Die Bibel ist kein Handbuch

15 Jul

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sucht erneut die Nähe zu evangelikalen Befürwortern einer Homo-„Heilung“.

titelte queer.de im April und kündigte an, Merkel werde

am 12. Juli das Christliche Gästezentrum „Forum Schönblick“ in Schwäbisch Gmünd besuchen

und dort

das Landesjugendtreffen des „pietistischen Evangelischen Gemeinschaftsverbandes ‚die Apis'“

eröffnen. Dessen Vorsitzender, Steffen Kern, hatte vor einigen Jahren in einem Verbandsmagazin beklagt

 dass „homosexuelle Lebensformen massiv gefördert werden“.

Der bekennende Fan von Konversionstherapien ist bspw. der Ansicht, dass CSD-Paraden

gelegentlich nicht nur die Grenzen der Geschmacklosigkeit, sondern auch des Jugendschutzes überschreiten.

Anlässlich des Besuchs war eine Rede von Merkel unter dem Titel

Das christliche Menschenbild und die christlichen Grundwerte als Voraussetzung für unser politisches Handeln

angekündigt. Die WELT berichtet in diesem Zusammenhang von drei frommen Wünschen Steffen Kerns an die Kanzlerin. Neben dem Einsatz gegen Sterbehilfe und Abtreibung und für weltweite Religionsfreiheit

verlangen die Pietisten den Schutz der „Ehe von Mann und Frau als nicht aufzugebende Institution“. Eine Gleichstellung mit der Homo-Ehe, wie sie jüngst ein EKD-Papier nahelegte, lehnen sie ab.

Merkels Antwort dürfte Kern nicht zufrieden gestellt haben. Zwar

bekannte sie sich gegen Abtreibung und Sterbehilfe: Menschen beliebig zu definieren und „das Anfang und Ende außer Acht“ zu lassen, sei nicht im Sinne des christlichen Menschenbildes: „Jeder gehört zu uns.“

Sie habe daher auch gegen die Präimplantationsdiagnostik gekämpft, sich aber „leider“ nicht durchsetzen können. „Ein Stückchen sind wir alle alt oder behindert. Wenn wir einmal anfangen abzuschneiden, wer normiert dann, wer noch dazugehört und wer nicht?“

Eine vorbehaltlose Zustimmung zu Kerns Ehe-Forderungen kann man aus den folgenden Zeilen allerdings nicht lesen:

Aber ansonsten sei es wichtig, abzuwägen. Bewahren, aber auch neue Chancen nutzen, dafür wirbt Merkel häufig. Die Bio-Medizin etwa könne womöglich auch Leiden lindern. Gegner gleichgeschlechtlicher Ehen hätten gute Argumente, deren Befürworter aber auch, wenn sie darauf hinwiesen, dass damit Werte wie Verantwortungsbewusstsein oder Liebe gelebt würden.

Auch wenn ich keine Ahnung habe, welche guten Argumente die Gegner einer Ehe-Öffnung haben – vermutlich nennt Merkel nicht ohne Grund an dieser Stelle nicht eines davon -, sieht eine Hofierung von Konservativen als Konservative wahrlich anders aus.

„Wir wollen den besonderen Schutz der Ehe“, sagte Merkel. „Aber wir haben auch immer wieder darum gerungen und uns ganz klar gegen die Diskriminierung anderer Lebensformen ausgesprochen.“ Das C im Parteinamen sei nicht ausgrenzend gemeint gewesen.

Das scheint mir kein Widerspruch. Man kann die Ehe vor staatlichen Eingriffen wie im Nationalsozialismus schützen, ohne deshalb andere Lebensformen zu diskriminieren. Der aktuellen Unionspolitik entspricht dies nicht. Aber zumindest bezieht Merkel an diesem Ort Stellung gegen Diskriminierung und damit gegen die Forderung nach dieser durch die Pietisten. Auch mit den folgenden Sätzen wird sie den Konservativen keine Freude bereitet haben:

Der Grundkanon christlicher Werte stehe zwar nicht zur Disposition. Aber er müsse sich „der Lebenswelt stellen“, auch wenn das zu Unstimmigkeiten und Diskussionen führe. „Die Bibel kann kein Handbuch für die Gestaltung heutiger Politik sein.“

Denn eben das ist ja die Behauptung und Forderung dieser Spielart des christlichen Konservatismus, dass man aus der Bibel das ganze Leben, also auch die Politik, bestreiten könne. Queer.de ist das alles nicht genug. Unter der Überschrift

Merkel vor Homo-„Heilern“

– was nun doch ein wenig übers Ziel hinausschießt, weil die Besuchten zwar „Konversionstherapien“ befürworten, aber keineswegs durchführen -, beklagt man sich, die Kanzlerin habe vergessen,

sich von dort beworbener Homo-„Heilung“ zu distanzieren.

Da hätte Merkel wohl vorher besser noch einmal in ihr von queer.de erstelles Redemanuskript geschaut.  Wenn queer.de statt weiterer Inhalte schließlich nur noch zu berichten weiß, dass Merkel zum Vortrag

per Diensthubschrauber aus Berlin gebracht wurde, 

scheint der Auftritt vor den Pietisten insgesamt nicht besonders skandalträchtig gewesen zu sein

Etwas verwirrt stellt man beim schwul-lesbischen Nachrichtenportal über die Presseresonanz fest:

Allgemein wurde Merkels Spruch zur Ehe überraschend als Nicht-Einknicken vor den Forderungen der Bibeltreuen bewertet

– als ob das nicht auch mit Merkels Satz über die Ablehnung der Diskriminierung anderer Lebensformen zu tun haben könnte. Unter Bezug auf eine Äußerung von „Wüstenstrom“-Leiter Markus Hoffmann zu angeblichen Voraussetzungen für eine erfolgreiche „Heilung“ von Homosexualität,

„Je älter die Betroffenen seien, desto schwieriger sei eine Umorientierung“, 

schließt der queer.de-Artikel mit dem Satz:

Da ist es wohl gut, dass es mit Unterstützung der Bundeskanzlerin evangelikale Jugendverbände gibt, die früh für die „Heilung“ werben…

Dabei hat Merkel an keiner Stelle eine Unterstützung des Jugendverbandes mit dessen Werbung für „Heilung“ begründet oder verknüpft, auf die sie anscheinend in ihrer Rede nicht einmal eingegangen ist. Alles andere wäre auch überraschend gewesen, denn wie im selben Artikel zu lesen ist, lehnt die Bundesregierung „Konversionstherapien“ ab – und das nicht erst seit gestern.

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5 Antworten to “Die Bibel ist kein Handbuch”

  1. Alreech 18. Juli 2013 um 23:29 #

    Der Pietcong schon wieder…

    Schwäbisch Gmünd ist übrigens so Erzkatholisch wie Köln, hat gefühlt auch genau so viele Kneipen und einen allseits beliebten schwulen Bürgermeister.

    • Damien 18. Juli 2013 um 23:42 #

      Ein schwuler Bürgermeister?! Wäre es da nicht erst recht Merkels solidarische Pflicht gewesen, ihre Gastgeber zur Distanzierung von Homo-Heilungs-Versprechen zu zwingen? Statt die Konservativen nahezu kritiklos zu hofieren und damit dem Herrn Bürgermeister in den Rücken zu fallen? Was, der Bürgermeister ist selbst ein Konservativer? Ein CDUler? Und die Heile-Hetero-Welt-Inszenierung mit Frau und Kindern kam im Wahlkampf vom SPD-Vorgänger? Das ist aber gar nicht praktisch für die Aufrechterhaltung der üblichen Feindbilder.

  2. Alreech 19. Juli 2013 um 17:41 #

    Der Peitcong ist nicht konservativ, das sind wüstgläubige Spinner die an einer besseren Welt arbeiten.
    Frau Merkel hat da mehr auf die evangelischen Wähler in Württemberg gezielt als auf die Gmünder.

    • Damien 20. Juli 2013 um 10:58 #

      Nun bin ich verwirrt. Ist der Pietcong nicht evangelisch? Und hast Du nicht die Gmünder ins Spiel gebracht? Ach, egal, ich wünsche Dir ein schönes Wochenende!

  3. Alreech 21. Juli 2013 um 00:17 #

    die sind so evangelisch, das sie katholischer als der Papst sind 😉

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