„Ich bin kein Anti-Semit“

1 Nov

Wer einen Text über Israel mit diesen Worten beginnt, braucht von der Geschichte Israels keine Ahnung zu haben. Er braucht auch nichts zu wissen von der Shoah und so wird ihm die Gründung Israels zum Rätsel:

Zweiter Weltkrieg hin, zweiter Weltkrieg her. Ich habe bereits geschrieben, dass ich mich vom Holocaust und jeder Ausländerfeindlichkeit entschiedenst distanziere.

Wie konnten damals 1948/49 denkende Menschen hingehen und Israel erneut ins Leben rufen? Der Grund dafür war nicht, dass in Palästina gerade „Platz“ war, um dort Menschen anzusiedeln. Nein, der Grund war ein altes religiöses Buch – die Bibel oder von mir aus auch die Torah (das Alte Testament der Juden).

Holocaust hin, Holocaust her, das interessiert doch keinen mehr. Vor allem, wenn man sich der Gegenwart zuwendet:

Es ist doch völlig klar, dass hier massiven Probleme auftreten würden.

Nun ist dem Schreiber vor Ort immerhin aufgefallen, dass eigentlich nur eine Seite Probleme hat, Israel nämlich, und zwar solche, die von außen an es herangetragen werden:

Waren Sie mal in Israel? Ich war 1995 da. Die Papierkörbe in Jerusalem haben eine Stahlbeton-Ummantelung (!). Warum? Weil man Angst hat, dass jemand dort Bomben plaziert. Jede israelische Kleingruppe ab ein paar Personen hat Anspruch auf bewaffnete Soldaten. Bei Klassenfahrten sitzen Soldaten mit Maschinengewehren im Bus. An jeder Hausecke (so hatte ich es empfunden) stehen Soldaten. Das ganze Land ein einziges Pulverfass.

Für unseren Schreiber scheint Israel irgendwie selbst schuld an der jetzigen Situation zu sein:

Haben Sie schon mal in die Bibel gesehen und nachgelesen, wie Israel denn nach Palästina gekommen ist? Völkermord. Frauen, Kinder, Alte und Kranke. Alles wurde umgebracht, ausgerottet aus dem Land Kanaan, das JHWH seinem Volk verheißen hat.

Bemerkenswert  ist, dass der Schreiber sein Blog eigentlich gegründet hat, um seinen Ausstieg aus dem konservativen Christentum zu dokumentieren. Die Konsequenzen, die er daraus zieht, sind allerdings recht eigentümlich:

Möglicherweise wäre sowas wie der 11. September 2001 ohne dieses Israel niemals passiert.

„Dieses Israel“? Der Schreiber meint

ein Volk Israel auf einem Pulverfass mit Atombombe.

Für einen Deutschen wird es nun Zeit für ein Gefühl:

Mir macht das Angst.

Nicht nur die israelische Atombombe macht ihm Angst, auch die Schwulen sind ihm nicht ganz geheuer. Eigentlich schreibt er über sie nur, um konservativen Christen in die Parade zu fahren, die Schwulen das Leben schwer machen. Dabei stellt er zu Beginn seines Posts fest:

Ich bin nicht homosexuell – um das gleich klarzustellen. Im Gegenteil, ich empfinde den Gedanken als außerordentlich abstoßend.

Das gilt nicht nur für ihn selbst. So schreibt er einem Kritiker:

Übrigens finde ich den Gedanken an sexuelle Praktiken unter Männern genauso abstoßend wie Sie.

Und nicht nur den Gedanken, sondern offenbar auch den ersten Schwulen, den er traf:

K. war der erste, der mir zuerst von seiner Neigung und nachdem ich dies nicht verstand, von seiner homosexuellen Neigung erzählte. Das war um 1990 und K. gehörte zur Jugend der Gemeinde, in der ich quasi meine ersten christlichen Schritte unternahm. Er war dort sehr umstritten. Dies sicher auch zurecht, denn es gab da einige Vorfälle mit Minderjährigen und wenn mich nicht alles täuscht, zahlte er damals noch in monatlichen Raten eine Geldstrafe ab.

Auf Nachfrage eines irritierten Kommentators ergänzt der Schreiber:

Als er 29 war, betrieb er Jugendarbeit und hing sehr viel mit 16-jährigen rum. Da werden sicher auch 15-jährige dabeigewesen sein. Als jemand, der mit ihm in einer WG gewohnt hat sagen wir mal so: ich kann mir vorstellen, was passiert ist.

Doch der Schreiber kann sich nicht nur vorstellen, was passiert ist, er gibt auch einen ganz praktischen Tipp zum Besten:

Wenn man ein paar (non-sexuelle) Erfahrungen mit Homosexuellen gemacht hat, erkennt man einige schon an der Art, wie sie einem die Hand geben.

Die einen erkennt man an der Nase, die anderen daran, wie sie einem die Hand geben. So klingt das also, wenn einer kein Anti-Semit sein und nur mal eben ein paar Gedanken zu Israel loswerden will.  Deutlich wird daran, wie sehr man auch nach dem Ausstieg aus einem Glauben(ssystem) noch im alten Denken gefangen sein kann. Und dass weder Antisemitismus Antijudaismus noch Homophobie eine Domäne der christlichen Rechten ist.

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3 Antworten to “„Ich bin kein Anti-Semit“”

  1. Alreech 1. November 2011 um 20:25 #

    Man braucht weder den Zweiten Weltkrieg noch den Holocaust um das Existenzrecht Israels an dieser Stelle zu begründen.
    Immerhin gab es schon immer in dieser ehemaligen osmanischen Provinz jüdische Einwohner.
    Wenn die Araber nach dem Zerfall des osmanischen Reichs ein Recht hatten in ihren Siedlungsgebieten einen oder mehrere Staaten zu gründen dann gilt das auch für die Juden.

  2. morus 1. November 2011 um 21:06 #

    @Alreech
    Man braucht weder den Holocaust, noch andere historische Gegebenheit um das Existenzrecht Israels zu begründen.
    Heute, im Hier und Jetzt gibt es den Staat Israel. Allein durch diesen Umstand hat er das Recht zu Bestehen und sich gegebenfalls auch zu verteidigen bereits erlangt. Allerdings braucht er dazu nicht meine „Genehmigung“ und auch nicht die eines ach so nicht antisemitschen Bloggers, denn er erkämpft sich selbst dieses Recht, jeden Tag aufs Neue.

  3. jo 6. November 2011 um 15:24 #

    Ich hab mir erspart, deinen kompletten Artikel zu lesen, nachdem ich den polemischen Unterton herauslesen hatte.

    Vielleicht solltest du das Thema der Webseite Jesus-Offline verstehen, bevor du einen Artikel völlig zweckentfremdest. Auf der Webseite, auf die du dich beziehst, geht es um den bibeltreuen christlichen Glauben und Leute, die damit schlechte Erfahrungen gemacht haben. Es geht um Zirkelschlüsse, die sich aus der bibeltreuen Auslegung der Bibel ergeben und einer Tendenz, seinen Verstand für seinen Gott an der Garderobe abzugeben.

    Ich war 1995 in Israel, ich habe Kontakte nach Israel und ich habe auch nichts gegen Israel. Warum auch? Ich finde Kontakte in andere Kulturen sehr bereichernd.

    Was mein Artikel bemängeln soll, ist die bibeltreue Begründung für ein Israel. Das ist alles. Und das habe ich durch die Formulierungen, mit denen du mich hier vorführen möchtest, versucht deutlich zu machen.

    Darum nochmal für dich: Ich habe nichts gegen Israel und auch nichts gegen andere Menschen aus anderen Ländern. Mein Artikel handelt von der bibeltreuen Bibelauslegung und zeigt auf, dass diese Art eines Lebenskonzepts problematisch ist. Die Auseinandersetzung mit einem angeblich biblisch prophezeiten Wiedererstenes Israels ist darin lediglichein Mosaikteilchen, das du fälschlicherweise irgendwie antisemitisch interpretieren möchtest.

    Wir leben in einem freien Land – du darfst das tun, wenn du möchtest. Aber es zeigt, dass du den Sinn der Webseite von der du zitierst, nicht verstanden hast.

    Das war mein Statement. Zerreiße es, wenn du möchtest – für mich ist hier EOD.

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