Effizienz und Überfluss

4 Jun

Gegenöffentlichkeit wollte man in den 70er und 80er Jahren schaffen. Und heute? Gibt es nicht mehr eine Öffentlichkeit, sondern eine Vielfalt von Meinungen, die dank Blogs und ähnlichem Fortschritt in die Welt gebracht werden können. Doch mir scheint, auch heute gibt es noch Themen, die Gegenöffentlichkeit benötigen, weil der Mainstream dazu so erdrückend ist oder wirkt: Sei es die Debatte um den Klimawandel, sei es der Hass, mit dem Israel verfolgt wird.

Gegenöffentlichkeit wollten auch Ulrike Edschmid und Werner Sauber in den 70ern schaffen. Über diese Zeit und den Weg ihres Geliebten in den Untergrund schreibt Edschmid in „“Das Verschwinden des Philip S.“.

Das Buch verweigert sich undifferenziertem Schwarz-Weiß-Denken. Werner Sauber wird hier nicht als Monster geschildert, sondern als einfühlsamer Mann, der auch schon mal durch ganz Köln fährt, um einem kleinen verletzten Mädchen die notwendige Behandlung zukommen zu lassen. Wie kommt es, dass solch ein Mensch Jahre später sich und seine Beziehung/Familie dem politischen Kampf unterordnet? Edschmid meint, es sei Saubers Entscheidung

raus aus den für ihn nicht zu bewältigenden Widersprüchen eines offenen Daseins (S. 128)

gewesen.

Das Buch verschafft einen, ihren, Einblick in die Biographie von Einem, der sich auf den Weg in den Untergrund gemacht hat, ohne ihn mit dem Buch zu entmenschlichen, ohne ihn andererseits zu glorifizieren. Dabei versucht sich Edschmid Erklärungsversuchen zu verweigern, denn diese

werfen ein Netz über ihn, das ihn gefangenhält und gegen das er sich nicht mehr wehren kann. (141)

Sie beschreibt ihr zunehmendes Erleben von Werner Saubers

Effizienz in allem, auch in der Liebe. Sie muss abrufbar sein zum vereinbarten Augenblick. Zwischen uns ist kein Überfluss mehr. Alles ist knapp bemessen, die Zeit, die Gefühle und auch die Worte. Sie werden unerbittlich und zielgerichtet. (132)

In diesem Einsatz für eine andere Welt scheint der Weg nicht das Ziel gewesen zu sein. Oder war die neue Gesellschaft, von der Sauber und Genossen träumten, eine der Effizienz und Zielgerichtetheit, in der für den Überfluss kein Platz geblieben wäre?

Er zieht jetzt eine scharfe Linie zwischen sich und denjenigen, die er als Feinde begreift. Ich kann nicht in Feindschaft leben, auch wenn ich vieles als feindlich empfinde. (112)

Die Gemeinsamkeit des Paares zerbröselt:

Er glaubt, dass er dem Gefängnis nur entkommen kann, wenn er ein anderer wird. Ich glaube, dass ich es nur aushalten kann, wenn ich bei mir selber bleibe. (112)

Doch sie will nicht ins Gefängnis, weil sie für ihren Sohn da sein will. Und für ihn und andere die gesellschaftliche Freiheit vergrößern will. Und Sauber? Verengt seinen Weg immer weiter, um wessen Freiheit zu vergrößern? Wessen Freiheit haben die 68er überhaupt vergrößert? Götz Aly hat sich dazu differenziert geäußert. Interessant finde ich, wie Bewegungen für mehr gesellschaftliche Freiheit immer wieder totalitäre Tendenzen hervorbringen. Schauen wir uns nur aktuell die queere Bewegung an, die in ihren extremen Auswüchsen „schwul“ für old-fashioned erklärt, für reaktionär und „zu überwindend“. Wer will schon von gestern sein? Ob sie nicht merken, wie sie damit neue Ausschlüsse und Normen produzieren?

Beeindruckend finde ich das Bild, das der Sohn von Edschmid ihr angesichts der Verhaftung und des späteren Gefängnistodes von H., einem engen Freund der Familie, anvertraut:

Ich solle mir vorstellen, sagt er, wir seien ganz oben in einem Hochhaus, in einem Raum, dessen Fußboden riesige Löcher hat. Man könne durch die Löcher in die Tiefe stürzen. In dem Raum herrsche völlige Dunkelheit. Man könne die Hand nicht vor den Augen sehen. Jeder Schritt sei lebensgefährlich. Aber es gebe einen Lichtschalter in dem Raum. H., sagt er, habe nicht auf die Löcher im Boden geachtet. Er sei einfach losgelaufen, um Licht zu machen. Und dann sei er abgestürzt. Wenn er sich an den Wänden entlanggetastet hätte, sagt er, dann wäre er vielleicht noch am Leben. (107)

Auch so kann man den Marsch durch die Institutionen beschreiben. Oder den Versuch, gesellschaftliche Veränderungen nicht mit aller Gewalt gegen die Gesellschaft zu erzwingen, sondern gemächlich und dafür mit der Gesellschaft zu erringen. Damit aus Gegenöffentlichkeit irgendwann Öffentlichkeit wird. Und das, was früher tabuisiert wurde, endlich nicht länger unter den Tisch gekehrt wird, sei es Polizeigewalt, sei es die Normalität von Homosexualität.

„Das Verschwinden des Philip S.“ ist ein persönliches wie politisches Buch, das man allen empfehlen kann, die sich ihre Meinung über die bleiernen Jahre nicht nur anhand der Kommandoerklärungen der RAF und der späteren Veröffentlichungen von Angehörigen der von der RAF Ermordeten bilden wollen.

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