Darf’s ein wenig Essenz mehr sein?

15 Mrz

Claudio Casula macht sich auf der „Achse des Guten“ über Leser der Hamburger „Morgenpost“ und deren Antworten auf die von der Zeitung gestellten Frage lustig, was man denn tun würde, wenn man Papst wäre:

Fünf Hamburger wurden vor der Wahl des neuen Pontifex befragt, was sie „als Erstes machen würden“. Das Ergebnis haut Jorge (sprich: “Horrhää”) Bergoglio aka Franziskus I. nicht eben den Pileolus vom Haupt; es handelt sich um die – zumal in der stets politisch korrekten und ergo sturzlangweiligen Mopo – sehr vorhersagbaren Punkte, die zufällig auch alle irgendwie mit dem Geschlechtlichen zu tun haben:

„Zölibat abschaffen“, „Abtreibung erlauben“, „Verhütung tolerieren“, „Ehe auch für Homopaare“, sowie „Schluss mit Pädophilen“ – eine Forderung, die ein gewisser Justin H. erhebt und die, allgemein als rechtspopulistisches Statement verpönt, im Gewand des Katholikenbashings offenbar willkommen ist: „Als Papst würde ich zuerst dafür sorgen, dass sich Priester nicht mehr an Kindern vergreifen.“

Ja, möchte man meinen, das sind doch alles Forderungen, denen man aus vollen Herzen zustimmen kann, oder etwa nicht?

Nicht jedoch für Casula, dem das alles offenbar zu oberflächlich ist und allzu wenig Tiefe bietet:

Rein theoretisch bestünde auch die Möglichkeit, sich – vor allem als Oberhaupt einer Kirche, der 1,2 Milliarden Menschen angehören – mal mit der Essenz des Glaubens auseinanderzusetzen oder mit der Frage, wie man einer Welt, der gerade alle möglichen Werte abhanden kommen, Orientierung anbieten könnte, aber das hat dann leider nicht notwendigerweise was mit Sex zu tun, liegt also außerhalb des Vorstellungsbereichs der meisten Hobby-Kirchenkritiker.

Was für ein kryptischer und nebulöser Satz! Was will uns Casula damit sagen? Dass die Essenz des Glaubens im Zölibat, dem Verbot der Abtreibung,Verhütung und Homo-Ehe sowie in der Toleranz für Kindesmissbrauch liegt? Oder dass Menschen, die bspw. für die Homo-Ehe eintreten keine wahren Gläubigen sein können? Und inwieweit kommen der Welt gerade alle möglichen Werte abhanden? Ist der Zölibat ein wichtiger Wert? Ist die Homo-Ehe das Abgleiten in die Orientierungslosigkeit? Und wieso sollen Werte, die uns ein Papst vorgibt, besser sein, als die eines Lesers der „Morgenpost“?

Im Übrigen halte ich die Idee von Casula, sich mehr mit der Essenz des Glaubens und weniger mit „Sex“ auseinanderzusetzen, für gar nicht so schlecht. Aber er sollte sie nicht an die Leser der „Morgenpost“, sondern an die Repräsentanten der Katholischen Kirche selbst richten. Die haben nämlich in letzter Zeit die Suche nach der Essenz ihres Glaubens ein wenig vernachlässigt, und sich statt dessen darauf konzentriert, Homos, Geschiedenen, Wiederverheirateten und ungewollt Schwangeren in Not das Leben schwer zu machen, während man gleichzeitig eine verhältnismäßige Indifferenz gegenüber Kindesmissbrauch in katholischen Einrichtungen an den Tag legt.

Aber vermutlich gehört das alles zu den Grundpfeilern der Orientierung, die man bewahren sollte, damit die Welt nicht im Chaos des Werteverfalls versinkt.

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3 Antworten to “Darf’s ein wenig Essenz mehr sein?”

  1. bombastu 16. März 2013 um 08:22 #

    „Schluss mit Pädophilen“ – kommt natürlich drauf an, was damit gemeint ist. Wenn es heißt: Todesstrafe für Pädophile, Pimmel ab für Pädophile, dann ist das durchaus rechtspopulistisch. Aber das erscheint mir eine recht vorsätzlich Fehlinterpretation. Vielmehr heißt es, dass die Kirche Institutionen erschafft, in der Kinder leichter Opfer sexueller Gewalt werden können als anderswo. Und das ist ein durchaus angehbares Problem. Und keines, was man verschieben sollte, um über Glauben zu schwafeln…

  2. Blub 17. März 2013 um 14:33 #

    Gibt es eigentlich einen Beleg für das „leichter“. Ich habe zunehmend den Eindruck, dass hier möglicherweise die katholische Kirche einfach aufgrund ihrer Größe und Angebote an junge Menschen reinschliddert, während andere Pädophiliefälle wie in normalen Schulen oder anderen weniger zentralisierten Institutionen wie Sportvereinen eher als Einzelfall unter den Tisch gekehrt werden. Nur ein kleiner Bruchteil aller Kriminalität kommt auch in die Medien. Sollte die Kirche ein geringeres Fallaufkommen pro Betreuungsstunde haben, wären die Vorwürfe eigentlich sogar unfair. Gut, die Chancen sind gut, dass sie erhöht sind. Aber mal zu absoluten Zahlen, wenn in einer Gruppe von 1,2 Milliarden Menschen, ner Millionen Kirchenleute, 1000 Fälle auftreten, ist das nur hoch, aufgrund der großen Grundgesamtheit der Kirche, aber nicht wirklich ein großes weitschweifendes Problem, sondern ein Nebenkriegsschauplatz.

    Oder um einen hanebüchenen Vergleich zu machen, ist das nicht sowas wie der Vorwurf, wir Schwule sollten erstmal das Problem AIDS lösen und heilen können, bevor wir an Heiraten oder Kinder denken sollten? Und eigentlich könnten wir auch die Essenz unseres Schwulseins überdenken und aufgeben, indem wir ex-schwul oder asexuell werden. Wenn wir genug Rechtspopulisten fragen, kommt dieser Rat bestimmt.

  3. bombastu 19. März 2013 um 21:23 #

    Grundsätzlich würde ich natürlich in der Hinscht recht geben, dass überall, wo viele Kinder in relativ abgeschlossenen sozialen Umgebungen sind, eher der Gefahr besteht, dass sie von einer Aufsichtsperson/Lehrkraft missbraucht werden. Aber ich sehe die katholische Kirche schon gesondert, weil hier die Aufsichtspersonen u.U. eher ihre Sexualität unterdrücken, aufgrund der sinnesfeindlichen Grundausrichtung (Zölibat…). Und so kann der Frust über unbefriedigte Triebe eben schnell die Hilflosesten treffen: Die Schutzbefohlenen. Ein Beleg habe ich nicht, aber mir scheint da schon noch mehr „Systematik“ drin als in anderen Institutionen.

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