Eine Geschichte aus Tausendundeiner Nacht

17 Nov

Denke ich an den real existierenden Islam, fallen mir spontan folgende Assoziationen ein: antiwestlich, antiindividualistisch, antikapitalistisch, antisemitisch, archaisch, kollektivistisch, regressiv, totalitär, intolerant, verknöchert, spießig, langweilig, unausgegoren und bar jeder spirituellen Essenz. Und natürlich extrem homophob.

Selbstverständlich wissen wir spätestens seit Georg Klauda, dass die angebliche Homophobie des Islam nichts weiter ist als ein Produkt des Westens, welcher die Kategorie des „Homosexuellen“ ja erst erfunden und in die islamische Welt exportiert habe, worauf der Moslem gar nicht anders konnte, als den schönen Knaben, den er eben noch gefickt hat, am nächsten Baukran aufzuhängen.

Eine ähnliche These vertritt der Arabist Prof. Thomas Bauer, der

im Rahmen der Ringvorlesung „Geschlecht und Politik“ des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ über „Männerliebe in der islamischen Geschichte und Gegenwart“

referierte und zu dem Schluss kam:

Die heutige Homophobie stehe nicht in einer islamischen Tradition.

Na, da ist doch wunderbar, das macht uns gleich leichter, den Islam zu mögen, zumal ja sowieso überhaupt gar nichts, was einem am Islam schlechtes einfallen kann, dem Islam selbst anzulasten ist. Und Homophobie gleich gar nicht:

Der Islam ist Experten zufolge mehr als tausend Jahre lang tolerant mit Homosexuellen umgegangen. „Dass es heute in muslimischen Ländern handfeste Schwulen-Verfolgungen bis hin zu Hinrichtungen gibt, lässt sich nicht auf eine lange religiöse oder kulturelle Tradition zurückführen“, sagte Arabist Prof. Dr. Thomas Bauer am Dienstagabend in Münster. „Vielmehr blickt der Islam auf eine tausendjährige Geschichte reicher homoerotischer Kultur zurück.“ Im Rechtswesen dieser Zeit seien sexuelle Männer-Beziehungen nicht bestraft worden.

Dann aber geschah etwas schlimmes:

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts sei aber die wirtschaftliche und militärische Überlegenheit des Westens erdrückend geworden. „Mit einem moralischen Überlegenheitsgefühl trat der Westen gegenüber dem vermeintlich dekadenten Orient auf, arabische Intellektuelle und Politiker verordneten ihren Landsleuten rasch diese Moral.“

Mit dem Koran, bzw. einer strengen Auslegung religiöser Schriften, könne man die Homophobie im Islam jedenfalls nicht erklären:

Die damaligen Rechtsaussagen zum Thema Männerliebe wurden nicht dem Koran entnommen, der wenig Aussagen dazu mache, wie der Experte sagte. Die wenigen Stellen, die hier oft zitiert würden, seien „höchst interpretationsbedürftig“. Prof. Bauer: „Die Textstellen mögen alles Mögliche meinen, nur sicher nicht das westliche Konzept von Homosexualität, das es zu koranischer Zeit gar nicht gab.“ Das Konzept aus dem 19. Jahrhundert unterscheide zwischen „Sex“, den ein Mensch körperlich erfahre, und „Sexualität“ als Veranlagung – ob hetero- oder homosexuell – die seine Identität bestimme. Ohne das Konzept, das in der Moderne viel Schaden angerichtet habe, sei Liebe zwischen Männern „unproblematisch“.

Ja, man liest richtig: Sex zwischen Männern ist solange unproblematisch, solange niemand darauf hinweist, dass man homosexuell sei. Das ist klaudaistische Theorie at its Best: Die Verfolgung der Schwulen habe ihre Ursache letztendlich in der Erfindung des Schwulen. Denn nur die Erfindung eines Subjekts mit dem Namen „Homosexueller“, mache es möglich, dieses Subjekt als das „Andere“ zu identifizieren. Und wie jeder weiß, kann man gar nicht anders, als das „Andere“ zu unterdrücken.

Ausgehend von Klauda und Bauer lässt sich die Homophobie in der islamischen Welt also folgendermaßen erklären:

An einem wie üblich trockenheißen Wüstentag in Bagdad, vergnügt sich ein Araber mit einem schönen jungen Knaben. Er vögelt ihn so richtig durch, nimmt ihn von hinten mit purer Ekstase, und beide sind so richtig geil. Selbstverständlich ist keiner von ihnen homosexuell, das Konzept gibt es schließlich nicht.

Auf einmal klopft es an der Tür und ein weißer Mann tritt ein – vermutlich Brite – fasst sich vor Entsetzen an die Brust, und befielt den beiden, mit diesem lasterhaften Treiben aufzuhören. „Warum“, so fragt der Araber, den Schwanz immer noch im Hintern des schönne jungen Knaben, „das ist unsere Kultur, und was fällt Dir imperialistischen Zionisten ein, mir zu sagen, was ich zu tun habe?“

„Immer ruhig“, entgegnet der weiße Mann, “ es liegt mir fern, Dich zu belehren, aber weißt Du nicht was Du da tust? Du bist ein Homosexueller und vollführst einen homosexuellen Akt.“ Der Araber überlegt kurz und zieht schließlich den Schwanz aus dem Hintern des schönen jungen Knaben, der sich erstaunt und verwundert in die Ecke des Bettes zurückzieht „Niemand solle mir nachsagen“, sagt der Araber, „dass ich nicht bereit wäre , die überlegenen Theorien westlicher Zionisten wenigstens anzuhören. Lass uns eine Wasserpfeife rauchen und darüber diskutieren.“

Also diskutieren sie, bis spät in die Nacht, es ist schon kühl und die Schakale heulen, als der Araber auf einmal aufspringt und voller Enthusiasmus in die Küche stürmt, wo sich der  schöne junge Knabe während des gesamten Gesprächs aufgehalten hat. „Du bist schwul“, schleudert ihm der Araber mit entrüstetem Tonfall entgegen, „Du lässt Dich ficken wie eine Frau und es gefällt Dir auch noch. Es mag in Ordnung sein, wenn echte Männer sich ab und an hinter verschlossenen Türen gegenseitig einen runterholen, aber homosexuelle Subjektwerdung können wir nicht dulden, denn dann siehst es hier in Bagdad bald so aus wie auf den Straßen Londons, New Yorks und Tel Avivs.“

“ Ich verstehe“, entgegnet der schöne junge Knabe, „auch wenn ich nicht weiß wo Tel Aviv liegt“ (man bedenke, wir schreiben das Jahr 1880). „Aber ich möchte auf keinen Fall ein Schwuler sein, das ist etwas furchtbares, schmutziges, etwas, das vermutlich nur Juden tun.“

„Es heißt Zionisten“, bellt der Araber, „wir Moslems haben nichts gegen Juden, außer sie leben direkt unter uns. Aber im Grunde hast Du verstanden, Homosexuelle können wir nicht dulden, der weiße Mann hat mir erklärt, was passiert, wenn man es dennoch tut.“

„Ich verstehe vollkommen“, so der schöne junge Knabe, “ und auch wenn wir Moslems alles ablehnen, was uns der weiße Mann mit seinen imperialistischen Bestrebungen bringt, so denke ich, dass wir bei der Verachtung des homosexuellen Subjekts eine Ausnahme machen sollten. Ich bin also bereit, meine Strafe auf mich zu nehmen.“

„Du zeigst wahren Mut im Angesichts des Satans, der Dich befallen hat. So komme denn mit auf den Marktplatz, wo man Dich hinrichten wird.“

„Ich bin bereit“, so der schöne junge Knabe, „aber eine Frage habe ich noch. Was passiert eigentlich mit Dir?“

„Was soll mit mir passieren“, fragt der Araber, „ich habe Dich doch nur gefickt, aber das heißt doch noch lange nicht das ich schwul bin. Willst Du sagen, das ich schwul bin, oder was?“

„Nein“, entgegnet der schöne junge Knabe, „niemals würde ich das andeuten. Doch nun lass uns hinausgehen, damit ich mich vor Allah verantworten kann.“

Und so kam es, dass durch den Einfluss westlicher Imperialisten, der islamische  Welt klargemacht wurde, dass es zwar okay ist mit einem Mann zu ficken, aber nur solange man sich nicht als schwul bezeichnet.

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2 Antworten to “Eine Geschichte aus Tausendundeiner Nacht”

  1. Thommen, 61 17. November 2011 um 23:42 #

    Du solltest Herrn Klauda nicht auf den Leim gehen! Denn in der Bibel gibt es auch Liebe zwischen Männern, die sogar kostbarer ist als Frauenliebe…

    Ich sehe nicht ein, warum der Westen Schuld an dem Problem haben sollte. Ausserdem solltest Du auf die Formulierungen achten, die er im Text verwendet. Er beschreibt selber den Fick völlig aus westlichen Augen!

    Es gibt übrigens auch noch andere literarische Belege zu dem „Problem“ – aus früheren Zeiten und sogar noch aus der Zeit, als die bösen Imperialisten bereits herrschten…

    Wenn den Ländern etwas an ihrer Kultur gelegen hätte, hätten sie die „fremden“ Gesetze längst abschaffen können…

    Allein schon der Blick auf Afghanistan und die Rolle der Taliban zeigt die Widersprüche innerhalb dieser Kultur. Der Fick ist nun mal auch ein Ausdruck von Herrschaft (nicht von Frauschaft!) und dem unterwerfen sich viele Männer sehr gerne – nicht nur westliche. Denn das Patriarchat steht auf dem Matriarchat und so profitieren letztlich alle davon.

    Homosexualität und Begriffsdefinition machen etwas fassbar, was viele niemals aufgeben möchten, weil das „Unausgesprochene“ bestehende Verhältnisse nicht zu ändern droht. Denn die Gedanken sind frei! 😉

  2. pedro luis 18. November 2011 um 14:07 #

    Wie denn der westliche Imperialismus überhaupt und ausnahmslos an allen Übeln jedweder Art im Rest der Welt schuld ist.

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