Mit der Möse sieht man besser

27 Mai

Nach diesem Motto scheint man bei Random House zu verfahren, glaubt man der amerikanischen Autorin Deborah Copaken Kogan, die unter dem Titel „Lasst uns über Sexismus reden“ in der WELT schreibt:

Das vom Verlag entworfene Cover zeigt vor pinkfarbenem Hintergrund einen cartoonartigen nackten Torso, dessen Genitalien von einer Kamera bedeckt werden. Ich erkläre ihnen, dass sich normalerweise mein Auge hinter der Kamera befindet, nicht meine Vagina. Gott sei Dank gewinne ich den Kampf ums Cover. Aber nur, indem ich einwillige, das Foto selbst zu machen. Umsonst.

Dieses Beispiel überzeugte mich deutlich mehr von sexistischen Praktiken im Literaturbusiness als die Klage von Kogan über die Ungleichheit im Rezensionsbetrieb:

Es werden mehr Bücher von Autoren als von Autorinnen rezensiert; es gibt mehr Rezensenten als Rezensentinnen.

Kogan nennt weitere Beispiele für sexistische Praxis im Alltag bspw. einer Journalistin:

Als ich nach meinem zweiten Mutterschaftsurlaub (unbezahlt, daher für meine Familie ein finanzielles Desaster) wieder anfange zu arbeiten, werden mir trotz meiner Spezialisierung auf Nachrichten kurz hintereinander diese drei Themen zugeteilt: „So bringt man seine Kinder ins Bett“, „Wählerische Babys“, „Mäkelige Esser“.

Sexismus funktioniert jedoch auch von feministischer Seite oder wie sonst soll man es nennen, wenn eine Frau zu Ehren des Feminismus ihre Karriere fortsetzen soll, obwohl sie persönlich ganz andere Pläne hat?

New York Magazine“ findet, ich sei eine Beleidigung für den Feminismus, weil ich eine vielversprechende Karriere aufgegeben habe.

Noch ein Beispiel gefällig für skurile, sexistische Verlagspolitik?

Gerade habe ich meinen ersten Roman verkauft, „Suicide Wood“, eine moderne Allegorie auf Dantes „Inferno“ über eine Mutter, die sich selbst und ihre Kinder umbringt. Man gibt mir zu verstehen, dass Bücher mit dem Wort „Selbstmord“ im Titel sich niemals verkaufen und dass ich die Sache mit Dante vergessen sollte: Frauen – das unterstellte Lesepublikum meines Romans – würden bei Dante abschalten. Und bei Selbstmord auch.

Ich erkläre, dass ich mir für meinen Roman nicht nur Leserinnen, sondern auch Leser wünsche, dass er tatsächlich von Selbstmord handelt und dass die Kenntnis des „Inferno“ keine Voraussetzung dafür ist, ihn zu verstehen. Ich erinnere an den Erfolg von Jeff Eugenides‘ „Die Selbstmord-Schwestern“ („The Virgin Suicides“). Das hatte ich doch auch in die Hand genommen, denn ich habe, obwohl ich eine Frau bin, ein Faible für Romane über Selbstmorde. „Aber in seinem Titel kommt das Wort ,Jungfrau‘ vor“, erklärt man mir. Aha!

Aus meinem Titel wird „Between Here and April“ („Zwischen hier und April“). Ich weiß nicht, was das bedeuten soll, bekomme aber wieder gesagt, ich hätte da nichts mitzureden. Bei meinem nächsten Buch, „Hell is Other Parents“ („Die Hölle sind die anderen Eltern“), das Gleiche: Die Sammlung persönlicher Essays wird mit einem rosafarbenen Cover gedruckt und in die Abteilung Erziehungsratgeber gesteckt. „Screwing in the Marital Bed“ („Vögeln im Ehebett“), den Titel eines der Essays, hätte besser gepasst, merke ich an. Wieder habe ich nichts zu sagen.

Dabei hat Kogan durchaus etwas zu sagen:

Der Mangel an respektvoller Berichterstattung, die Titulierung als Schlampe und andere Beschimpfungen, die tussigen Buchcover und gegen meinen Willen durchgesetzte Titel, die meinem literarischen Anspruch zuwiderlaufen, haben mich zermürbt und mich alles hinterfragen lassen: meine Fähigkeiten, meine Zukunft, mein Leben. Das ist es, was der Sexismus am besten kann: Er sorgt dafür, dass man sich verrückt vorkommt, weil man nach Gleichheit strebt, und schließlich die Hoffnung aufgibt, sie je zu erreichen.

Endlich mal wieder eine Sexismuskritik, die nicht moralisch daherkommt, sondern als Kritik an mangelnder Gleichbehandlung. Chapeau!

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