Heten auf der Suche

18 Apr

Sind Homo-Ehe und das geforderte Adoptionsrecht für Schwule und Lesben der eigentliche Grund für die Proteste in Frankreich und anderswo? „Nein“, behaupten die Autoren eines äußerst lesenswerten Artikels in der „Zeit“. Diese Proteste seien lediglich ein Symptom für das Unbehagen der heterosexuellen Mehrheit über sich selbst, ihre Beziehungsrealitäten, veränderten Familienformen und Geschlechtsrollen:

Wieso löst der Streit um die Homo-Ehe nahezu gleichzeitig in drei großen, liberalen Demokratien des Westens eine derart erbitterte Debatte aus?

Mit ein bisschen Abstand betrachtet, ist das aus mindestens zwei Gründen erstaunlich. Zum einen: Die reale gesellschaftliche Bedeutung des Problems ist minimal. Schwule und Lesben, die heiraten wollen, sind eine Minderheit in der Minderheit, noch weniger von ihnen wollen gemeinsam Kinder großziehen. In Deutschland gab es 2011 lediglich 27.000 eingetragene Lebenspartnerschaften, nur rund 7.000 Kinder lebten bei gleichgeschlechtlichen Paaren. Nicht einmal fünf Prozent der eheähnlichen Verbindungen, der sogenannten Pacs, die in Frankreich als Alternative zur Ehe geschlossen werden können, wurden von Homosexuellen eingegangen. Ähnlich ist die Situation in den Vereinigten Staaten. Auch die finanziellen Folgen einer steuerrechtlichen Gleichbehandlung von schwulen und lesbischen Paaren wären marginal, in Deutschland ebenso wie in den USA. […]

In Wahrheit geht es nicht um die homosexuelle Minderheit, sondern um gesellschaftliche Prozesse in der Mehrheitsgesellschaft. Der Protest gegen die Homo-Ehe ist ein Protest gegen die Realität der modernen Familie. Wer das verstehen will, muss sich einen Moment auf die Rhetorik und die Argumentation der Gegner der Homo-Ehe einlassen. „Mama, Papa, Kind“ lautet der Slogan der französischen „Antis“; eines der Gesetze, das derzeit vom Supreme Court überprüft wird, heißt Defense of Marriage Act, Gesetz zur Verteidigung der Ehe. […]

Nicht zufällig entzündet sich der heftigste Widerstand an dem Adoptionsrecht für Homosexuelle, in Frankreich ganz explizit, auch in Deutschland und in den Vereinigten Staaten. Schwulen und Lesben Kinder anzuvertrauen, das also, was diese Gesellschaft gemeinhin als ihr Wertvollstes versteht – das ist der letzte noch fehlende Schritt der Homosexuellen auf dem Weg zu voller Gleichberechtigung. Die maximale Zumutung. Und ein Frontalangriff auf das schlechte Gewissen der Mehrheitsgesellschaft. […]

Das Kernargument des Artikels ist dabei besonders hervorzuheben:

Schwulen und Lesben die Schuld an steigenden Scheidungsraten und der wachsenden Zahl von Alleinerziehenden zu geben ist eine bizarre, wenn nicht böswillige Verwirrung von Ursache und Wirkung. Keine heterosexuelle Ehe geht in die Brüche, nur weil Homosexuelle heiraten dürfen. Es waren Heterosexuelle, die das klassische Familienbild aufgegeben haben, lange bevor zum ersten Mal vor einem Standesamt Reis für ein schwules Paar geworfen wurde. Die heterosexuelle Mehrheit selbst hat neu definiert, was Familie sein kann, hat die Ehe entkoppelt von Fortpflanzung und Dauerhaftigkeit, weshalb es keine Rechtfertigung dafür gibt, homosexuellen Paaren zu verweigern, was heterosexuellen selbstverständlich zugestanden wird. Ganz gleich, ob sie Kinder zeugen wollen oder nicht. […]

Ehen sind nicht mehr notwendig, um Kinder zu bekommen, und Kinder nicht mehr notwendigerweise das Entscheidende der Ehe. Die Verbindung von Ehe und Fortpflanzung ist schwächer denn je, wie das Modell Ehe insgesamt. Überall in der westlichen Welt steigen die Scheidungsraten, wächst die Zahl der nicht ehelichen Kinder, leben immer mehr Kinder bei nur einem Elternteil oder in wechselnden Partnerschaften.

Das Bild der Familie ist unklarer geworden, bunter, vielfältiger. „Mama, Papa, Kind“, wie der Slogan der französischen Antis lautet, ist als gesellschaftliches Leitbild längst relativiert. […]

Viele Menschen erfüllt das mit Sorge, mit Angst, und es ist diese Angst, die sich in den Protesten gegen die Homo-Ehe entlädt. Gegen die Zumutungen des Ökonomischen, gegen die Erosion langfristiger Bindungen kann man nicht auf die Straße gehen, auch nicht gegen die dauernde Zerrissenheit zwischen Kindern und Karriere. Gegen die Homo-Ehe schon. Sie ist zum Symbol geworden, zur Projektionsfläche, zur Chiffre für eine Veränderung, mit der sie nichts zu tun hat.

Obwohl ich dieser Analyse weitestgehend zustimme, möchte ich doch eine Dissens zum Besten geben. So schreiben die Autoren in einem Satz:

Der Widerstand gegen die „Ehe für alle“ eint Katholiken, Vertreter jüdischer und muslimischer Gemeinden, Bürgermeister aller Parteien, viele junge Eltern, die sich selbst als unpolitisch bezeichnen. Sie alle als Homophobe abzutun wäre absurd. In Wahrheit geht es nicht um die homosexuelle Minderheit, sondern um gesellschaftliche Prozesse in der Mehrheitsgesellschaft. Der Protest gegen die Homo-Ehe ist ein Protest gegen die Realität der modernen Familie. [Hervorhebung durch mich, A.]

Ich würde behaupten, eben weil es gar nicht um die homosexuelle Minderheit geht, ist der Fokus auf, die Schuldzuweisung an eben diese Minderheit, ein Audruck ungeschminkter Homophobie.

Zugegeben: Ich könnte mir eine Argumentation gegen das Eherecht für Schwule und Lesben vorstellen, die im Kern nicht homophob ist. Allerdings habe ich eine solche bislang noch nicht entdecken können.

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5 Antworten to “Heten auf der Suche”

  1. queerchris 19. April 2013 um 11:33 #

    Es gibt auch Leute, die eine Art Neid bei den Gegnern der Gleichstellung in der Ehe sehen. Ein Neid darauf, dass es andere Menschen besser haben könnten als sie selbst.

    Schließlich ist es mit ein Symptom konservativen Denkens, in der eigenen Welt gefangen zu sein, ohne die Chance zu sehen, dieser entkommen zu können. Modernere, offenere und emanzipierte Lebenskonzepte stoßen diese Menschen ab. Vielleicht weil sie Angst davor haben, irgenwann ein Auslaufmodell zu sein. Vielleicht weil es etwas ist, was sie sich für sich selbst wünschen aber nicht leben können. Beides würde darauf hinweisen, dass diese Menschen gar nicht so zufrieden mit ihrem Leben sind wie sie immer sagen.

    Gleiches gilt auch für die sache mit den Kindern. Wenn Studien sogar belegen, dass Kinder in homosexuellen Partnerschaften mehr gefördert werden, selbstbewusster, stressresistenter und psychisch stabilder sind. Wenn diese Kinder toleranter, konfliktfähiger und offener sind und duch den Status als absolutes „Wunschkind“ auch noch besser zu Hause gefördert werden. Dann würde ich mir als konservativ katholische Hete auch sorgen machen, dass die Defizite meiner Lebensweise plötzlich sichtbar werden und meine Kinder ggf. sogar zurückstecken müssen.

  2. bajazbasel 20. April 2013 um 12:34 #

    Ich will mich zurückhalten mit dem Thema Kind. Aber trotzdem bemerken, dass die homosexuellen Kinder schon ein Un-Thema bei Heten sind! Das Kind ist nicht nur heiliges Symbol der Heten, sondern auch ihr Opfer, das alle ihre Eheprobleme aushalten muss! Letztlich sollen „unschuldige Kinder“ immer dazu herhalten, ihr schlechtes Gewissen, auch vom ehelichen Sex, zu beruhigen. Schwule merken das in frühester Kindheit. Sie sollten es auch laut sagen jetzt!

  3. Atacama 20. April 2013 um 17:55 #

    Naja die Aufhetzer werden schon wissen, was sie tun.
    Die erzählen halt irgendwelche Gruselstories. Ihr wisst doch wie das ist.
    Beim Thema Adoption gehts fast ausschliesslich um Männer (wie überhaupt beim Thema Homosexualität) und da kommen dann halt die Ressentiments hoch ihr wisst schon, Mißbrauch usw. Pädos die Kinder adoptieren (so als ob das so einfach wäre).

    Dann kennen viele dieser Leute wahrscheinlich keine Schwulen und Lesben, und wenn, dann nicht „richtig“ sondern nur vom Sehen.
    Die werden halt ein Bild konstruieren von pädophilen, Aidskranken, drogensüchtigen Horror-Tunten in Frauenkleidern die sich hinterhältig grinsend Kinder „anschaffen“ und dann Gott weiss was mit ihnen passiert.
    Irgendein französischer Abgeordneter hat gesagt, die Regierung würde „Kinder ermorden lassen“ indem sie Eheöffnung und Adoptionsrecht (was in deren Augen offenbar heisst: Jedem muss ein Kind zugesprochen werden), finde das Originalzitat jetzt nicht.

    Und dann scheint es welche zu geben, die tatsächlich sich in irgendeine Angstparanoia hineingesteigert haben darüber, dass „die Familie“ und „die Gesellschaft“ zerstört wird.
    Wenn erstmal genug demonstrieren, braucht man sich um ratinalität ja nicht mehr zu kümmern.

  4. Ralf 20. April 2013 um 19:09 #

    Eheschließung und Familiengründung sind genau betrachtet doch urkonservatives Verhalten. Dass gerade konservative Parteien, Kirchen, Gruppen so vehement und oft hasserfüllt gegen Ehe und Familie auftreten, sobald beide vom Hetensex gelöst werden, lässt tief blicken in den sexistischen Abgrund, der sich in des Konservativen Seele auftut.

  5. queerchris 21. April 2013 um 10:57 #

    @Ralf
    Natürlich lässt es tief blicken, dass die Konservativen Ehe und Familie nur an heterosexuellem Leben fest machen. Denn unterm Strich sind ja auch Rollenbilder und die Unterdrückung der Frau durch den Mann konservative Werte. Da passen Homosexuelle, die Ihre Partnerschaften ohne unterdrückende Rollenpositionen aufbauen natürlich so gar nicht ins Bild.

    Der Komiker Dieter Nuhr hat mal sinngemäß zur deutschen Regierung gesagt: Die haben mehere Frauen, eine siebenfache Mutter, einen Schwulen, einen Ausländer und einen Behinderten im Kabinett. Wo ist das noch konservativ?

    Die Konservativen brechen so mit ihren eigenen Werten, wie es ihnen gerade passt. Nur ihr heterosexueller Sexismus. Der ist ihnen heilig.

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