Das Wesentliche der Botschaft ist, dass die Realität nicht so wichtig ist, wie der Glaube an die Botschaft selbst

21 Sep

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) zeigt sich in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ leicht überfordert:

Die Proteste am Rande des Papst-Besuchs richten sich vor allem gegen die Sexualmoral der katholischen Kirche. Haben Sie Verständnis dafür, dass sich etwa Homosexuelle diskriminiert fühlen?

Dass man die Heterosexualität als den Normalfall und den von der Natur und Gott vorgesehenen Fall ansieht, ist eine feste Überzeugung der Kirche. Darüber kann man auch anderer Meinung sein, aber man muss sich deshalb nicht diskriminiert fühlen.

Schon alleine diese Antwort hat mehrere Schwachstellen. Erstens behauptet nämlich selbst der Papst, dass die Homosexualität ein von Gott vorgesehener „Fall“ ist, man dürfe sie eben bloß nicht ausleben. Und zweitens richtet sich der Unmut eben gegen eine katholische Sexualmoral, die sämtliche Ausdrucksformen der Sexualität herabwertet, wenn sie nicht im Rahmen der Ehe stattfinden.

Ist es nicht diskriminierend, wenn Homosexuelle ihre Sexualität nicht ausleben dürfen, wie es der Katechismus gebietet? Wie würden Sie reagieren, wenn Sie betroffen wären?

Ich glaube, mit solchen Fragen begibt man sich in eine Klein-Klein-Diskussion, die das Wesentliche überdeckt.

Falsch, denn genau solche „Klein-Klein-Diskussionen“ sind das Wesentliche, denn sie berühren den Kern dessen, was Moral, menschliche Realität und Menschlichkeit erst ausmachen.

Für Friedrich jedoch liegt der Kern eher im Unbestimmten, im Wagen, in etwas, das man nicht näher definieren muss:

Es gibt eine Sehnsucht der Menschen nach geistlichen Werten. Das hat sich zuletzt erst wieder beim Besuch des Papstes in Madrid gezeigt. Der Papst gibt den Menschen mit der christlichen Botschaft, für die er steht, Hoffnung. Man braucht nur in die Gesichter junger Gläubiger zu sehen, um das zu erkennen.

Aber was genau ist denn die christliche Botschaft, Herr Friedrich? Ist es Liebe, Barmherzigkeit, Mitgefühl? Wenn ja, warum dürfen dann Liebe und Sexualität nur in einer bestimmten Art und Weise stattfinden. Warum werden Menschen, die anders lieben als Sünder abqualifiziert? Warum erdreisten sich alte Männer mit Keuschheitsgelübde dann, Urteile über das Liebes- und Beziehungsleben von Menschen abzugeben?

Das alles sind durchaus grundsätzliche Fragen, die nur derjenige als „Klein-Klein“ abqualifizieren kann, die die schiere Existenz einer Religion mit Moral verwechselt. Doch beides ist eben nicht dasselbe, wie sich auch in einer weiteren Antwort von Herrn Friedrich zeigt:

Sollte der christliche Glaube eine größere Rolle in Deutschland spielen?

Ja, denn überall dort, wo Religion keine Rolle mehr spielt, ist die Gefahr des Abgleitens in Menschenverachtung und Diktatur sehr groß.

Wie bspw. im Iran, in Saudi-Arabien, Nigeria, Uganda…

Ich glaube, dass es heilsam für Gesellschaften ist, wenn Religion die Verantwortung gegenüber Gott und den Mitmenschen einfordert.

Allgemeinplätze ohne Aussagekraft. Denn welche Verantwortung gegenüber Gott und den Mitmenschen ist denn gemeint?

Religiöse Menschen haben eine positive Einstellung zum Leben und ihren Mitmenschen.

Vor allem haben nicht wenige von ihnen die Einstellung, sich beständig in das Leben ihrer Mitmenschen einmischen und darüber urteilen zu müssen.

Ich glaube, dass die Rede des Papstes eine große Chance für uns bietet, innezuhalten und uns auf das Grundsätzliche zu besinnen.

Und was wäre dieses Grundsätzliche?

Wie schon gesagt, es ist eine Chance, über den Tellerrand zu blicken.

Na dann, Herr Friedrich ergreifen Sie diese Chance! Schauen Sie über den Tellerrand, gehen Sie morgen zur Gegendemonstration, sprechen Sie mit den Protestierenden und bringen Sie in Erfahrung, warum es Menschen gibt, die wegen „Klein-Klein“ auf die Straße gehen. Dann nämlich werden Sie erfahren, dass die päpstliche christliche Botschaft und dessen Gleichsetzung mit göttlicher Moral sich auf das reale Leben vieler Menschen auswirkt. Und das nicht nur zum Guten.

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