Küssen verboten, Vol. 4

26 Feb

Jan Marco Luczak, einer der Initiatoren des Antrags zur steuerlichen Gleichstellung eingetragener Partnerschaften auf dem CDU-Bundesparteitag im Dezember 2012, begründet seinen Einsatz als Konservativer für die Gleichstellung so:

Ein Entweder-oder zwischen konservativen und liberal-progressiven Werten existiert im Kern nicht. Bei eingetragenen Lebenspartnerschaften geht um zwei Menschen, die sich lieben, Verantwortung übernehmen und füreinander einstehen wollen und z.B. gegenseitige Unterhaltspflichten übernehmen. Dieses bewusste Eingehen von rechtlichen Pflichten, das Jasagen zu Verantwortung, das ist ein zutiefst konservativer Wert, den wir an anderer Stelle immer wieder einfordern und unterstützen. Daher bin ich auch und gerade als Konservativer für die Gleichstellung.

Immerhin sind ihm im Dezember 40 % der Delegierten gefolgt und haben den Antrag unterstützt. Jetzt scheint die Gesamt-Partei unter Merkel auch auf diesem Weg. Die Stuttgarter Zeitung kommentiert:

Wenn schwule oder lesbische Paare dauerhaft Verantwortung füreinander übernehmen, so ist das nicht weniger konservativ als wenn sich Männlein und Weiblein zu einer solchen Partnerschaft entschließen. Konservativ zu sein heißt nicht, sich an überlebte Konventionen zu klammern. Konservativem Denken liegen fundamentalere Überzeugungen zugrunde: eine Verantwortungsethik zum Beispiel, wie sie auch in homosexuellen Partnerschaften zum Ausdruck kommt. Beständigkeit, Verbindlichkeit, füreinander einstehen – das sind konservative Tugenden. Doch wer sich lediglich ein Werturteil über Formen des Zusammenlebens anmaßt, ist damit noch lange nicht konservativ.

Bei Linken löst die neue Entwicklung keineswegs Freude aus:

Genau diese Reproduktion von konservativen Werten ist ein Problem für progressive emanzipative Politik.

heißt es beispielsweise auf dem Blog anders deutsch. Ein Kommentar hierzu ergänzt:

was hier fällig wäre ist doch eine kritik an „gemeinsamer verantwortung“/bürgerlicher Familie und was diese für den reproduktiv-gesellschaftlichen kit in der kapitalistischen gesellschaftsordnung leistet.

Nun frage ich mich gerade, was herauskäme, wenn man diese Art, Familie/Zusammenleben zu betrachten, mal auf die Linke anwenden würde, konkret auf die „familienkritische“ Linke. Könnte man dann nicht postulieren, dass deren Arten zusammenzuleben oder Verantwortung füreinander zu übernehmen ebenso Kitt für die Reproduktion der entsprechenden Sub-Gesellschaft sind? Trauriger Höhepunkt derartiger Debatten darum, welcher private Umgang miteinander „politisch akzeptabel“ ist, war eine Situation in Berlin vor einigen Jahren, als von Menschen in Beziehungen gefordert wurde, man dürfe ihnen ihren Paarstatus in der (linken) Öffentlichkeit nicht ansehen (bspw. durch Händchenhalten oder Küssen), da das sonst für Singles als Demütigung empfunden werden könne. Eben so etwas meinten wir, als wir schrieben,

die Parole der Emanzipationsbewegungen der 60er und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, „Das Private ist politisch!“, 

werde

entgegen ihrer ursprünglichen Intention längst antiindividualistisch verwendet

– dagegen ist die aktuelle Entwicklung in der CDU nun wahrlich progressiv und – im besten Sinne – konservativ zugleich.

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2 Antworten to “Küssen verboten, Vol. 4”

  1. Alreech 26. Februar 2013 um 23:41 #

    Mit „dem übersteigerten Individualismus unserer neoliberalen Gesellschaft“ haben es die Linken eh nicht so.

  2. joe flametti 28. Februar 2013 um 00:41 #

    salute!

    familie ist und war schon immer ein reaktionäres, systemstabilisierendes projekt, mittels dessen die herrschenden ihre lebensfeindliche ideologie bereits in die köpfe von „kindern“ implantieren. familie teilt menschen ein in „kinder“ und „erwachsene“, sozialisiert den einzelnen in hierarchischen kategorien und ist somit ein wegbereiter des faschismus. ja, es ist wahr: familie ist die keimzelle von auschwitz! in der familie lernt das „kind“, dass die welt „ausserhalb“ gefährlich ist und dass „die anderen“ feinde sind – hier wird im kleinen eingeübt, was im grossen dann kriege und völkermorde antreibt.

    der ausweg kann nur der konsequente kampf gegen familie und die bürgerlich-reaktionäre sicht von menschen als entweder „kinder“ oder „erwachsene“ (ageismus) sein – zerschlagt familien, wo ihr auf sie trefft! ein wichtiges element der antifamiliären strategie ist der einsatz von psychedelika – substanzen, die die eingefahrenen bürgerlich-neurotischen denkkategorien sprengen und überhaupt erst zu wirklicher geistiger freiheit befähigen.

    lsd für alle!

    fickt euch frei!

    freiheit für adelheid streidel!

    joe flametti, front zur befreiung der werktätigen menschheit

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