Abgründe moralischen Denkens

4 Nov

Es gibt Menschen, deren Denkweise ich einfach nicht verstehen kann. Zu diesen Menschen gehört ein gewisser Marcus Franz, Mitglied der österreichischen Partei „Team Stronach„. In einem Interview mit „profil.at“ versucht er, der Öffentlichkeit seine Anschauung von Moral zu erklären. Wenig erfolgreich, wie ich finde:

Die Moral ist auch eine freie Entscheidung. Und freiwillige Kinderlosigkeit ist aus meiner Sicht amoralisch. Das ergibt sich klar aus dem Kant’schen Prinzip: Wenn das jeder macht, ist die Welt bald tot.

Vergewaltigung und Zwangsverheiratung wären aus dieser Sicht zumindest zu tolerierende Handlungen, weil  sie ja zu Kindern führen können. Gleichzeiitg wäre das Anstreben eines Amtes in der katholischen Kirche unmoralisch. Denn man stelle sich vor, was passiert, wenn das jeder machen würde.

profil: Es soll die Pflicht von allen sein, Kinder zu bekommen?
Franz: Ja. Wir haben durch Pille und Co. sehr viele Möglichkeiten zu verhüten. Dabei ist Fortpflanzung unser Lebenszweck. Dass Sie eine Frau sind und ich ein Mann, ist unser Urzweck. Wir könnten uns theoretisch vereinigen und jetzt ein Kind zeugen.

Wenn Forpflanzung der menschliche Lebenszweck ist, und Franz‘ Moral auf eben diesem Lebenszweck aufbaut, wäre es gleichsam unmoralisch, jedwede Gelegenheit zur Fortpflanzung auszulassen.

profil: Ich stelle lieber weiter Fragen.
Franz: Ich bin eh verheiratet und treu. Aber jeder Mann und jede Frau haben im Ursinn des Lebens die Möglichkeit, sich zu vereinen. Wenn man das nicht mehr macht, ist das eine Todeserklärung.

Eine Todeserklärung für wen? Wer stirbt denn als Folge einer nicht getätigten Fortpflanzung? Will Franz uns tatsächlich weismachen, dass er und die Journalistin eine Todeserklärung unterschrieben haben, weil sie die Gelegenheit zur Fortpflanzung verpasst haben?

Offenbar nicht, denn im nächsten Absatz widerspricht er sich bereits wieder:

Franz: Ich will nur das Bewusstsein schärfen. Denn mit 60 Jahren mit allen Mitteln der Medizin Mutter zu werden, das ist höchst fragwürdig.

Verstehe ich jetzt nicht. Die 60jährige versucht sich doch fortzupflanzen. Als Frau. Hießt es nicht gerade noch, das sei ihr Urzweck?

profil: Sie wurden mit 46 Jahren Vater.
Franz: Das ist aber moralisch. So ist halt die Biologie.

Wenn ich jemanden mit derartigen Ansichten aufs Maul haue, also meine Aggression freien Lauf lasse, ist das auch Biologie. Agression ist biologisch. Macht es das deshalb moralisch?

profil: In Ihrem Wertegerüst: Ist Homosexualität amoralisch?
Franz: Wenn ich strenge Moralmaßstäbe anlege, ist es mit Sicherheit amoralisch, wiewohl es in den Genen steckt. Es gibt auch im Säugetierreich Homosexualität, bei Hunden oder Affen. Und das ist eine genetische Anomalie. Denn wenn es auf einmal ganz normal wäre, wäre die Welt schon ausgestorben. Ich werte jetzt nicht, sondern sage – es ist außerhalb des normalen biologischen Mainstreams.

Und nur weil etwas „außerhalb des biologischen“ Mainstreams ist, ist es unmoralisch? Nach welchen Maßstäben? Der Mensch steht außerhalb des biologischen Mainstreams, zumindest aus der Sicht aller anderen Lebewesen. Auch zweigeschlichtliche Fortpflanzung steht außerhalb des biologischen Mainstreams, weil sich viel mehr Lebewesen asexuell als sexuell fortpflanzen. Und selbst wenn man bei den Menschen bleibt: Linkshänder, Behinderte, Rothaarige. Sie alle stehen außerhalb des biologischen Mainstreams. Aber inwiefern macht sie das unmoralisch?

Ich wäre wirklich sehr dankbar, wenn mir das jemand mal en Detail erklären könnte. Ich verstehe nämlich weder die Erklärungen, noch, wie jemand in vollem Ernst so einen Mumpitz vertreten kann.

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6 Antworten to “Abgründe moralischen Denkens”

  1. martin 4. November 2013 um 10:32 #

    Warum so überspannt, lieber Adrian? Seien wir doch froh, dass es noch ein paar Irrlichter in der Politik gibt. Wenn man sich dagegen die deutsche Tagespolitik angeht, den stromlinienförmig professionalisierten Berliner Politikbetrieb – wie langweilig! Was wir brauchen, sind es nicht gerade solche Politiker, die vermehrt konfuses Zeug über Sex und Moral von sich geben? Oder auch solche, die mal die Todesstrafe für Berufskiller fordern? Mehr Mut zur Seriositätsverweigerung! Felix Austria, das solche Leute dort gewählt werden. Damit erweist unser kleiner Nachbar nur einmal mehr seinen feinen Sinn fürs Ironische, der uns Deutschen leider abgeht, vor allem in politicis.
    Und was den Herrn Franz angeht, ist das doch ganz einfach: Moral ist eben das, was die Natur vorschreibt, das heißt, der „biologische Mainstream“, das heißt, so wie Herr Franz ihn versteht, das heißt Fortpflanzung, irgendwie. Alles andere ist eben nicht moralisch. Manch einer mag noch denken, dass Moral eigentlich nicht das sein könne, was im Menschen- und Tierreich so an der Tagesordnung ist, sondern im Gegenteil diesem bunten Treiben gelegentlich Grenzen aufzeigen sollte. Aber: Lasst ab von solchen Zweifeln! Frohlocket, dass es noch nihilistische Komiker gibt unter den Politikern! Wenn auch nur in Österreich.

  2. morus 4. November 2013 um 10:41 #

    Ich würde mich jetzt nicht als Kant-Experte verstehen, aber soviel ist sicher: Herr Franz definitiv auch nicht.
    „Biologischer Mainstream“: Das ist ja mal ein witziger Begriff. Eigentlich ist doch alles Biologische ausserhalb des biologischen Mainstreams (kein Individuum ist doppelt vorhanden, Unterschiede wie homo- oder heterosexuell sind biologisch betrachtet nicht grössere Unterschiede wie Haarfarben) und damit gäbe es doch gar keinen biologischen Mainstream, womit auch nichts ausserhalb sein kann, oder bin ich zu doof?

  3. Cyrano 4. November 2013 um 12:57 #

    „Moral ist eben das, was die Natur vorschreibt, das heißt, der “biologische Mainstream”, das heißt, so wie Herr Franz ihn versteht, das heißt Fortpflanzung, irgendwie“

    Das auch. Außerdem behauptet er, mit Kant zu argumentieren:

    „Handle nur nach derjenigen Maxime, von der du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“.

    Das könnte man schon so auslegen, wie Herr Franz es sich vorstellt. Bei Kant steht aber nicht: „mache daraus ein allgemeines Gesetz“, sondern „handele nur… dass sie … werde“. Das hat seinen Grund, denn auch die Gegenposition, nach der niemand zum Kinderkriegen gezwungen sein sollte lässt sich mit der Kantschen Maxime stützen. Sie ist eben eine Handlungsanweisung für Individuen in Freiheit und nicht Rezept zum anrühren eines Polizeistaats.

  4. Yadgar 4. November 2013 um 13:01 #

    Ja, ja, auch Nazis und Fundamentalisten sind irgendwie das Salz in der Suppe, denn sie sind ja so herrlich anti-Mainstream und nonkonformistisch und allein deswegen fast schon Helden. Politik als postmodernes Popspektakel für gelangweilte Intellektuelle, das funktionierte in den wattegepolsterten 1980ern, heutzutage kann das ganz schnell ganz böse ins Auge gehen! Übrigens auch in Österreich – oder haltet ihr euch immer noch für die Irrelevantiner des Abendlandes, die sich sowas folgenlos erlauben können?

  5. martin 4. November 2013 um 21:12 #

    Mit Verlaub, mit Kant hat das gar nichts zu tun. Hier hat jemand den Kategorischen Imperativ schlicht nicht verstanden. Da geht nämlich gerade nicht darum, sich eine Situation vorzustellen, in der alle so handeln wie man selbst, und dann darüber zu befinden, ob einem diese Situation angenehm erscheint oder nicht. Im Gegenteil soll vom subjektiven Meinen und Finden abgesehen werden, und außerdem werden keine Handlungsfolgen bewerten, sondern Handlungsabsichten. „Wollen können“ bedeutet, dass sich eine Maxime widerspruchsfrei als allgemeines Gesetz denken lassen muss. Es ist nicht möglich, dass sich eine Maxime und auch ihr Gegenteil vor dem Kategorischen Imperativ vertreten lässt, es sei denn, es handelt sich überhaupt nicht um eine moralische Maxime.
    Das zeigt sich auch in unserem Beispiel mit der freiwilligen Kinderlosigkeit, wo hinten und vorn nichts zusammenpasst. Zum einen gibt es da überhaupt keine Handlungsmaxime, die man mit dem Kategorischen Imperativ analysieren könnte. Und zum anderen widerspräche das kontradiktorische Gegenteil des Gedankens offensichtlich dem Kategorischen Imperativ: Die Maxime, dass man Kinder kriegen solle, um die Menschheit zu erhalten, impliziert eine Verzweckung von Menschen, die am Kategorischen Imperativ scheitern muss.

  6. Martella 4. November 2013 um 23:38 #

    Ach du meine Güte. Ein philosophisch Viertelgebildeter trifft auf Journaille-Trutscherl. Eine gebildetet Journalisin hätte ihn beim Wort nehmen sollen: „amoralisch“ heißt, sich jeder moralischen Wertung entziehend. Das Wort, dass dem guten Herrn offensichtlich zu wenig intellektuell war ist noch immer „unmoralisch“.
    Außerdem bemerkenwert, wie wenig es in die Hirne vorgedrungen ist, dass beim aktuellen Stand der technischen Entwicklung nur mehr eine gesunde Eizelle und ein gesundes Spermium für die Fortplanzung notwendig sind. Plus ein einschlägig geschulter Onkel Doktor und entsprechende Laborausrüstung. Heterosexueller Geschlechtsverkehr ist zwar eindeutig die billigste Art der Zeugung – notwendig fürs Überleben der Rasse ist er aber genau genommen nicht mehr.

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