Herr, ebne vor mir deinen Weg!

2 Nov

Die heutige Losung spricht mich an und irritiert mich im nächsten Moment. Deinen Weg? Wieso nicht meinen Weg?

Ich halte inne und erinnere mich an die Worte aus dem Vaterunser: Dein Wille geschehe. Hier nun die Bitte oder gar der Befehl an Gott, mir einen Weg zu bereiten. Mir persönlich. Da geht es um Beziehung, zwischen mir und Gott. Es geht nicht um pauschale Ansagen, so und so sollt Ihr leben. Denn dann bräuchte ich nicht darum bitten, dass Gott seinen Weg vor mir ebnet. Dann reichte ein Hinweis auf den Weg, den alle zu gehen haben.

Und, so glaube ich, hier geht es auch nicht darum, das Gott von mir erwartet, was ich nun im Einzelnen zu tun hätte oder auch, dass er nur bereit wäre, mir für jeden Moment zu sagen, was ich tun soll. Ich darf und soll selbstverantwortlich Entscheidungen treffen, in der Freiheit, zu der Gott uns geschaffen hat. Ich verstehe den Psalmbeter eher so, dass jemand auf der Suche ist und diese Suche mit Gott zusammen weiterführen will. Dafür bittet er um Gottes Orientierung, so eine Art göttlichen Wegweiser.

In mir entsteht das Bild eines wilden Durcheinanders in einer Landschaft, in der so viel Geröll herumliegt, dass kaum ein Weg erkennbar ist. Vielleicht gibt es hier und da einen Pfad, den andere vor mir gegangen sind. Verlockend, weil schon vorbereitet, vorgegangen. Vermutlich wäre das bequemer als selbst einen Weg zu suchen. Andere fragen mich vielleicht sogar, warum ich es mir so schwer mache und nicht den Weg gehe, den die meisten gehen.

Doch ich will hören auf den Gott, der mir seinen Weg zeigen will. Mehr noch, zeigen und ebnen. Das heißt, der Weg wird vielleicht nicht immer leicht zu gehen sein – sonst bräuchte Gott ihn nicht zu ebnen -, aber Gott macht ihn mir leichter, er macht ihn für mich gangbar. Ich glaube nicht, dass dieser Weg von Gott festgelegt, vorherbestimmt ist, im Sinne von, heute, jetzt, gibt es eine einzige richtige Handlungsmöglichkeit. Ich glaube, es gibt Alternativen, die alle ans Ziel führen. Es geht eher darum, dass wir uns überhaupt auf den Weg machen, Gottes Angebot, uns den Weg zu ebnen, bewußt annehmen und im Dialog mit ihm den Weg suchen.

Und es geht darum, wie wir uns auf den Weg machen. Bereit zur Kurskorrektur, wenn wir erkennen, dass wir in eine Sackgasse geraten sind. Bereit zu Umwegen. Auch dankbar sind für Umwege, die uns zu Menschen und Situationen führen können, die wir sonst nie erlebt hätten.

Gottes Weg für uns muss kein gerader sein. Er kann Kurven beinhalten, Schleifen und Hürden. Manchmal können uns Abkürzungen, Schleichwege und Hilfsmittel unnötige Mühe ersparen. Denn auch dann gilt: Der Herr ebnet vor dir seinen Weg!

_______________________________________________________________________________________________________________________________________________

Natürlich ging mir beim Schreiben auch mein Weg als schwuler Christ durch den Sinn. Aber ich habe es bewußt offen geschrieben, so dass sich andere vielleicht auch mit ihrer Geschichte darin wiederfinden können.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: