Männlich in den Tod

21 Jan

Mark Steyn ist ein konservativer Kolumnist, der schon seit Jahren den Untergang des Westens an die Wand malt, wobei er seinen Fokus auf Europa legt und dessen Unwilligkeit, die Bedrohung durch eine politischen Islam zu erkennen und gegen sie vorzugehen. So weit kann ich ihm zustimmen.

Was mir an Steyn missfällt ist allerdings jener dröger Kulturkonservatismus, der allzu schnell in Vorwürfe der Dekadenz gegenüber dem Westen im Allgemeinen und Europa im Besonderen zum Tragen kommt: Männer seien keine Männer mehr, Frauen keine Frauen mehr, zu wenige Kinder würden geboren und nun darf auch noch ein jugendlicher Transvestit den weiblichen Pfandfindern beitreten, weil er sich eher als Mädchen identifiziert.

Ja, es sind fürwahr schreckliche Zeiten in denen wir leben, zumal wenn man sie mit den Zeiten vergleicht, als Männer eben noch Männer waren – wie z. B. damals auf der „Titanic“:

On the Titanic, the male passengers gave their lives for the women and would never have considered doing otherwise. On the Costa Concordia, in the words of a female passenger, “There were big men, crew members, pushing their way past us to get into the lifeboat.”

[Auf der „Titanic‘ gaben die männlichen Passagiere ihr Leben für die Frauen und es wäre ihne niemals eingefallen, dies nicht zu tun. Auf der“ Costa Concordia“ dagegen, laut Aussage eines weiblichen Passagiers: „Starke Männer, Männer der Schiffsbesatzung, haben sich ihren Weg durch uns freigekämpft um in das Rettungsboot zu kommen.“]

Das Verhalten der Schiffsbesatzung ist in der Tat zu kritisieren, doch darum geht es Steyn nicht, der sich ausschließlich über die Tatsache beklagt, dass der Grundsatz „Frauen und Kinder zuerst“ nicht mehr gilt:

We are beyond social norms these days. A woman can be a soldier. A man can be a woman. A seven-year-old cross-dressing boy can join the Girl Scouts in Colorado because he “identifies” as a girl. It all adds to life’s rich tapestry, no doubt. But I can’t help wondering, when the ship hits the fan, how many of us will still be willing to identify as a man.

[Heute sind wir jenseits dieser sozialen Normen. Eine Frau kann ein Soldat sein. Ein Mann kann eine Frau sein. Ein sieben Jahre alter Junge in Mädchenkleidern kann in Colorado den weiblichen Pfadfindern beitreten, weil er sich als ein Mädchen „identifiziert“. Kein Zweifel, das gehört zum Pluralismus des Lebens. Aber ich komme nicht umhin mich zu fragen, wieviele von uns ihren Mann stehen werden, wenn das Schiff dem Untergang zusteuert.]

Es ist nicht ganz klar, was uns Steyn sagen will, außer dass er es bedauert, dass Männer heutzutage nicht mehr ohne Weiteres bereit sind, ihr Leben für Frauen zu geben. Doch warum sollte man dies bedauern?

Sicherlich, man kann darüber klagen, dass die Solidarität der Menschen untereinander nachlässt, oder dass sich die Menschen untereinander nicht mehr genügend unter die Arme greifen (wobei auch das zu beweisen wäre), aber zu suggerieren, dass ein Mann nur dann ein Mann ist, wenn er Frauen in die Rettungsboote hilft, während er selbst heroisch dem Ertrinken entgegensieht – ist das nicht ein bisschen, nun ja, reaktionär?

Warum ist Steyn der Meinung, ein Mann habe sein Leben nicht so wichtig zu nehmen wie das einer Frau, das Leben eines Mannes sei nicht so viel wert wie das einer Frau, und es sei die vornehmste Aufgabe des Mannes – und obendrein für die Aufrechterhaltung der westlichen Zivilisation unabdinglich – für sie sein Leben zu opfern?

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13 Antworten to “Männlich in den Tod”

  1. Yadgar 21. Januar 2012 um 21:10 #

    Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, wie man in meinem geliebten Afghanistan bei vergleichbaren Katastrophen (na ja, Afghanistan ist ein Binnenstaat, Schiffshavarien sind dort eher selten) vorgeht, weiß aber aus Schilderungen von westlichen Nothelfern, dass es in den 80er Jahren in den afghanischen Flüchtlingslagern gang und gäbe war, dass sich bei Lebensmittelverteilungen als erstes die erwachsenen Männer bei den hochwertigsten Lebensmitteln bedienten, während für Frauen und Kinder nur der Rest blieb, was bei ihnen regelmäßig zu Mangelerscheinungen führte. Das besserte sich erst, als die Hilfsorganisationen äußerlich unansehnliche (wie trockenes Brot) „fortified bisquits“, mit Vitaminen und Mineralstoffen angereicherte Spezialkekse ausgaben… Ritterlichkeit ist also nicht durchgehend ein Kennzeichen archaischer Gesellschaften!

  2. pedro luis 21. Januar 2012 um 23:08 #

    „Men are disposable!“
    Die Überwindung dieser Einstellung, die unverständlicherweise auch von vielen davon Betroffenen unhinterfragt akzeptiert wird (das geht von männlichen Sklaven-und Zwangsdiensten mit möglicher Todesfolge im Ernstfall bis zur erzwungenen „Selbstaufgabe“ des eigenen Lebens bei einer Schiffskatastrophe) muß eines der wichtigsten Ziele männlicher Selbstbefreiung aus überkommenen und als selbstverständlich angesehenen Normen werden!
    Aber die Chancen dafür stehen schlecht, da selbst viele Männerrechtler hier mit obsoleten Vorstellungen konform gehen.
    Jedes Leben (ja, auch das von Männern), ist gleich viel „wert. Solange die Gleichwertigkeit männlichen Lebens mit dem von Frauenundkindern nicht ethisch-moralisches Allgemeingut ist, sind alle Anstrengungen zur „Gleichwertikeit“ von Männern und Frauenunkindern zum Scheitern verurteilt.

  3. Jens 22. Januar 2012 um 00:33 #

    Bei Kindern kann ich es noch nachvollziehen. Nicht umsonst gibt es Gesetze die das Handeln von Kindern und Jugendlichen je nach ungefährem, mittleren Entwicklungsgrad festlegen. Geschäftsfähigkeit bedingt ab 7. Lebensjahr. Wählen ab 16/18.
    Kinder unterliegen aufgrund ihrer noch nicht fertig ausgebildeten gesitigen Reife einer gewissen Schutzbedürftigkeit.

    Erwachsene Frauen haben im Zuge des letzten Jahrhunderts zurecht dafür gekämpft als mündige Menschen wahrgenommen zu werden und die gleichen Rechte wie Männer zu haben. Auf der anderen Seite verlangen sie das altertümliche Geflogenheiten, die ihnen dienen, weiter aufrecht erhalten bleiben.

    Die Damen sollen sich entscheiden, entweder sie werden als erwachsene, gleichberechtigete Wesen behandelt und dazu gehört es gleichwertig neben dem Mann zu stehen und nicht über ihm, ohne Sonderrechte wie „Frauen zuerst“, oder wenn sie darauf nicht verzichten wollen, dürfen sie sich nicht wundern wenn sie nicht für voll genommen und auf der geistigen Stufe von Kinder gesehen werden.

    Zu einer echten Gleichberechtigung gehört auch die Absage an Sprüchen wie: “ Es kamen soundsoviele Menschen ums Leben, darunter auch Frauen und Kinder“.
    Der Mann ist nach dieser Aussage weniger Wert als die Frau und solche Sprüche sind in den Nachrichten gebräuchlich.
    Man stelle sich den Ansturm entrüsteter Feministinnen vor, wäre es umgekehrt.

  4. pedro luis 22. Januar 2012 um 01:25 #

    Cynicism always prevails.

    Und das ist da traurige Ende aller traurigen Geschichten.

  5. robert 22. Januar 2012 um 11:13 #

    warum sollte man dies bedauern? warum sollte man dies TUN?! die gleichsetzung von „mangelnder bereitschaft“, für andere in den tod zu gehen, warum auch immer man das tun sollte (weil „man das eben so macht“?!) mit „mangelnder solidarität“ ist schwer geistesgestört! aber in diesem fall letzten endes nur eine steigerung von schwachfug wie der unmännlichkeit wettergerechter kleidung oder von regenschirmen.

  6. Martin 22. Januar 2012 um 14:45 #

    Als Mann bin ich verwirrt, muss ich Frauen die Türe aufhalten? Darf ich überhaupt oder zählt das dann als Unterdrückung weil ich davon auszugehen scheine das eine Frau die Tür nicht selber öffenen kann? Ist ja auch egal, immerhin weiß ich das ich zuerst ins Graß beisen muss. Muss ich mir schon das Gekeife nicht mehr anhören das ich die Schwimmwesten vergessen hätte…

  7. mariaelisabeth 23. Januar 2012 um 19:27 #

    Ich fürchte es ist viel einfacher und hat was mit der Arterhaltung zu tun. Frauen und Kinder zu retten, wenn alle vom Tod bedroht sind, bedeutet, die Überlebenden haben bessere Chancen eine neue Gemeinschaft aufzubauen.
    Mit hundert Männern und zehn Frauen wird man in 20 Jahren weniger Nachkommen haben als mit hundert Frauen und zehn Männern…

  8. Gast 23. Januar 2012 um 22:56 #

    @mariaelisabeth,

    So ein Quatsch, in welchem Jahrhundert leben Sie?
    Es geht beim Untergang einzelner Schiffe und bei regional begrenzten Unglücken über die in Nachrichten berichtet wird, nicht um die Arterhaltung.

    Das traue ich sogar Nachrichtensprechern zu, das sie das unterscheiden können…

    • mariaelisabeth 24. Januar 2012 um 10:38 #

      es ging darum, wo das mit dem Retten von Frauen und Kindern
      herkommt, nicht darum, ob heute ein Nachrichtensprecher etwas unterscheiden kann – obwohl die Sache mit dem Unterscheiden können offensichtlich nicht so einfach zu sein scheint

  9. Adrian 24. Januar 2012 um 10:53 #

    @ marieelisabeth
    Wenn es um Arterhaltung ginge, wäre das Verhalten der Männer ja so etwas wie ein biologischer, evolutionärer Impuls. Ich will das nicht von vornherein abstreiten, aber was ist dann mit der Mannschaft der „Costa Concordia“ die es offenbar an „ritterlichem“ Verhalten gegenüber Frauen (und Kindern?) hat mangeln lassen?

    Dass Männer biologisch bzw. zur Arterhaltung unwichtiger sind als Frauen – worauf Deine These ja letztendlcih hinauslaufen würde – darüber will ich eigentlich nicht diskutieren, weil uns die Natur beweist, dass es prinzipiell stimmt.

    • mariaelisabeth 24. Januar 2012 um 11:10 #

      Missverständnis
      Ich wollte nichts zum „unritterlichen Verhalten“ der Männer an Bord des Luxusschiffs sagen, sondern nur die Frage beantworten, wie es überhaupt jemals zu der Idee kommen konnte, dass bei Situationen, wo das Leben der gesamten Gruppe bedroht ist und die zur Verfügung stehende Zeit/Kapazität zur Rettung begrenzt ist, Prioritäten gesetzt werden.

      Ansonsten, um rein bei der Biologie zu bleiben, haben Männer die höhere
      Überlebenschance, weil sie durch ihr besseres Verhältnis Masse/Muskeln weitere Strecken schwimmen, länger in kaltem Wasser bleiben können und im Zwiefelsfall ein Hindernis eher überwinden.
      Das ist aber auch schon alles, es ist im Grunde genommen eine Sortierung nach Stärke.

  10. Gast 25. Januar 2012 um 01:20 #

    Als Ursache für diese Aussage mag die Theorie mit der Arterhaltung stimmen, es bringt aber keine Erklärungen für die moderne Gegenwart.

    Es geht auch nicht nur um Sprüche wie „Frauen und Kinder zuerst“, die man noch mit männlicher Kraft und Überlebenswahrscheinlichkeit deuten kann,
    denn Aussagen wie “ unter den Opfern waren auch Frauen und Kinder“ sind damit nicht zu begründen, sowas besagt schlicht das es bei Frauen schlimmer sei wenn sie draufgehen als männliche Zivilisten, nur weil sie körperlich schwächer sind.

    Im Allgemeinen bleibt zu sagen das Frauen aufhören sollten ihre typisch weibliche Opferhaltung als Strategie einzusetzen.

  11. Robin 7. Februar 2012 um 05:01 #

    Vielleicht spielt auch mit rein, dass sich unter den Frauen als Schiffsunglücks-Opfer durchaus auch schwangere Frauen befinden können? Das wäre dann, je nach dem, welchen Wert man dem Embryo oder Fötus beimisst, bei einer toten schwangeren Frau 1 bis 2 Todesfälle.

    OT: Der Blog hier gefällt mir sehr gut, ich werde öfters vorbeikommen.

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