Bibel, Burka und Bikini

30 Sep

Als ich kürzlich gefragt wurde, wie ich als „Quasi-Anarchist“ mit Römer 13:1ff klarkomme, musste ich nicht lange nach einer Antwort suchen. Ich zitierte:

Römer 13,1-7 kann als Text interpretiert werden, der nicht den Unterwerfungsstrategien irgendwelcher Obrigkeiten als nützlicher Idiot dient, sondern im Gegenteil diese Strategien in ihrer Relativität offenbart und den verrückten Weg der Vollmacht der Angesprochenen bestärkt.

So lautet das Fazit eines Übersetzungsvorschlags des Theologen und Ökonomen Franz Hinkelammert, der zu spannend ist, um in einem Kommentar unterzugehen. In einer Besprechung eines Buchs von Hinkelammert (runterscrollen, es ist die letzte auf der Seite) in einer linken Zeitschrift aus dem Jahre 2001 finde ich den negativen Bezug auf die Postmoderne bemerkenswert. Die mittlerweile für die Linke weitgehend hegemoniale Begeisterung für die Postmoderne ist also keine 1o Jahre alt! Ein Buch mit dem Titel „Der Schrei des Subjekts“ könnte heute wohl kaum noch mit einer derart positiven Besprechung in einer linken Zeitschrift rechnen. Sympathisch an dem Theoretiker Hinkelammert finde ich seinen Praxisbezug. Mitstreiter aus einem ebenfalls linken Zeitschriftenprojekt schrieben über den Befreiungstheologen:

Die Redaktion war häufig erstaunt, von welchem beinahe heiligen Zorn dieser sonst so sanft erscheinende Riese gepackt werden konnte, wenn wieder einmal jemand, der eigentlich zum Dienst am Menschen verpflichtet war, das Unrecht zu beschönigen suchte. Der Erzbischof Valenzuela von Valparaíso zum Beispiel: Als dieser mitten im Wüten der Mörderbanden des Militärs nichts Besseres zu verkünden wusste als eine Warnung an die jungen Frauen, sie müssten das Tragen von Bikinis am Strand von Viña del Mar unbedingt unterlassen, konnten wir Franz nur schwer die Beschimpfungen ausreden, mit denen er Hochwürden publizistisch buchstäblich zur Sau gemacht hätte.

Was für ein Unterschied zu heutigen Linken wie der hochgelobten Judith Butler, die

vor „Entfremdung und Zwangsverwestlichung“ warnt, die der „Verlust der Burka“ mit sich führen könne

– welche Beschimpfungen wohl zu diesem Versuch, das Unrecht zu beschönigen, passen würden?

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2 Antworten to “Bibel, Burka und Bikini”

  1. Yadgar 4. Oktober 2011 um 00:03 #

    @Adrian:
    „Was für ein Unterschied zu heutigen Linken“

    In den 70ern gab es sie halt noch, die lässig-langhaarigen Sponti-Hedonisten… während in der heutigen Linken die verbohrten Ideologen dominieren, wahlweise in antideutscher und antiimperialistischer Geschmacksrichtung – wobei der Dritte-Welt-Authentizitätskitsch (wo fängt solidarisierungswürdige Exotik eigentlich an? Schon bei Sorben, Lemken und Lipowanen? Oder muss man dafür mindestens nach Kurdistan?) wohl vor allem von den Antiimps kultiviert wurde…

    • Damien 4. Oktober 2011 um 08:55 #

      @Yadgar: Nix Adrian, it’s me, Damien. 😉

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