Unerwartet, unglaublich und unsagbar normal

25 Jul

Es hätte so ein schöner Artikel werden können:

Transgender-Paar: Katie (war mal ein Junge) liebt Arin (war mal ein Mädchen)

titelt der Berliner Kurier.

Immerhin, der Anfang ließ hoffen:

Das Leben und die Liebe schreiben ihre eigene Geschichte. Und die ist manchmal unerwartet, unglaublich und unsagbar schön. So wie bei Katie (19) und Arin (17). Sie war mal ein Junge, er war mal ein Mädchen. Sie bekannten sich zum Transgender-Sein, trafen und verliebten sich.

Doch schon der nächste Satz irritiert:

Arin Andrews und Katie Hill aus Tulsa (US-Staat Oklahoma) sehen aus wie ganz normale Teenager. Verliebt. Glücklich. Zufrieden mit ihrem Leben.

Sehen aus wie ganz normale Teenager? Sind es also offensichtlich nicht… Normal ist schließlich … ja, was eigentlich? Einem von zwei Geschlechtern anzugehören, das nicht zu hinterfragen und schon gar nicht anzuzweifeln, dass es nur zwei Geschlechter gibt. Wo kämen wir denn sonst hin…

Zur Geschichte der beiden schreibt der Kurier:

Noch vor zwei Jahren war Arin ein Mädchen namens Emerald. Und Katie war ein Junge namens Luke. In diesem Leben waren sie unglücklich. Sie waren gefangen in einem fremden Körper, in einem fremden Geschlecht. Beide entschieden sich vor zwei Jahren, den Fehler der Natur gerade zu rücken. Sie trafen sich in einer Selbsthilfe-Gruppe, änderten ihre Namen und ihre Kleidung.

Was hielt die beiden davon ab, sich andersgeschlechtlich zu definieren? Worin liegt der Fehler genau? Wieso braucht es, um diesen Fehler gerade zu rücken, eine Geschlechts-Umwandlung?

Vor einem Jahr unterzog sich Katie einer Geschlechts-Umwandlung. Arin hatte erst kürzlich den ersten Eingriff, ließ sich die Brüste abnehmen: „Ich hasste meinen Busen. Es fühlte sich immer so an, als wenn er nicht zu mir gehört. Jetzt fühle ich mich wohl in meinem Körper.“

Okay, das ist wohl ein Argument. Interessanterweise scheint Katie die OP bei ihrem Partner nicht gebraucht zu haben, schließlich sagt sie über ihn:

Arin war für mich immer männlich.

Befremdlich bleibt für mich der Begriff Geschlechtsumwandlung. Müsste man angesichts der beschriebenen Empfindungen der beiden nicht eher von einer Geschlechtsangleichung sprechen?

Deutlich wird in dem Artikel, dass Arin und Katie es beide nicht leicht hatten:

Arin musste mehrfach die Schule wechseln, verlor Freunde.

Katie wurde in der Schule gemobbt und jetzt als Studentin kämpft sie wieder mit Vorurteilen. Auch ihre Familien verloren Freunde.

Und so ist die Hoffnung der beiden verständlich:

Arin und Katie hoffen, nachdem sie wie ein richtiger Junge und wie ein richtiges Mädchen aussehen, dass Probleme und Vorurteile nur noch eine blasse Erinnerung sein werden.

Obwohl das eine unzumutbare Bedingung ist, erst dann nicht mehr gemobbt und ausgegrenzt zu werden, wenn man wie ein richtiger Mann oder eine richtige Frau aussieht. Als wenn alle anderen Erscheinungsweisen der Mehrheitsgesellschaft das Recht gäben, ihren Maßstab gegen die als abweichend Definierten mit aller Gewalt in Anschlag zu bringen.

Was an dieser Stelle not täte, steht in einem Redebeitrag von TrIQ (TransInterQueer):

Alternativen zur Zweigeschlechtlichkeit zu leben und für deren Akzeptanz öffentlich einzutreten. (…) Wir müssen gemeinsam dafür kämpfen, dass wir alle existieren können in unseren Vielfältigkeiten

und uns einsetzen für eine Gesellschaft

ohne Normierung, Pathologisierung und Stigmatisierung!

Bis der Berliner Kurier auf einer solchen Grundlage berichtet, dürfte noch ein wenig Zeit ins Land gehen. Ein Anfang scheint durchaus vorhanden.

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