Eine andere Frisur ist möglich!

8 Dez

Mumia Abu-Jamal, die nach Che Guevara wohl beliebteste Popikone der radikalen Linken, soll nun doch nicht hingerichtet werden. Anlass zur Freude darüber haben grundsätzliche Gegner der Todesstrafe. Politische Gründe, nun auch die Freilassung Abu-Jamals zu fordern, ihn gar zum Helden zu stilisieren, gibt es keine. Zur Erinnerung: Abu-Jamal ist Unterstützer und Mitglied von MOVE.

MOVE wurde im Jahr 1972 als Christian Movement for Life vom charismatischen Führer Vincent Leaphart alias John Africa gegründet. Africa, ein funktionaler Analphabet, diktierte dem graduierten Studenten Donald Glassey ein Dokument, dass als The Guideline bekannt wurde. Darin befürwortete er eine Rückkehr zu einer Gesellschaft von Jägern und Sammlern und lehnte wissenschaftlichen, technischen und medizinischen Fortschritt ab.

Und das mussten auch Menschen ausbaden, die mit der Gruppe gar nichts zu hatten:

Ab 1975 häuften sich Anwohnerbeschwerden über Müllansammlungen, Fäkaliengeruch, Rattenplagen und Verstößen gegen die Bauvorschriften. MOVE kompostierte Müll und menschliche Ausscheidungen im Hinterhof des Hauses. Aufgrund ihrer Position zu Tierrechten sahen sie es als moralisch falsch an, Ungeziefer zu töten.

Weniger Skrupel bei dem Versuch der Tötung, allerdings von Menschen, bewiesen Unterstützer von Abu-Jamal im Jahre 2004 auf dem „Karneval der Kulturen“ in Berlin:

Am frühen Abend des 30. Mai zog der ‚Karneval der Kulturen‘ lautstark durch Kreuzberg und Neukölln. Mitten drin der Wagen des ‚Aktionsbündnis Mumia Abu-Jamal‘, das vornehmlich aus Mitgliedern und Sympathisanten der RIM [Revolutionary International Movement] oder auch RK [Revolutionäre Kommunisten] oder auch Volkswiderstandsbewegung der Welt [World People’s Resistance Movement] getragen wird. Ein Mitglied der RIM/RK trug ein T-Shirt mit dem Aufdruck ‚Antizionistische Aktion‘ in Form des ‚Antifa-Aktions-Zeichens‘. [Das Emblem der ‚antizionistischen Aktion‘ ist übrigens eine Erfindung des Neonazis Michael Kühnen.] Aus einer Gruppe am Rande des Aufzuges feiernder Menschen riefen zwei von insgesamt fünf Antifas dem T-Shirt-Träger daraufhin zu, dass Antisemiten hier nichts zu suchen hätten. Es kam zu einem verbalen Schlagabtausch und ein wenig Geschubse. Was bis zu diesem Moment allenfalls die Stimmung der feiernden Menschen in Mitleidenschaft gezogen hätte, entwickelte sich zu einem Angriff, bei dem der Tod der beiden Antifas in Kauf genommen wurde: Mit dem Ruf „Hier sind die Zionisten!“ stürmten rund 30 Mitglieder und Sympathisanten der RIM/RK los und machten regelrechte Hetzjagden auf die fünf am Rande stehenden Antifas. Zwei von ihnen konnten nicht rechzeitig abhauen und wurden getrennt voneinander brutal zusammengeschlagen. Einem am Boden liegenden Antifa traten etwa acht Leute ausschließlich und gezielt gegen den Kopf, um ihn dann, als er glücklicherweise wieder aufstand, erneut mit Schlägen gegen den Kopf zu bearbeiten. Das Ergebnis ist eine Schädelprellung sowie Hämatome und Abschürfungen am ganzen Körper. Damit nicht genug: Dem anderen Antifa wurde, nachdem man ihn zusammen geschlagen und eine Rippe angebrochen hatte, ein Messer in die Hüfte gerammt.

Zurück zu MOVE. Als Vorbild für ihre vom dem verhassten „System“ befreite neue Gesellschaft gilt ihnen die Natur. Und so haben Beziehungen exakt einen erlaubten Zweck: Nachwuchs zu produzieren. Alles andere, wie Homosexualität, Empfängnisverhütung oder Abtreibung,

gehört in MOVEs streng dichotomischem Weltbild auf die Seite des Systems, das als ganzes zu verschwinden habe.

Bis dahin gilt: Eine andere Frisur ist möglich!

Die Revolution, für die MOVE kämpft, findet auf jeder Ebene statt. Daß die Frauen ihre Babys auf natürliche Weise zu Hause zur Welt bringen und sich dafür nicht auf die Krankenhäuser und die medizinische Technologie des Systems verlassen, das ist revolutionär. Weißt Du, wie sehr das den Gesundheitsapparat trifft? Wieviel Geld ihnen dadurch verloren geht? Oder: Wir kämmen unsere Haare nicht, wir lassen sie wachsen. Wir tragen kein Make up, keine Kosmetik. Weißt Du, was das für die Kosmetikindustrie bedeutet?

Wie gut, dass dieser Haufen militanter Missionare niemals mehr als ein paar Dutzend Mitglieder sein Eigen nennen konnte. Denn diese belassen es ja keineswegs dabei, glücklich vor sich hin zu stinken, sondern kämpfen für die Gültigkeit der von ihnen entdeckten Naturgesetze für alle Menschen – egal, ob die damit Beglückten das wollen oder nicht.

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3 Antworten to “Eine andere Frisur ist möglich!”

  1. Yadgar 9. Dezember 2011 um 01:51 #

    Ja ja, spinnerte Alternativ-Sekten… in den wilden 70ern (und auch noch den 80ern) fielen Leute, die sich für links hielten, auf jede Menge reaktionären Kokolores rein, solange dieser reaktionäre Kokolores entweder

    a) bunt und langhaarig bzw. zumindest nicht in Schlips und Anzug und damit erkennbar etabliert daherkam, also z. B. Bhagwan/Osho, AAO, Bund gegen Anpassung, es gab Anfang der 80er Jahre ein „fischer alternativ“-Paperback mit dem Titel „Oasen der Freiheit“ (!), wo sogar fundamentalistische Mennoniten (Hutterer) als widerständiges Gegenmodell zum Industriekapitalismus angepriesen wurden – oder

    b) sich als authentische Stimme der Dritten Welt, pardon, des Trikont natürlich, oder jedenfalls überhaupt der Opfer des bösen, bösen westlichen Imperialismus produzierte („Befreiungsnationalismus“): IRA, ETA, Leuchtender Pfad, PKK, FARC, Polisario (die Fässer „Naher Osten“ und „Iran“ will ich erst gar nicht aufmachen, das allerdings auch deshalb, weil es sonst sofort wieder Beifall von Leuten gibt, die ebenfalls voll auf reaktionären Kokolores aller Art abfahren, sich dabei aber noch nicht nicht einmal für links halten…)

    Das funktionierte aber auch nur deswegen und solange, wie sich die dezidiert Rechten entweder verschämt in miefigen Vorstadtkneipen herumdrückten und/oder als schweigende Mehrheit dem konservativen Establishment die Treue hielten – da war jegliche Opposition per se links, egal wie abgedreht sie daherkam.

  2. crumar 14. Dezember 2011 um 19:41 #

    Wow. Nachdem du der Demokratie ja schon eine Absage erteilt hast, muss jetzt auch noch die Geschichte eine böse Abfuhr von dir hinnehmen.

    Die Auseinandersetzungen um MOVE gingen nämlich weiter und endeten 1985 so:

    „The police lobbed tear gas canisters at the building and the fire department battered the roof of the house with two water cannons. MOVE members fired on the police, and the police responded by returning fire.

    A police helicopter then dropped a four-pound bomb made of C-4 plastic explosive and Tovex, a dynamite substitute, onto the roof of the house.

    The resulting explosion caused incendiary materials listed in the police indictment, and stored by MOVE in the house, to catch fire, thus causing the house to catch fire. The resulting fire ignited a massive blaze which eventually destroyed 65 houses.
    Eleven people, including John Africa, five other adults and five children, died in the resulting fire.“ Wikipedia zu MOVE

    Es überlebten dieses Attentat der Polizei (ich denke, dass eine 2 Kilo Bombe C4 auf eine Haus in Friedenszeiten genau dies ist) eine (1) Frau und ein (1) Kind.

    MOVE war damit ausgelöscht – du bräuchtest dir um die Frisuren der Toten wenig Gedanken zu machen.

    Was MOVE mit irgendwelchen Rechtsradikalen oder Spinnern 2004 (!) zu tun haben soll ist mir schleierhaft – aber deine guilt by association Nummer scheint für dich ja zu funktionieren.

    Na dann wünsche ich dir noch viel Spaß bei weiteren Geschichtsfälschungen.

    crumar

    • Damien 15. Dezember 2011 um 12:03 #

      @crumar: Das mit der Demokratie war Kollege Adrian, btw.
      Wie die Auseinandersetzungen um MOVE endeten, ist völlig unerheblich für meinen Artikel. Mir ging es darum, deutlich zu machen, dass Abu-Jamal für aufrechte Menschen nicht als Held dienen kann, weil er reaktionäre politische Ansichten vertritt.
      Dazu passt dann durchaus die Unterstützung durch Linksextremisten, die Du – man kann da angesichts des Auftretens schon einmal durcheinander kommen – als rechtsradikal bezeichnest.
      Was das alles mit Geschichtsfälschung zu tun haben soll, das bleibt Dein Geheimnis.
      Die Geschichte von MOVE endet übrigens keineswegs 1985:

      Ramona Africa ist die momentane Sprecherin der Gruppe und hält Vorträge bei linken Veranstaltungen in den USA und in anderen Ländern. Darüber hinaus versucht die Gruppe die Freilassung des MOVE Sympathisanten Mumia Abu-Jamal zu erreichen, der seit 1981 für den Mord an dem Polizisten Daniel Faulkner in der Todeszelle einsitzt. Dessen Unterstützergruppe Concerned Friends and Relatives of Mumia Abu-Jamal wird vom Gruppenmitglied Pam Africa geleitet.

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