Brot und Boden

21 Jan

Da sind also in Berlin heute einige Tausend Demonstranten auf die Straße gegangen, um gegen die „Agrarindustrie“ zu demonstrieren. Wohlstandsverwöhnte Großstädter, die in ihrem Leben noch keine Hacke und keine Mistgabel in der Hand gehabt haben, und die den Unterschied zwischen Weizen- und Mutterkorn nicht kennen, fordern doch tatsächlich:

„Wir haben es satt! Bauernhöfe statt Agrarindustrie“.

Die Demonstranten selbst verbinden natürlich mit Bauernhöfen nichts weiter als den Hahn der auf dem Mist kräht, das güldene Getreide das sich im Wind wiegt, den stattlichen Kirschbaum im Vorgarten und putzige Ferkel, die man auf den Arm nehmen und streicheln kann. In bester deutsch-romantischer Tradition verklären sie das Landleben als Hort der Geborgenheit und Reinheit, und der Bauer dient ihnen als Projektionsfläche für das idyllische Leben auf dem Dorfe, welches man gegen die dekadente großstädtische, kapitalistische Zivilisation ausspielt, die man selbst natürlich nicht missen möchte. Schließlich ist es auf dem Land schwer, einen anständigen Szene-Club oder ein Vier-Sterne-Restaurant zu finden indem man die Speisen genießen kann, für die der Bauer in harter Arbeit die Grundlagen gelegt hat, eine Arbeit die allerdings wesentlich erleichtert wurde, seitdem es die böse Agrarindustrie gibt.

Auch Niko Hübner, ein 19-Jähriger aus Prenzlauer Berg, ist gekommen, gekleidet in ein pinkfarbenes Schweinchenkostüm. „So wie im Moment Lebensmittel und Tiere erzeugt werden, kann es nicht weitergehen“, sagt er. Er wolle gegen Massentierhaltung und für eine nachhaltige Landwirtschaft auf die Straße gehen.

Hübner hat natürlich keine Ahnung davon, dass die momentane Erzeugung von Lebensmitteln und Tieren, ihm und allen anderen Menschen der westlichen Welt mit eine beispiellosen Angebot an Nahrungsmitteln versorgt, die so reichhaltig, nahrhaft, günstig und hygienisch sind, wie es sich seine Großeltern im Traum nicht vorstellen konnten.

„Nachhaltige Landwirtschaft“? Ja, nachhaltig wäre es, wenn Hübner  aufs Land ziehen würde, um selbst die Felder zu bestellen, oder den Stall auszumisten, und sich im Schweiße seines Angesichts sein Brot anzubauen, so wie es Jahrtausendelang fast alle Europäer tun mussten, ständig bedroht von Hungersnot, Krankheiten und das alles in bitterer Armut.

Und überhaupt: Wer zwingt die Protestierenden denn, Nahrungsmittel zu konsumieren, die von der Agraindustrie erzeugt wurden? Gibt es in Berlin, und besonders in Hübner’s Prenzlauer Berg, nicht mittlerweile genügend Einrichtungen die als Alternative Bio- bzw. ökologisch erzeugte Nahrungsmittel anbieten, was immer dieses „bio“ und „ökologisch erzegt“ auch heißen soll? Warum zum Teufel wollen diese Leute ihren Geschmack der ganzen Gesellschaft aufzwingen?

Ich für meinen Teil bin mit Lebensmitteln aus dem konventionellen Supermarkt vollauf zufrieden, ich schätze die Vielfalt der Erzeugnisse die mir die Agrarindustrie bietet, und vor Gentechnik fürchte ich mich ungefähr so sehr, wie vor Regen im November.

Wer „Bio“ essen will, bitte. Man kann sogar mit einigen Recht gewisse Methoden der Landwirtschaft und sogar Massentierhaltung kritisieren. Doch dieses naive, unwissende, ahistorische Gebahren über die Mechanismen der Nahrungsmittelproduktion und die schwärmerische Heilserwartung an ökologisch korrekt geführten Bauernhöfe grenzen an religiösen Fanatismus.

Aber bei Lichte betrachtet, ist die grüne Weltanschauung ja auch nichts anderes…

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8 Antworten to “Brot und Boden”

  1. Julian 21. Januar 2012 um 20:33 #

    Ich hab ja keine Ahnung wie alt du bist und was für dich die Großeltern-Generation ist, aber du willst nicht ernsthaft die Qualität des Fleischs von heute mit der zu Zeiten des zweiten Weltkriegs vergleichen?

  2. Yadgar 21. Januar 2012 um 21:00 #

    „Wohlstandsverwöhnte Großstädter, die in ihrem Leben noch keine Hacke und keine Mistgabel in der Hand gehabt haben“

    Mal eine kritische Frage, Damian: bist du stattdessen ein armutsgestählter Hinterwäldler und von Kindesbeinen an mit Hacke und Mistgabel per Du?

    Sicherlich nicht, sonst hättest du weder einen Computer, kenntest das Internet maximal vom Hörensagen und würdest deine Homosexualität chrrrrrrrristlich-konserrrrrrrrvativ abspalten (und ab und zu müsste der Knecht vom Nachbarhof dran glauben)…

    Fragt sich nur, wie lange das mit unserem „dekadenten Wohlstand“ noch so weiter geht – wenn ab 2020 die weltweite Ölförderung zusammenbricht (post-Peak Oil-Decline), wird auch die Nahrungsmittelproduktion ÜBERALL AUF DER WELT!!! auf einen Bruchteil zusammenbrechen – Landmaschinen laufen fast ausschließlich mit Diesel, und Kunstdünger hat als Ausgangsstoff Erdgas, dessen Fördermenge eng an die von Erdöl gekoppelt ist.

    Und jetzt stelle dir ein Deutschland vor, das statt 80 nur noch 8 Millionen Menschen ernähren kann… richtig, die Leichenberge der Verhungerten, Erfrorenen und an Seuchen elendig Verreckten (ohne Petrochemie auch keine moderne Pharmazeutik!) werden sich vor allem in den Städten türmen!

    Und von den wenigen Überlebenden werden fast alle notgedrungen Bauern sein müssen, angesichts der bestehenden Eigentumsverhältnisse größtenteils in neo-feudalistischen Strukturen. Menschenrechte, Emanzipation, individuelle Freiheit – schon unsere Kinder werden davon nichts mehr wissen, es wird die Knute regieren. Zumal sich auch in religiöser Hinsicht, den Lebensverhältnissen angepasst, knallharter Fundamentalismus durchsetzen wird, je nach Region evangelikal, ultrakatholisch oder islamistisch.

    Für Homosexualität wird es keinen Platz mehr geben, Du und ich werden auf Scheiterhaufen brennen – sofern wir den Decline bis 2030 überhaupt überleben!

    • Adrian 21. Januar 2012 um 23:30 #

      @ Yadgar
      Den Beitrag habe ich, Adrian, verfasst

      „bist du stattdessen ein armutsgestählter Hinterwäldler“

      Armutsgestählt nicht, aber durch Wohlstand und Stadtleben noch nicht so „korrumpiert“, dass ich keine Ahnung mehr von den Ursprüngen des Wohlstands und der Nahrungsversorgung habe.

      „und von Kindesbeinen an mit Hacke und Mistgabel per Du?“

      Ja, das bin ich.

      Im Übrigen frage ich mich, wie Du darauf kommst, dass die Erdölförderung zusammenbricht. Das hat man, so weit ich mich erinnere, schon des Öfteren vorhergesagt.

  3. Adrian 21. Januar 2012 um 23:49 #

    @ Julian
    Du kannst auch gerne die Generation vor und nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Geburt von Niko Hübner zu Rate ziehen, das würde mein Argument nicht im Geringsten entkräften

  4. Yadgar 22. Januar 2012 um 00:42 #

    Hi(gh)!

    „Im Übrigen frage ich mich, wie Du darauf kommst, dass die Erdölförderung zusammenbricht.“

    Z. B. hier:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Globales_%C3%96lf%C3%B6rdermaximum

    Ich könnte mir vorstellen, dass es vorher zur einer massiven Verdrängung dieser Zukunftsaussichten kommen wird, dass rechtspopulistische Angstbürger, die um ihren Wohlstand, ein sozialdarwinistisches Sarrazinisten-Regime an die Macht wählen werden, unter dem es dann erst zu unorganisierten Pogromen gegen die Hassobjekte der PI-Nazis (also Muslime, Arbeitslose, Schwule, Linke, Grüne, Feministinnen), bald aber schon zu systematischem Massenmord nach NS-Vorbild kommen wird!

    Wer weiß, vielleichten enden du und ich nicht erst 2035 auf den Scheiterhaufen des postindustriellen Mittelalters, sondern schon 2016 in den Gaskammern von Neu-Auschwitz!

  5. Adrian 22. Januar 2012 um 11:34 #

    @ Yadgar
    Vielleicht hast Du es auch eine Nummer kleiner mit Deinem Holocaust-Neid?

  6. Martin 22. Januar 2012 um 14:36 #

    @Yadgar, an allem vorbei nur mal kurz hiertu: „Mal eine kritische Frage, Damian: bist du stattdessen ein armutsgestählter Hinterwäldler und von Kindesbeinen an mit Hacke und Mistgabel per Du?

    Sicherlich nicht, sonst hättest du weder einen Computer, kenntest das Internet maximal vom Hörensagen und würdest deine Homosexualität chrrrrrrrristlich-konserrrrrrrrvativ abspalten (und ab und zu müsste der Knecht vom Nachbarhof dran glauben)…“

    Dir ist wahrscheinlich gar nicht bewusst wie frech und beleidigend das ist. Als ich aufgewachsen bin war das nicht im Luxus sondern auf der schwäbischen Alb, mitten auf dem Land, in einem 1000 Einwohner Kaff. Ich BIN mit Hacke und Mistgabel aufgewachsen, zum Abitur, Studium, Computer samt Internet hat es dann trotzdem gereicht. Aber vielleicht bin ich ja nur die Ausnahme unter den hinterwäldlerischen Trotteln.

    Adrians Kritik ist berechtigt, auf die Straße zu gehen und Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft zu fordern (was immer das für den Einzelnen bedeuten mag) ist einfach. Aber das das von Leuten gefordert wird die keine Ahnung von der Materie haben ist ein Problem, hinterher ist das Geschrei groß wenn man ein Vermögen für Karrotten bezahlen muss. Mich erinnert das an das große Rumgetue von wegen alle sollten doch Ihre Autos abschaffen und öffentliche Verkehrsmittel nutzen, das mag super funktionieren wenn man mitten in der Großstadt hockt, aber wenn man auf dem Land wohnt ist man da gefickt. Das wissen die Leute mit Ihren Forderungen nur nicht.

    Und da liegt das Problem, das jeder Depp meint eine Meinung haben zu müssen aber keinen Bock hat sich über die Thematik zu informieren. Da hockt einer in Stuttgart, hat noch nie den Wald gesehen und meint er hätte die Weißheit mit Löffeln gefressen weil er „unser kleines Forsthaus“ oder ähnlichen Quark im Fernsehen guckt. Dann schleicht sich die Illusion ein das es doch total einfach wäre einen kleinen Hof zu führen, am besten ohne Traktor, Pferdepflug sieht doch viel heimelicher aus. Immer im Einklang mit der Natur und natürlich standesgemäß gekleidet.

    ABER, die Erdäpfel sollen bitte nicht mehr kosten als früher, und sie sollen auch genauso lange halten und so schön aussehen wie bisher. Ist doch ein Klacks, er läuft jeden Tag an bestimmt 4 Blumenbeeten vorbei, weiß also wovon er spricht…

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  1. Shining City » Blog Archive » Voreingenommenheit als Öko-Wahrnehmungsstruktur - 21. Januar 2012

    […] nicht als Öko-Fundis aufgefallen, während b.) in Deutschland tausende Öko-Wutbürger, die den Unterschied zwischen Weizen- und Mutterkorn vermutlich nicht wirklich kennen, mit der Losung „Wir haben es satt! Bauernhöfe statt […]

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