Die Freiheit zu l(i)eben

26 Jan

Der „Sex and the City“-Star Cynthia Nixon („Miranda“) hat unter Schwulen und Lesben offenbar einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Der Anlass sind Äußerungen  über Ihre Beziehung zu Männern und Frauen . Nixon hat jahrelang eine Beziehung mit einem Mann gehabt und lebt nun mit einer Frau zusammen.

Es ist äußerst schwer aus dem Wust von Berichten, die alle ein wenig anders zitieren und übersetzen, den eigentlichen Zusammenhang herauszufiltern, doch offenbar hat Nixon folgendes verlauten lassen:

Ich war hetero und ich war homo – und homo ist besser“, sagte sie. Die Frage, ob sie Frauen oder Männer lieben wolle, sei für sie – im Gegensatz zu vielen anderen Menschen – eine „freie Wahl“ gewesen.

Der Stein des Anstoßes ist dabei natürlich die Suggerierung, Homosexualität sei eine „freie Wahl“, etwas, was Homohasser jedweder Coleur gerne unterstellen, wobei ich persönlich bis heute nicht genau weiß, was damit eigentlich gemeint sein soll: Etwa dass Homos eigentlich auf das andere Geschlecht stehen, aber aus Jux und Dollerei oder um die Gesellschaft zu provozieren, dann doch lieber mit ihresgleichen ins Bett gehen? Oder dass Homos auf beide Geschlechter stehen, aber sich wiederum aus rätselhaften Gründen die Liebe und den Sex mit dem anderen Geschlecht versagen?

Eigentlich sieht die Sache doch ganz einfach aus: niemand kann kontrollieren, wen er begehrenswert findet und in wen man sich verliebt, insofern ist die sexuelle Orientierung natürlich keine „freie Wahl“. Das gilt natürlich auch für Nixon. Ich denke allerdings, dass sie es so, wie man es ihr in den Mund legt, gar nicht gemeint hat, denn

Sie wolle […] nicht, dass vergangene Beziehungen mit Männern durch ein Label entwertet werden würden: „Ich bin noch die selbe Person wie damals und lief nicht hilfesuchend im Nebel herum“, so Nixon. Sie sehe ein, dass ihre Worte aus politischen Gründen negativ aufgenommen werden könnten. Sie wolle sich aber nicht wegen den „Fanatikern“ verstellen.

Nixon wehrt sich ganz einfach gegen die strikte Definierung ihrer Sexualität als „lesbisch“ bzw. „homosexuell“, weil das bedeuten würde, dass ihre Beziehungen mit Männern irgendwie Schein wahren, eine Lüge, ein Verstellen ihres wahren Selbst:

Denn der Gedanke, sie könnte bereits vor ihrer Beziehung mit Marioni lesbisch gewesen sein, ohne es gemerkt zu haben, ist für Nixon „eine Beleidigung mir gegenüber, aber vor allem allen Männern gegenüber, mit denen ich je ausgegangen bin.“

Und auch wenn Nixon das Label „Bisexualität“ nicht mag – ganz offensichtlich ist sie genau das, sie steht sowohl auf Männer als auch auf Frauen, und es ist ihr möglich, mit beiden Geschlechtern Beziehungen zu führen, wenn auch nicht unbedingt in jedem Lebensabschnitt gleichzeitig. Und eben weil sie mit beiden Geschlechtern kann (oder konnte), ist ihre Sexualität in gewissem Sinne eben doch eine freie Wahl:

Nixon sagte, sie habe sich bewusst dazu entschieden, lesbisch zu leben.

Und das hat sie in der Tat. Genau wie ich mich bewusst entschieden habe, schwul zu leben. Denn seien wir ehrlich: ich könnte auch anders, genau so, wie jeder Hetero nur mit dem gleichen Geschlecht ins Bett gehen könnte. Doch was würde es bringen, gegen seine eigene Natur zu handeln, gegen sein Begehren, gegen sein innerstes Empfinden?

Niemand kann sich dafür entscheiden, schwul, oder lesbisch, oder bi, oder hetero zu sein. Aber wir alle haben die „freie Wahl“, so zu leben, wie es unseren Empfinden entspricht.

6 Antworten zu “Die Freiheit zu l(i)eben”

  1. Andreas 26. Januar 2012 um 17:50 #

    Der Fall liegt doch ganz einfach. Die Nixon ist bisexuell.

    Sie sagt: „Ich war hetero und ich war homo …“

    Falsch. Sie war niemals hetero, noch war oder ist sie jemals homo gewesen. Sie war immer bi. Lediglich hat sie eine Zeit lang ihre Hetero-, dann ihre Homo-Seite ausgelebt. Das hat sie aber zu keinem Zeitpunkt zur Hetera, oder Lesbe gemacht.

    >Niemand kann sich dafür entscheiden, schwul, oder lesbisch, oder bi, oder hetero zu sein. Aber wir alle haben die „freie Wahl“, so zu leben, wie es unseren Empfinden
    entspricht.

    Richtig. Aber nur Bi-Leute haben ein Empfinden, das tatsächlich diese Bandbreite an Optionen beinhaltet. Heteros und Homos sind festgelegt.

    Die Verwirrung stammt nur daher, dass Bisexualität nicht als eigenständige Kategorie erkannt wird.

  2. Martin 26. Januar 2012 um 19:12 #

    „Niemand kann sich dafür entscheiden, schwul, oder lesbisch, oder bi, oder hetero zu sein…“ Ich bin gespannt ob ich es noch erleben werde das dieser simple Fakt allgemein genau als das erkannt wird, Fakt. Heute habe ich meinen zynischen 😦

  3. Andreas 26. Januar 2012 um 22:03 #

    PS:

    Die Auffassung, die sexuelle Orientierung sei kulturell verursacht, kann auch nur von Bisexuellen geglaubt werden, meiner Meinung nach. Die Gesellschaft transportiert tatsächlich nahezu ausschließlich Heteronormativität. Das führt bei Bisexuellen dazu, dass er oder sie zunächst nur seine heterosexuelle Komponente wahrnimmt. Die Homo-Komponente ist aber auch da und meldet sich auf kurz oder lang. Das ist dann das „coming out“. Der oder die Bisexuelle erkennt dann, dass bei ihm oder ihr selbst die Homo-Seite durch gesellschaftliche Trendvorgaben zunächst im Hintertreffen war und – jetzt kommt der Fehler – glaubt von sich auf andere schließend, die Homosexualität werde generell durch die gesellschaftliche Heteronormativität ausgeblendet, die Heterosexualität durch die Gesellschaft erzeugt.

    Heterosexualität und Homosexualität sind aber originär. Die werden nicht kulturell geprägt oder erzeugt, sondern sind im Individuum von vornherein angelegt. Die Ursachen sind meines Wissens nach nicht bekannt, nicht erforscht. Ich glaube, ein Hetero ist schon zum Augenblick seiner Geburt Hetero. Bei Homos ist es analog. Mit der Pubertät wird diese eindeutige Ausrichtung bei beiden nur mit dem Erwachen der Sexualtitä aktiviert. Heteros und Homos haben also kein coming out. They just get started.

    Was die gesellschaftliche Heteronormativität betrifft, so merkt sie der Hetero gar nicht. Die gesellschaftlichen Normen sind wie er es sich gar nicht anders vorstellen kann. Es gibt für ihn kein Problem. Es gibt für ihn diesbezüglich keine Frage, kein Hinterfragen. Wozu auch? Die Welt versteht sich ihm von selbst so wie sie ist. Eine kognitive Dissosanz tritt erst dann auf, wenn der Hetero erstmals die Lebenseindrücke von Homos vernimmt. Er versteht die Welt, besser gesagt, diese Person mit ihrer Ausrichtung nicht.

    Beim Homo natürlich anders. Die gesellschaftlichen Normen sind im Konstrast zu dem, was er inuitiv und unveränderlich in sich fühlt. Daher ist die Sexualität für den Homo etwas zu Erklärendes.

    So reime ich mir das zurecht …

  4. Jens 27. Januar 2012 um 00:37 #

    Guter Kommentar@Andreas, ich sehe es genauso.

  5. Eugen 28. Januar 2012 um 11:07 #

    Vorab: Ob Cynthia Nixon (habe sie nie gesehen) homo, hetero, auto oder zero ist, geht mir total wo vorbei. Aber gay west ist ein schönes blog. Guter „spirit“. Ab sofort bin ich schwul 😉

    „Niemand kann sich dafür entscheiden, schwul, oder lesbisch, oder bi, oder hetero zu sein…“ eine Feststellung, die ich durchaus teile.

    Aber eine Frage in die Runde, zu der quantitativ bemerkenswerten Überschneidung zwischen dem lesbischen und dem feministischen Kosmos. Da scheint mir zumindest die Wahl nach der Lebensform nicht immer ganz so freiwillig – in der einen wie in der anderen Richtung. Wie sehen das die Teilnehmer hier? Oder sollen wir uns gleich darauf verständigen, dass uns das ebenfalls „total wo vorbei gehen“ kann ?-)

  6. bajazbasel 28. Januar 2012 um 20:53 #

    Erstens darf jedeR Hetero/a auch gay leben und zweitens, wo ist denn das coming out der Bi? Ich sehe es nirgend. Nur dauernde Klagen über Schwule, die für ihren occasionellen Sex kein Verständnis hätten! Ich habe noch nie gelesen – mit Namensangabe, dass Bisexuelle sich durch Sex mit Frauen oder Heteronormativität diskriminiert fühlten…

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