Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn

13 Mrz

Hätten Sie’s gewußt? Wenn die Homo-Ehe endlich kommt, ist das keineswegs

eine liberale Entwicklung, sondern

so Kai Rogusch auf NovoArgumente Online

eine undemokratische Anpassung an die wachsende Unverbindlichkeit und Stagnation unserer Gesellschaft.

Damit hat die traditionelle Auffassung der Familie als „Keimzelle der Nation“ wohl endgültig ausgedient.

bedauert Rogusch die sich abzeichnende Entwicklung. Schuld daran sei das Bundesverfassunggericht als

Taktgeber einer orientierungslosen Politik.

Auf der Suche nach Sinn in Roguschs Ausführungen landen wir zunächst einmal beim Rauchverbot:

So bricht sich gerade in einer Zeit, die durch eine immer kleinteiligere Regulierung unseres Alltags – siehe etwa die Rauchverbote – geprägt ist, immer mehr ein verstörender Pseudoliberalismus seine Bahn.

Solch ein „Pseudoliberalismus“ soll nun auch verantwortlich dafür sein, wenn demnächst die letzten staatlichen Diskriminierungen homosexueller Menschen in Deutschland fallen. Einer geschichtsblinden Gesellschaft komme

immer mehr der Sinn für die dynamische und intergenerationelle Wechselbeziehung zwischen Vergangenheit und Zukunft abhanden.

Homos leben schließlich im Hier und Jetzt, sind Hedonisten und denken nur an sich. Dabei weiß doch jedes Kind, dass es für die

Reproduktion der Gesellschaft und damit ihre geschichtliche Fortentwicklung 

fortpflanzungswillige Heteros braucht – und deren singulären staatlichen Schutz:

So lange Menschen nicht in Fabriken erzeugt werden, sollte die heterosexuelle Familie verfassungsrechtlich geschützt bleiben. Sie ermöglicht einen privaten und damit nicht zuletzt auch staatsfernen Lebensraum, der Geschichte und zwischenmenschliche Solidarität konkret und unmittelbar erlebbar macht. Sie steht für die Wertschätzung einer intimen Lebenssphäre, die einerseits die Reproduktion unserer Gesellschaft ermöglicht, auf der anderen Seite aber den aus dieser Keimzelle hervorgehenden Menschen einen autonomen und generationenübergreifenden Lebenszusammenhang bietet.

Unserem Dasein lässt sich nur Sinn geben, wenn wir Familie als Schnittstelle einer unmittelbar erlebten Vergangenheit und einer unmittelbar erlebten Zukunft verteidigen.

Das Kuriose ist, dass Rogusch an keiner Stelle seines Artikels begründet, warum alle diese Funktionen von Familie nicht ebenso von homosexuellen Eltern erfüllt werden können. Schützenhilfe erhält er in einem Kommentar von Redaktionssleiter Johannes Richardt, der bezweifelt,

ob es bei der Homoehe wirklich um den Abbau von Diskriminierung geht.

Nun, worum denn sonst?

Vielmehr scheinen wir hier die Relativierung einer historisch gewachsenen gesellschaftlichen Institution zu erleben, die de facto auf eine Gleichmacherei von verschiedenartigen Lebensentwürfen auf einen sehr armseligen gemeinsamen Nenner hinausläuft.

Worin diese Armseligkeit besteht? Man weiß es nicht, man erfährt es auch nicht. Nur eins ist sicher:

Gleichgeschlechtliche Paare sind eben nicht das gleiche wie eine heterosexuelle Ehe und Familie.

Die dazugehörigen Individuen zwar irgendwie schon und letztlich sollte vielleicht auch rechtlich und steuerlich gar kein Unterschied gemacht werden, nicht einmal im Adoptionsrecht:

Natürlich haben alle als Individuen exakt die gleichen Rechte. Auch könnte man homosexuelle Paare rechtlich und steuerlich gleichstellen. Sie sollen meiner Meinung nach auch Kinder adoptieren können. Das ist alles nicht der springende Punkt.

Aber:

Es geht darum, darauf hinzuweisen, dass die auf Fortpflanzung basierende heterosexuelle Familie eine wichtige gesellschaftliche Dimension hat, die über andere Modelle von Partnerschaft hinausgeht, und der deshalb wohl tatsächlich auch eine besondere Form der Wertschätzung zukommen sollte.

Himmel Herrgott Sakra: Wodurch geht sie denn nun über andere hinaus?

Es geht um die Einbettung der Individuen in die Geschichte und in eine lebendige Beziehung zwischen Sozialität und Natürlichkeit. Ehe und Familie jetzt nur noch auf einen irgendwie auf Verbindlichkeit und Dauerhaftigkeit angelegten Vertrag zwischen zwei Einzelpersonen reduzieren zu wollen, würde bedeuten diese sozialen und geschichtlichen Komponenten zu negieren. Man muss kein Anhänger der Ehe sein (ich bin es nicht) um das bedenklich zu finden. Es geht um grundlegende Dimensionen unserer Menschlichkeit, ohne die wir nicht mehr als gesichtslose und atomisierte Individuen wären.

Ich versuche mich an einer Zusammenfassung: Wenn Männer Männer heiraten dürfen, ist das ein Verlust an Natürlichkeit, enthistorisierend und entmenschlichend. Nun gut, bessere Argumente scheint es tatsächlich nicht mehr zu geben, letztlich ist die Debatte wohl durch.

Kai Rogusch aber bleibt dran und kommentiert seinen eigenen Artikel, um zu erklären, was er eigentlich gemeint habe:

Mir erschien es überflüssig, noch einmal explizit darauf hinzuweisen, dass es mir bei der Frage der verfassungsrechtlichen Privilegierung der ehelichen Familie natürlich nicht um die altbackenen nationalistischen Kamellen von der “Keimzelle der Nation” u. Ä. geht.

Worum dann?

WEIL Ehe und Familie historisch die sonst nirgends vergleichbar vorzufindende Kombination positiver Eigenschaften aufweisen, ist es sinnvoll, sie im rechtlichen Überbau mit einer besonderen Wertschätzung, die eben eine bestimmte Hierarchisierung mit sich bringt, zu versehen. WEIL also die heterosexuelle Ehe historisch gewachsen auf eine sonst nirgends so vorzufindende Art dauerhafte Verbindlichkeit, gesellschaftliche Reproduktion und Privatsphäre kombiniert, kann man es als gerechtfertigt erachten, ihr in der Verfassung eine hervorgehobene Stellung zu geben.

Wir drehen uns im Kreis. Wieso erfordert diese Argumentation die hervorgehobene Stellung der heterosexuellen Ehe? Weil sich daran entscheidet,

ob freiheitlich oder obrigkeitsstaatlich gedacht wird. Die verfassungsrechtliche Wertschätzung der Ehe (und ihre rechtliche Verbindlichkeit) kann eben auch als Ausfluss höchstpersönlicher Individualentscheidungen gesehen werden, die sich in Form der heterosexuellen Ehe auf der Basis von Freiwilligkeit zu einer einzigartigen, auf rechtliche Dauerhaftigkeit angelegten Form des Zusammenlebens zusammenfinden. Es ist diese einzigartige Kombination, mit der andere Formen des Zusammenlebens eben doch nicht vergleichbar sind.

Und wies0? Das weiß nicht mal Rogusch zu sagen, denn bereits im nächsten Absatz seines Kommentars stellt er, ähnlich wie zuvor schon Richardt, fest:

Nun kann es sicher gute Gründe geben, die Privilegierung der ehelichen Familie, die sich auch darin ausdrückt, dass sich der Staat hier vor allem bei seinem steuerlichen Zugriff im Vergleich zu anderen Konstellationen zurücknimmt und der Privatheit des ehelichen Zusammenlebens noch größeren Raum gibt, zu überdenken. 

Was stört ihn dann aber an der aktuellen Debatte?

Problematisch, ja geradezu atemberaubend finde ich aber, wenn eine gestandene konservative Volkspartei wie die CDU aufgrund von Urteilen des BVerfG, aufgrund von purem Wahlkampfkalkül (und aufgrund von demoskopisch ermittelten Stimmungswerten, die man nicht mit dem Ergebnis einer offenen demokratischen Debatte verwechseln sollte), wieder einmal eine ihrer programmatischen Überzeugungen über Bord wirft.

Nun, wenn die bisherige programmatische Überzeugung revisionsbedürftig war, ist die Entwicklung weder bedauerlich noch problematisch.

Man sollte sich hier schon fragen, ob das eine progressive Entwicklung ist. Glaubt man denn wirklich, von dieser SPD-Grünen-FDP- und nun auch CDU-Einheitsfront werden freiheitliche Entwicklungen angestoßen?

Zumindest würden mit der Ehe-Öffnung bisherige Diskriminierungen abgebaut, ich würde das daher definitiv eine progressive Entwicklung nennen. Rogusch jedoch sieht ganz anderes auf uns zukommen:

Passt sich hier die Politik bei der Relativierung der ehelichen Familie nicht den vorherrschenden Trends einer zugleich stagnierenden und unverbindlichen Ökonomie an, die familiäres Zusammenleben immer weiter untergräbt?

Womit wir wieder am Anfang des Lamentos wären: Wieso untergräbt die Öffnung der Ehe für Homosexuelle das familiäre Zusammenleben von Heterosexuellen? Lassen diese sich in Zukunft häufiger scheiden, weil Homos jetzt auch heiraten dürfen und die heilige Institution der Ehe damit entwürdigt ist? Werden sie sich aus diesem Grund vielleicht gar nicht erst das Ja-Wort geben? Was das alles schließlich mit einer zugleich stagnierenden und unverbindlichen Ökonomie zu tun hat, das steht nicht einmal in NovoArgumente.

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6 Antworten to “Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn”

  1. Adrian 14. März 2013 um 10:55 #

    Die Ablehnung der Homo-Ehe beruht auf der Ablehnung von Homosexuellen. Einen anderen Grund gibt es nicht.

  2. Adrian 14. März 2013 um 15:40 #

    Das dürfte schwierig sein zu beweisen. Allerdings fehlt mir vermehrt die Phantasie, einen anderen Grund zu erkennen.
    Nehmen wir Rogusch: Welchen anderen Grund könnte er haben?

    • Damien 14. März 2013 um 16:40 #

      Das meinte ich: was zu beweisen war 🙂
      Blöd wenn eine Abkürzung zwei Bedeutungen hat…

  3. minoritymagnet 14. März 2013 um 22:10 #

    Sollten nicht nach streng liberalen Prinzipien auch polygame Ehen erlaubt werden? (Sowohl ein Mann, mehrere Frauen als auch umgekehrt)? Was spricht eigentlich dagegen außer die christliche Prägung des Abendlandes…

  4. Damien 14. März 2013 um 22:33 #

    Keine Ahnung, frag Herrn Rogusch! 😉

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