Grundkurs Homosexualität: Warum die sexuelle Orientierung nicht nur „privat“ ist

25 Sep

Es gibt im Bereich Homosexualität ein Thema, das man stets und ständig wiederholen muss, weil es einige Menschen (Heteros) offenbar nicht kapieren. Worum geht es?

Eine Gruppe von Eltern aus Russland wirft dem englischen Musiker Elton John vor, russisches Recht brechen zu wollen. Die Eltern forderten in einem Offenen Brief an Präsident Wladimir Putin ein Auftrittsverbot für den homosexuellen Musiker.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet weiter, dass die russischen Eltern befürchten, dass Elton John offen mit seiner Homosexualität umgehen würde, was in Russland per Gesetz verboten wurde.

Elton John selbst hatte geäußert, dass er bei seinem Auftritt schwule und lesbische Russen unterstützen wolle.

Das ist der Aufhänger, nicht weiter verwunderlich, immerhin reden wir von Russland. Das eigentliche Thema dreht sich um folgendes, bestens aufbereitet von einem Kommentator zum obigen Artikel:

Ob schwul oder nicht…mich juckts nicht. Aber wieso muss man sich denn über seine Sexualität definieren statt einfach nur Musik zu machen?

Angesichts einer derartigen Frage möchte man sich vor Verzweiflung an den Kopf fassen. Elton John möchte sich nicht über seine Sexualität definieren, aber er ist nun mal ein homosexueller Mensch, und seine Homosexualität ist für ihn ebenso Teil seines Selbst wie Heterosexualität es für Heteros ist. Und wenn Elton John als homosexueller Mensch in einem Land auftritt, welches Menschen wie ihn diskriminiert, ist es doch durchaus verständlich, gegen diese Diskriminierung ein Zeichen zu setzen. Ist das so schwer zu verstehen?

Ja, offenbar ist das in der Tat schwer zu verstehen, vor allem, wenn man sich keine Gedanken machen muss, wie sehr die eigene Sexualität das Leben bestimmt, vor allem, wenn fast alle ebenso ticken wie man selbst:

Ich finde immer, dass die Sexualität eines jeden Menschen in seiner Hose und in seinem Bett stattfindet. Was genau geht das Unbeteiligte an, oder ist Schwulsein sowas besonderes, dass man es unbedingt zu seinem Markenzeichen und Aushängeschild machen muss? Ich find das primitiv, sorry. Sei schwul oder nicht – aber lass es deine private Sache sein. Ich häng mein Sexleben auch nicht jedem ans Auge und Ohr.

Ich versuche es noch einmal zu erklären: So etwas wie absolute Privatheit in der „Sexualität“ – wobei hiermit offensichtlich „sexuelle Orientierung“ gemeint ist – gibt es nicht und kann es in einer humanen und emotional gesunden Gesellschaft nicht geben. Warum? Nun, darum:

Man stelle sich als Hetero einmal eine solche Welt vor: Keine Heirat im Rathaus oder der Kirche mehr. Kein Händchen halten beim Spaziergen gehen. Keine Küsschen auf der Parkbank. Keine Ausflüge mit dem Partner ohne dass man erkennen kann, dass es der Partner ist. Kein Erzählen über diese Auflüge. Kein Foto auf dem Schreibtisch. Kein Reden über Flirts, Affären, Ehe- oder Beziehungsprobleme…

Wenn also obiger Kommentator im Brustton der Überzeugung verkündet

Ich häng mein Sexleben auch nicht jedem ans Auge und Ohr

dann kann man ihm nur entgegen: Doch! Das tust Du!

Warum versucht man dennoch permanent, die sexuelle Orientierung von uns Homos in die „private“ Nische zu drängen, während Heteros weiterhin fröhlich und öffentlich heterosexell sein dürfen?

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10 Antworten to “Grundkurs Homosexualität: Warum die sexuelle Orientierung nicht nur „privat“ ist”

  1. martin 26. September 2013 um 08:59 #

    Ja, diese verflixte Heteronormativität. Dagegen ist kein Kraut gewachsen. Denn es ist ja richtig: Für welchen Hetero spielt seine Heterosexualität auch nur annähernd die Rolle, wie sie die Homosexualität für Homosexuelle spielt? Ja, für ein paar pathologische Homophobe vielleicht, sonst aber eben nicht. Als Hetero kann man ganz „privat“ seine sexuelle Orientierung „öffentlich“ spazieren führen und es fällt niemandem auf…
    Selbst wenn die guten Heteros uns Homos eines Tages endlich einmal akzeptieren sollten, wie wir eben sind (und es würde mir für meinen Teil ja schon genügen, wenn sie nicht immer so täten, als kämen wir vom andern Stern, von Homophobie einmal ganz zu schweigen), werden sie dennoch nicht verstehen, wie es ist, wenn man sich über Jahre hinweg mit der eigenen sexuellen Orientierung auseinandersetzen muss, wie es ist, wenn man nicht mit seinem Partner öffentlich Händchen halten kann, ohne damit gleich ein gesellschaftspolitisches „Statement“ abzugeben usw. Mit ein wenig gutem Willen werden sie für diese Probleme vielleicht irgendwann Verständnis zeigen. Aber wie fragte schon Thomas Nagel: What is it like to be a bat? Keine Ahnung!

  2. erzaehlmirnix 26. September 2013 um 14:54 #

    Du hast mich zu einem Comic inspiriert. Trifft es das?
    http://erzaehlmirnix.wordpress.com/2013/09/26/passiert-euch-das-auch-so-oft/
    🙂

  3. Adrian 26. September 2013 um 20:16 #

    @ Emn
    Das trifft es ziemlich gut 🙂

  4. Fg68at 27. September 2013 um 12:21 #

    Einem Ally, beispielsweise Lady Gaga, der sich für Homosexuelle einsetzt, wird ja auch nicht vorgeworfen sich über seine Sexualität zu definieren.

    Sehr gut dazu auch:
    John Corvino (The Gay Moralist): Ausschnitte aus der Veranstaltung: „What’s Morally Wrong with Homosexuality“, ab 5:45: „Why do Homosexuals Flaunt it?

    „You know one of this discussions my mom said: „I just do not understand why you have to be so open about your sexuality. Your father and I are not open about our sexuality.“
    I want you to think about that sentence: „Your…father…and…I…are not open about our sexuality.“ Not only is that person who uttered that sentences openly-heterosexual, she’s open about having had sex, AT LEAST ONCE. (zeigt auf sich)
    Heterosexual people do this all the time, they talk about their wives, their husband, their boyfriends, their girlfriends, people they have crushes on…perfectly normal.
    We do the exact same thing—and we are „flaunting“ it, we’re making an „issue“ out of it.
    And that’s a double standard, and it’s not fair.“

  5. Ralf 27. September 2013 um 15:13 #

    Schon allein dass so viele Staaten, sogar Deutschland, die Grund- und Bürgerrechte nach sexueller Orientierung vergeben bis hin zur Hasspropaganda wie in Russland oder zur völligen Rechtlosigkeit wie im Iran, sollte jedem noch so begriffstutzigen Simpel klar machen, dass Schwulsein nun mal nicht Privatsache ist.

  6. maennerstreik 5. Mai 2014 um 08:05 #

    „Warum versucht man dennoch permanent, die sexuelle Orientierung von uns Homos in die “private” Nische zu drängen, während Heteros weiterhin fröhlich und öffentlich heterosexell sein dürfen?“

    Ganz einfach: Weil die heterosexuellen Menschen die Mehrheit darstellen. Minderheiten können da Toleranz erwarten, aber Extrawürstchen und Glorifizierung kannst Du vergessen. Das haben schon die Feministinnen versucht und einen Krieg entfacht. Also lieber mal einen Gang unterschalten.

  7. Adrian 5. Mai 2014 um 10:24 #

    @ Männerstreik
    „Weil die heterosexuellen Menschen die Mehrheit darstellen.“

    Relevanz?

    „aber Extrawürstchen und Glorifizierung kannst Du vergessen.“

    Und was hat Gleichbehandlung mit „Extrawürstchen“ und „Glorifizierung“ zu tun?

    „Das haben schon die Feministinnen versucht und einen Krieg entfacht. Also lieber mal einen Gang unterschalten.“

    Soll das eine Drohung sein?

  8. Novalis 5. Mai 2014 um 12:14 #

    Händchenhalten, Küsschen im Park, Ausflüge, auch Partys mit Partner ist das eine, sich vor Kameras zu stellen oder Zeitungen ellenlange Interviews zu geben ist das andere. Hier liegt meines Erachtens ein qualitativer Unterschied vor. Erstere Verhaltensweisen sind performativ, d.h. sie erklären sich von selbst. In diesem Subtext zeigen Heterosexuelle ihre Sexualtät „beiläufig“. Kein ernstzunehmender Mensch hat was gegen diesen Subtext auch bei Homosexuellen. Das Outing an sich ist ein anderes Kaliber, weil es diesen Subtext, die performative Verhaltensebene verlässt und dadurch für viele aufdringlich wirkt,

  9. Atacama 5. Mai 2014 um 12:33 #

    “ Kein ernstzunehmender Mensch hat was gegen diesen Subtext auch bei Homosexuellen. “

    Äh doch?
    Die meisten schwulenfeindlichen übergriffe ereignen sich auch nicht nachdem das Opfer ein „Interview“ gegeben hat, oder sich unaufgefordert geoutet hat, sondern indem es etwas schwules „tut“ (aus einem Schwulenclub kommen, einen Mann küssen, als Paar auftreten) oder „schwul aussieht“.

    „Händchenhalten, Küsschen im Park, Ausflüge, auch Partys mit Partner ist das eine, sich vor Kameras zu stellen oder Zeitungen ellenlange Interviews zu geben ist das andere.“

    Zwingt der Homo die Zeitung dazu oder fragt die Zeitung für ein Interview an?

    „In diesem Subtext zeigen Heterosexuelle ihre Sexualtät “beiläufig”. “

    Weil sie beiläufig bzw. nichts besonderes sondern ausgesprochen häufig ist und auch niemals Gegenstand von Verfolgung war.
    Und bei jedem vorausgesetzt wird von Geburt an, bis er sich zum Gegenteil „bekennt“.

  10. lauterkopf 18. April 2015 um 18:16 #

    Es geht andere nichts an, aber es geht dich etwas an wie viel Du in der Öffentlichkeit zeigen willst. Erregung öffentlich Ärgernisses ist es erst dann, wenn es wirklich zu weit geht, aber komplett wayne ob homo oder hetero. Andere beim Bummbumm will ich mir einfach nicht anschaun. 😀 Die Studie über Männer die die größte Homophobie aufzeigen und die Bedeutung dahinter kennst du, oder?

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