Unbekümmert homophob

6 Aug

Die Rechte für Schwule und Lesben spiegeln das zivilisatorische Niveau eines Landes.

 meint Rainer Haubrich in der WELT. Beispielhaft sei diese Aktualisierung der amerikanischen Politik genannt:

Die USA wollen gleichgeschlechtliche Ehepartner in Visumfragen künftig wie andere verheiratete Paare behandeln. Es werde bei der Bewerbung für Visa ab sofort kein Unterschied mehr gemacht zwischen Homo- und Hetero-Paaren, sagte US-Außenminister John Kerry in London bei einem Treffen mit Botschaftsmitarbeitern. Das gelte auch für solche Paare, deren Ehe im Heimatland nicht anerkannt wird; jede legal geschlossene Ehe sei für die US-Einwanderungsbehörden gültig. Die Regelung gelte für alle 222 Bearbeitungsstellen in der Welt.

Doch was bedeutet das im Alltag? Haubrich ist der Ansicht, jenseits des CSD sei alles ziemlich entspannt, zumindest hier im Land:

An den übrigen 364 Tagen im Jahr aber lässt es sich in Deutschland als Homosexueller alles in allem ziemlich unbekümmert leben.

Dabei sagen diverse Studien das genaue Gegenteil, übrigens nicht nur für Deutschland (z. B. hier).  Aber wieso eigentlich jenseits des CSD? Weshalb sollte ausgerechnet dort der Platz sein, an dem Schwule sich schämen, schwul zu sein?

Es gibt nicht wenige Homosexuelle, die von sich sagen, dass ihnen ihre Veranlagung eigentlich nur an einem Tag im Jahr peinlich ist: am Christopher Street Day.

Warum das? Auch Haubrich erfindet das Rad nicht neu, denn die Beschwerde, dass

junge Männer auf Highheels und mit nicht viel mehr als einer Federboa bekleidet

die

kreischend und hüftenschwingend

durch die Straßen ziehen, der eigentlich akzeptablen Sache einen schlechten Dienst erweisen, wird wahrlich nicht zum ersten Mal formuliert. Doch was wäre eine Demonstration sexueller Emanzipation, wenn man sich zuvor von der Mehrheit, gegen deren Normativität man die eigene Selbstverständlichkeit kämpferisch auf die Straße tragen will, die Kleiderordnung diktieren lassen würde?

Dabei weiß auch Haubrich durchaus von alltäglichen Abneigungen gegen – vor allem – homosexuelle Männer, die rational kaum nachvollziehbar scheinen:

Zwei Männer aber, die miteinander zugange sind – das ist vielen nicht nur eine unangenehme Vorstellung, sie fühlen sich sogar, im Grunde auf eine unerklärliche Weise, bedroht. (…) Aus diesem Gefühl der Fremdheit und der Bedrohung speisen sich wohl die Vorbehalte gegen Homosexuelle und ihre völlige Gleichstellung.

Doch wie damit umgehen? Jedem sein Recht auf Unzivilisiertheit lassen, mit allen gewaltförmigen, zuweilen tödlichen, Folgen, die das für Schwule, Lesben, Trans* und Intersexuelle hat? Staatliche Programme auflegen zur Förderung des zivilisatorischen Fortschritts? Manch einer mag das für einen Widerspruch in sich halten. Ob aber die libertäre Theorie ausreichend schützt vor homo- und transphoben Gewalttaten oder nicht doch eher die mittels staatlichem Gewaltmonopol durchgesetzte polizeiliche und juristische Verfolgung derartiger Taten den besseren Schutz gewährleistet?

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4 Antworten to “Unbekümmert homophob”

  1. martin 6. August 2013 um 11:12 #

    Ich bin mit Deiner abschließenden Frage nicht einverstanden. Einmal glaube ich nicht, dass die libertäre Theorie in prinzipiellem Widerspruch zu einer mittels staatlichem Gewaltmonopol durchgesetzten polizeilichen und juristischen Verfolgung von homo- und transphoben Gewalttaten steht. Das gilt allenfalls für die anarchistische Variante, während der minimalstaatliche Libertarismus ja genau darin die (einzige) Funktion des Staates sieht: im Schutz individueller Freiheitsrechte. Zum anderen würde die libertäre Theorie wohl dazu neigen, die von Dir (mit Bezug auf Haubrich) eher im individuell-psychologischen Bereich angesiedelten Wurzeln der Homo- und Transphobie auf ihre staatlich-politischen Möglichkeitsbedingungen hin zu befragen, zum Beispiel inwiefern eine auf Etatismus und Gemeinschaftsfiktionen beruhende Gesellschaft gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit aus sich heraus erzeugt. Eine anarcho-libertäre Alternative zu unserer Gesellschaftsordnung steht uns schon sozialpsychologisch nicht ohne weiteres zur Verfügung. Nichtsdestoweniger halte ich die Vorstellung von staatlichen Programmen „zur Förderung des zivilisatorischen Fortschritts“ in der Tat für einen Widerspruch in sich: Weder ist der Staat berechtigt oder überhaupt befähigt, zu definieren, was „zivilisatorischer Fortschritt“ ist, noch ist es überhaupt notwendig, dass er sich an solchen Definitionen versucht, weil es völlig ausreichen würde, käme er seiner eigentlichen Funktion nach, eben der Gewährleistung jener individueller Freiheitsrechte, in der allein seine Legitimationsgrundlage besteht. Wo er darüber hinausgeht, neigt er nicht nur dazu, eben diese Freiheitsrechte und damit seine eigene Legitimation anzugreifen, er übernimmt sich auch in dem Wahn, er sei wirksam dazu in der Lage, auf die Gesinnung seiner Bürger Einfluss zu nehmen. Dem Kampf gegen Homo- und Transphobie ist meines Erachtens durch zwei weitere Jahrzehnte „Reizkonfrontation“ besser gedient als durch staatliche Umerziehungsprogramme, die bestenfalls wirkungslos sind, schlimmstenfalls aber kontraproduktiv und nur den ohnehin schon bestehenden Trend hin zum Kontroll- und Überwachungsstaat begünstigen. Das ist dann übrigens auch die schärfste argumentative Waffe der Anarcholibertären: dass nämlich der Nachtwächterstaat eine fromme Fiktion sei und in Wahrheit jeder Staat seinem Wesen nach über kurz oder lang zum Kontroll- und Überwachungsstaat werden müsse.

  2. Blub 6. August 2013 um 23:58 #

    Wieso sollte man als Schwuler nicht den CSD peinlich finden? Ich finde fast jede Menge an Menschen, mit denen man irgendwas teilt, hat ne Tendenz ins Peinliche abzudriften. V.a. die dadurch in Menschen eingepflanzte Symbole und Vorstellungen. Ja, ich will nicht von Leuten gefragt werden, ob ich privat in Lederrock und Stöckelschuhen rumrenne (NEIN!!), weil ich ja auf Männer stehe und das so Leute halt machen. Das gilt auch für andere Subkulturen, denen ich angehöre, wo die Leute oft unfassbar komische Vorstellungen haben, da sie nur so mediale Zerrbilder kennen, wo nicht die Normalität und die echt dahinter stehenden Menschen, sondern extreme Auswüchse präsentiert werden.

    • Damien 7. August 2013 um 06:39 #

      @Blub: Haubrich schreibt nicht von Schwulen, die den CSD peinlich finden, sondern von solchen, denen ihre Veranlagung peinlich sei. Ein entscheidender Unterschied. Außerdem laufen beim CSD ja auch nicht alle in Lederrock und Stöckelschuhen rum, aber die gehören nun mal auch zu der Menge der Schwulen. Und mich hat in meinem Leben kaum jemand gefragt, ob ich privat so rumlaufe. Wer ein wenig nachdenkt, könnte da auch drauf kommen, dass nicht alle Schwulen gleich sind. Warum auch? Heteros sind es ja auch nicht…

  3. martin 7. August 2013 um 14:19 #

    Warum man sich für den CSD schämen sollte, sehe ich auch nicht ein. Entweder man nimmt daran teil oder man lässt es eben sein. Im letzteren Fall kann man ihn dann immer noch lustig finden oder auch blöd, aber warum sollte man sich die homopolitischen Totalvertretungsansprüche einiger Aktivisten dadurch zueigen machen, dass man sich als Schwuler für den CSD schämt? Der CSD repräsentiert eben einen Aspekt „homosexueller“ Kultur, und zwar nicht gerade aus dem alltäglichen Leben. Nicht mehr und nicht weniger. Die kognitive Leistung, zwischen Christopher Street Day und dem Leben homosexueller Mitbürger zu unterscheiden, muss man den Leuten schon zutrauen (und ihnen abverlangen). Wenn sie trotzdem verzerrte Vorstellungen davon haben, wie Homosexuelle so leben und was sie tun (mit Highheels und Federboa herumlaufen), dann mag das mit der medialen Präsenz des CSD zusammenhängen, aber verantwortlich dafür sind sie ganz allein. Da kann man sie entweder ignorieren oder zurechtweisen, aber schämen muss man sich gewiss nicht.

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