Diskriminierung? Voll schwul!

5 Sep

Allen, die immer wieder behaupten, die Diskriminierung von Schwulen sei doch – zumindest in Deutschland – längst Geschichte, sei ein Interview mit zwei schwulen Lehrern in der Frankfurter Rundschau empfohlen. Was Heiko Rohde und Alexander Lotz, tätig an einer Berufsschule bzw. einem Gymnasium, erzählen, lässt einem die Haare zu Berge stehen. Zum Beispiel wenn Rohde von seinem Coming-Out bei einem Schüler erzählt. Zur Erinnerung: Heterosexuelle Kollegen erzählen von ihrer Frau so selbstverständlich wie von ihrem Musikgeschmack. Doch was passiert, wenn ein schwuler Lehrer

auf die Frage eines Schülers

mitteilt, er sei schwul? Dann gibt es

eine Lehrerkonferenz dazu: ob man Schülern das sagen soll.

Lotz hat noch üblere Erfahrungen gemacht. Nachdem es im Unterricht schwulenfeindliche Bemerkungen hab, hat er sich geoutet:

Das ging wie ein Lauffeuer durch die Schule. Die Schüler riefen „Schwuchtel“ und so was hinter mir her. Einige Schüler haben sogar einen fingierten E-Mail-Account auf den Namen unseres Schulleiters eingerichtet und mir von dort Mails mit „schwule Sau“ geschrieben. Eine Kollegin meinte, das sei eben der Weg, den ich gewählt hätte.

Die negative Reaktion von Schülern wie aus dem Kollegium ist kein Wunder, gilt doch „schwul“ als beliebtes Schimpfwort in deutschen Schulen:

„Schwul“ wird an der Schule ständig benutzt. Hausaufgaben sind schwul, Arbeitsblätter, alles Mögliche. Es ist immer negativ besetzt.

Dabei ist das Wort keineswegs, wie manch einer meint, längst vom seinem Inhalt getrennt:

Aber so lange mir die Schüler noch sagen, dass es eklig wäre, zwei Jungs auf dem Schulhof Händchen halten zu sehen, so lange wird es Diskriminierung geben.

Natürlich kann man einwenden, dass sei doch das gute Recht jedes Menschen, was auch immer eklig zu finden. Wer so argumentiert, sollte sich aber auch den Konsequenzen stellen, die solche Äußerungen für den Alltag von homosexuellen Schüler_innen haben:

Bei Jugendlichen kann das zu Selbstmord führen. Homosexuelle Schüler haben ein vier- bis siebenmal höheres Suizidrisiko.

Die Frage

Wird das Thema Homosexualität denn im Unterricht aufgegriffen?

bringt Erstaunliches zutage. Während man angesichts der warnenden Proganda „christlicher“ Abendlandretter denken könnte, Homosexualität werde längst mehr oder weniger gleichberechtigt im Unterricht behandelt, erklärt Lotz:

Im Lehrplan wird es nur am Rande erwähnt. Es gibt maximal zwei Biologie-Schulbücher in Hessen, in denen Homosexualität vorkommt. Es geht ansonsten immer nur um Geschlechtsorgane und Fortpflanzung. Heterosexualität ist die Norm.

Und wenn ein (schwuler) Lehrer versucht, dieses Manko auszugleichen? Gehen die Gerüchte los:

Ich versuche den Schülern im Unterricht aufzuzeigen, dass es sexuelle Vielfalt gibt. Daraufhin haben Kollegen aber das Gerücht verbreitetet, ich würde nur schwule Sexualität unterrichten.

Damit nicht genug,

haben sich Eltern an die Schulleitung gewandt, und ich musste meine Unterrichtsmaterialien vorlegen – in eine solche Situation kämen heterosexuelle Kollegen gar nicht.

Eben die aber sind der Schlüssel für eine Veränderung jenseits des persönlichen Einsatzes homosexueller Kolleg_innen:

Die Kollegen sind eine der Hauptherausforderungen für uns, da sie sich eben ausbildungsbedingt nicht damit befassen. Daher kommen dann manchmal auch merkwürdige Sachen wie: „Ich hab’ da mal ne Frage wegen Aids – du kennst dich doch da aus.“ Damit sich an der Situation in Schulen was ändert, müssen wir Impulse setzen, um politisches Verständnis werben.

Was tun? Zum Beispiel das hier:

In Berlin hat man eine Untersuchung durchgeführt, wie verbreitet Homophobie an Schulen ist. Das Ergebnis war katastrophal. Jede Schule dort hat nun einen Ansprechpartner zu sexueller Vielfalt. 

Zudem gibt es in Deutschland mehr als 40 Bildungs- und Aufklärungsprojekte, die

in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen Aufklärungsworkshops zu lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Lebensweisen an(bieten).

Hier gibt es eine Übersicht der Projekte, denen man viel Erfolg und eine gute Finanzierung wünschen kann. Und langen Atem, denn weder ist der Zugang der Projekte zu den Einrichtungen immer selbstverständlich noch die finanzielle Grundlage der Projekte längerfristig gesichert.

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9 Antworten to “Diskriminierung? Voll schwul!”

  1. Adrian 6. September 2013 um 09:54 #

    Jetzt mal sarkastisch: Was macht in einer Schule ein Ansprechpartner zu „sexueller Vielfalt“. Geht man da hin, um sich über die Vielfalt der Sexstellungen beraten zu lassen?

    Ich finde den Begriff „sexuelle Vielfalt“ fürchterlich. Pädagogisch hätte man sich m.E. kaum etwas schlimmeres ausdenken können. Es beschwört unweigerlich das Bild herauf, das es relevant sein soll, wie ein Mitmensch sein Sexleben gestaltet. Und das interessiert mich nun wirklich nicht.

    Selbstverständlich reden wir auch von Sexualität. Aber auch von Zuneigung, Beziehungen, Romantik und Liebe. Heterosexuelle möchten nicht auf auf ihr Sexualleben reduziert werden. Genau dieses Bild transportiert aber der Begriff „sexuelle Vielfalt“ in Bezug auf Homosexualität.

    • Damien 6. September 2013 um 10:18 #

      Ich nehme an, dass ein solcher Ansprechpartner für Leute da ist, die Fragen zur Vielfalt sexueller Orientierungen haben. Was genau so ein Ansprechpartner anbietet, wird vermutlich kommuniziert, wenn er seinen Job beginnt. Insoweit dürfte keiner auf die Idee kommen, dass es da um Sexstellungen geht. Ich kann auch nicht nachvollziehen, wie Du auf diese Assoziation kommst. Und es heißt nun einmal „sexuelle Orientierung“ und nicht „Zuneigungsorientierung“ oder so. Wenn Dich das „sexuell“ bei „sexuelle Vielfalt“ stört, dann müsste Dich das „sexuell“ bei „homosexuell“ genauso stören, oder? Und wie könnte so ein Ansprechpartner Deiner Meinung nach besser heißen? „Ansprechpartner zu unterschiedlichen Möglichkeiten, Zuneigung, Beziehungen, Romantik und Liebe (und, ja, auch Sexualität) zu leben“? Klingt irgendwie auch nicht besonders sexy 😉

  2. Adrian 6. September 2013 um 10:21 #

    Wir wäre es mit „Ansprechpartner für Sexualität und sexuelle Orientierungen“? Oder „Ansprechpartner für Pluralismus, Vielfalt und Individualität“?

    • Damien 6. September 2013 um 10:59 #

      Hm, und bei Deinem ersten Vorschlag denken die Leute dann nicht an „Sexualität“? Weil das war doch das, was Du vermeiden wolltest, oder?
      Der zweite Vorschlag klingt ganz hübsch, aber ist sehr weitläufig, da könnte man dann auch auf die Idee kommen, Informationen über Weltanschauungen, Vielfalt in jeder Hinsicht (Musik- und Kleidungsgeschmack, etc.) zu erwarten und das würde vielleicht den Rahmen sprengen. Das mit der Individualität finde ich natürlich extrem sympathisch. 🙂
      Wie findest Du „Ansprechpartner für sexuelle Individualität“?

  3. Adrian 6. September 2013 um 20:54 #

    „Hm, und bei Deinem ersten Vorschlag denken die Leute dann nicht an “Sexualität”?“

    Es ging mir ja nicht darum, nicht an Sexualität zu denken, sondern an sexuelle Handlungen.

  4. Neuer Peter 8. September 2013 um 00:42 #

    Kinder sind Arschlöcher, das wirst du ihnen nicht austreiben können.

    Schlimm sind die Kollegen.

  5. bombastu 8. September 2013 um 11:31 #

    Das ist doch Quatsch. Klar sind Kinder in der Pubertät auf Abgrenzung bedacht, aber Empathiefähigkeit muss dabei nicht auf der Strecke bleiben. Eigentlich ist das nicht so schwer, würde das mal auf die Lehrpläne kommen.

  6. ausgesucht 9. September 2013 um 17:49 #

    Der Weg hin zu Toleranz – gelebter, nicht propagandistisch vorgegaukelter – dürfte sich als sehr, sehr lang und steinig erweisen. Ob auf ihm jemals die Ziellinie wird in Sicht kommen können?

  7. gracuch 13. September 2013 um 14:22 #

    Ich hab’s bisher nur in der Oberstufe erlebt, dass ein heterosexueller PW-Lehrer sich extra eine Doppelstunde Zeit genommen hat, um mit uns über Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung zu sprechen und gerade die Jungs darauf angesprochen hat, warum sie ein Unbehagen verspüren, wenn sie zwei Männer beim Austauschen von Zärtlichkeiten sehen.

    Wobei dieses Gespräch viel dringender mit Achtklässlern geführt hätte sollen, die viel häufiger mit Worten wie „schwule Sau“ um sich schmeißen.

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