Jugend von heute?

17 Okt

Zuerst die gute Nachricht: ich bin grundsätzlich immer noch fröhlich, frank und frei. Grandioser Sex hält eben lange vor

Und nun die schlechte Nachricht: Ich bin dabei, mich wieder zu ärgern. Eben gerade habe ich mich auf den Weg von der Arbeit nach Hause gemacht. Kurz vor meiner Tram-Haltestelle, gibt es unter dem U-Bahnviadukt eine Unterführung. Wie so oft, hat sich dort ein junger Musiker einquartiert, um Gitarre zu spielen und zu singen. Zugegeben, er hat nicht besonders gut gesungen, aber es war auch nicht besonders schlecht. Ein Gesang und eine Begegnung also, die einen nicht stören sollten, erst recht nicht, wenn man in Berlin lebt, wo so etwas Alltag ist.

Ich passiere die Unterführungen und höre den Musiker schon von weitem. Mir entgegen kommt eine Schulklasse; Halbwüchsige, in deren Gesichter sich die unhinterfragte „Erkenntnis“ spiegelt,  bereits alles zu wissen und klüger zu sein, als der Rest der Welt. Typische Teenager halt. Die Gruppe und ich passieren den Musiker. Ich vernehme, wie sich einzelne Exemplare von „Deutschlands Zukunft“ über diesen lustig machen. So weit , so gewöhnlich, so blöd. Einer aber schlägt das Fass dem Boden aus, indem er dem Musiker zuruft: „Erschieß Dich!“

„Erschieß Dich“? Jetzt mal im Ernst: Was soll das? Na, schön, der junge Mann mochte die Musik und den Gesang halt nicht. Na und? Kann er das nicht einfach ignorieren? Oder mit seine Kumpels einfach nur darüber lästern? Warum dieser ekelhafte Ausbruch? Wie kann man nur jemanden ans Herz legen, sich zu erschießen? Wie dumm und asozial kann man eigentlich sein?

Ich hoffe, dass das nicht zum normalen Verhalten der heutigen Jugend gehört. Und ich hoffe, dass ich mittlerweile einfach nur in dem Alter bin, in dem man anfängt, über die Jugend von heute  zu schimpfen, und wie furchtbar diese doch sei, während wir in unserer Jugend nicht so schlimm gewesen seien. Dennoch, habe ich den Eindruck, das Verhalten der Menschen untereinander wird immer beschissener. Täusche ich mich?

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4 Antworten to “Jugend von heute?”

  1. martin 17. Oktober 2013 um 23:01 #

    Nein, ich glaube, Du täuschst Dich nicht. Aber das muss nicht viel heißen, ich war nämlich schon in dem Alter, über die Jugend von heute zu schimpfen, als ich selbst noch zu dieser Jugend gehörte… Da hilft wohl nur noch die Zuflucht beim Sex.

  2. Yadgar 17. Oktober 2013 um 23:07 #

    Ich sage dazu nur ein Wort: Internet.

    Früher (so vor ungefähr 30 Jahren) gab es nur wenige Medienkanäle, z. B. ganze drei bis vier Fernsehprogramme, was dazu führte, dass selbst die schlichtesten Gemüter zwangsläufig ab und zu über diese Medienkanäle auch mit der Welt jenseits ihres Tellerrandes „belästigt“ wurden, es gab (jedenfalls bei den elektronischen Medien) einfach noch keine Spartenprogramme für bestimmte soziale Teilmilieus, wie sie dann mit der Einführung des Untersch… äh, Privatfernsehens aufkamen. Natürlich konnten Lieschen Müller und Manta-Manni auch den Aus-Schalter drücken, wenn es zu anspruchsvoll wurde – aber dann wurde es so unangenehm still im Kopf, also ließ man die Glotze zum Bügeln, Kochen usw. weiterplätschern und bekam so eventuell beiläufig die eine oder andere Idee mit, . Auf jeden Fall waren die soziokulturellen Milieus damals gerade in den jüngeren Altersgruppen ungleich durchlässiger als heute, was natürlich auch an der egalitären Bildungspolitik der 70er Jahre lag.

    Heute hingegen kann sich jeder dank Internet quasi die auf die eigenen Vorlieben und Abneigungen (und folglich auch auf die eigenen Ressentiments, Minderwertigkeitskomplexe und Hassneurosen) maßgeschneiderte Medienumwelt schaffen, sozusagen ein virtuelles Wohlfühlbiotop, wo im Prinzip alle der jeweils eigenen Meinung sind, wer aus der Reihe tanzt wird weggemobbt. Wer also ignorant, borniert, reaktionär oder einfach nur grunzdoof ist und bleiben will findet im Internet mit wenigen Mausklicks unzählige andere Ignoranten, Bornierte, Reaktionäre und Grunzdoofe, mit denen zusammen er (es sind meistens Männer) sich dann immer weiter in seine Ignoranz, Borniertheit, reaktionäres Weltbild und Grunzdoofheit hineinsteigern kann, bis man gegen andere Arten zu denken und zu leben gründlich immunisiert ist – jederzeit bei PI- und wvgdl-Insassen, aber auch in unzähligen Onlinezeitungs-Leserforen und YouTube-Kommentarspalten – Selbstobjektivierung, -reflektion und -relativierung gelten dort als „voll schwul“, ich habe immer recht, die anderen sind linksgrüne Gutmenschen, eierlose lila Pudel und sonstige Muschis und als solche selbstredend zum Abschuss freigegeben. Ab und zu schwappt der dort kultivierte Irrsinn mit brutaler Gewalt in die reale Welt, zuletzt am 24. Juli 2011 in Oslo und Umgebung…. oder eben auf auf weniger spektakuläre Weise, wie in der von Adrian geschilderten Begebenheit.

  3. gnaddrig 18. Oktober 2013 um 11:18 #

    Vielleicht war das dieser Spezialist oder dessen großer Bruder…

  4. Blub 19. Oktober 2013 um 13:45 #

    Ich glaube nun nicht, dass Fragmentierung des Kulturwesens und Filter-Bubble durch das Internet in irgendeiner signifikanten Weise Ursachen für die Beobachtungen sind. Die Welt hat sich durch verschiedene soziopolitische Prozesse zum Rohen hin verändert, Gewalt ist im Steigen und die Jugend spürt das als erstes, da sie weniger abgekapselt lebt als Erwachsene.

    Das Internet ermöglicht gerade das Finden anderer und alternativer Kulturformen, was vor zehn bis zwanzig Jahren noch immer ein Suchen und Suchen der wenigen Gelegenheiten war. Ich sehe aber natürlich auch, dass gerade alternative eigenwillige Dinge trotzdem unter die Räder kommen und wenig Nachwuchs haben. Teilweise liegt das aber daran, dass man auch heute Zeit braucht, Dinge zu finden und sich zu öffnen, was eben meist nicht mit 16 passiert, sondern eher ab 25. Was vielleicht eine Rolle spielt, ist, dass man seit einigen Jahren medial eben auch gewaltverehrende Musikformen wie z.B. Gangster-Rap als Mainstream fördert und mit Preisen auszeichnet, wo so ein Kommentar eben normal ist. Insofern ist hier direkt oder indirekt auch ein, wer sät, der erntet drin. Auch Kuscheljustiz, die letztlich allen Beteiligten sagt, dass Aggression letztlich schon irgendwie ok ist, ist eine Form der Saat, die eben heute aufgeht.

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