Sind Heteros dumm?

4 Aug

Die Frage im Titel ist provokativ gemeint, jedoch geht sie mir in letzer Zeit wieder häufiger durch den Kopf. Auslöser dieser Frage sind Kommentare im Internet, die sich zu dem russischen „Anti-Homo-Gesetz“ äußern. Zugegeben, es gibt dort selbstverständlich viel vernünftige Zuschriften, von Lesern, die die Barbarei und Unmenschlichkeit der russischen Gesetze erkennen.

Was mich beunruhigt und fassungslos den Kopf schütteln lässt ist, dass es im Jahre 2013 immer noch Menschen gibt, die offenbar keine Ahnung von Homosexualität haben, bzw. haben wollen. Man lasse mich diese Beobachtung an einem Beispiel erläutern, das ein Kommentator zu einem Beitrag von Jan Fleischhauer auf „Spiegel online“ verfasst hat 1.

Der Kommentator „Finnländer“ schreibt:

Jetzt kommen Sie mal wieder runter! In Russland gelten russische Gesetze – und das wars auch schon.

Erstens ist mir nicht bekannt, dass Herr Putin persönlich dieses Gesetz auf den Weg gebracht hätte – da steht immer noch die Duma dahinter, deren Legitimität ja wohl nicht in Frage gestellt wird.

Zweitens würde ich gerne wissen wie genau dieses Gesetz Menschen mit homosexueller Ausrichtung diskrimminiert. Meines Wissens ist Homosexualität nach wie vor nicht in Russland verboten.

Drittens kommt es einzig darauf an was in der russischen Gesellschaft akzeptiert ist und was als anrüchig empfunden wird – und genau daran orientiert sich das Gesetz.

Wenn ich richtig informiert bin geht es um die provokative Zurschaustellung der Homosexualität in der Öffentlichkeit. Wenn die Mehrheit der Gesellschaft dies nicht akzeptiert muss die Minderheit damit leben können (nennt sich Demokratie) – und das hat erstmal nichts mit Diskriminierung zu tun, denn nach wie vor kann der entsprechende Personenkreis seine Neigungen privat ausleben. Ist halt fast wie mit Rauchern und Nichtrauchern…

Es geht hier um gesellschaftliche Normen, und die sind in Russland nunmal andere. Akzeptieren Sie das einfach. Bis das russische Volk mal so „aufgeklärt“ ist wie Sie dauerts halt noch ein paar Jahre. Wünschen tue ich es ihm jedenfalls nicht.

Nun könnte man diese Aussagen als irrelevant abtun, als willkürlich herausgegriffene Zitate eines offenbar nicht besonders sympathischen Menschen. Jedoch zeigen diese Aussagen meines Erachtens typische Muster eines als respektabel angesehenen, homophoben Diskurses.

Beginnen wir mit dem ersten Satz:

Jetzt kommen Sie mal wieder runter! In Russland gelten russische Gesetze – und das wars auch schon.

Die Relevanz dieser Aussage erschließt sich mir nicht ganz. Inwiefern ist es wichtig für die Einschätzung eines Gesetzes, in welchem Land es verfasst wurde? In Russland gelten russische Gesetze. Ja, natürlich! Und in Deutschland gelten deutsche Gesetze, in Kanada kanadische Gesetze und in Vietnam vietnamesische Gesetze. Und was folgt nun daraus? Darf man keine Meinung mehr zu einem Gesetz haben, oder nur noch über die Gesetze im eigenen Land? Was ist wenn man in Berlin wohnt? Darf man dann sich nicht zu Gesetzen äußern, die in Nordrhein-Westfalen verabschiedet wurden?

Erstens ist mir nicht bekannt, dass Herr Putin persönlich dieses Gesetz auf den Weg gebracht hätte – da steht immer noch die Duma dahinter, deren Legitimität ja wohl nicht in Frage gestellt wird.

Nun hat „Herr Putin“ dieses Gesetz nicht verabschiedet, aber er hat es unterschrieben und damit Gesetzeskraft verliehen. Ohne Putins Unterschrift wäre dieses Gesetz nicht gültig.

Und ja, die Duma, also das russische Parlament, steht hinter diesem Gesetz. Aber auch hier muss man sich fragen, inwiefern das relevant ist. Ist jedes Gesetz eines Parlamentes ein gutes Gesetz? Ein faires Gesetz? Ein gerechtes Gesetz?

Zweitens würde ich gerne wissen wie genau dieses Gesetz Menschen mit homosexueller Ausrichtung diskrimminiert. Meines Wissens ist Homosexualität nach wie vor nicht in Russland verboten.

Mit dieser Aussage nähern wir uns dem Kernanliegen des Kommentators. Dies ist auch jene Aussage, die mich dazu veranlasst hat, in polemischer Manier vom Kommentator auf alle Heteros zu schließen. Es ist jene Aussage, die ich vollen Herzens als „dumm“ bezeichnen möchte.

Diese Aussage ist eingebettet in ein weitverbreitetes Muster, das unter nicht wenigen Heteros auch heute noch en vogue ist.  Jenes Muster ist die mit tiefem Ernst in der Stimme vorgetragene Frage, warum Homosexuelle ihre sexuelle Orientierung denn unbedingt öffentlich machen, diese „zur Schau stellen“ müssen. Denn immerhin: Heteros würden dies doch auch nicht tun.

Obiger Kommentator zeigt eben jenes Muster, wenn er ernsthaft die Frage stellt, was denn bitte schön an einem Gesetz diskriminierend sei, welches es bei Strafe untersagt, Homosexualität öffentlich zu machen – sei es durch Reden, Demonstrationen, Schriften oder Zeichen von Zuneigung.

Nun ist es aber so, dass heterosexuelle Russen auch weiterhin in der Öffentlichkeit Händchen halten dürfen. Sie dürfen auch in der Öffentlichkeit betonen, dass sie innig verliebt, oder Paar oder verheiratet sind. Sie dürfen weiterhin Küsse austauschen. Sie dürfen erzählen, wenn sie attraktiv, sexy oder geil finden. Sie dürfen von den Wochenendausflügen mit Partner oder Ehepartner berichten. Sie dürfen diese Partner auch zu Betriebsfeiern mitnehmen. Und natürlich ein Foto Ihrer Partner auf dem Schreibtisch stehen haben. 

Wenn ich richtig informiert bin geht es um die provokative Zurschaustellung der Homosexualität in der Öffentlichkeit. Wenn die Mehrheit der Gesellschaft dies nicht akzeptiert muss die Minderheit damit leben können (nennt sich Demokratie) – und das hat erstmal nichts mit Diskriminierung zu tun, denn nach wie vor kann der entsprechende Personenkreis seine Neigungen privat ausleben. Ist halt fast wie mit Rauchern und Nichtrauchern…

Hier nun tritt die Dummheit voll und ganz zu Tage. Eine Dummheit, die sich in einem absoluten Mangel an Einfühlungsvermögen, Empathie und Reflexionsfähigkeit zeigt. Kein Hetero auf dieser Welt, weder in Russland, Vietnam, Australien, Deutschland, Brasilien, oder den USA, ja nicht einmal in Saudi-Arabien oder dem Iran, würde es sich gefallen lassen, wenn es ein Gesetz gebe, das ihm vorschreibt, dass Heterosexualität nur noch im Privaten ausgelebt werden dürfe. Und der Grund dafür ist ganz einfach: Es wäre ein massiver Eingriff, in die Freiheitsrechte des Einzelnen und würde eine Gesellschaft zu einer Ansammlung von empfindungslosen Zombies verkommen lassen.

Man stelle sich als Hetero einmal eine solche Welt vor: Keine Heirat im Rathaus oder der Kirche mehr. Kein Händchen halten beim Spaziergen gehen. Keine Küsschen auf der Parkbank. Keine Ausflüge mit dem Partner ohne dass man erkennen kann, dass es der Partner ist. Kein Erzählen über diese Auflüge. Kein Foto auf dem Schreibtisch. Kein Reden über Flirts, Affären, Ehe- oder Beziehungsprobleme…

Klingt das gruselig? Idiotisch? Anmaßend? Diktatorisch? Unmenschlich? Ja, das tut es! Aber es ist genau das, was in Russland von uns Homos verlangt wird; das ist es, was man unter „provokativer Zurschaustellung“ von Homosexualität versteht; das heißt es, wenn man darauf besteht, dass Sexualität „im Privaten ausgelebt“ werden soll.

Sicherlich, es ist machbar. Wir Homos machen das immerhin seit Jahrhunderten. Wir mussten es tun und wir müssen es immer noch tun, je nach Land, Situation und Umfeld. Aber warum sollten wir das tun, während Heteros gleichzeitig Ihre sexuelle Orientierung für jeden erkennbar öffentlich leben?

Von Homos etwas zu erwarten, was sich ein Hetero niemals bieten lassen würden, ist bigott. An Homos und Heteros einen doppelten Maßstab anzuwenden ist diskriminierend. Nicht zu begreifen jedoch, dass man einen doppelten Maßstab anlegt – das ist dumm. Und diese Dummheit ist leider auch heute noch weiter verbreitet, als so mancher sich eingestehen möchte.

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[1] Fleischhauers Beitrag möchte ich an dieser Stelle nicht erörtern. Ich halte diesen im Großen und ganzen für okay, wenn auch eher auf „BILD“-Niveau. [back]

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4 Antworten to “Sind Heteros dumm?”

  1. martin 4. August 2013 um 15:14 #

    Das ist doch unmittelbar einleuchtend: Wenn die Mehrheit irgendetwas findet, dann muss man das als Minderheit in einer Demokratie natürlich akzeptieren, und solange man dann noch sein Privatleben hat, braucht man sich auch nicht zu beschweren. Wo man hierzulande schon strikt demokratisch gegen öffentliches Rauchen vorgeht, da ist es dann wohl nur noch ein kleiner Schritt, bis man es nach russischer Schule mit Homosexuellen genauso macht. Aber so etwas kommt natürlich dabei heraus, wenn man vor lauter demokratiefetischisierendem Gedenke und Geschwafel zwischen der großartigen Errungenschaft der Mehrheitsentscheidung und diesem eitlen Dreck von wegen Minderheitenschutz und bürgerlichen Freiheitsrechten nicht mehr zu unterscheiden vermag.

  2. gnaddrig 4. August 2013 um 21:15 #

    @martin: Außerdem ist es sehr einfach, anderen Einschränkungen abzuverlangen. Sollen die Schwulen sich halt ein bissschen am Riemen reißen, das hat noch keinem geschadet, solange ich Hetero machen kann, was ich will, ausdrücklich auch das, was den Schwulen zu verbieten ist.

  3. gnaddrig 4. August 2013 um 21:19 #

    Hier nun tritt die Dummheit voll und ganz zu Tage. Eine Dummheit, die sich in einem absoluten Mangel an Einfühlungsvermögen, Empathie und Reflexionsfähigkeit zeigt.

    Stimmt. Und eine Dummheit, möchte ich hinzufügen, die offensichtlich von wenig Sachkenntnis getrübt ist. Denn verboten ist nicht einfach „die provokative Zurschaustellung der Homosexualität in der Öffentlichkeit“ (wo denn sonst, im Kohlenkeller kann man kaum je was provokativ zur Schau stellen). Verboten ist es, sich über Homosexualität und homosexuelle Lebensformen anders als negativ zu äußern, erst recht im Beisein von Kindern.

    Die Aussage „x% der Menschen sind homosexuell“ oder auch die aktuelle Definition von Homosexualität in der Wikipedia („Homosexualität bezeichnet je nach Verwendung sowohl gleichgeschlechtliches sexuelles Verhalten, erotisches und romantisches Begehren gegenüber Personen des eigenen Geschlechts als auch darauf aufbauende Identitäten“) wären damit schon an der Grenze zur Strafbarkeit, weil sie zumindest implizieren, dass das nichts per se Schlimmes ist.

    Wenn man nicht einigermaßen ausdrücklich dazusagt, dass man Homosexualität für falsch (besser: schlimm, krank, tierisch) und Schwule für kranke oder schlechte Menschen (besser: Menschen? Verachtenswertes, auszurottendes Ungeziefer) hält, kann einem das schon als „Propoganda für Homosexualität“ ausgelegt werden.

    Wer, wenn man das weiterdenkt, einen ihm bekannten Schwulen auf der Straße nicht beschimpft, könnte sich damit bereits der Propaganda schuldig machen, weil er Homosexualität damit implizit billigt.

    Und russische Gerichte arbeiten seit der Zarenzeit auf der Grundlage von Gummiparagraphen, Willkür ist dort Staatsräson. Die sind bestens trainiert, genau mit solchen Sachverhalten und Gesetzestexten fruchtbar zu arbeiten. Das lässt für Nichtheteros und LGBT-Aktivisten nichts Gutes ahnen.

    Aber mit Diskriminierung hat das natürlich nicht das Geringste zu tun. Diskriminierung ist, wenn ein aufrechter Hetero nicht mehr auf die Straße kann, weil die Schwulen sich bekanntlich andauernd überall schamlos an die Wäsche gehen (in Wirklichkeit hat er einmal vor einer Schwulenbar ein knutschendes Pärchen gesehen). Die Finnländers haben es wirklich nicht leicht…

  4. wolfgang brosche 5. August 2013 um 17:04 #

    Ja, es ist Dummheit – aber vor allem völlig Empfindungslosigkeit, die Haß gebiert.
    Meine Oma hat mir von einer Episode in der Vorkriegszeit erzählt: sie kommt aus der Schule nach Hause und sieht, wie die jüdischen Nachbarn abtransportiert werden.Ja, das hat es gegeben, öffentlich mit Menschen, Nachbarn, die zusahen. Da hat sie die umstehenden Nachbarn gefragt was denn vorgefallen sei. Nicht nur daß ihr bedeutet wurde, den Mund zu halten, es kamen auch ganz offen Statements wie:“Das sind Juden, die werden jetzt endlich weggeschafft!“ – „Aber, was haben die denn getan, das sind doch immer sehr freundliche Leute gewesen, Die haben doch nichtsgetan!“ „ach, was – es sind Juen…irgendwas wird schon dran sein!“ – Zu solchen Leuten gehören jene Poster nicht nur im SPON-Forum; Leute die massenhaft auftreten, dum, gefühllos, opportunistisch, die schweigende und wegschauende Mehrheit, die sich aufgewertet fühlt in ihrer eigenen Erbärmlichkeit, wenn sie andere haben, die noch unter ihnen stehen. Das ganze Geschwätz von Homo-Ehe etc. hat diese Leute aus ihren schmutzigen Verstecken kriechen lassen. Täuschen wir uns nicht – das Erreichen bestimmter Menschenrechte ist verbunden mit wachsendem Widerstand aus jener dreckigen Ecke.

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