Ein freies und humanes Leben?

19 Jun

Marusha mag Merkel, die taz mag Merkel nicht. Weshalb ein Interview, das die DJane der WELT gegeben hat, der taz als

das bizarrste Interview des Jahres

gilt. Woran macht die taz diese Qualifizierung fest? Nun, Marusha scheint die Kardinalstugend der Subjektivitätsfraktion der 68er schlicht ignoriert zu haben:

Diesen Sätzen, in denen es nur „es ist“ gibt und nie „ich finde, denke, glaube“, in denen die Welt so einfach, klar und widerspruchsfrei erscheint – und die gleichzeitig so dadaistisch-verspult sind, dass sich beim Lesen das Gehirn verknotet.

Ich versuche, zu verstehen: Marusha versäumt es, bei Urteilen hinzuzufügen, dass diese ihrem subjektiven Hintergrund entstammen. Das gehört sich nicht, findet die linke Anstandsdame taz. Außerdem beschreibt sie die Welt weniger komplex und kompliziert als die taz es gerne hätte und scheint dabei noch Spaß am Formulieren zu haben.

Was hat die taz inhaltlich an Marushas Ansichten auszusetzen? Diese seien total konservativ und die Frau schäme sich nicht einmal dafür. Das ist natürlich harter Tobak:

Fröhlich präsentiert sie sich als stockkonservative Socke: „Ich bin Deutscheuropäerin. In Griechenland bin ich niemandem begegnet, der Steuern gezahlt hätte … 

Voll rassistisch, oder? Wenn man sich allerdings den Zusammenhang anschaut, aus dem taz die Worte gerissen hat, stutzt man:

Die Welt: Aufgewachsen sind Sie in Griechenland. Fühlen sie sich als Griechin?

Marusha: Ich bin Deutscheuropäerin. In Griechenland bin ich niemandem begegnet, der Steuern gezahlt hätte. Die Töpfe fürs Gemeinwesen waren immer leer.

Darf man das einfach so sagen? Ich meine, bloß weil die Frau in Griechenland aufgewachsen ist, muss sie noch lange nicht mehr Ahnung von der Materie haben als deutsche Qualitätsjournalisten.

Woran stört sich die taz noch? Diese Frau spricht nicht nur über Politik, sondern auch über sich (Subjektivismus? aber doch bitte nicht so!):

Wenn sie nicht über Politik spricht, erzählt Marusha über sich. Zum Beispiel, wie sozial sie ist: „2002 war ich beim Hochwasser in Halle und habe Sandsäcke gestapelt, gemeinsam mit der Bundeswehr“.

Voll bizarr! Wo doch jeder weiß, dass sozial nur ist, wer taz liest und im Bioladen einkauft. Und dann redet Marusha auch noch von ihrer Mutter, nein, sie

lobt ihre Mutti („Sie ist ein Geldfuchs“)

– auch hier lohnt sich ein Blick ins Interview:

Die Welt: Stimmt es, dass Ihre griechische Mutter bei der Bank gearbeitet hat?

Marusha: Bei deutschen Banken allerdings. Sie ist ein Geldfuchs, und sie hat es natürlich kommen sehen in Griechenland.

Mensch, bloß weil die Olle bei der Bank gearbeitet hat, hat sie bestimmt noch keine Ahnung von Finanzen. Schon gar nicht so viel wie die tollen Kerle bei der taz. An dieser Stelle fragt man sich, warum „die Mutti“ in der Mutter aller feministischen Tageszeitungen in Deutschland plötzlich zum Feindbild wird. Waren bisher nicht immer die Väter die Bösen? Oder hat man bei der taz, seit „Mutti“ Deutschland regiert, das Feindbild upgedated?

Dann war da noch die mangelnde Ernährungsexpertise der Techno-Frau, die

ihre ganz eigene Interpretation von veganer Ernährung

hat:

  Ich ernähre mich halb vegan, halb vegetarisch, esse aber auch mal ein Stück Huhn, wenn ich weiß, es ist bio.

Soweit so nachvollziehbar. Für die Ernährungspolizei bei der taz aber offenbar zu komplex. Wie war das noch mit dem Vorwurf, Marushas Denken sei so einfach? Für die taz anscheinend nicht einfach genug.

Schauen wir uns noch ein paar Sätze aus dem Interview an, die in der taz keine Erwähnung finden. Über Merkel sagt Marusha:

Ich wähle sie, weil sie diszipliniert ist, intelligent und bescheiden. Sie ist eine Person, die nicht laut sein muss. Ich halte sie für sehr emotional. Aber sie lebt ihre Gefühle nicht in der Politik aus. Sie weiß auch nicht, wo wir in fünf bis zehn Jahren stehen werden. Aber sie gibt uns Ruhe und Sicherheit. Das schafft kein Peer Steinbrück in seiner Arroganz und Häme. Ein kluger Mann, aber unmodern. Keiner für meine Generation.

Das kann man zweifelsohne so sehen. Warum darüber nichts in der taz steht? Vielleicht weil solche Sätze, selbst wenn man sie aus dem Zusammenhang zerrt, nicht dafür taugen, so bizarr zu erscheinen, wie die taz es gerne hätte. Auf Nachfrage zeigt sich, dass Marusha ein echter Merkel-Fan ist, bei dem weder die Parteizugehörigkeit noch das Geschlecht der Kanzlerin den Ausschlag für die Begeisterung gibt:

Die Welt: Und wenn Merkel in der SPD wäre?
Marusha: Dann würde ich SPD wählen. Angela Merkel verrichtet ihren Dienst mit beispielloser Leidenschaft für unser Land und unsere Gesellschaft. (…) Dass sie sich nie bei Popkonzerten zeigt wie andere Politiker, finde ich super. Dafür lässt sie beim Fußball ihren Gefühlen freien Lauf und zeigt der Welt, dass die Deutschen sich auch mal gehen lassen können.
Die Welt: War das nicht schon die Botschaft der Techno-Bewegung?
Marusha: Sicher. Aber vor allem zählte da nicht, wo du herkamst und wer du warst, sondern, was du gemacht hast. Deine Leistung und dein Produkt. Es ging um ein freies und humanes Leben. Um es mit Goethe zu sagen, meinem Lieblingsschriftsteller: „Wo Leben sich des Lebens freut/ Dann ist Vergangenheit beständig/ Das Künftige voraus lebendig/ Der Augenblick ist Ewigkeit.“
Die Welt: Ist Ihr Bekenntnis zu Merkel auch ein feministisches als DJane?
Marusha: Ich freue mich, dass sie eine Frau ist. Wenn sie Angelo Merkel hieße, würde ich sie auch wählen. (…) Angela Merkel macht niemanden kleiner, um selber größer dazustehen. Sie ist nie dickköpfig, sie ist einfach stabil.

Man muss nicht alles unterschreiben, was Marusha da erzählt, aber es sind immer wieder Perlen dazwischen, die sich wohltuend vom linken Einheitsbrei sonstiger Kulturschaffender unterscheiden:

Die Welt: Warum können sich in der Popkultur nur wenige öffentlich für Angela Merkel erwärmen?
Marusha: Man möchte da lieber anarchisch und anti wahrgenommen werden. Ich will eine Alternative, und ich bin kein Nischenwähler. Ich wähle die Partei, bei der ich die wenigsten Kompromisse eingehen muss. Angela Merkel ist nicht Harry Potter, sie kann nicht zaubern. Aber sie lässt mich ruhig schlafen. (…) Ich habe sie mal mit Claudia Roth kichern sehen.

Kichern musste auch ich beim Schluß des Interviews:

Marusha: Sie tritt unscheinbar auf, und trotzdem leuchtet sie.
Die Welt: Durch ihre Kostüme?
Marusha: Ihre Kleidung ist ja eher wie sie. Konventionell in Farbe und Passform. Angela Merkel leuchtet durch ihre Aura. Sie strahlt stärker als Gorleben.

Dabei fand ich den blauen Leinen-Blazer, den sie am Montag beim G8-Gipfel trug, sehr geschmackvoll. Und damit mir jetzt keiner Seximus vorwirft, folgt ein Kommentar zu den hochgekrempelten Hemdsärmeln von David Cameron, neben ihr auf dem Foto: Außerst sexy!

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