Sascha Cool

21 Jun

Noch vor der taz hat sich Sascha Lobo zum Marusha-Interview geäußert. Nun ist Marusha nicht so spannend, dass das allein lohnen würde, ein zweites Mal darüber zu berichten. Interessant finde ich aber die Art, wie hier eine abweichende Meinung aus linker Mainstream-Perspektive abgeurteilt wird. Das beginnt schon im ersten Satz:

Wenn Marusha doch bloß dumm wäre. Man hofft so sehr, dass sie einfach dumm ist, denn dann wäre: alles klar. Leider ist Marusha eventuell nicht dumm, jedenfalls nicht vorrangig.

Noch bevor man ein einziges Argument gegen die Ansichten von Marusha geäußert hat, hat man ihr bereits eine Intelligenzminderung unterstellt. Nicht gerade souverän. Was hat Lobo nun einzuwenden gegen Marusha? Die Sympathie Marushas für Merkel sei

selbstverständlich völlig legitim,

das

Problem

sei jedoch,

wie Marusha Merkel empfiehlt, mit welchen Begründungen sie das tut und welche Haltung sich dahinter verbirgt. Und das Problem wird groß und größer, wenn man davon ausgehen muss, dass Marusha nicht allein ist. Im Gegenteil, zieht man Marushas Wirrnis ab (was nicht leicht ist), dann handelt es sich nach meiner Einschätzung zum Gutteil um mehrheitsfähige Meinungen, wenn auch im Interview umpuschelt von einer milden Form des Irrsinns.

Ich fasse zusammen: Lobo gefallen die Begründungen nicht, die Marusha für ihr Merkel-Lob anführt. Ebenso wenig gefällt ihm, dass vermutlich viele weitere Menschen ähnlich denken. Schließlich führt er an, Marusha sei nicht nur dumm, sondern auch verrückt. Eine merkwürdige Form der politischen Auseinandersetzung, wie mir scheint. Desweiteren stört Lobo sich daran, dass Marusha Merkel unkritisch betrachte. Dies beweise ihre Unaufgeklärtheit, politische Unmündigkeit sowie geistige Armut:

Marusha ist unfähig oder unwillig, sich von ihrer Welt zu lösen, der Musikwelt, in der es Stars gibt und Fans. Und daher baut sie eine Beziehung zu Angela Merkel auf, die alle Elemente einer Fan-Beziehung aufweist. Marusha ist Merkelfan, sie schaut auf die Politikerin wie ein Teenager auf den Superstar. Alle Handlungen werden ins Positive gedreht, es gibt nichts, was der Star tun könnte, um die Liebe des Fans zu erschüttern. Jeder Hauch einer Kritik wird emotional bis irrational gekontert. Die Fan-Beziehung zu Politikern (außerhalb der Facebook-Bedeutung) aber ist das Gegenteil von einer aufgeklärten Demokratie. Wenn nicht einmal mehr versucht wird, objektiv zu bewerten, ob eine politische Handlung gut oder schlecht ist, dann gibt man – wie Marusha – jede politische Mündigkeit an der Garderobe der selbstverschuldeten geistigen Armut ab. Vergleichbares konnte man schon bei Guttenberg beobachten, was mich zu der Annahme verleitet, dass es sich um ein weitverbreitetes Politphänomen handelt.

Bemerkenswert: Weil Lobo auch schon bei einem anderen Politiker die Erfahrung gemacht hat, dass andere weniger als er selbst an diesen zu kritisieren haben, handelt es sich um ein weitverbreitetes Politphänomen.

Nach dumm, irre, unmündig und geistig arm streut Lobo nun auch noch die Vermutung, Marusha sei wahnhaft – und auch damit nicht allein:

Selbst, wenn es sich bei Marusha unter Umständen um eine Form des Wahns handeln sollte – so ist es doch keine seltene Form davon. Deshalb ist das Interview nicht nur lustig, sondern gleichzeitig verzweifelnswert. Und zwar immer genau dann, wenn man bei einer Antwort erst gluckst vor Lachen, bis man bemerkt, oh shit, sie spricht bloß aus, was vermutlich viele denken. Wenn man dabei von “denken” sprechen kann.

Nachdem Lobo damit nicht nur Marusha, sondern auch weitere Andersdenkende schlicht für verrückt erklärt hat – wobei die Frage, ob es sich bei diesem anderen Denken überhaupt um „Denken“ handelt, besonders hinterfotzig ist, weil sie impliziert, denken könne eigentlich nur der, der annähernd so tickt wie ich -, dreht er Marusha das Wort im Mund herum:

Die Welt: Und wenn Merkel in der SPD wäre?

Marusha: Dann würde ich SPD wählen.

Diese Sequenz kommentiert Lobo:

Nebenbei verdichtet sie ihr Fantum zur völligen politischen Unterwerfung, Partei egal, also Politik egal, Hauptsache Merkel, eine Argumentationslinie direkt aus dem Gehirn eines 12jährigen Justin-Bieber-Fans.

Nun hat Marusha keineswegs gesagt, dass ihr Politik egal sei. Im Gegenteil begründet sie, für welche Politik sie Merkel schätzt. Für den Fall, dass der geneigte Leser bis hierhin immer noch nicht überzeugt davon ist, dass Marusha nicht mehr ganz richtig im Oberstübchen ist, versteht Lobo Marusha als Nächstes so falsch, dass sie erneut als der letzte Depp dasteht:

Marusha: Opportunismus ist okay, solange er dem Wohl aller dient. Angela Merkel hat gelernt. Ich war schon immer für eine Welt ohne Kernkraft. Aber solange wir gedankenlos Licht brennen und Rechner laufen lassen, ist die Politik machtlos.

Ich lese das so, dass Marusha schon immer gegen Atomenergie war, Merkel allerdings ihre Meinung zum Thema geändert habe. Was macht Lobo daraus?

Die arme Politik! Jahrelang wollte Angela Merkel die Kernkraft abschaffen, aber die Gedankenlosigkeit der gemeinen, lichtbrennlassenden Computer-Bürger hat ihren Wunsch unmöglich gemacht. Wahrscheinlich hat Merkel das in ihrer Weisheit vorausgeahnt und deshalb ihre Kernkraftgegnerschaft über Jahre so geschickt verborgen. Zum Glück kam dann ja Fukushima.

Danach wird es eklig. Oder wie sonst soll man derartige Phantasien nennen?

Gegen diese Argumentation verblasst sogar Marushas Opportunismus-Rechtfertigung – wenn er von Merkel kommt. In einer bizarren Parallelwelt käme vielleicht irgendwann heraus, dass eine Parallelwelt-Merkel Babys zum Frühstück isst; die hiesige Marusha würde vermutlich sagen, och, es waren doch nur vier oder fünf oder maximal zwölf Babys, außerdem Überbevölkerung und, so würde sie dozieren, ernährungsphysiologisch ist der regelmäßige Konsum geschälter Babys durchaus sinnvoll.

Zwischendurch hat man überhaupt das Gefühl, Marusha könne sagen, was sie wolle, Lobo benutzt es letztlich sowieso nur, um seine politischen Weisheiten loszuwerden:

Die Gleichung “Land und Leute” gleich “Mutter und Kind” entspricht nicht nur einer ekelhaft paternalistischen Grundhaltung, die in Deutschland wiederum quer durch sämtliche Parteien verbreitet ist (CDU/CSU, SPD, Grüne, Linkspartei, Piraten, und am ekligsten bei der FPD, gerade weil sie das Gegenteil behauptet).

Gerade weil sie das Gegenteil behauptet? Das verstehe wer will!

Wenn Marusha erklärt,

die evangelische Kirche war schon immer cooler als die katholische.

schäumt Lobo:

Überhaupt, Coolness. Coolness ist die Pest der 1980er Jahre, eine ekelerregende Geißel, die allein der Ausgrenzung dient, weil Coolness immer ein soziales Konstrukt derjenigen ist, die in ihren kleinen Gruppen ohnehin die Definitionsmacht innehaben. Coolness ist ein toller Name für genau den Gruppendruck, der Nährboden ist für Vorurteile, Abschätzigkeit, Ausgrenzung von Andersartigen.

Klar, Definitionsmacht in kleinen Gruppen ist ganz voll böse. Doch warum sollte sich solchen Gruppen nicht einfach entziehen, wem es dort zu eng ist? Viel problematischer sind doch Leute wie Lobo, die tatsächlich dem Mainstream nahestehen, sich aber als kleine, radikale Minderheit gerieren, während sie versuchen, Andersdenkende für dumm und verrückt zu erklären.

Und damit ist Lobo noch nicht fertig:

Marusha: […] Aber vor allem zählte da nicht, wo du herkamst und wer du warst, sondern, was du gemacht hast. Deine Leistung und dein Produkt. Es ging um ein freies und humanes Leben. Um es mit Goethe zu sagen, meinem Lieblingsschriftsteller: “Wo Leben sich des Lebens freut/ Dann ist Vergangenheit beständig/ Das Künftige voraus lebendig/ Der Augenblick ist Ewigkeit.”

Okay. Das ist die Stelle, an der spätestens klar wird, dass Marusha Hilfe braucht von einem Logistiker. Logopäden. Logiker. Von jemandem, der ihr die Dinge erklärt. Also, / wie alles / zusammenhängt, / wa.

Oder braucht vielmehr Lobo Hilfe? Was stört ihn an dieser Aussage von Marusha? Wie schon meist zuvor, wird das gar nicht erst benannt. Marusha wird lächerlich gemacht und für bescheuert erklärt:

Ab hier müsste man jetzt eigentlich ausnahmslos jeden Satz zitieren, weil das Interview am Anfang gaga ist, in der Mitte megagaga und zum Schluß hin gigagaga mit Tendenz zur Teragagaheit. Aber das geht nicht, weil. Weil. Weil es gesundheitsgefährdend ist. Monty Pythons tödlichster Witz der Welt wurde als Techno-DJane wiedergeboren.

Sie sagt nicht, was ich sagen würde, also ist es gesundheitsgefährdend, nein, tödlich! Man muss nur wenig Phantasie haben, um zu konstatieren, dass solches Denken als Grundlage dafür dienen kann, Menschen ihrer Grundrechte zu berauben, ihrer Meinungsfreiheit, ihres Wahlrechts oder wahlweise anderer Freiheiten. Und so ist es kein Wunder, dass in den Kommentaren unter dem Beitrag von Lobo bspw. die Verabreichung von Psychopharmaka an Marusha angeregt wird. Lustig ist das nicht mehr. Lobo selbst liefert auch dafür die konkrete Vorlage:

Marusha: Sie hat 80 Millionen Kinder. Sie ist gut zu allen. Ich habe sie mal mit Claudia Roth kichern sehen. Schwarz-grün wäre super, eine Revolution für Deutschland. Vielleicht wähle ich das so. Ja, ich wähle das so! Eigentlich lebe ich ja grün. Ich trenne meinen Müll. Ich ernähre mich halb vegan, halb vegetarisch, esse aber auch mal ein Stück Huhn, wenn ich weiß, es ist bio. Aber zurück zu Angela Merkel: Sie tritt unscheinbar auf, und trotzdem leuchtet sie.

Merkel ist gut zu allen, weil sie sogar mit Claudia Roth kichert. Sprachlich interessant, gibt es eigentlich schon Doktorarbeiten im Bereich der Psychatrie darüber, wie gut sich abseitige Weil-Konstruktionen zur Diagnose eignen?

Das weil hat Lobo erfunden. Macht nichts, seinem Ziel, Marusha zu psychopathologisieren, kommt er trotzdem näher.

Und doch – “halb vegan, halb vegetarisch … auch mal ein Stück Huhn”, eine gedankliche Konstruktion, die schillert wie Schiller.

Dieser Satz über Marushas Ernährungsgewohnheiten hat auch die taz in seiner Komplexität verwirrt. Kein Wunder, wenn man ausschließlich Schwarz-Weiß-Denken gewohnt ist. Machen wir uns die Mühe und schauen ihn uns näher an. Vegetarier, die auch mal ein Stück Fleisch essen, kennt wohl jeder. Man kann ihnen mangelnde Konsequenz vorwerfen oder zur Kenntnis nehmen, dass es nicht nur „entweder – oder“ gibt. Und halb vegan, halb vegetarisch, wie hat man sich das vorzustellen? Nun, ich würde meinen, häufig achtet jemand auf eine vegane Ernährung und ungefähr ebenso häufig auf eine wenigstens vegetarische. Ist das so schwer zu verstehen?

Längst ist jeder Leser des Interviews an dieser Stelle für tiefgründige Analysen zu erschöpft, Zwerchfellkrämpfe, Hirnimplosionen.

Wie war das noch? Sascha Lobos Position

ist so unfassbar selbstgerecht, dass sie nicht bloß außer Stande ist, die Perspektive anderer Leute einzunehmen. Sie kann oder möchte sich nicht einmal vorstellen, dass es andere Positionen oder Lebenslagen gibt. 

Er sieht seine

Perspektive als einzig existente und damit natürlich auch einzig relevante an.

Womit der Titel von Lobos Schmähung

Marusha, Merkel und das deutsche Problem

schlußendlich zu aktualisieren wäre. Denn

Marusha, Merkel und das Problem linker Blogger, zu ertragen, dass nicht alle so denken wie sie

trifft den Sachverhalt um Länger besser.

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Eine Antwort to “Sascha Cool”

  1. Peter 21. Juni 2013 um 12:29 #

    … wie Marusha Merkel empfiehlt, mit welchen Begründungen sie das tut und welche Haltung sich dahinter verbirgt

    Marushas politisches Statement war mit Sicherheit nicht die tiefgründigste politische Abhandlung der letzten zehn Jahre. Ich kenne Marusha nicht. Anhand des Interviews hatte ich den Eindruck, dass sie sich nicht so sehr für Politisches interessiert. Das kann man als Mangel empfinden. Hassen muss man sie deswegen nicht.

    Der ganze Rest von Lobos ausufernden Geschwätz aber sagt eine Menge über ihn und seine Feindprojektionen aus, über seine Überheblichkeit und seine Geringschätzung aller, die er für dümmer als er selbst einschätzt, also fast aller.

    Die Haltung, die sich verbirgt. Das ist es, worüber Sascha Lobo uns aufklären will. Oha, da verbirgt sich was, etwas, was wir Dummen nicht so ohne weiteres sehen können. Doch Hilfe naht: Der Spiegelexperte für Okkultes macht es für uns sichtbar! Danke Sascha!

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