Mehr Antikapitalismus, weniger Sex

28 Mai

So oder so bleibt das Gefühl, dass mit diesem Film die heterosexuelle Liebe abgewertet werden soll.

meint ein Kommentator in der WELT zu Abdellatif Kechiches „La Vie d’Adèle“, der in Cannes gerade die Goldene Palme gewonnen hat. Wollte man es sich einfach machen, könnte man das einfach umdrehen und fragen, ob mit der Flut von Hetero-Liebesfilmen, die Jahr für Jahr auf den Markt geworfen werden, etwa homosexuelle Liebe abgewertet werden soll. Aber es reicht aus, Kechiches Aussagen über den Film aufmerksam zu lesen, um zu erkennen, das die Homosexualität gar nicht im Mittelpunkt des Filmes steht, zumindest für den Regisseur:

Es ist für mich, auch wenn es anders aussehen mag, in erster Linie kein lesbischer Liebesfilm. (…) Es sind zwar zwei Frauen im Zentrum des Films. Aber noch wichtiger als das Geschlecht war für mich die Frage, ob und wie sich zwei Menschen verlieben können, von denen der eine Teenager ist, während der andere schon im Leben angekommen ist.

Was Verena Lueken in ihrem FAZ-Blog nicht davon abhält, den Film zu einem

explizit schwule(n) Film

zu erklären – doppelt absurd, geht es doch, wie gesagt, um zwei Frauen. Oder ist man bei der FAZ jetzt auch schon total verqueert? Auf jeden Fall hat Lueken klare Rollenerwartungen an zwei Frauen, die sich lieben. „Spießig“ dürfen sie nicht sein. Was Lueken darunter versteht?

die spießige Rollenverteilung zwischen den beiden Frauen – die eine liest, die andere spült. So selbstverständlich ist das doch nicht, oder sind die Lesben den Heterosexuellen derart hinterher in ihrer sozialen Entwicklung?

„Modern“ oder was auch immer für Lueken das Gegenteil von „spießig“ sein mag, ist es also, wenn beide lesen und beide spülen. Alles andere ist „hinterher“ und das erwarten „wir“ von „den Lesben“ nun wirklich nicht. Avantgarde ist schon das Mindeste an Performance, das „wir“ erwarten können oder wofür wollen „die Lesben“ sonst toleriert werden?

Bemerkenswert finde ich vor dem Hintergrund des kürzlich hier erwähnten Falls der Verfolgung einer jungen Frau wegen ihrer Beziehung zu einer drei Jahre Jüngeren, wie eine ähnliche Konstellation in „La Vie d’Adèle“ konzipiert wird:

Es geht ja darum, dass dieser Teenager einen anderen etwas älteren Menschen – und ich vermeide bewusst Mann oder Frau – trifft und sich nun, da er sich extrem angezogen fühlt, mit ihm auseinandersetzt. Was genau geschieht im Leben dieser Personen, und wie beeinflusst diese Liebe das ganze nun folgende Leben der nächsten Jahre und Jahrzehnte? Das waren Fragen, die mich interessiert haben.

Verena Lueken hingegen interessiert sich mehr für die fehlende antikapitalistische Ausrichtung des Films, die sie mit seiner Sexlastigkeit kontrastiert:

Es gibt Hinweise auf  Klassenverhältnisse in diesem Film, ganz schwach, da hätte ich gern mehr erfahren und dafür auf eine der langen Sexszenen verzichtet.

Spießige Lesben, die ihre Klassenherkunft nicht ausreichend thematisieren und dann auch noch Spaß am Sex haben. Das scheint im Jahre 2013 eine regelrechte Zumutung für manche Kritikerin zu sein. Andererseits hat, wer ausgerechnet bei Judith Butler gelernt haben will, wie

sexuelle Identitäten theoretisch entstehen,

sicher folgerichtig sehr konkrete Erwartungen an die praktische Umsetzung sexueller Identitäten. Wobei „nicht spießig zu sein“, mir doch etwas wenig revolutionäre Konsequenz darzustellen scheint. Überhaupt: „Lesen“, „spülen“, ja, „Filme machen“, sind das nicht alles ziemlich altmodische Tätigkeiten, die wir auf dem Weg in die politisch korrekte Zukunft schleunigst überqueerenwinden sollten?

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8 Antworten to “Mehr Antikapitalismus, weniger Sex”

  1. tikerscherk 28. Mai 2013 um 21:42 #

    Alles andere ist “hinterher” und das erwarten “wir” von “den Lesben” nun wirklich nicht. Avantgarde ist schon das Mindeste an Performance, das “wir” erwarten können oder wofür wollen “die Lesben” sonst toleriert werden?

    Mal wieder so präzise in Worte gefasst. Danke.

  2. Martin 29. Mai 2013 um 00:50 #

    Ich bin überzeugt und stelle das Spülen ein, man will ja nicht als Spießer gelten. Lesen würd ich trotzdem gerne, gibt es da eine „das ist erlaubt“-Liste?

    Was ganz anderes am Rande, ich habe kürzlich eine Science Fiction Hörspielreihe gefunden in der der Protagonist der das Universum rettet, schwul ist. Eine angenehme Abwechslung von der Kirk „was bei drei nicht auf dem Baum ist“-Schablone. 🙂

    • Damien 29. Mai 2013 um 09:51 #

      @Martin: Also das FAZ-Feuilleton dürfte in Ordnung gehen. Butler natürlich. Und Carolin Emcke. Aber erst Butler lesen: Keine Praxis ohne Theorie. Ansonsten schätze ich mal, Foucault geht immer. Heidegger vermutlich auch. Und die Gebrauchsanweisung für die Spülmaschine zwischendurch 😉

  3. Adrian 29. Mai 2013 um 09:56 #

    Ich hab gestern meinen Müll entsorgt, nachdem ich gespült habe 😦

  4. Basti 29. Mai 2013 um 16:35 #

    Da wird also ein Film gedreht über eine Frau die „Unzucht“ mit einer Minderjährigen treibt.

    Und sowas bekomtm einen Filmpreis?

    Gut das die Amis da hart gegen vorgehen.

    • Damien 29. Mai 2013 um 17:45 #

      @Basti:

      Gut das die Amis da hart gegen vorgehen.

      Gegen Filmpreise?
      Überhaupt: „Unzucht“ – In welchem Jahrhundert lebst Du denn? Und wie kommst Du auf „minderjährig“? Davon steht jedenfalls in meinem Beitrag nichts. Vielleicht wischst Du Dir zukünftig erstmal den Schaum ab vom Mund, atmest noch einmal tief durch und antwortest dann ganz in Ruhe? Und jetzt bitte nicht unter jedem Artikel dieselbe Forderung nach voller Härte des Gesetzes posten, das wird irgendwann langweilig. Danke!

  5. Martin 29. Mai 2013 um 19:45 #

    Hm, die Gebrauchsanweisung für die Spülmaschine? Aber sind Spülmaschinen nicht spießig und kapitalistisch? Aber vielleicht liegt das Geheimnis ja darin, eine Gebrauchsanweisung für eine Spülmaschine zu haben… aber keine Spülmaschine. Hm, Spülmaschinen sind bestimmt auch ein Symbol der Unterdrückung der Frau… Ich bin dann mal weg, mein „Manifest des Spülmaschinissmuses“ zu schreiben und die Welt in eine bessere Zukunft zu führen 🙂

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