Geschlecht und Existenz

5 Jul

Der Chef der „Offensive Junger Christen“ scheint ein merkwürdiges Verständnis von Existenz zu haben:

Nach Maschers Worten ist die Gleichstellung der Geschlechter (Gender-Mainstreaming) ein Wohlstandsphänomen. Die Debatte werde ausgerechnet in Deutschland so heftig geführt, weil es hier keine existenziellen Probleme gebe. In Ländern, in denen sich die Menschen um ihr tägliches Auskommen sorgen müssten, seien solche Diskussionen undenkbar.
Natürlich wird die Debatte um die Gleichstellung der Geschlechter nicht nur in Deutschland oder anderen westlichen bzw. nördlichen Ländern geführt. Überall auf der Welt kämpfen Frauen um ihre Gleichberechtigung und setzen sich auch Männer für diese ein. Klar ist auch, dass der Einsatz für ein menschenwürdiges Leben, zu dem bspw. ein Dach über dem Kopf, sauberes Trinkwasser, Nahrung und Gesundheit gehören, nicht von den Geschlechterverhältnissen zu trennen ist. Bei World Vision, einer internationalen evangelikalen Hilfsorganisation, könnte Mascher lernen, dass

eine Tochter in vielen Ländern der Welt von allem weniger als ihre Brüder (bekommt): weniger Nahrung, weniger Pflege, weniger Bildung.

Warum? Weil man davon ausgeht,

dass Mädchen ohnehin in eine andere Familie einheiraten würden und daher wenig zum Broterwerb der eigenen Familie beitragen könnten

– als wenn das Schicksal wäre und nicht menschengemacht – oder hält Mascher das für „Gottes Willen“? Die weiteren Ausführungen von Mascher entsprechen der üblichen konservativ-evangelikalen Vernebelungsstrategie:
Wie er sagte, fordert die Gender-Ideologie eine Auflösung der Zweigeschlechtlichkeit.
Nein, das fordert die Gender-Ideologie eben nicht. Wer immer dieses Subjekt sein soll. Tatsache ist, dass „Gender Mainstreaming“, wie von Mascher korrekt dargestellt, die Gleichstellung der Geschlechter anstrebt.
Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen würden als Übel und Ursache für die Ungleichbehandlung der Frau gesehen.
Gender Mainstreaming dient der Gleichstellung und zwar unabhängig davon, ob Unterschiede zwischen Männern und Frauen bestehen. Man kann Unterschiede zwischen Männern und Frauen sehen und akzeptieren und sich für Gender Mainstreaming aussprechen. Man kann die Unterschiede zwischen Männern und Frauen auch negieren, ja, negieren, dass es überhaupt (nur) Männer und Frauen gibt und sich trotzdem für Gender Mainstreaming aussprechen – und darüber hinaus für die Gleichstellung aller Menschen, ungeachtet ihres Geschlechts.
Eine Austauschbarkeit von Mann und Frau sei aber undemokratisch und trage totalitäre Züge.
Wieso?
In europäischen Ländern versuche die 
Gender-Bewegung derzeit massiv auf allen Ebenen Platz zu greifen.  In Schulen solle nicht mehr von Mama und Papa gesprochen werden; stattdessen von „Elternteilen“, um Kinder gleichgeschlechtlicher Paare nicht zu diskriminieren.
Da die mögliche Diskriminierung von Kindern gleichgeschlechtlicher Paare ein beliebtes Argument konservativer Christ_innen gegen das Adoptionsrecht für Lesben und Schwule ist, könnte man sich über den Einsatz von Mascher für das Fortdauern ebendieser Diskriminierung durchaus wundern.
Eine gute und fundierte Ehe-, Familien- sowie Kinder- und Jugendarbeit sei heute die gelebte Antwort auf die Gender-Ideologie.
Eine gute und fundierte Ehe-, Familien- sowie Kinder- und Jugendarbeit zeichnet sich also dadurch aus, dass sie die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen propagiert, festgefügte Rollenbilder vermittelt und sich für die Diskriminierung von Kindern gleichgeschlechtlicher Paare einsetzt. Es ist zynisch, wie mit solchen Äußerungen die existierenden Machtverhältnisse legitimiert werden und reales Leid von Menschen lächerlich gemacht wird – und das alles im Namen des Mannes, dessen Einsatz gegen Ausgrenzung und für Inklusion ihm den Tod am Kreuz eingebracht hat.
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8 Antworten to “Geschlecht und Existenz”

  1. queerchris 5. Juli 2013 um 14:58 #

    Das Ganze ist doch ohnehin ein Teufelskreis. Den Konservativen sind die Gender-Unterschiede zwischen den Geschlechtern so wichtig, weil sie angeblich für das jeweilige Geschlecht einzigartige Fähigkeiten und Vorbilder mitbringen (z.B. der starke Mann; die fürsorgliche, emotionale Frau). Gleichzeitig existieren diese angeblichen Unterschiede aber nur deswegen, weil jeder seine anerzogene Rolle spielt (der Mann muss hart sein; die Frau darf emotional und liebevoll sein). Dass auch Männer emotional, liebevoll und fürsorglich sein können und Frauen durchaus den starke Part geben können. Dass beide sowohl stark wie auch fürsorglich sein können. All dies ist durch das Bestehen auf diese schrecklichen und antiquierten Rollenbilder konservativ nicht denkbar. Und so braucht man diese Rollenbilder, gerade weil man an ihnen festhält.

    Wenn ich mir z.B. überlege, wer von uns beiden zu Hause bei einem Kind bleiben sollte, hätte ich arg Probleme, dass nach gesellschaftlichem Vorbild zu machen. Einerseits verdiene ich mehr als mein Freund, kann gut kochen und bin durchaus in der Lage, meinen Alltag effizient zu planen, habe aber auch wieder nicht so viel Geduld. Er ist wiederum perfekt in sachen Hausarbeit und ist geduldig genug. Kann aber dafür nicht kochen und kein Meister in Tagesplanung. Dafür habe ich wiederum einen Job, den ich nicht nur aussetzen oder auf Teilzeit, sogar durchaus auch von zu Hause aus erledigen könnte. So, wer bliebe nach dem klassischen Verständnis nun beim Kind?

  2. Atacama 5. Juli 2013 um 18:06 #

    Garkeiner, denn dass zwei Männer ein Kind großziehen, ist doch in diesem Weltbidl garnicht eingeplant.
    Schliesslich brauchen Kinder „beide Pole“ und werden sonst letal verwirrt wenn da plötzlich zwei Männer in Kombination beide Rollen ausfüllen.
    Wobei beide Männer sowieso geistig krank und in ihrer Geschlechtsidentität verwirrt sind (sonst hätten ja beide ne Frau). Eher friert die Hölle zu, als dass man so einem Hardliner das klarmachen kann.

    Aber realistisch betrachtet würde ich in so einem Fall raten, dass beide arbeiten und zwar so, dass das Kind zeitlich nicht zu kurz kommt, was ja machbar sein sollte, bei deinem flexiblen Job.
    Wenn sie älter werden, sind sie eh in Kindergarten oder Schule, da ist dann auch mehr Zeit zum Arbeiten übrig, Rund um die Uhr Betreeung brauchen ja nur Säuglinge und sehr kleine Kinder.

  3. morus 6. Juli 2013 um 00:21 #

    Ich verstehe deine Kritik an den aufgeführten Zitaten nicht so richtig.

    1)
    In deinem Zitat spricht Mascher von Gleichstellung, du aber entgegnest ihm mit Gleichberechtigung.

    2)
    Er fügt an, dass dies ein Wohlstandsphänomen sei und in armen Ländern dies kein oder weniger Thema sei und du entgegnest ihm mit einem Zitat von „World Vision“, das dies genau bestätigt.

    3)
    Deine Argumente bezüglich Gender Mainstreaming scheinen mir etwas widersprüchlich. Einerseits sagst du, dass man Unterschiede akzeptieren können und trotzdem Gleichstellung fordern könne. Wenn du nun aber Unterschiede akzeptierst, warum dürfen sich diese dann nicht auch statistisch niederschlagen?

    4)
    Undemokratisch kann man das Konzept durchaus bezeichnen, da es – meines Wissens – nie demokratisch abgesegnet/legitimiert wurde.

    5)
    Warum ist es eine Diskriminierung von Kindern homosexueller Paare, wenn der weibliche Elternteil Mama und der männliche Papa genannt wird? Kinder von zwei Lesben (Schwule kommen eh so gut wie nicht in Frage) hätten halt zwei Mamas.

    • Damien 7. Juli 2013 um 19:04 #

      @Morus:
      1)

      Moderne Gleichstellungspolitik arbeitet nach dem Ansatz des Gender Mainstreaming. (…) Die Chancengleichheit von Frauen und Männern wird als Querschnittsaufgabe betrachtet und in jedem politischen Konzept, bei jeder staatlichen Maßnahme und bei jedem Entwicklungsschritt berücksichtigt.

      Was hier mit „Chancengleichheit“ bezeichnet wird, läßt sich m.E. auch mit „Gleichberechtigung“ beschreiben. Insoweit würde Gleichstellung der Gleichberechtigung vorausgehen. Wenn Mascher nicht einmal Gleichstellung befürwortet, müsste er dementsprechend Gleichberechtigung erst recht ablehnen.

      2) Das „World Vision“-Zitat belegt die Notwendigkeit des Einsatzes für Gleichberechtigung von Frauen zur Verbesserung ihrer Existenzgrundlage. Also ist es kein „Wohlstandsphänomen“, sondern im Süden noch relevanter als im Norden.

      3) Wo habe ich gesagt, dass sich Unterschiede nicht statistisch niederschlagen dürfen?

      4) Meines Wissens entpuppen sich die parteipolitischen Befürworter des Gendes Mainstreaming nicht erst nach gewonnenen Wahlen als Anhänger desselben. Insoweit weiß die Wählerin, wenn sie ihr Kreuz macht, dass sie damit auch der Politik des Gender Mainstreaming ihre Stimme gibt.

      5) Diese Frage müsstest Du Mascher stellen. Die Behauptung kommt von ihm, nicht von mir.

      Kinder von zwei Lesben (…) hätten halt zwei Mamas.

      Stimmt. Aber eben das will Mascher nicht, er behauptet schließlich, dass es Kindern schade, bei homosexuellen Eltern aufzuwachsen. Ob es sinnvoll ist, die Begriffe „Mama“ und „Papa“ durch den Begriff „Elternteile“ zu ersetzen, weiß ich nicht. Aber darum dürfte es Mascher gar nicht gehen, ihn stören vielmehr die lesbischen Mamas und schwulen Papas.

  4. morus 8. Juli 2013 um 15:51 #

    @Damine
    1)
    Ok, ich habe das bis jetzt immer anders gesehen und deine Quelle hilft mir jetzt auch nicht gerade, das zu korrigieren – besonders hier:
    „Der Begriff der Gleichstellung geht über den der Gleichbehandlung hinaus.“
    2)
    Habe ich nicht verstanden. Inwieweit belegt das jetzt, dass es nicht ein Wohlstandsphänomen ist?
    3)
    Das liegt jetzt halt wieder an unserer unterschiedlichen Interpretation von Gleichstellung. 😉
    4)
    Naja, Diplomaten und Beamte werden in den wenigsten Demokratien gewählt, aber ok.
    5)
    „…könnte man sich über den Einsatz von Mascher für das Fortdauern ebendieser Diskriminierung durchaus wundern.“
    Da habe ich dich wohl falsch verstanden. Mit „ebendieser Diskriminierung“ dachte ich, du meintest das „Mama-Papa“-Konstrukt, dabei meintest du wohl ganz allgemein die Diskriminierung von Kindern lesbischer Paare?
    Allerding kann ich auch Herrn Mascher nicht fragen; er bahauptet es nämlich auch nicht. Er verweist nur auf Leute, die das behaupten sollen – und wer das jetzt ist, bleibt im Dunkeln.

  5. Damien 8. Juli 2013 um 19:53 #

    @Morus: Nur weil ich mich für die Gleichberechtigung von Frauen einsetze, musst Du nicht gleich meinen Namen verweiblichen… 😉
    1)Ich habe bewusst den Satz zitiert, der meinen Ansatz verdeutlichen könnte und nicht den ganzen Rest. Es ging mir nicht darum, dass bei Wikipedia die Wahrheit zum Thema steht. Der Kern scheint mir, dass Mascher Gleichstellung ebenso ablehnt wie Gleichberechtigung, denn sein Einsatz gilt der Verteidigung traditioneller Geschlechterrollen, für die die Menschen geschaffen seien.
    2)“Wohlstandsphänomen“ meint, dass sich Leute erst darum Gedanken machen, wenn ihre Lebensgrundlage gesichert ist, sie also bereits im Wohlstand leben, oder? Das Zitat belegt aber, dass im Süden Frauen aufgrund sexistischer Diskriminierung in der Regel schlechtere Lebensbedingungen haben als Männer, es also für sie ein Thema ist, bevor sie im Wohlstand leben.
    Der Begriff „Wohlstandsphänomen“ ist eindeutig negativ konnotiert und soll implizieren „andere Probleme habt Ihr wohl nicht mehr“. Das ist zynisch angesichts der für Frauen im Süden aufgrund ihres Geschlechts schlechteren Ausgangsbedingungen. Ich verstehe nicht, was dies mit Nachfolge Christi zu tun hat – und das ist es ja, was Mascher für sich in Anspruch nimmt.
    4) Diplomaten werden ernannt von Politikern und Beamte werden aufgrund politischer Rahmenbedingungen eingestellt. Wenn ich eine Partei wähle, weiß ich, was mich erwartet, auch bzgl. Gender Mainstreaming. Falls ich Letzteres total blöd finde, kann ich die Christliche Mitte wählen oder die Partei Bibeltreuer Christen – die erzählen ungefähr das, was Herr Mascher erzählt. Und wenn die dann die Mehrheit bekommen, entscheiden sie, welche Diplomaten ernannt und welche Beamten eingestellt werden. So funktioniert Demokratie. Das Schräge an Maschers Argumentation ist doch, dass er, wenn „Gender Mainstreaming“ aus seiner Sicht ausreichend demokratisch zustande gekommen wäre, genauso dagegen wäre. Was soll also dieses Nebengleis von wegen „undemokratisch“ – ausgerechnet von einem Zeitgenossen, der sich grundsätzlich auf seine ganz persönlichen Glaubensvorstellungen beruft, nach denen dann möglichst die ganze Republik leben soll?
    5)Klar ist doch, dass Mascher die Diskriminierung von Homosexuellen propagiert und damit natürlich auch von deren Kindern. Bemerkenswert daran finde ich, dass Leute wie Mascher das Adoptionsrecht für Homosexuelle u.a. mit der Begründung ablehnen, dass Kinder von Homosexuellen diskriminiert würden. Da sie selber diese Diskriminierung fordern und betreiben, finde ich diese Argumentation ziemlich eklig.

  6. morus 9. Juli 2013 um 08:12 #

    @Damien
    Sorry, das war wirklich nur ein Tippfehler. 🙂
    Das Problem – finde ich zumindest – an Statements wie diesen von Herrn Mascher ist, dass da sehr viel zwischen den Zeilen steht, er die Dinge aber nie explizit benennt und es für mich den Anschein macht, er rückt sozusagen nicht mit der Sprache raus.

    Über Demokratie müssen wir vielleicht irgendwann nochmals reden, die ist für mich nicht ganz so simpel und es müssen auch ein paar Regeln eingehalten werden…

    • Damien 9. Juli 2013 um 09:30 #

      @Morus: Stimmt, ich beziehe mich zwar in erster Linie auf das, was in diesem Text steht, aber habe natürlich das, was er sonst sagt, im Hinterkopf und das fließt auch ein in meinen Beitrag. Sein Referat bei dieser Veranstaltung wird auch umfangreicher gewesen sein, als das, was bei idea wiedergegeben wird. Wenn jemand Maschers sonstige Veröffentlichungen nicht kennt, kann es schwierieg werden, die Äußerungen ohne Kontext korrekt einzuordnen.
      Ich wollte nicht implizieren, dass sich Demokratie in den paar Sätzen erklären lasse. Mir ging es lediglich darum, darauf hinzuweisen, dass „Gender Mainstreaming“ durchaus im politischen Raum präsent ist und vertreten wird und keine Geheimlehre ist, die aus dem Dunkeln über uns kommt.

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