Ein Herz für Heteros

14 Jun

In modernen Demokratien werden Homosexuelle kaum noch verfolgt. Aber manchen reicht das nicht

beklagt Wolfgang Büscher in der WELT, als wenn ein bisschen Verfolgung nun wahrlich genug sein müsste, damit Schwule und Lesben endlich mal die Klappe halten.

Deutschland sei auf dem besten Wege,

das Eheprivileg, wie wir es kannten, zugunsten homosexueller Paare zu schleifen.

Nur zur Erinnerung, Heterosexuelle dürfen auch weiterhin heiraten. Bloß ganz alleine sind sie mit diesem Recht vermutlich bald schon nicht mehr. Für Schwule und Lesben sei das

  ein Privilegierungsschub.

Die dürfen jetzt nämlich auch heiraten. In Frankreich hat nicht jeder dafür Verständnis und so sind manche dagegen auf die Straße gegangen. Natürlich nicht, weil man etwas gegen Homosexuelle hätte:

Wenn nicht alles täuscht, geht es der durchaus bürgerlichen und oft jungen Masse der empörten Franzosen nicht darum, gegen Homosexuelle als solche Front zu machen. Eher darum, etwas zu verteidigen, woran ihr Herz hängt und wofür sie bereit sind zu kämpfen – die Familie als Norm und Mitte des Lebens.

Dabei stabilisiert die Eheöffnung für Homosexuelle die Familie als Norm und Mitte des Lebens, schließlich wird sie durch diese Veränderung für weitere Menschen offiziell lebbar. Aber eins können die Homos einfach nicht bieten:

Die Idee von Vater, Mutter, Kind.

Warum diese Idee allerdings irgendwie auf der Strecke bleiben soll, weil ein paar Homosexuelle heiraten – das erklärt uns Wolfgang Büscher nicht. Dafür weiß er immerhin, dass Schwule und Lesben Kinder per Bestellung im Online-Shop machen:

Ihnen graut davor, dass ein Kind etwas ist, dessen Zutaten mit der Post kommen und das dann gebastelt wird.

Büscher versteht das, seine Landsleute hingegen nicht:

Offenbar ist es genau dies, was uns Deutsche so sprachlos macht – dass die linksrheinischen Cousins so unverblümt lautstark eben diese Idee von Mitte und Norm verteidigen, gegen die Ansprüche der vereinigten Minderheiten, alles müsse relativiert und gleichgemacht werden.

Welche vereinigten Minderheiten wollen alles relativieren? Sprechen wir noch von der Selbstverständlichkeit, dass zwei Menschen, die sich lieben, einander heiraten dürfen und ihnen dies nicht länger verwehrt wird, nur weil sie homosexuell sind? Doch Büscher kann sich kaum noch halten und ruft beherzt:

Trauen wir uns nicht mehr, für das einzustehen, was wir doch sind? Das kann nicht sein. Es ist nicht verboten, gegen die ideologische und gesetzespraktische Nivellierung der Familie zu sein. Nie war Schwarmbildung leichter als im Zeitalter sozialer Netzwerke. Aber ein Schwarm zur Verteidigung der Familie bildet sich in Deutschland nicht.

Wir verstehen gar nicht, was in die verrückten Franzosen gefahren ist. Wir fühlen den Verlust nicht mehr, wie fast jeden Abend in Talkshows zu besichtigen ist. Als sei das Organ herausgeschnitten, das für solche Empfindungen zuständig ist.

Hat man uns Deutschen das Herz schon herausgeschnitten, mit dem die Franzosen noch an der Norm und Mitte des Lebens hängen? Aber das will Büscher nicht vertiefen:

Lassen wir es bei der Verwunderung über die Indolenz der deutschen Mitte

– der selbstverständlich heterosexuellen deutschen Mitte. Zur Erinnerung:

Von Indolenz spricht man im übertragenen Sinne auch dann, wenn eine Person negativen Einwirkungen unterschiedlichster Art ausgesetzt ist (z. B. Beleidigungen, Kränkungen, Kritik, Missachtung durch andere) (…)

Wo sind Heterosexuelle in diesem Land Beleidigungen, Kränkungen, Kritik und Missachtung ausgesetzt? Doch Büschers ganz spezielle Wahrnehmung hält noch mehr Überraschungen bereit:

Ging es bisher darum, der Mehrheit Toleranz für Minderheiten abzutrotzen, so lautet nun die Parole: Wir wollen nicht bloß akzeptierte Minderheit sein. Wir sind die besseren, weil moderneren, multipleren Menschen. So wie wir sollten alle sein.

Wo Herr Büscher so etwas nur liest?

Minderheit/Mehrheit, das soll es nicht mehr geben, da steckt schon Norm drin und Herrschaft. Das muss weg. Denn es gibt keine Identität, nur eine Welt der Optionen. Einen Menschen auf eine Option festzulegen heißt, ihn darin einzusperren.

Natürlich kann man das auch andersherum als haltgebenden Rahmen beschreiben, aber dass eine Festlegung eine Begrenzung nach sich zieht, lässt sich nicht bestreiten.

Ob du schwul bist oder hetero, Mann oder Frau, das sind bloß Zuschreibungen der Gesellschaft. In Wahrheit sind wir alle multioptional.

Der erste Teil könnte von Freud sein, der die genitale Fixierung des Menschen zwar nicht für eine Zuschreibung, aber für eine Zurichtung hielt, also durchaus für etwas gesellschaftlich Produziertes. Vorher war da Multioptionalität, Freud nannte das „polymorph pervers“.

Hier ist ein Umschlagspunkt im Denken erreicht. Nun geht es nicht mehr darum, einer unterdrückten Minderheit zu ihrem Recht zu verhelfen, jetzt geht es darum, die Ideen der Mehrheit in Salzsäure zu baden, ihr die Definitionsmacht aus der Hand zu schlagen.

Angesichts der Praxis, Schwule in gewissen Gegenden der Welt in Salzsäure zu baden, fragt man sich bei diesem Satz im Wissen um den Mechanismus der Projektion, wer hier in Wirklichkeit wen am liebsten in Salzsäure baden würde. Zudem fällt das zweite hochaggressive Bild Büschers auf: Warum sollte es nicht legitim sein, darüber zu sprechen, wer worüber die Definitionsmacht hat? Anders gefragt, wenn die Mehrheit die Definitionsmacht hat, wieso geht das ganz offensichtlich in Ordnung, wenn durch sie die Minderheit der herrschenden Definition unterworfen werden soll? Ist das nicht auch reichlich gewalttätig?

Die Mehrheit findet das schrecklich interessant. Wirft sie doch selbst ihre Formen fröhlich über Bord, Ehe und Familie zuerst.

Wie skuril ist das denn nun? Herr Büscher wirft der Mehrheit vor, dass sie die Gesellschaft nicht so lässt, wie sie schon immer war und stattdessen Ehe und Familie abschafft. Dabei tut sie das gar nicht, sie verbreitert vielmehr ihre Basis.

Seltsam auch, was Herr Büscher sonst noch zu wissen glaubt:

Neue, merkwürdig verquaste Begriffe werden gesetzt, der mächtigste ist Gender-Mainstreaming: Ein natürliches Geschlecht, sagt er, gibt es recht eigentlich nicht.

Dabei beinhaltet Gender Mainstreaming, ganz banal, nichts als die Gleichstellung der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Von Kritik am Konzept der Zweigeschlechtlichkeit ist da keineswegs die Rede.

Was bleibt? Ein Artikel, der nicht ein Wort über die durchaus noch existierende Diskriminierung von Schwulen und Lesben, ja, auch in Deutschland, verliert und stattdessen fröhliche Heteros zum unbewußten Opfer militanter Schwuler erklärt. Was für eine Räuberpistole!

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10 Antworten to “Ein Herz für Heteros”

  1. hulrich 14. Juni 2013 um 10:36 #

    Man könnte mal darüber nachdenken, einen Aufkleber fürs Auto zu gestalten, mit der Aufschrift „Ich bremse auch für Heten!“
    Diese Hysterie, die in der medialen Öffentlichkeit einhergeht mit jedem BVerfG-Urteil, ist mir unheimlicher als meine kleine Realität. Seit über zehn Jahren lebe ich mit meinem Partner in einem kleinen Stadtteil im Norden von Bonn, jeder kennt jeden, den Kontostand des Nachbarn, wer mit wem, wer gerade gestorben ist etc. erfährt man beim morgendlichen Brötchenkauf. 🙂
    Und natürlich weiß das gesamte Viertel, daß hier ein schwules Paar lebt. Ein paar Häuser weiter bauen gerade zwei andere Jungs an ihrem Haus. Auch kein Problem.
    Nebenan haben wir eine türkische Familie als Nachbarn, am Ende der Straße die örtliche Filiale des Vatikans mit einem polnischen Pfarrer, der gelegentlich mal seine Ministranten vorbeischickt, um für irgendwas zu sammeln. Die Kiddies bekommen dann freundlich die Nachricht, daß dieses Haus eine RKK-freie Zone ist und wir unsere Spenden lieber in Projekte stecken, die wir uns selber aussuchen.
    Unsere Nachbarn wissen, daß wir religiösen Kitsch sammeln, in unserem Treppenhaus hängen die gerahmten Porträts diverser Päpste der Barockzeit – der Gedanke, einen Papst hängen zu sehen, der hat ja was.
    Nichtsdestotrotz habe ich den Eindruck, daß unsere Nachbarschaft sehr gut funktioniert. Unsere Nachbarin paßt auf unsere Katzen auf, wenn wir mal im Urlaub sind und blöde Sprüche kassieren wir auch nicht. Die Nachbarn nehmen Pakete und Post an, wenn man grad mal nicht da ist, am Sonntagmorgen bringe ich meiner älteren (autolosen) Nachbarin Brötchen oder versorge sie mit Getränkekisten, eigentlich ist alles so, wie es sein sollte.
    Aber was in manchen Medien inszeniert wird, ist schon seltsam. Auch der Kommentar in der Welt geht in diese Richtung.
    Im Vergleich dazu waren die Kommentare zu Anne Wills Talkshow zur ehemals heiligen Ehe ja fast einhellig der Meinung, daß sowohl Erika Steinbach wie auch Hedwig von Bevervoerde sich nur blamiert haben.

    • Damien 14. Juni 2013 um 10:46 #

      @hulrich: Meine Hoffnung ist, dass sich auch Wolfgang Büscher mit seinem Warnruf letztlich nur blamiert haben wird.

  2. Peter 14. Juni 2013 um 13:07 #

    Wir sind die besseren, weil moderneren, multipleren Menschen. So wie wir sollten alle sein.

    Wo Herr Büscher so etwas nur liest?

    Also das gibt es schon. Bekanntlich sind ganze Theorien aufgestellt worden, die die heterosexelle hegemoniale Männlichkeit als das grosse und ursächliche Übel dieser Welt identifizieren. Was liegt da näher, als den Gegenentwurf, die homosexuelle Identität als die bessere Alternative zu charakterisieren. Das geht mir als Hetero schon manchmal auf den Keks. Damit erschöpft sich aber mein Verständnis für Büschers Ansichten auch schon.

    • Damien 14. Juni 2013 um 13:11 #

      @Peter: Hegemoniale heterosexuelle Männlichkeit zu dissen ist das Eine. Daraus aber abzuleiten, Homosexuelle seien „besser, moderner, multipler, so wie wir sollten alle sein“ – wer macht denn sowas heute noch? Das ist doch 70er Jahre Niveau.

  3. gnaddrig 14. Juni 2013 um 16:07 #

    Es ist immer dasselbe: Der arme normale Mensch (d.h. hetero, männlich, Deutscher ohne Migrationshintergrund) wird ständig allüberall schlechtgemacht, geknechtet und ausgepresst von Schwulen, Juden, Moslems, Ausländern, Frauen und was es sonst noch so gibt an Leuten, die einfach mal die Klappe halten sollten und froh sein, dass sie nicht mehr eingesperrt oder aufgehängt werden. Alle tanzen dem normalen Menschen auf der Nase herum und das Abendland geht (mal wieder) unter.

    Also echt, die ganzen Büschers sollen mal wieder runterkommen, die Ehe für Heteros wird nicht abgeschafft und die Welt wird sich wie gewohnt weiterdrehen.

  4. lalibertine 14. Juni 2013 um 20:32 #

    Minderheitenrechte sind eben was Tolles, die kann man so schön huldvoll gewähren und dafür im Gegenzug ewige Dankbarkeit erwarten. Aber nein, jetzt wollen sie mehr, die Nimmersatten, „kaum noch verfolgt“ reicht ihnen nicht! Und am Ende haben wir gar keine Normen setzenden Mehrheiten und geduldete Minderheiten mehr, sondern einfach gleichberechtigte Individuen! Was für eine entsetzliche Vorstellung.

  5. gnaddrig 14. Juni 2013 um 22:42 #

    Genau, wenn man mit den Minderheitenrechten eher sparsam umgeht, wissen die Minderheiten ihre paar Brocken Rechte wenigstens angemessen zu schätzen. Die sind glücklich und dankbar, und die Normalen, die die Rechte vergeben haben, fühlen sich gut, eigentlich eine klassische Win-Win-Situation. Wir brauchen also unbedingt noch ein paar möglichst kleine Rechtezuteilungen für marginalisierte Minderheiten, dann geht das allgemeine Wohlfühlniveau im Land noch weiter nach oben, und am Ende schlagen wir noch Bhutan im Glücklichkeitsindex.

    Aber mit ihrer Gier machen diese bösen Schwulen das alles wieder kaputt. Außerdem steckt das bestimmt an, wer weiß, wer dann als nächstes kommt und auch mehr will! Wir werden alle pleite gehen, und am Ende kann man sich als normaler Mensch (s.o.) gar nicht mehr auf der Straße zeigen, und wo kämen wir da hin!

    Hüstel, Verzeihung, ich habe mich hinreißen lassen…

  6. Martin 15. Juni 2013 um 04:21 #

    Was für eine Figur, ein par Jahrzehnte früher geboren und er hätte rumgetrötet das es das Ende sei wenn Menschen unterschiedlicher Hautfarben heiraten.

    Ist überhaupt eigenartig, alle Nase lang das Geheule das man als Hetero ja quasi unterdrückt ist und die Schwulesbische Unterdrückungsfront die Herrschaft übernimmt. Als Hetero merk ich davon aber nix. Ich leb in einer 20.000 Einwohner Stadt, hier muss es doch Homosexuelle Leut geben, aber ich seh hier nie Männer oder Frauen Arm in Arm, geschweige denn beim Küssen. Das ist Schade. Und halt ein Anzeichen dafür das die Welt hier bei mir schon durchaus so ist wie sie der Büscher für sich verloren glaubt.

    Überhaupt, was für eine elitäre Ekelhaftigkeit ist es denn zu jammern das etwas das man hat entwertet würde, nur weil es nicht mehr nur dem eigenen Club zugänglich ist? Mimimi, mein Ferrari macht mir gar keinen Spass mehr seit das Gesocks unterhalb der Millionärsgrenze sich auch einen leisten kann. Ja, da muss man bittere Tränen vergiesen, ich weiß das, ich bin auch immer ganz untröstlich das Leute die weniger als ich verdienen den gleichen Punto haben wie ich…

  7. Thomas ex Gotha 15. Juni 2013 um 16:41 #

    Was hier vielleicht zu leichtfertig hingenommen wird, ist der drohende Unterton des Artikels von Büscher, übrigens einem Börnepreis-Träger („Wolfgang Büscher geht offenen Auges und vorurteilsfrei durch die Welt.“ (Der deutsche Bundespräsident Horst Köhler als Preisrichter des Ludwig-Börne-Preises; 1. Februar 2006)): er vermag zwar nicht zu erklären, warum Ehe und Familie bedroht sein sollen, fordert aber „Schwarmbildung“ zu ihrer Verteidigung und sieht die „Identität“ bedroht. In der bürgerlich-konservativen Ideologie ist dieser Begriff sakrosankt, denn wenn die armen Schlucker schon sonst nichts haben, ihre Identität als was auch immer gilt es zu verteidigen.
    In Krisensituationen braucht das bürgerliche Unbehagen ein Ventil und Büscher glaubt offenbar, man könne in dieser Hinsicht von Frankreich nur lernen. Ich befürchte, dass auch der krawallkonservative Lohnschreiberschwarm, all die Röhls, Fleischhauers, Kelles und Konsorten, im Schwulen-Bashing bald nachziehen werden. Ach ja, Kelle ist schon dabei: http://www.theeuropean.de/birgit-kelle/7023-familienfoerderung-und-das-bundesverfassungsgericht

  8. George 16. Juni 2013 um 22:50 #

    „Nie war Schwarmbildung leichter als im Zeitalter sozialer Netzwerke. Aber ein Schwarm zur Verteidigung der Familie bildet sich in Deutschland nicht.“

    Oh doch, solch ein Schwarm hat sich gebildet, und er kommentiert fleißig bei der FAZ zu allen Beiträgen die dieses Thema berühren. Was ich da gelesen habe ließ mich teilweise denken, ich sei im Jahr 1933 gelandet.

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