Wie wirbt man eigentlich für Homosexualität?

26 Feb

In einem Offenen Brief äußert sich das Präsidium des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland zum „Umgang mit dem Thema Homosexualität“. ideaSpektrum berichtet darüber u.a.:

Das Präsidium spricht sich auch gegen eine Trauung homosexueller Partnerschaften oder eine öffentliche Segenshandlung in den Gemeinden der Freikirche aus.

Doch das steht keineswegs in dem offenen Brief. Vielmehr lautet die Formulierung dort:

Eine Trauung homosexueller Paare oder eine öffentliche Segenshandlung können wir nicht empfehlen.

Gemeinden haben also durchaus die Möglichkeit, derartige Trauungen oder Segenshandlungen zu vollziehen – was angesichts des bei Baptisten geltenden Autonomieprinzips der Gemeinden sowieso eine Selbstverständlichkeit ist, die auch durch das Präsidium nicht außer Kraft gesetzt werden kann.

Man merkt dem Brief die Absicht an, möglichst niemand zu verprellen, weder Konservative noch Liberale – was, wie ich vermute, nur mäßig gelingen wird.

Interessant ist die zu den „einschlägigen“ Bibelstellen eingenommene Haltung, die letztlich alle in ihrer Bedeutung relativiert werden – mit einer Ausnahme. Ausgerechnet auf die Schöpfung des Menschen als Mann und Frau wird sich ohne Einschränkung bezogen – als ob uns die Genesis bruchlos Handlungsanweisungen für den Alltag geben könnte.

Nicht fehlen darf in dem Brief der Klassiker

Jesus liebt den Sünder, aber er lehnt die Sünde ab.

Wenn im Anschluß postuliert wird

Wir sind alle Sünder, gerechtfertigte Sünder, die täglich auf seine Vergebung angewiesen sind.

wird damit der übliche kategoriale Fehler wiederholt. Eine Haltung wie Neid oder Stolz, die meist an dieser Stelle beispielhaft genannt werden (wenn nicht in der übleren Variante Mord und Totschlag), wird gleichgesetzt mit einem Persönlichkeitsmerkmal. Ob den Autoren des Briefes bewußt ist, wie beleidigend diese Gleichsetzung auf homosexuelle Menschen wirken kann?

Immerhin, den folgenden Satz kann man wohl eindeutig als Absage an jene verstehen, die bei der Diskussion um die Akzeptanz von Homosexuellen in christlichen Gemeinden immer wieder Parallelen zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus ziehen:

Das Thema Homosexualität gehört nicht zum Kernbereich des christlichen Glaubens.

Fragwürdig hingegen finde ich die Formulierung, von Mitarbeitern werde

erwartet, dass die eigene Orientierung nicht werbend vertreten wird

– sofern es sich um homosexuelle Mitarbeiter handelt. Man könnte das konsequent nennen. Wer Homosexualität nicht als Schöpfungsvariante betrachtet, muss eben Unterschiede machen. Doch man könnte auch einmal überlegen, was man eigentlich suggerieren möchte mit solch einer Formulierung. Wie stellen sich die Autoren des Briefes diese „Werbung“ wohl vor? Reicht es zu erzählen, man sei – als Mann – mit seinem Mann im Kino gewesen? Vermutlich, denn exakt das haben Menschen, die ihre eigene Heteronormativität nicht reflektieren, stets schon als „Werbung für Homosexualität“ verstanden.
Man könnte sich erinnern, wo zuletzt von „Werbung für Homosexualität“ die Rede war und sich fragen, ob man sich tatsächlich hier einreihen möchte.
Man könnte sich schließlich die Menschen anschauen, um die es geht, vielleicht sogar das Gespräch mit ihnen suchen und feststellen, dass häufig genug Vorsicht und Angst ihr Handeln bestimmen, aber sicher kein selbstbewußt-forsches „Bekennertum“.

Alles in allem also Grund genug, sich zu beschweren über den doch eher paternalistischen Ton, der im Brief angeschlagen wird, wodurch die „Betroffenen“ einmal mehr zu Objekten gemacht werden, betrachtet und bewertet aus der Sicht einer Mehrheit, die Moral und Wahrheit auf ihrer Seite weiß, auch wenn sie sich nicht mehr immer einig ist, wie diese  auszubuchstabieren sind.

Andererseits, auch das muss gesagt sein, ist der Brief um Längen differenzierter als die Stellungnahmen anderer Freikirchen und lässt für die Zukunft auf weitere Entwicklung hoffen.

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