Sag mir wo die Lesben sind, wo sind sie geblieben?

19 Mai

In einem Beitrag der Grünen Jugend beschäftigt man sich mit der angeblichen Unsichtbarkeit lesbischer Frauen in den Medien. Merkwürdig ist allerdings, dass es schon im zweiten Satz des Textes gar nicht um „lesbische Frauen“ geht, sondern um alle, die „nicht-heterosexuell“ sind, wie

Bi- und asexuelle Menschen oder Transgender* und Inter*

Was jedoch haben Transgender zwingend mit Nicht-Heterosexualität zu tun? Anders gefragt: Wieso werden heterosexuelle Transgender unter „Nicht-Heterosexualität“ verbucht?
Im folgenden wird beklagt, homosexuelle Diskurse seien männlich geprägt. Gemeint sind hier vermutlich Diskurse über Homosexuelle. In diesen werde

über die Schwulen-Ehe, das Ehegatt_innensplitting für Schwule, die Schwulen-Parade geredet. Weibliche Homosexualität wird meist in medialer Darstellung überhaupt nicht benannt.

Nun: Schwulen-Ehe lese ich selten, meist heißt es Homo-Ehe und das ist eben nicht männlich geprägt. Ehegatt_innensplitting für Schwule ist ja wohl kompletter Unfug. Wenn müßte das doch Ehegattensplitting für Schwule heißen, wer Lesben nicht benennt, wird ja wohl kaum den Unterstrich benutzen. In der Presse steht aber tatsächlich nach meinem Eindruck eher Ehegattensplitting für Homosexuelle, wie eben auch Homo-Ehe.

Schwule Außenminister, schwule Bürgermeister, schwule Persönlichkeiten der Öffentlichkeit erregen Aufmerksamkeit, aber sie kommen vor. So gut wie niemand weiß, dass Jóhanna Sigurðardóttir 2009 die erste homosexuelle Regierungschefin der Welt wurde. Der Prototyp von homosexuellen Menschen ist der schwule Mann.

Das mit der ersten homosexuellen Regierungschefin der Welt ist nun wirklich kein Geheimnis, zumindest bezog sich unser Beitrag dazu auf eine Quelle aus einem öffentlich einsehbaren Medium. Ist Ihnen eine lesbische Außenministerin oder eine lesbische Bürgermeisterin bekannt? Mir nicht. Ob das an den Medien liegt, die nicht darüber berichten? Das Coming Out von Karin Wolff, stellvertretende hessische Ministerpräsidentin, fand jedenfalls unaufgeregt und freudlich begleitet in der BILD statt. Danach interessierten sich die Medien allerdings nicht mehr für die sexuelle Orientierung von Frau Wolff. Warum auch? Oder möchte man es bedauern, dass es über lesbische Politikerinnen keine Pressemeldungen gibt über eine Liaison mit einer blutjungen Gespielin?

Zwischen dem 1. Juli und 31. Dezember 2009 analysierte die Journalistin und Kommunikationswissenschaftlerin Elke Amtsberg 81 Zeitungsartikel, darunter aus der Süddeutschen Zeitung und dem Münchner Merkur, auf die Darstellung von weiblicher Homosexualität. Das Fazit der Studie „Schön! Stark! Frei! Wie Lesben in den Medien (nicht) dargestellt werden“ ist erschreckend, aber nicht neu. Das Wort „Lesbe“ kommt dabei in keiner einzigen Überschrift vor.

Zwischenfrage: Worum ging es denn in den Artikeln? Um Rosenzucht, Kanarienvögel oder Zementwerke? Dann wären die fehlenden Lesben in der Überschrift vielleicht gar nicht so überraschend.

Zwei Drittel der Artikel blendeten weibliche Homosexualität völlig aus.

Zwischenfrage: Worum ging es denn in den Artikeln? Um schwule Männer? Dann wäre die fehlende weibliche Homosexualität vielleicht gar nicht so anstößig.

In jedem drittel Artikel stehen ausschließlich schwule Männer im Mittelpunkt, Frauen im Vergleich nur in sieben Prozent.

Zwischenfrage: Worum ging es denn in den Artikeln? Warum eigentlich „müssen“ Schwule und Lesben in Artikeln gleichmäßig erwähnt werden? Ist das jetzt so eine Art quotierter Journalismus?

In Kurzmeldungen erscheinen lesbische Frauen überhaupt nicht, sondern nur in längeren Beiträgen.

Dass Frauen nur in längeren Beiträgen erscheinen, könnte man als Kompliment nehmen, sie bekommen schließlich dort Platz, wo man sich Zeit nimmt, zum Schreiben und zum Lesen. Umgekehrt wäre das (ausschließliche) Vorkommen in Kurzmeldungen doch ebenso als eine Art Diskriminierung zu interpretieren („nur“ in Kurzmeldungen) – wenn man so wollte. Man kann das natürlich auch umgekehrt sehen – wie der Beitrag der Grünen Jugend beweist. Überzeugend finde ich das nicht.

Um das Ziel der Geschlechterüberwindung wirklich zu erreichen,

Und ich dachte, es geht um die mediale Repräsentanz der Vielfalt sexueller Orientierungen. Stattdessen sollen nun Geschlechter, nein,  nicht in ihrer Vielfalt abgebildet werden, sondern überwunden werden. Danke, ohne mich. Was für eine gruselige Vorstellung, eine Welt ohne Geschlechter. Das ist das genaue Gegenteil der Feier von Individualität und Vielfalt, das ist das Plädoyer für den Einheitsmenschen, der über kein Geschlecht mehr verfügt, an dem sich jemand stören könnte, in dem sich Menschen nicht mehr unterscheiden sollen, sondern politisch korrekt geschlechtslos vor sich hin leben. 

müssen im Diskurs und in medialer Berichterstattung alle Formen von nicht-Heterosexualität auch benannt werden.

Wieso muss, wer Geschlechter abschaffen will, überhaupt noch Sexualitäten benennen? Und was kommt als nächstes? Ein Verbot heteronormativer oder männlich-homosexuell-dominierter Formulierungen? Andererseits hätte sich eine derartige Sprachpolizei mit der vorherigen Abschaffung der Geschlechter sowieso erledigt.
Ich bezweifle, dass Gesellschaft so sinnvoll (!) und im Respekt vor der Individualität der Einzelnen umgestaltet werden kann.
Ein aktuelles Beispiel, wie in einer Tageszeitung über eine lesbische Politikerin berichtet wird, findet sich übrigens hier. Unsichtbarkeit sieht anders aus…
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5 Antworten to “Sag mir wo die Lesben sind, wo sind sie geblieben?”

  1. lalibertine 19. Mai 2013 um 18:28 #

    Lesbische Frauen die samt Privatleben in den Medien vorkommen? Mal sehen: Ellen DeGeneres, Jodie Foster, Cynthia Nixon, Ulrike Folkerts, Anne Will, Dunja Hayali, Hella von Sinnen. Was war nochmal das Problem?

  2. Alreech 20. Mai 2013 um 13:44 #

    Für jedes komplexe Problem gibt es eine einfach und falsche Lösung. In Fall der unsichtbaren Lesben könnte diese Lösung folgende sein:
    Mehr (unfreiwilliges ?) Outing, und bei Prominenten und Politikern weniger Berichterstattung über Sachthemen sondern über ihr Privatleben.
    Problem gelöst, alle Glücklich 😉

    Ehrlich gesagt sehe ich auch nicht in welcher Weise Wowereits sexuelle Orientierung inzwischen eine Rolle in der Berichterstattung spielt.
    Berlin wäre vermutlich eine glückliche Stadt, wenn diese das einzig erwähnenswerte Thema wäre…
    Schwabenhass, Gentrifizierung und die „rassistischen“ Äußerungen von SPD Politikern werden weitaus mehr erwähnt.

  3. robinmcbeth 20. Mai 2013 um 16:30 #

    Weshalb sollte sich heutzutage überhaupt noch jemand dafür interessiert, wer was bevorzugt, solang alle nur völlig frei leben können. Wäre komplette Gleichstellung vor dem Gesetz dementsprechend nicht erst einmal das drängendere Problem?

  4. jutta 21. Mai 2013 um 07:04 #

    > Zwischenfrage: Worum ging es denn in den Artikeln? Um Rosenzucht, Kanarienvögel oder Zementwerke? Dann wären die fehlenden Lesben in der Überschrift vielleicht gar nicht so überraschend.

    Es ging um „CSD“ oder „rechtliche Gleichstellung“ (Quelle: http://www.elke-amberg.de/assets/files/files_aktuelles/2013_01_Invertito.pdf

    Mehr

  5. Damien 21. Mai 2013 um 19:31 #

    @Jutta: Danke für die Ergänzung, genau diese Information fehlte im Beitrag der grünen Jugend. So macht es natürlich etwas mehr Sinn, wenn es um die reine Beschreibung ginge. Da es aber um eine Beschwerde geht, bleibe ich bei meinen Zweifeln. Woher kommt die Idee, Lesben müssten in der Berichterstattung über CSDs oder rechtliche Gleichstellung möglichst genauso häufig erwähnt werden wie Schwule? Und was wäre, wenn Schwule einfach häufiger als Lesben kreative und öffentlichkeitswirksame Politik machten? Müsste man dann trotzdem quotiert berichten?

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