Deutsche Götter, schwule Islamisten und die Lust am Untergang

24 Mai

Der Hass auf die moderne Zivilisation treibt mitunter merkwürdige Blüten:

Der da Selbstmord im Dom verübte, heißt Dominique Venner. Er tat es aus Gram um die Schwulenehe. Das versichern seine Freunde. Er empfand das Sakrament der Ehe als beschmutzt.

Der Mann war kein unbeschriebenes Blatt:

Der 78-Jährige war der Sohn eines französischen Faschisten und Nazi-Kollaborateurs. Er tat sich als Fallschirmspringer im Algerienkrieg hervor. Später gehörte er zum Umfeld von Alain de Benoist und seiner „Neuen Rechten“, die um 1980 über erheblichen publizistischen Einfluss verfügte.

Wenn man liest, was Venner sonst noch bewegte,

Er befürchte, dass Frankreich in die Hände von Islamisten fallen würde. Im Kampf dagegen seien „neue, spektakuläre und symbolische Gesten“ notwendig. „Wir kommen in eine Zeit, in der die Worte durch Taten beglaubigt werden müssen.“

fragt man sich allerdings, ob sich die Ehe-Öffnung für Homosexuelle und die drohende Machtübernahme der Islamisten nicht doch etwas widersprechen.

Tilman Krause hält Venner in der WELT samt seinen Kameraden überhaupt für ein wenig begriffsstutzig. So habe dieser

zwei deutschen Göttern (gehuldigt), die mit der Geschichte der französischen Nazi-Kollaboration eng verknüpft sind: Ernst Jünger und Friedrich Sieburg. Beide werden von den französischen Rechten umstandslos dem Nationalsozialismus zugeschlagen. Was ein bedauerlicher Irrtum ist.

Mehr noch:

Von Homophobie kann bei den beiden deutschen Autoren gleichfalls keine Rede sein. Sieburg hat anlässlich einer Huldigung an Antoine de Saint-Exupéry (den Verfasser von „Der kleine Prinz“) sogar gestanden, er wäre selbst gern schwul gewesen, um diesen tollen Typen lieben zu können. Und er hat in der homophoben Adenauer-Ära viel Verständnis für schwule Autoren wie André Gide oder Herman Bang artikuliert. Kurzum: Venner war ein Opfer seiner selektiven Wahrnehmung: Er hat seine deutschen Lieblingsautoren so wenig begriffen wie die Welt von heute.

Weshalb Sieburg,

der im tiefsten Grunde seines Herzens ein Liberaler war, der leben und leben lassen wollte und nicht zuletzt aufgrund der gähnend langweiligen Spießigkeit des klassischen (sozialdemokratischen) deutschen Linken und weil er in Frankreich gelernt hatte, was intellektuelles Savoir Vivre ist, der also zuvörderst aus Opposition, aus Leiden an Deutschland zum Konservativen wurde

gegen seine falschen Verehrer zu verteidigen ist. Und daher zum Schluß ein Lesetipp, auch wenn sich der Autor darin über Deutsche lustig macht und nicht über unsere französischen Nachbarn – wobei Venner im Innersten vermutlich deutsch fühlte: Friedrich Sieburg – Die Lust am Untergang

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