Grenzen der Solidarität Vol. II

31 Jul

Christian Ude, sozialdemokratischer Spitzenkandidat für die bayerische Landtagswahl, hat in der Bild am Sonntag erklärt:

Ich bin nicht schwul – und das ist auch gut so.

Warum diese Aussage ganz und gar nicht gut ist, kann man einem Beitrag entnehmen, der hier erschien, als Ude vor einigen Jahren bereits einen nahezu deckungsgleichen Spruch zum besten gegeben hatte. Da der Sozialdemokrat und seine Gattin offenbar bis heute stolz auf die von ihnen demonstrierte Heterosexualität sind, hier noch einmal der vollständige Beitrag aus dem Jahre 2007, der nichts an Aktualität verloren hat:

Es klingt wie aus einem Handbuch der Lebensformenpädagogik, was in der bayerischen Hauptstadt zur Zeit der Presse geboten wird, doch es scheint ihm bitterer Ernst damit zu sein:

Der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) wehrt sich gegen Spekulationen, er sei homosexuell.

Auf einer Versammlung der schwul-lesbischen Wählerinitiative Rosa Liste in München sagte Ude laut Medienberichten vom Donnerstag:

Na, erraten, was der gute Mann zu sagen hatte? Bestimmt irgendwas mit Bekennen und das ist auch gut so… Schließlich scheinen manche Heten angesichts immer weiterer Medien-Coming-Outs von Lesben und Schwulen Panik zu bekommen, man könnte sie tatsächlich fälschlicherweise für – Gott bewahre! – homosexuell halten. Also teilte der Christian Ude der Presse mit:

Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass Sie es mit einem bekennenden und praktizierenden Hetero zu tun haben – und das ist auch gut so.

Praktizierend! So weit wagen sich ja nicht einmal die bekenntnisgeilen Homos vor, wenn sie der Öffentlichkeit Details aus ihrem Privatleben berichten, die sich in der Regel darauf beschränken, die eigene (homo)sexuelle Orientierung nicht länger zu verschweigen. Ude jedoch erspart uns nichts, nicht mal seinen Ärger über die schwul-lesbische Szene, die offenbar Gerüchte verbreitet, die er sonst nur vom politischen Gegner gewohnt ist. Statt darüber nachzudenken, was an diesem Gerücht eigentlich so schlimm ist, wird Ude böse auf die Empfänger seiner mildtätigen Gaben:

Der Münchner «Abendzeitung» sagte Ude, er setze sich gerne für Schwule und Lesben ein.

Was aber offenbar nur solange gilt, wie die Objekte seines Einsatzes nicht die Frechheit besitzen, den edlen Spender für einen von ihnen zu halten:

Es habe ihn aber «nicht nur befremdet», dass auch in der Szene gelegentlich der Eindruck erweckt werde, er tue dies, weil er ihr Mitglied sei.

Nicht nur befremdet? Was denn noch, um alles in der Welt? Hat es ihn entsetzt? Enttäuscht? Angewidert? Man will es gar nicht wissen, was dieser gutmenschelnde Homophile noch meint mit seinem raunenden Beleidigtsein. Ganz stilecht meldet sich, vermutlich ob der besonderen Beweiskraft ihrer Äußerung, auch noch die Gattin zu Wort, empört, versteht sich. Wobei Frau Edith von Welser-Ude durch die Gerüchte ganz schön irritiert sein muß, zumindest wirkt sie irgendwie durcheinander:

Natürlich ist uns das wurscht, was andere Leute sagen

gibt sie sich zuerst noch strotzend vor Selbstbewußtsein, um dann jedoch anzufügen:

Aber die Unterstellung, wir würden etwas unterdrücken, was ist und etwas vortäuschen, was nicht ist, das hat etwas Kränkendes.

Ungefähr so kränkend vielleicht, wie es Lesben und Schwulen ergeht, die man selbstverständlich grundsätzlich für heterosexuell hält – bis sie das Gegenteil bekennen? Um sich prompt den Vorwurf einzufangen, sie sollten ihre Sexualität doch, bitte schön, für sich behalten.
Vielleicht also sollten die sozialdemokratischen Homo-Wohltäter vor ihrem Einsatz für die undankbaren Schwuchteln doch noch einmal ein paar Grundbegriffe pauken, z.B. den der Heteronormativität, um dann wenigstens etwas Einfühlungsvermögen für die Situation von Lesben und Schwulen zu erwerben, was schließlich Beschwerden wie die von Ude in Zukunft vermutlich überflüssig machte.

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4 Antworten to “Grenzen der Solidarität Vol. II”

  1. Ralf 3. August 2013 um 11:51 #

    Was ist so wild daran? Frau Ude-von Welser sagt, sie sei nicht durch den Verdacht gekränkt, ihr Mann könne nicht hetero sein, sondern durch die Unterstellung, er sei es und leugne es. Nicht die Annahme, er sei schwul, nervt sie, sondern die Behauptung, er sei unehrlich. Das ist doch nachvollziehbar und nicht zu beanstanden.

  2. Damien 4. August 2013 um 17:58 #

    „Ich bin nicht schwul und das ist auch gut so.“ Was daran so wild ist? Dass der Mann offenbar nicht nur stolz darauf ist, hetero zu sein, wie er vor sieben Jahren bekannte, sondern auch noch ausdrücklich stolz darauf ist, „nicht schwul“ zu sein. Wieso es in einer heteronormativen Gesellschaft problematisch ist, sich von dem „Verdacht“, schwul zu sein, zu distanzieren, muss ich Dir das wirklich erklären? Du bist doch, wenn es um die Unionsparteien geht, immer sehr sensibel für Diskriminierung. Wieso ist das jetzt plötzlich nicht zu beanstanden, nur weil es von einem Sozi kommt?

  3. martin 4. August 2013 um 20:23 #

    Ich gestehe, und man möge es mir verzeihen, mir scheint auch, dass Du in Bezug auf Ude ein wenig empfindlich reagierst. Sicherlich können wir uns darauf einigen, dass er sich da wiederholt ziemlich unbedacht und dumm geäußert hat. Andererseits kann man nun auch nicht bestreiten, dass sich gerade Ude in Sachen Antidiskriminierung von Schwulen und Lesben in München zeit seiner Amtszeit verdient gemacht hat. Da von einem „sozialdemokratischen Homo-Wohltäter“ zu sprechen, dem es nur um „gutmenschelnde Homophilie“ zu tun sei, ist das nicht arg vom Leder gezogen?
    Als Quasi-Münchner möchte ich hinzufügen: Einerseits geht es hier um Christian Ude, einen im besten Sinne völlig harmlosen Politiker (man sehe sich nur einmal diese Wahlplakate an!), der die mindestens ebenso harmlose Münchner Kommunalpolitik seit Jahr und Tag mit einer etwas rätselhaften Popularität dominiert und im nächsten Jahr nur aus Altersgründen nicht wiedergewählt werden kann, und den nun die bayerische SPD sicherlich nicht aus besonderer Zuneigung auf ihren Schild gehoben hat, sondern wahlweise, um ihr sonst reichlich dürftiges Erscheinungsbild aufzupolieren oder um auch nur einmal wieder etwas glanzvoller zu verlieren (wie weiland unter Renate Schmidt). Andererseits handelt es sich hier um Bayern, wo die Mehrheit der Wähler (Sozialdemokraten eingeschlossen) bekanntermaßen eine hartnäckige Bodenständigkeit pflegt, die zwar ziemlich anarchisch ist, aber mit solchen intellektualistischen Begriffen wie „Heteronormativität“ nicht viel anzufangen weiß. Und wenn da einer sagt: „Ich bin nicht schwul – und das ist gut so“, dann entspricht das genau diesem Geist.
    Dass diese Gerüchte aus der „rechten Ecke“ gestreut würden, wie in dem Bild-Artikel angeblich behauptet wird, ist natürlich rundheraus gelogen oder doch nur die halbe Wahrheit.

    • Damien 5. August 2013 um 19:57 #

      Lieber Martin,
      um Heteronormativität zu praktizieren, muss man nichts von ihrer Existenz wissen. Und ihre Auswirkungen sind keineswegs intellektualistisch, sondern mitunter ziemlich handfest. Wenn sich jemand an Menschen, die diese Zwänge verbreiten, wiederholt heranschleimt, habe ich dafür kein Verständnis. Dass das ausgerechnet jemand ist, der sich seit vielen Jahren gegen die Diskriminierung von Schwulen und Lesben einsetzt, macht die Sache nicht besser, eher wirft es aus meiner Sicht einen Schatten auf sein Engagement.

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