Feministische Fußnoten

7 Jun

Die Universität Leipzig hat beschlossen, in ihrer neuen Verfassung nur noch weibliche Bezeichnungen zu verwenden:

Mit „Professorin“ ist damit künftig auch ein Mann gemeint. Darauf soll dann eine Fußnote in der Verordnung hinweisen.

Immerhin, in der Fußnote kommen Männer also weiterhin vor. Wofür das gut sein soll?

Ein großes Hochschulgremium habe beschlossen, statt der üblichen Form, in der sich die weibliche Schreibweise mit einer Fußnote begnügen müsse, umgekehrt vorzugehen, sagte die Leipziger Hochschulrektorin, Beate Schücking, am Dienstag.

Okay, das soll also so eine Art historischer Ausgleich sein. Ein weiteres Argument von Schücking irritiert dann aber doch:

Die neue Regelung verdeutliche, dass Frauen heute in der Universität in der Mehrheit seien.

Wurde nicht bisher argumentiert, die Nicht-Nennung von Frauen dürfe nicht damit gerechtfertigt werden, sie seien in einem Bereich in der Minderheit?

Trotz der das Gegenteil suggerierenden Überschrift des WELT-Artikels

Männer werden an Uni als „Professorin“ angesprochen

ist genau das nicht geplant:

Dass Studenten ihre Professoren künftig mit „Herr Professorin“ ansprechen müssen, schließt sie aber aus.

Merkwürdig nur, dass die neue Verfassung laut der Rektorin im Alltag gar keine Veränderung bewirken soll!

Schücking betonte, „dass diese Neuerung auf den Alltag an der Universität und auf den universitären Sprachgebrauch keinerlei Auswirkungen haben wird.“

Nun, warum schreibt man es dann in die Verfassung? Manch einer meint, für reale Veränderungen brauche es mehr als Fußnoten:

Klaus Schwerma, Fachreferent im Bundesforum Männer, hält eine Fußnote nicht für ausreichend. Die weibliche Form könne zwar eine Diskussion entfachen. „Aber es kommt insgesamt darauf an, die Entscheidungs- und Arbeitsstrukturen, zu verändern“, betonte er mit Blick auf die Gleichberechtigung.

Ein anderer findet Fußnoten interessant, aber überflüssig:

Der Gleichstellungsbeauftragte der Uni Leipzig, Georg Teichert, sieht das ähnlich: Die Idee der neuen Schreibweise, die von Physikprofessor Josef Käs stamme, sei interessant. „Sie ändert aber nichts an der tatsächlichen Diskriminierung von Frauen“, sagte Teichert.

Begeisterung hingegen bei der Grand Dame der feministischen Linguistik in Deutschland, die bereits vor Jahrzehnten gefordert hatte, aus Gründen kompensatorischer Gerechtigkeit sollte nach 2000 Jahren Verwendung der männlichen Form für die nächsten 2000 Jahre ausschließlich die weibliche Form gebraucht werden. Luise Pusch bezeichnete die Neuerung als überfällig:

Bisher würden Frauen bei männlichen Bezeichnungen immer mitgemeint. „Das sollen wir einfach so schlucken und uns nicht so haben. Warum eigentlich?“, fragte sie. Pusch ist überzeugt, das diese Praxis nur „Machtgründe“ habe.

Und wenn dem so wäre, bestünde die Lösung in der „Machtübernahme“ der Frauen? Da gab es auch schon mal herrschaftskritischere Fraktionen im Feminismus… Zumal die durchgängige Verwendung der weiblichen Form als Gegenentwurf zur durchgängigen Verwendung der männlichen Form die existierende Verengung auf zwei Geschlechter noch im Protest gegen das Machtgehabe festschreibt und damit den, auch sprachlichen, Ausschluß von Intersexuellen wie Trans* fortsetzt.

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6 Antworten to “Feministische Fußnoten”

  1. Adrian 7. Juni 2013 um 12:04 #

    “Sie ändert aber nichts an der tatsächlichen Diskriminierung von Frauen”

    Welche?

  2. Atacama 7. Juni 2013 um 15:17 #

    „Dass Studenten ihre Professoren künftig mit “Herr Professorin” ansprechen müssen, schließt sie aber aus. “

    Schade, dann wäre es wenigstens etwas lustig geworden.

  3. Robert Michel 7. Juni 2013 um 17:43 #

    „Pusch ist überzeugt, das diese Praxis nur “Machtgründe” habe.“

    Nicht ganz, es ist ein Machtdemonstration.

  4. Peter 7. Juni 2013 um 18:35 #

    Wer auch immer mitgemeint oder nicht mitgemeint sein sollte: Beim sogenannten Professorinnenförderprogramm (Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat 2007 das Professorinnen-Programm ins Leben gerufen, um den Anteil von Professorinnen an den deutschen Hochschulen zu steigern) sind nur weibliche Professorinnen gemeint und männliche Professorinnen sind ausdrücklich nicht mitgemeint.
    Oder wird das Professorinnenförderprogramm jetzt obsolet, weil ja alle, Männlein wie Weiblein, Professorinnen sind, der Anteil also exakt 100% beträgt? 🙂

  5. Martin 7. Juni 2013 um 21:47 #

    … Nicht zu fassen, das ist so abstrus das es glatt aus irgendeiner dummen Komedy Sendung stammen könnte. Als ich studiert habe (Grafikdesign) hatte ich eine Professorin (Designgeschichte) die die meisten Vorlesungen über die Unterdrückung der Frau gehalten hat, (eine Frechheit, wofür wurde die denn bezahlt). der klassiker war „Dämlich kommt von Dame, blabla, patriarchalische Sprache blabla“. drauf geschissen das die beiden Worte nicht miteinander verwandt sind, hauptsache man kann seine gequirlte Kacke an den Mann bringen, wenn man dann noch bezahlt wird, um so besser. Aber schön zu wissen das wir keine andere Probleme haben als an der Sprache rumzudoktorn.

  6. Martin 7. Juni 2013 um 21:51 #

    Wo wir schon dabei sind, es geht wirklich nicht an das man das Wort „Emanzipation“ verwendet, das hört sich ja an wie „eMANNzipation“, wir sollten besser „Efrauzipation“ sagen, sonst müssen noch irgendwelche Spinner weinen…

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