Ich hab geträumt, der Winter wär‘ vorbei…

23 Sep

Beim Frühstück lese ich in der Tageszeitung Auszüge aus der Rede von Ratzinger vor dem Bundestag:

Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.

Das klingt auf den ersten Blick sympathisch. Und dann lese ich bei meiner täglichen Bibellektüre die Worte Jesu:

Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?

Und dann habe ich mich gefragt, wie wir diese Bibelstelle in unserem befreiungstheologischen Gottesdienstkreis, den ich vor acht Jahren verlassen habe und an den ich in der letzten Zeit immer häufiger und gerne zurückdenke, diskutiert hätten.

So vielleicht: Nachfolge Christi ist nicht umsonst zu haben, hat Konsequenzen, ist kein billiges Nachplappern von wohlklingenden religiösen Phrasen, mit denen man nirgendwo aneckt. Nachfolge Christi ist nicht bequem und führt nicht in den Mainstream.

Wer unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen nur nach sich schaut und seinem materiellen Erfolg, der tut sich auf Dauer keinen Gefallen, denn er sorgt mit dafür, dass diese Welt immer verrückter wird.

Wer aber gegen den herrschenden Zeitgeist daran festhält, dass diese Welt, so wie sie eingerichtet ist, nicht der Weisheit letzter Schluß ist, dass die Fenster, wenigstens im Denken, aufgerissen werden können – und müssen, dass und damit diese Welt viel weiter ist als wir täglich glauben sollen und Himmel und Erde uns offen stehen, der ist für diese Welt und ihre falschen Alternativen verloren – und gewinnt eine Perspektive, die den Unterschied ums Ganze macht.

Den Traum von einer Welt, in der kein Mensch mehr hungern muss, in der alle Menschen Wohnung haben, Bildung, Gesundheitsversorgung, Kultur, in der Genuss nicht verteufelt wird, in der man für sich sein kann und genauso gut mit anderen, kurz: in der die Herrschaft von Menschen über Menschen ebenso abgeschafft ist wie die subjektlose Herrschaft des Kapitals.

So vielleicht hätten wir den Text zu diskutieren begonnen. Dabei stehen wir heute an scheinbar völlig unterschiedlichen Punkten. Ich selbst empfinde mich zur Zeit auf der Suche, knüpfe an Altes an, ohne es aufwärmen zu wollen und ohne neue Erkenntnisse ignorieren zu müssen. Keine Ahnung, wo das hinführt. Nur diesen Traum, von einer Welt, in der man „ohne Angst verschieden sein kann“, den bekomme ich einfach nicht aus dem Kopf.

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8 Antworten to “Ich hab geträumt, der Winter wär‘ vorbei…”

  1. robert 24. September 2011 um 19:09 #

    das problem mit traeumen ist, dass sie nur geschehen, wenn man schlaeft. und menschen, die versuchen, allein von hoffnung zu leben, werden verhungern. unsere spezies mag fuer vieles geeignet sein, ein paradies jedoch gehoert nicht dazu.

  2. Damien 26. September 2011 um 12:00 #

    Lieber Robert,
    MLK hatte einen Traum und der ist Wirklichkeit geworden, Menschen werden nicht mehr weger ihrer Hautfarbe diskriminiert – jedenfalls weniger als früher. Schwule hatten den Traum, sich nicht länger verstecken zu müssen und nicht länger Menschen 2. Klasse zu sein. Das war ihnen Hoffnung und die hat ihren Kampf inspiriert. Frauen haben für das Wahlrecht gekämpft und es gewonnen. Dir werden genug weitere Beispiele einfallen, wo Menschen geträumt haben, weil sie ohne Hoffnung auf Verbesserung ihrer Lage nicht mehr leben konnten oder wollten.
    Und: Woher nimmst Du die Gewissheit, wir Menschen wären für ein Paradies nicht „geeignet“?

  3. Adrian 26. September 2011 um 12:01 #

    Kommt darauf an, was ihr beide unter „Paradies“ versteht.

  4. Damien 26. September 2011 um 15:24 #

    @Robert, Nachtrag: Was, außer Affirmation oder Ignoranz gegenüber dem bestehenden Schlechten, wäre denn Dein Vorschlag?

  5. Damien 28. September 2011 um 13:35 #

    @Adrian: Zum Beispiel eine Welt, in der es keinen Krebs mehr gibt.

  6. Yadgar 28. September 2011 um 19:33 #

    Wie kommst du als schwuler Christ eigentlich mit Röm 1:26,27 klar? Oder als Quasi-Anarchist mit Röm 13:1ff?

    • Damien 28. September 2011 um 22:51 #

      @Yadgar: In Römer 1:26-28 geht es um Heterosexuelle, die homosexuellen Geschlechtsverkehr haben. Es geht also nicht um Schwule und Lesben. Um Christen geht es dort übrigens auch nicht: http://www.zwischenraum.net/04roemer.htm
      Römer 13,1-7 kann als Text interpretiert werden, der nicht den Unterwerfungsstrategien irgendwelcher Obrigkeiten als nützlicher Idiot dient, sondern im Gegenteil diese Strategien in ihrer Relativität offenbart und den verrückten Weg der Vollmacht der Angesprochenen bestärkt. (Quelle)

  7. Adrian 28. September 2011 um 20:28 #

    @ Damien
    Ja, das wäre schön.

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