Unterstützung Israels blende

das Unrecht weitgehend aus, das der einheimischen palästinensischen Bevölkerung mit der Gründung des Staates Israel geschehen sei.

Nein, das ließ kein Sprecher der Linkspartei verlautbaren und auch keiner der NPD. Es war auch keine antinationale Gruppe, die eine

Befreiung der Theologie aus nationalreligiösen Engführungen

forderte, wobei als einzige Nation selbstredend Israel gemeint war. Urheber dieser Äußerungen ist ein evangelischer Theologe aus dem deutschen Süden. Jochen Vollmer, Pfarrer im Ruhestand, erklärte es im Deutschen Pfarrerblatt für falsch, anzunehmen,

dass das jüdische Volk ein exklusives Anrecht auf das Gebiet zwischen Mittelmeer und Jordan habe.

Mit anderen Worten: „Israel muss weg“, denn

die im Alten Testament gesammelten Erfahrungen zeigten, dass der Glaube an Gott nicht durch staatliche Gewalt gesichert werden könne.

Das müssen, geht es nach Vollmer, nicht nur die Juden noch lernen, sondern auch die Evangelische Kirche im Rheinland

die als erste deutsche Landeskirche die Errichtung des Staates Israel als „ein Zeichen der Treue Gottes gegenüber seinem Volk“ ansah. Dazu der Theologe: „Wir Christen in Deutschland können unsere unsägliche Schuld gegenüber der Judenheit nicht dadurch theologisch kompensieren, dass wir nun in der staatlichen Verfasstheit des Volkes Israel ein Zeichen der Treue Gottes sehen, das seinerseits Hunderttausende unschuldige Menschen zu Opfern gemacht hat und noch immer macht.“

Ein wenig erinnert das an die Vorstellung von Auschwitz als moralischer Besserungsanstalt, aus der die renitenten Juden einfach nichts lernen wollten:

Die fortgesetzte völkerrechtswidrige Siedlungspolitik schränke die Palästinenser immer mehr ein, mache ihr Leben zunehmend unerträglich und ziele auf ihre endgültige

man hält kurz den Atem an und erwartet als Höhepunkt dieser deutschen Theologie: Vernichtung, doch er schafft es ausgesprochen nur bis zur

Vertreibung.

Im Grunde genommen sind Vollmer die Palästinenser scheißegal, was ihn umtreibt, ist die Wunschvorstellung eines nationalen Pazifismus Israels:

Ein Recht auf Selbstverteidigung, mit dem der Staat Israel viele Aktionen gegen Palästinenser begründe, gebe es nicht für „Eindringlinge und Räuber, die der eingesessenen Bevölkerung das Land nehmen und auf deren gewaltsamen Widerstand stoßen“.

Somit haben wir alle Elemente der antisemitischen Internationale in widerlicher Eintracht versammelt: Die Analogie von Shoah und israelischer Politik, die verschwurbelte Fassung des „Juden raus (aus Israel)“ im Wissen, dass damit die einzige Zuflucht für Juden weltweit zum Abschuss freigegeben würde, das Bild vom Kolonialstaat Israel, der das Recht auf Selbstverteidigung verwirkt habe, die moralische Legitimation für den palästinensischen Judenmord (wie üblich zum „Widerstand“ geadelt) und schließlich die Delegitimation der Staatlichkeit Israels überhaupt.

Pfarrer Peter Haigis, Redakteur des Deutschen Pfarrerblatts,

begründete die Veröffentlichung von Vollmers Beitrag mit dem Wunsch, „neue Akzente im theologischen Gespräch“ zu setzen.

Eine pro-palästinensische Einseitigkeit könne er nicht erkennen, sagte Haigis

der als „Schriftleiter“ fungiert, als hätte man beim Verband evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland das Ende des Nationalsozialismus verschlafen.

Vollmer übrigens hatte 1998

die kirchliche Weigerung, gleichgeschlechtliche Paare zu segnen, als „Akt der Lieblosigkeit“

kritisiert. Seinen Einsatz gegen Israel heute hält der Mann sicher für das genaue Gegenteil, also den Ausdruck von Gottes großer Liebe zu den Menschen. Wie man sich irren kann.

6 Antworten zu “„Neue Akzente“ in der „Israelkritik“”

  1. Ralf 20. August 2011 um 13:09 #

    Da wird mal wieder unser Dilemma offenbar. Einerseits darf die homofreundliche Politik Israels uns nicht hindern, die eine oder andere israelische Aktion kritisch zu sehen. Andererseits ist nicht jeder, der sich mal pro Lebenspartnerschaft geäußert hat, ein Gralshüter der Menschenrechte und -würde. Schnell sitzen wir zwischen den Stühlen. Eins aber muss klar sein: Wer sich äußert wie dieser Pfarrer, darf sich nicht wundern, als das bezeichnet zu werden, was er ist – ein Antisemit.

  2. Alreech 21. August 2011 um 10:04 #

    Na, dann dürfen sich die Polen und Tschechen auch nicht wehren, wenn schlesische und sudetendeutsche Freiheitskämpfer Aktionen gegen Bürger dieser Staaten unternehmen ?

  3. Goofos 21. August 2011 um 16:31 #

    Der letzte Absatz ist wohl problematisch, impliziert es doch recht einfach wer gegen Israel ist, ist homophob und gegen Homosexualität, wer für die Freiheit und Rechte von Homosexuellen ist, ist für die uneingeschränkte Unterstützung Israels. Das sind zwei Themen die nicht miteinander vermischt werden sollten und ansonsten zu einem gefährlichen Spiel werden. Was ist wenn sich Rechtsradikale für die uneingeschränkte Unterstützung der Rechte und Freiheit von Homosexuellen aussprechen, müsste man auch dann die rechtsradikale Ideologie uneingeschränkt unterstützen um der Homophob-Keule zu entgehen? Ich glaube kaum, dass sich Homosexuelle dafür instrumentalisieren lassen wollen.

  4. Damien 22. August 2011 um 11:06 #

    @Goofos: „Der letzte Absatz ist wohl problematisch, impliziert es doch recht einfach wer gegen Israel ist, ist homophob und gegen Homosexualität, wer für die Freiheit und Rechte von Homosexuellen ist, ist für die uneingeschränkte Unterstützung Israels.“
    Nein, das impliziert er nicht. Es gibt viel zu viele Israelkritiker und – feinde, die homosexuell oder für die Rechte von Homosexuellen sind. Nachvollziehbar finde ich das allerdings nicht, da Israel das einzige Land in der Region ist, in dem Homosexuelle Bürgerrechte haben. Da ist es kein Wunder, dass Rechtsradikale mit den arabischen Diktaturen sympathisieren, wo man die Juden und die Schwulen gleichermaßen hasst.
    Selbst wenn sich Rechtsradikale für Homosexuelle äußern würden, wieso sollte man dann deshalb ihre Ideologie unterstützen müssen? Um welcher Keule zu entgehen?

  5. Goofos 22. August 2011 um 14:38 #

    @Damien
    Ich denke du vermischt hier ein paar Sachen die nicht zwangsläufig zusammen gehören und auch nicht zusammen gehören sollten. Du schreibst selber wenn sich Rechtsradikale für Homosexuelle äußern würden, müsse man deshalb nicht ihre rechtsradikale Ideologie unterstützen. Gleiches sollte wohl auch für Israel gelten. Weil sich Israel für Homosexuelle äußert, bedeutet das nicht, dass man deshalb uneingeschränkt alle anderen Positionen Israels unterstützen müsste. Ansonsten ist man eben wieder dabei, wer gegen Israel ist, ist automatisch gegen Homosexuelle. Ebenso, wie du geschrieben hast, ist Israelkritik nicht nachvollziehbar weil schließlich Israel das einzige Land in der Region ist, in dem Homosexuelle Bürgerrechte haben. Das ist die Keule die quasi zu einem Freifahrtschein für Israel wird jegliche Postion damit zu verteidigen, Israel ist für Homosexuelle. Das hat schon einen faden Beigeschmack der Instrumentalisierung Homosexueller auf deren Rücken nicht nur die Position Israels für Homosexuelle verteidigt wird.
    Und ich meine die Keule funktioniert, wir streiten uns schließlich noch lange nicht über die Frage ob Kritik am Agieren Israels legitim und berechtigt ist.

    • Damien 22. August 2011 um 15:21 #

      @Goofos: „Weil sich Israel für Homosexuelle äußert, bedeutet das nicht, dass man deshalb uneingeschränkt alle anderen Positionen Israels unterstützen müsste.“ Woher kommt eigentlich das Bedürfnis, immer wieder auf dem Recht zu bestehen, Israel kritisieren zu dürfen – als wenn eben das nicht tagtäglich rund um die Welt geschähe?
      „Ebenso, wie du geschrieben hast, ist Israelkritik nicht nachvollziehbar weil schließlich Israel das einzige Land in der Region ist, in dem Homosexuelle Bürgerrechte haben.“ Du hast den Satz danach nicht beachtet: „Da ist es kein Wunder, dass Rechtsradikale mit den arabischen Diktaturen sympathisieren, wo man die Juden und die Schwulen gleichermaßen hasst.“ Ich glaube, dass es kein Zufall ist, dass ausgerechnet Israel das homofreundlichste Land der Region ist. Und ich glaube, dass Leute, die Wert darauf legen, zu betonen, dass Kritik am Agieren Israels legitim ist, dahinter häufig schlicht ihren Hass auf Israel verbergen.
      Das mit der Keule verstehe ich immer noch nicht, denn wir streiten schließlich.

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