Pornos statt Palästinenser

3 Jul

Seit einigen Jahren ist zu beobachten, dass sich die antikapitalistische, antiwestliche Linke von der Homo-Bewegung mehr und mehr distanziert. Das ist zu erwarten, denn das Recht auf Liebe zum und der  Beischlaf mit dem gleichen Geschlecht gehörte nie zum Kernanliegen des linken Antikapitalismus, sondern war und ist lediglich ein Instrument, mit dem das bestehende „System“ gestürzt werden soll. Solange im Westen Schwule und Lesben diskriminiert und verfolgt wurden, waren sie brauchbare Bundesgenossen. Seitdem aber der Westen die Vorreiterrolle für Homorechte übernommen hat, beginnt man von linker Seite an Schwulen und  Lesben grundsätzliche politische Kritik zu üben.

Ob man die Basler Zeitung als „links“ und antikapitalistisch“ bezeichnen kann, mag man bezweifeln. Der Artikel der Autorin Simone Meier zeigt allerdings sehr schön einige Grundzüge „progressiver“ Kritik an der Homo-Bewegung auf:

Eigentlich sagt das schöne Wort «queer» schon alles. Quer steht es in der Landschaft, schräg, es findet sich da beim besten Willen nichts rechtwinkliges, es trägt alles in sich, was die Bewegung der Lesben, Schwulen und Transsexuellen, der LGBTQ-Community also, im Kern jahrzehntelang ausgemacht hat: Subversion, eine kreative, kämpferische Kraft, eine andere Perspektive auf die Gesellschaft, die Politik, die Welt.

Bereits mit diesem Absatz hat die Autorin die Parameter der Debatte angesteckt und ihren Anspruch an Schwule und Lesben definiert: anders haben sie zu sein, unnormal und von der Mehrheitsgesellschaft unterscheidbar. Schon hier erkennt man den Ansatz, in Schwulen und Lesben weniger Menschen in all ihren Facetten, sondern vielmehr als revolutionäre Subjekte zu sehen, als Vehikel des Umsturzes und der gesellschaftlichen Zersetzung – ganz so, wie es Homos von rechter Seite oftmals vorgeworfen wird.

Interessant auch, dass der Einsatz zur Öffnung der Ehe, Schwulen und Lesben nicht nur von politisch rechter Seite vorgeworfen wird:

«Das Problem mit der Homoehe ist nicht der homosexuelle Teil, sondern der Teil mit der Ehe», schrieb die grosse australische Feministin Germaine Greer vor kurzem in der «Sydney Morning Herald», «in einer geistig gesunden Welt würden Heterosexuelle die Rationalisierung der Ehe fordern oder ihre Abschaffung. Stattdessen gibt es die seltsame Ansicht, dass es sich bei der Ehe um ein Menschenrecht handelt.»

Hierbei geht es allerdings weniger um rationale Kritik an der Institution Ehe, sondern um das Unbehagen an der vollkommen richigen Beobachtung, dass die Öffnung der Ehe ein Zeichen dafür ist, dass Schwule und Lesben so subversiv gar nicht sind, dass sie also die ihnen von linker Seite zugedachte Rolle als revolutionäres, antikapitalistisches Subjekt gar nicht erfüllen wollen:

Wozu also die Ehe wollen? Und wozu ausgerechnet die Homoehe? Weil die Homoehe eine konservative, systemfestigende Angelegenheit sei, schreibt die in Chicago lebende Bloggerin und Aktivistin Yasmin Nair. Man müsse sich dafür nur anschauen, wer denn eigentlich die Homoehe so unterstütze. Wie sich nämlich nicht nur Politiker, sondern auch globale Riesenfirmen wie Google oder Hewlett Packard plötzlich für die Homoehe engagierten.

Nun könnte man sich darüber freuen, dass große Firmen, wie etwa Google, sich für die Homo-Ehe engagieren. Dumm nur, dass Google eben ein „kapitalistisches“, westliches Unternehmen ist, obendrein amerikanisch, per se also all das verkörpern muss, was ein antiwestlich gesinnter Mensch verachtet.

Und neben Großkonzernen gibt es da noch ein kleines Land, welches man als guter Mensch, der auf der richtigen Seite der Geschichte steht, unbedingt verachten muss:

Vor einigen Jahren war der Begriff «Pinkwashing» noch für Anti-Brustkrebs-Aktivitäten reserviert, doch allerspätestens seit 2010 wird er auch im Gay-Kontext verwendet: 2010, so berichtete die amerikanische Historikerin Sarah Schulman in der «New York Times», war nämlich das Jahr, als die Tourismusverantwortlichen von Tel Aviv 90 Millionen Franken aufwarfen, um ihre Stadt noch viel stärker als bisher zu einer internationalen Feriendestination für Homo- und Transsexuelle zu machen. Filmfestivals in aller Welt wurden gezielt mit Filmen bespielt, die junge, schöne, gleichgeschlechtliche Paare zeigten, und ein israelischer Pornoproduzent drehte den Schwulenporno «Men of Israel» auf dem Boden eines ehemaligen palästinensischen Dorfes.

Womit in üblich antizionistischer Propaganda suggeriert wird, der isralische Staat hätte Palästinenser aus ihrem Dorf vertrieben, damit ein kapitalistische Filmproduzent dort Schwulenpornos drehen kann. Jüdische Raffgier und Brutalität, symbiotisch verbunden mit schwuler Dekadenz – so sieht er aus, der böse Kapitalismus.

Es ist die Instrumentalisierung von emotionalen Bedürfnissen wie Zuneigung und Akzeptanz zugunsten der Marktwirtschaft, die hier passiert. Und es ist schliesslich eine Art von humanitärem Engagement, das – zumindest in der westlichen Welt – erstens wenig anstössig und zweitens auch noch preiswert ist, die Google da betreibt. Zu sagen, dass die Liebe weltweit leben soll, ist billiger, als Bewässerungsanlagen in Afrika zu bauen, und bringt erst noch ein paar pinke Sympathie-Dollars.

Von dieser“Analyse“ ist es nicht mehr weit bis zur „Erkenntis“, dass es letzendlich Schwule sind, die den Hunger in Afrika zu verantworten haben. Immerhin werden sie bereits als Schuldige für die Aids-Krise auf dem schwarzen Kontinent haftbar gemacht. Warum da nicht noch einen Schritt weiter gehen?

«Legalize Love» ist eine liberale Geste, genauso liberal wie David Camerons Bekenntnis zur Homoehe. Und irgendwie sind das doch einfach die falschen Allianzen, wenn man ein bisschen queeren Stolz in sich trägt.

Glücklicherweise gibt es keinen Zwang zu „queerem Stolz“. „Queer“ ist ein linkes politisches Label, ein Bekenntnis zu „progressiven “ Werten, zu Antiwestlertum, Antikapitalismus und der palästinensischen Sache. Mit Homosexualität hat das alles nichts zu tun.

Und das ist auch gut so.

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2 Antworten to “Pornos statt Palästinenser”

  1. Leszek 12. Juli 2013 um 00:33 #

    @ Adrian

    „Seit einigen Jahren ist zu beobachten, dass sich die antikapitalistische, antiwestliche Linke von der Homo-Bewegung mehr und mehr distanziert.“

    Zwischen „antikapitalistisch“ und „antiwestlich“ besteht kein zwangsläufiger Zusammenhang. Die Mehrheit bedeutender kapitalismuskritischer Theorien und Strömungen von den klassischen marxistischen und anarchistischen Theorien und Strömungen bis in die Gegenwart hat im Gegenteil eine sehr stark westliche Prägung, bezieht sich eindeutig positiv auf die geistigen und kulturellen Traditionen des Westens als wesentliche weltanschauliche Grundlagen ihres politischen Denkens und Handelns.

    Die einzigen linken Strömungen in Deutschland mit gewissen antiwestlichen Tendenzen, die mir bekannt sind, finden sich im Spektrum der poststrukturalistischen und der antiimperialistischen Linken, insbesondere in deren radikaleren Flügeln. Aber die poststrukturalistische Linke ist keinesfalls besonders stark antikapitalistisch (und schon gar nicht in einem revolutionären Sinne) und das antiimperialistische Spektrum hat zumindest in Deutschland wenig Einfluss – wird von der Mehrheit anderer linker Strömungen überwiegend als durchgeknallte Polit-Sekte angesehen.

    Eine Distanzierung der Linken von der Homo-Bewegung fällt mir persönlich nicht auf – obwohl ich verschiedenste Spektren der Linken aus persönlicher Erfahrung kenne.

    „Das ist zu erwarten, denn das Recht auf Liebe zum und der Beischlaf mit dem gleichen Geschlecht gehörte nie zum Kernanliegen des linken Antikapitalismus, sondern war und ist lediglich ein Instrument, mit dem das bestehende “System” gestürzt werden soll.“

    Klingt etwas wie eine unkritische Übernahme gängiger konservativer/rechter Verschwörungstheorien, als hätten diese irgendeine Substanz in der Realität. Ich habe NOCH NIE einen „linken Antikapitalisten“ kennengelernt, der eine solche Einstellung vertreten hätte – und ich kenne das antikapitalistische linke Spektrum seit vielen Jahren.
    Wo findet man solche Leute denn? (Also jetzt in der Realität, nicht in den Schriften irgendwelcher konservativer/rechter Verschwörungstheoretiker.)

    „Bereits mit diesem Absatz hat die Autorin die Parameter der Debatte angesteckt und ihren Anspruch an Schwule und Lesben definiert: anders haben sie zu sein, unnormal und von der Mehrheitsgesellschaft unterscheidbar. Schon hier erkennt man den Ansatz, in Schwulen und Lesben weniger Menschen in all ihren Facetten, sondern vielmehr als revolutionäre Subjekte zu sehen, als Vehikel des Umsturzes und der gesellschaftlichen Zersetzung – ganz so, wie es Homos von rechter Seite oftmals vorgeworfen wird.“

    Weil die Autorin eines Artikels in einer Zeitung, von der du selbst sagst, dass sie nicht als „links“ und „antikapitalistisch“ bezeichnet werden kann, etwas schreibt, das du entsprechend interpretierst, soll das repräsentativ für die „antikapitalistische Linke“ sein?

    „Hierbei geht es allerdings weniger um rationale Kritik an der Institution Ehe, sondern um das Unbehagen an der vollkommen richigen Beobachtung, dass die Öffnung der Ehe ein Zeichen dafür ist, dass Schwule und Lesben so subversiv gar nicht sind, dass sie also die ihnen von linker Seite zugedachte Rolle als revolutionäres, antikapitalistisches Subjekt gar nicht erfüllen wollen.“

    Weil sich eine Feministin (!) hier kritisch zur Ehe äußert, (zudem ohne kapitalismuskritische Begründung) ist dies repräsentativ für die „antikapitalistische Linke“?

    Außerdem – wie soll das eigentlich konkret praktisch ablaufen, die von Homos als „revolutionärem Subjekt“ durchgeführte Revolution? Wäre das nicht rein quantitativ doch ein etwas zu geringes „revolutionäres Potential“? Ist das eine realistische Revolutionsstrategie?

    Also ich habe mit diesen antilinken Verschwörungstheorien, (neben dem Umstand, dass sich nie Leute im realen Leben finden, die sowas tatsächlich vertreten), immer ein bißchen das Problem, dass die darin postulierten „Revolutionsstrategien“, mit denen wir „antikapitalistischen Linken“ angeblich das System zu stürzen hoffen, stets erkennbar nicht besonders realistisch sind.

  2. Adrian 12. Juli 2013 um 09:54 #

    @ Leszek
    Ich halte Antikapitalismus in Kern für antiwestlich. Ohne Kapitalismus ist der Westen nicht denkbar. Und ich habe selten einen Linken getroffen, der nicht antikapitalistisch war. Insofern haben wir hier vmtl. eine andere Sicht auf gewisse politische Strömungen.

    Die Queer-„Strategie“ ist ja ein Zeichen für die Enttäuschung gegenüber der Homo-Bewegung und deren „Anpassung“ an die westliche Gesellschaft.

    „dass die darin postulierten “Revolutionsstrategien”, mit denen wir “antikapitalistischen Linken” angeblich das System zu stürzen hoffen, stets erkennbar nicht besonders realistisch sind.“

    Da gebe ich Dir recht. „Eure“ Strategien sind nie besonders realistisch. Glücklicherweise 🙂

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