Egalität und Elite

18 Jun

Bei NovoArgumente ist ein Artikel zum Thema „Genderpädagogik“ erschienen. Dort heißt es zur Situation in Schweden:

Noch verschärft wurde die Debatte durch die weitergehende Forderung, dass die Schulen selbst auch geschlechtsneutral sein sollen, um den Kindern die Möglichkeit zu bieten, sich selbst weder als männlich noch als weiblich zu definieren, falls diese es wollen.

Die Begründung finde ich spontan durchaus sympathisch. Es geht um mehr Wahlfreiheit, da steht schließlich „falls dies es wollen“. Ein sinnvolles Ziel also, würde ich sagen. Wie aber erreicht man dieses? Wie wird eine Schule geschlechtsneutral? In Schweden scheint darüber ein wahrer Kulturkampf ausgebrochen zu sein, denn

als die Grünen kürzlich vorschlugen, man solle an jeder Vorschule in Stockholm Genderpädagogen einstellen, warf man ihnen vor, eine extremistisch-feministische Agenda zu betreiben

wobei ich mich frage, wie man von Genderpädagogik auf Extrem-Feminismus kommt

und dabei nicht die Interessen der Eltern zu berücksichtigen.

Ich dachte, es geht um die Interessen der Kinder?

Als sich herausstellte, dass einige Vorschulen geschlechtsspezifische Bezeichnungen aus ihrem Vokabular verbannt hatten, kam es zu einer Art nationalem Aufruhr.

Nun, ich könnte mir Schlimmeres vorstellen, als dass einige Vorschulen bestimmte definierende Bezeichnungen nicht verwenden.

Gibt es Argumente gegen die Genderpädagogik?

Elise Claeson, Kolumnistin und ehemalige Gleichstellungs-Expertin des schwedischen Berufsverbandes,

 – gemeint ist die Schwedische Vereinigung der Berufsverbände, was auch eindeutig die naheliegendere Übersetzung ist, da man sich sonst doch fragen würde, Beufsverband wovon? – weiß über Gender-Pädagogen zu berichten:

sie benehmen sich wie eine Elite,

was in einem Land, das die Egalität liebt, natürlich schon mal ganz böse ist. Aber es ist noch viel schlimmer:

Sie sind

bah!

für gewöhnlich gut ausgebildet, leben

nochmal bah!

in großen Städten, verfügen 

ganz bah!

über Kontakte zu den Medien und verachten

mega bah!

eindeutig traditionell lebende Menschen, sprich: Heterosexuelle, die in Kleinfamilien leben.

Alles Lesben, oder was?

Was hat die also vermutlich schlecht ausgebildete auf dem Dorf lebende medienkontaktlose Cleason noch zu beanstanden? Sie stört sich an dem Wörtchen

„hen“ (es), des neuen, geschlechtsneutralen Pronomens, das vor Kurzem in die Online-Version der National-Enzyklopädie aufgenommen wurde. Zur gleichen Zeit wurde Schwedens erstes geschlechtsneutrales Buch veröffentlicht. Der Autor, Jesper Lundqvist, benutzt das Wort „hen“ sein ganzes Buch hindurch und meidet die Worte „han“ und „hon“, schwedisch für „er“ und „sie“, gänzlich.

Man könnte meinen, dass es in Schweden sonst keine Bücher gibt. Da gibt es also nun eines, das geschlechtsneutrale Formulierungen enthält. Und jetzt? Droht der Untergang des Abendlands, was sonst? Aber warum eigentlich? Was ist an einem geschlechtsneutralen Wort so schlimm? Cleason will uns weismachen, ein solches sei

schädlich für Kinder, da es verwirrend für sie sein könne, wenn man ihnen gegenläufige Botschaften hinsichtlich ihres Geschlechts in der Schule, zu Hause und in der Gesellschaft als Ganzer vermittle.

Wieso ist Neutralität gegenläufig? Wäre nicht das Gegengeschlecht gegenläufig?

Für Kinder ist es wichtig, dass sie in ihrem Geschlecht bestätigt werden. Das schränkt Kinder nicht ein. Es macht sie mit ihrer Identität vertraut … Es sollte Kindern erlaubt sein, langsam und natürlich aufzuwachsen.

Was immer diese Frau unter natürlich versteht…

Als Erwachsene können wir uns dann entscheiden, unsere geschlechtlichen Identitäten zu erweitern oder zu ändern.

Wie weltfremd ist das denn? Tatsache ist doch, dass Familie, Kindergarten, Spielplatz, Schule, Fernsehen, etc. von Anfang an eine eindeutige geschlechtliche Zuordnung erwarten und diese bei Bedarf auch mit medizinischer und staatlicher Hilfe erzwungen wird. Selbstverständlich auch gegen den Willen der Eltern, wenn die so renitent sind, die Bedürfnisse ihrer Kinder in den Mittelpunkt zu stellen und nicht das gesellschaftliche Bedürfnis nach eindeutigen Zuschreibungen.

Wer diesen Terror unbeschädigt überlebt, muss eine hohe Widerstandsfähigkeit haben. In einer Schule, wie sie Frau Cleason propagiert, dürfte die jedoch nicht vermittelt werden.

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6 Antworten to “Egalität und Elite”

  1. Alreech 19. Juni 2012 um 01:09 #

    NaJa, wenn man sich anschaut wer in Deutschland eine genderneutrale Sprache verwendet denn könnte man auch sehr schnell zur Überzeugung kommen das es vor allem linke Spinner sind die diese Sprache zur Abgrenzung von – ihrer Meinung nach – reaktionären und geistig minderbemittelten Mitbürger_innen verwenden.

    Ich denken da nur an solche Höhepunkte der Revolutionslyrik in der z.B. besorgte Landwirt_innen und Freund_innen die Verantwortung dafür übernehmen das sie Wachmänner an einem Versuchsfeld mit Pfefferspray bedroht haben und sich darüber aufregen das sie als gewalttätig bezeichnet werden.

    Ich gehe aber mal davon aus das auch in Zukunft die Leser von Gay West vom BinnenI, GenderGap und * verschont bleiben, auch wenn sich die Autoren damit in die Riege der phallokratischen Patriachist_innen einreihen 😉

    Leider hab ich keine Webfilter gefunden die es erlauben automatische einen normalen Text in gendersprech zu übersetzen, das wäre für die Kommunikation mit solchen Männern, Frauen und geschlechtlich untentschlossenen sehr hilfreich.
    Sowas wie der legendäre Schwobifyer fehlt eben.

  2. Yadgar 19. Juni 2012 um 01:24 #

    Geschlechtsneutral! Das klingt mir aber eher nach radikalem Dekonstruktivismus, meinetwegen auch queer theory als nach herkömmlichem Gender Mainstreaming! Auf „Confessio“, dem radikalfeministischer Umtriebe sicherlich unverdächtigen Portal der Evangelischen Kirche in Sachsen gibt es einen ziemlich guten Artikel zum Thema „Gender Mainstreaming“, der auch gleich mit den im rechtspopulistischen und evangelikalen Milieu zirkulierenden paranoiden Mythen zum Thema aufräumt: http://www.confessio.de/cms/website.php?id=/religionheute/zeitgeist/natur_oder_kultur.html

    • Damien 19. Juni 2012 um 10:10 #

      @Yadgar: Herzlichen Dank für den Link, der Artikel ist wirklich prima.

  3. Atacama 19. Juni 2012 um 11:01 #

    Geschlechtsneutral? Wie soll das denn gehen?
    „Kevin-ina gibst du der/dem Katharin-a/o bitte das Schaufel zurück!“

    Ich hab in meiner Arbeit mit Kindern für mich festgestellt, dass es in der Feinjustierung bei den Geschlechtern schon Unterschiede gibt, dass die Gemeinsamkeiten aber größer sind, und dass Kinder mit „Geschlechtsrollenübertritten“ gut umgehen können, aber ihnen vollkommen den Sicherungsanker „Bin ich Mädchen oder Junge“ nehmen zu wollen, finde ich nicht gut. Liest sich für mich so.

    Geschlecht ist für mich keine soziale Konstruktion. Geschlechterrollen schon. Aber da sollte man ganz genau differenzieren mMn. Der Artikel klingt eher nach ersterem.

  4. Damien 19. Juni 2012 um 15:16 #

    @Atacama: Ich weiß nicht, ob es darum geht, ihnen diesen „Sicherungsanker“ zu nehmen. Gut fände ich jedenfalls, wenn der Anker eine Möglichkeit ist, sich zu stabilisieren, aber keinen Zwang nach sich zieht, sich anzubinden.

  5. Yadgar 20. Juni 2012 um 16:52 #

    Noch was zum Gender Mainstreaming: vor einigen Jahren las ich in einer Agenturmeldung (möglicherweise sogar von der staatlichen iranischen Nachrichtenagentur IRNA, bin mir aber nicht sicher), dass die iranische Regierung Gender Mainstreaming-Programme im eigenen Land fördert – also, wenn selbst der erzpatriarchale Iran Gender Mainstreaming aktiv gutheißt, kann es ja nicht weit her sein mit dem rechtskonservativen Gerede von der „Zerstörung von Familie und Geschlechtsidentitäten“ durch Gender Mainstreaming…

    Ach ja, hier z. B. eine offensichtlich iranische Seite zum Thema: http://www.hawzah.net/FA/thesisview.html?ThesisID=85336

    Fazit: um Geschlechtergerechtigkeit in Politik und Gesellschaft anzustreben, wäre es absurd, die Existenz von Geschlechtern zu leugnen, wie es laut Kopp-Verlag, Bibeltaliban und PI den Kern des Gender Mainstreaming ausmachen soll!

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