Gewitterfront oder Kaninchenfurz?

15 Nov

Am 23. November diesen Jahres wird in Leipzig eine Konferenz des Magazins „Compact“ stattfinden, die sich mit der „Zukunft der Familie“ in Europa beschäftigen wird. Die eher konservative Ausrichtung der Konferenz erkennt man einerseits an den Schlagwörtern „Familienfeindlichkeit, Geburtenabsturz, Sexuelle Umerziehung“ und andererseits an der Rednerliste, die unter anderem Berhard Lassahn, Elena Misulina und den Initiator der Konferenz, Jürgen Elsässer, umfasst.

Der gesamte Gestus der Konferenz lässt zu Recht vermuten, dass der tolerante westliche Umgang mit Schwulen und Lesben als Mitverursacher dafür genannt werden wird, warum Heteros immer weniger Kinder bekommen. Interessanterweise ist sich die Konferenz des Vorwurfes der Homophobie bewusst, und versucht diesem gleich im Vorfeld entgegenzutreten:

Mit Bezug auf einige Redner haben uns Missversteher in etablierten Medien vorgeworfen, wir würden eine Konferenz „gegen Homosexualität“ veranstalten. Das Gegenteil ist der Fall! Wir sind gegen jede Diskriminierung von Sexualität und neuen Lebensformen und begrüßen die erreichte Vielfalt in unserer Gesellschaft. Und dennoch müssen wir – Staat, Gesellschaft, jeder einzelne – die Frage klären, ob der besondere Schutz der Familie, den unser Grundgesetz verlangt, nicht verteidigt und durch gezielte Maßnahmen viel mehr unterstützt werden muss. Nur aus der Verbindung von Mann und Frau kann nämlich neues Leben hervorgehen, nur diese Verbindung gewährleistet also die biologische Fortexistenz der europäischen Völker. Nur wenn die „sexuelle Umerziehung“ gestoppt wird, werden Jungen und Mädchen stabile Charaktere und stabile Liebesbeziehungen bilden können. Das hat nichts mit „homo“ oder „hetero“ zu tun, hier geht es um die Gefahren aus der Pornographisierung und der Gender-Mainstream-Verunsicherung für unsere Kinder.

Das Brilliante an dieser Textpassage ist, dass sie eigentlich nicht zu widerlegen ist  – zumindest nicht für die Masse der Menschen, die sich der Bedeutung der Chiffren, welche mit den Schlagwörtern „Prnographisierung“, Gender Mainstreaming“, „biologische Fortexistenz“ und „Völker“ transportiert werden sollen, nicht bewusst ist. Jeder, der versucht, diese Passage zu kritisieren, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, für die Sexualisierung von Kindern, die Umerziehung von Jungen zu Mädchen und vice versa, sowie gegen die Tatsache zu sein, dass Heterosexualität wichtig für die Fortpflanzung ist.

Und wer weiß schon, dass bspw. die Rednerin Elena Misulina die maßgebliche Autorin des russischen Anti-Homo-Gesetzes ist? Und selbst wenn man es weiß: das Gesetz soll schließlich Kinder vor Homosexualität schützen, mehr nicht! Und möchten Sie etwa, dass Ihr Kind homosexuell wird? Na, also!

Was nun, hat die Homo-Bewegung, dieser Konferenz entgegenzusetzen? Nun, bedauerlicherweise, nicht viel. Da hätten wir beispielsweise das Bündnis „NoCompact“, das in bester linker Tradition gleich die gesamte Konferenz verhindern möchte. Begründet wird dieser Versuch der Einschränkung der Meinungsfreiheit, mit den altbekannten „schlagkräftigen“ Argumenten:

Wir können diese Konferenz nicht unkommentiert hinnehmen, weil dort nationalistische, rassistische, völkische, sexistische, homophobe und klassistische Standpunkte vertreten werden.

Die geplanten Redner_innen sind dafür bekannt, Diskriminierungs- und Herrschaftsverhältnisse umzukehren und offensichtliche Ungerechtigkeiten zu bagatellisieren.

Ei der Daus, ist das nicht schrecklich? Die Redner_innen sind also nationalistisch, rassistisch, völkisch, sexistisch, homophob und klassistisch und kehren dann auch noch so mir nichts Dir nichts einfach Diskriminierungs- und Herrschaftsverhältnisse um, von denen die Linke in ihrer grenzenlosen Weisheit zweifelsfrei bewiesen hat, dass sie nur so und nicht anders bestehen können.Gegenargumente? Brauchen wir nicht! Mit „Faschisten“ diskutiert man nicht, und wer nicht für uns ist, ist gegen uns! Geht das eigentlich nur mir so, oder kommt mir beim Vergleich der zitierten Standpunkte, der Text der Compact-Konferenz weitaus seriöser und argumentativ redlicher vor? Wen will man denn hier überzeugen? Will man das überhaupt?Warum mich diese linke Kindergartensprache gleichzeitig belustig und aufregt, hat folgenden Hintergrund: Ich glaube, dass der Einfluss derjenigen, die sich um die „Zunkunft der Familie“ Sorgen machen, wachsen wird. Die Opposition gegen eine erfundene „Umerziehung der Geschlechter“, gegen den real existierenden Feminismus, gegen „Sexualisierung“ wird steigen. Im Bewusstsein eines nicht geringen Teiles der Bevölkerung, ist Homosexualität mit all diesen Phänomnen mehr oder weniger  verknüpft, und es kann  der Homo-Bewegung nur schaden, wenn sie es nicht schafft eine konstruktive, argumentative Linie zu finden, die für die Gleichberechtigung von Homosexualität außerhalb linker Zusammenhänge von Sexismus, Feminismus und „Gender-Mainstreaming“ eintritt. Insofern halte ich auch die Absage von queer.de-Chefredakteur Norbert Blech an Jürgen Elsässer für eine strategischen Fehler:

Herr Elsässer,

am Mittwoch haben Sie mir über Ihre Webseite öffentlich angeboten, mich trotz einer ursprünglichen Absage für Ihre „Compact“-Konferenz in Leipzig zu akkreditieren. Dazu haben sie die folgenden Bedingungen diktiert:

queer.de veröffentlicht im Vorfeld der Konferenz ein Interview/Streitgespräch mit COMPACT-Chefredakteur Jürgen Elsässer. Der zu veröffentlichende Text wird von diesem autorisiert. Im Gegenzug laden wir queer-Chefredakteur Norbert Blech auf das Podium unserer Konferenz zu einem Streitgespräch ein. Mit ihm wird ein Referent der Konferenz die argumentative Klinge kreuzen, beide sind in der Redezeit absolut gleichberechtigt.

Selbstverständlich lehne ich das Angebot ab.

Zunächst ist Pressefreiheit nicht an Bedingungen und Willkür geknüpft. Ferner sehe ich keinen Grund, ein Interview mit Ihnen zu veröffentlichen – Ihre Positionen und die ihrer Mitstreiter sind hinlänglich bekannt, auch stehen Ihnen dafür genügend Kanäle zur Verfügung. Zudem habe ich kein Interesse, Ihrer skurrilen wie gefährlichen Konferenz als „Alibi-Schwuler“ zu dienen.

Mit der Einladung von Personen wie Béatrice Bourges und Elena Misulina haben Sie Ihre Äußerung, nicht schwulenfeindlich zu sein, längst konterkariert. Sie wollen am rechten Rand Leser und Zustimmung finden, anstatt zu diskutieren. Dafür spricht, neben großen Teilen ihres Schaffens, auch die Bewerbung der Konferenz im rechtsextremen Blog „Politically Incorrect“. […]

Nur, um nicht missverstanden zu werden: Ich mache Herrn Blech keinen Vorwurf. Auch ich hätte erhebliche Bauchschmerzen, mich an einer solchen Konferenz zu beteiligen. Allerdings glaube ich, dass sich Blech seiner Sache allzu sicher ist. Die Einladung „selbstverständlich“ abzulehnen und die Compact-Konferenz als „skurril“ und „gefährlich“ zu bezeichnen, mag richtig sein, wird aber auf die Dauer nicht weiterhelfen,  weil es meines Erachtens irgendwann keinen mehr interessieren wird, was irgendein (linker) Schwuler für Begrifflichkeiten benutzt, um einen Standpunkt zu konterkarieren, der für sich den Anspruch einnimmt, sich lediglich für das legitime Wohl von Kindern und Familie einsetzen.

Was die ganze Sache umso tragischer macht: Der offene Brief von Blech an Elsässer hat Argumente gegen die Konferenz, gegen die dort vorgebrachten Standpunkte, gegen die Auswahl der Redner. Es wird nur kaum einer zur Kenntnis nehmen.

Vielleicht bin ich ja naiv, oder übermäßig pessimistisch. Vielleicht interpretiere ich die Compact-Konferenz als Gewitterfront, wenn es sich doch in Wahrheit nur um einen Kaninchenfurz handelt. Aber ich befürche in der Tat, dass die Homo-Bewegung an einem Punkt angelangt ist, wo die althergebrachten Strategien nicht mehr greifen, einem Punkt an dem man im eigenen Saft des Erreichten schmort, sich nur noch mit sich selbst beschäftigt und Ängste und Befürchtungen der heterosexuellen Mehrheit nicht mehr zur Kenntnis nimmt.

Hoffen wir, dass ich mich irre.

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21 Antworten to “Gewitterfront oder Kaninchenfurz?”

  1. crumar 15. November 2013 um 19:11 #

    Ja, du hast leider Recht, diese Linke ist nur noch ein Desaster und ein Garant für das Scheitern.
    Jeder Pessimismus ist in dieser Hinsicht gerechtfertigt.
    Die mauern sich auf dem ideologischen Stand von 1992 ein und sind die schlechte Kopie der US-rainbow coalition von 1984.

    Sie weigern sich, sich zu ändern (sich überhaupt nur auf den heutigen Stand zu bringen).

    Der erste ironische Punkt ist natürlich, dass die Konservativen zugleich den Zerfall der Familie kulturell bejammern, den sie ökonomisch und politisch herbeigeführt haben.
    Es sind genau die „Reformen“ seit Kohl und verschärft fortgeführt von rot/grün und rot/schwarz, die zu dem heutigen Zustand geführt haben.

    Wer hat denn für die Ausweitung des Arbeitstages und der Lebensarbeitszeit engagiert gekämpft?
    Und alle erkämpften Errungenschaften z.B. die Arbeitszeitverkürzung wieder rückgängig gemacht?
    Den Niedriglohnsektor umgesetzt, die Leiharbeit ausgeweitet, prekäre Arbeitsverhältnisse zum Regelfall gemacht?

    „Familie“ als Lebensmodell ist zwar ein Schutz gegen die instrumentellen Zumutungen der Gesellschaft – diesen Aspekt ignorieren Linke beharrlich – aber diese „Burg“ kann locker geschliffen werden, wenn man schlicht Männern und Frauen einen immer höheren Beitrag zu deren Finanzierung aufhalst.

    Genau das haben die schwarzen Wanderprediger jedoch getan und von daher ist es diese Verlogenheit, die ich an erster Stelle anprangern würde.

    Da die bürgerliche Familie der Linken jedoch ein Graus ist – als gäbe es keine linken Familienmitglieder – sind sie unfähig zu sehen, wie sie dies Thema kampflos den Rechten überlassen.
    Schon ein Graus aus meiner Sicht…

    Beste Grüße, crumar

  2. juergenelsaesser 15. November 2013 um 21:55 #

    Hier meine Antwort auf die Absage von queer.de:
    http://juergenelsaesser.wordpress.com/2013/11/15/queer-de-lehnt-einladung-zur-compact-familienkonferenz-ab/#more-5977
    Gruß Jürgen Elsässer, COMPACT

  3. Lomax 16. November 2013 um 02:58 #

    „Der gesamte Gestus der Konferenz lässt zu Recht vermuten, dass der tolerante westliche Umgang mit Schwulen und Lesben als Mitverursacher dafür genannt werden wird, warum Heteros immer weniger Kinder bekommen. Interessanterweise ist sich die Konferenz des Vorwurfes der Homophobie bewusst, und versucht diesem gleich im Vorfeld entgegenzutreten“

    Das ist doch echt absoluter Unsinn. Ich bin Abonennt der Compact, aber diesen kausalen Zusamenhang liefert kein Compact Schreiber und auch die Leser sind – so weit ich das beurteilen kann – weitab dieser Auffassung. Als Gründe für den Geburtenschwund sehe ich vielmehr
    – den Feminismus, der die Frauen in die Erwerbsarbeit getrieben hat (Stichwort: Selbstverwirklichung an der Aldi-Kasse)
    – die Pille
    – die Diskriminierung von Männern (welcher Mann ist heutzutage noch so dämlich eine Frau zu heiraten und Kinder zu zeugen?)
    – die Hungerlöhne, die heute gezahlt werden
    Ich bin kein Fachmann, aber wie groß ist denn die schwule Community, die keine Kinder zeugt/hervorbringt? Das ist doch quantitativ eine Marginalie.

    Freundliche Grüße, Lomax

  4. crumar 16. November 2013 um 11:56 #

    Sehr geehrter Herr Elsässer,

    Sie haben zwar einen offenen Brief geschrieben, sich jedoch mit keinem Wort auf den folgenden Passus Ihrer Einladung bezogen, der zu Recht kritisiert wird.
    In diesem spiegelt sich m.E. ein verwirrtes Denken wider:

    „Wir sind gegen jede Diskriminierung von Sexualität und neuen Lebensformen und begrüßen die erreichte Vielfalt in unserer Gesellschaft.

    Zunächst einmal meinen Sie wahrscheinlich, Sie sind gegen jede Form der Diskriminierung einer *sexuellen Orientierung*, denn nur so macht das „und“ überhaupt einen Sinn. Ein Singlehaushalt – in dem ich lebe – ist ebenfalls eine moderne „Lebensform“ und trägt zur Vielfalt der Lebensformen in unserer Gesellschaft bei.

    Wenn Sie jedoch – positiv gewendet – die Vielfalt sexueller Orientierungen anerkennen, aus der sich logischerweise auch eine Vielfalt von Lebensformen ableiten lässt, die Sie ebenfalls anerkennen (heterosexuelle Paare, heterosexuelle Singles, schwule Paare, schwule Singles), dann frage ich mich, was der nachfolgende Satz eigentlich bedeuten soll:

    „Und dennoch müssen wir – Staat, Gesellschaft, jeder einzelne – die Frage klären, ob der besondere Schutz der Familie, den unser Grundgesetz verlangt, nicht verteidigt und durch gezielte Maßnahmen viel mehr unterstützt werden muss.“

    „Und dennoch“ ist hier sinnlos oder ideologisch.

    Der Staat aller seiner Bürger enthält die Menge aller Bürger, egal mit welchen sexuellen Orientierungen und in welchen Lebensformen auch immer sich befindend.

    Sie fordern entweder damit ALLE Bürger auf, sich über die Stellung der Familie in der Gesellschaft Gedanken zu machen oder Sie haben die Anerkennung aller sexuellen Orientierungen oben nicht Ernst gemeint und transportieren klammheimlich eine Vorstellung, wonach Schwule und Lesben eigentlich NICHT Bestandteil dieser Gesellschaft sind.

    Darauf deutet dies hier hin:

    „Nur aus der Verbindung von Mann und Frau kann nämlich neues Leben hervorgehen, nur diese Verbindung gewährleistet also die biologische Fortexistenz der europäischen Völker.“

    Wenn Sie geschrieben hätte MEHRHEITLICH, dann wäre der Satz angemessen gewesen, das NUR jedoch macht diesen Satz unwahr und deutet darauf hin, dass sich hier eine Ideologie reproduziert, die heutige Lebensrealitäten nicht anerkennen will.

    Dank der Fortschritte und Segnungen der patriarchalen Reproduktionsmedizin (der Witz musste sein) hinkt dieser Satz der Realität um ein paar Jahrzehnte hinterher. Die alleinige Verbindung von heterosexuellem Paar und biologischer Reproduktion existiert heute ebenso nicht mehr, wie auch die von der Institution der Ehe in Verbindung mit der Institution der Familie (Stichwort: Patchwork Familie).

    Diesen Entwicklungen müsste eine Diskussion Rechnung tragen, die sich ergebnisoffen über die Stellung der Familie in der HEUTIGEN Gesellschaft Gedanken machen möchte.
    Was Sie jedoch schreiben Ist Ausdruck von und reproduziert die Angst vor der Veränderung.

    Mit freundlichen Grüßen, crumar

  5. martin 16. November 2013 um 12:14 #

    Lieber Adrian, Deine Skepsis und Sorge kann ich gut nachvollziehen. Dennoch will ich einmal versuchen, etwas Gelassenheit hineinzuträufeln. Besteht denn bei Lichte betrachtet wirklich Grund zum Pessismus (sagen wir in Westeuropa, in Russland beispielsweise sieht es natürlich anders aus)? Gewiss hat man hier ein Niveau an Gleichstellung erreicht, von dem aus Fortschritte kaum mehr möglich scheinen, jedenfalls nicht auf dem Wege der Gesetzgebung und klassischer interessengeleiteter Lobbyarbeit. Insofern muss die „Homo-Bewegung“ ihre Strategien wohl tatsächlich überdenken.
    Allerdings scheint es mir doch auch ein typisches Intellektuellenproblem, sich selbst für zu ernst und wichtig zu nehmen. Das gilt für Linke nicht weniger als für Rechte und oft genug auch für die Liberalen. Die Frage „Gewitterfront oder Kaninchenfurz?“ trifft es deshalb in meinen Augen die Sache nicht recht: Eher schon handelt es sich bei einem Kongress wie diesem um einen kühlenden Schauer. Eine solche Veranstaltung wird selbst doch allenfalls dokumentieren können, welche Beunruhigungen in einer Gesellschaft eben bestehen, sie aber kaum selbst auslösen oder nennenswert befördern. Gewiss kann man in den letzten Jahren feststellen, dass sich im Gewand des Kampfes gegen ein Sexualisierungs-/Gender-Mainstreaming-Gespenst eine neue Allianz zwischen diffuser (hetero-)sexueller Verunsicherung und einigen klassischen konservativen Sorgen (Geburtenschwund, „Deutschland schafft sich ab“ usw.) bildet, die in Frankreich etwa durchaus öffentlich wirksam wurde, wenn sie auch nicht unbedingt erfolgreich war. Aber ist das wirklich etwas Neues und nicht bloß die neueste Transformation der politischen Rechten, wie sie eben alle paar Jahre einmal notwendig wird?
    Dass die Linke dagegen nicht viel mehr aufzubieten zu haben scheint als Keulenschwingerei – darin ist man ja seit Jahrzehnten bestens geübt -, ist richtig, aber doch wohl auch keine Neuigkeit. Dass ausgerechnet die, die sonst immer möglichst breite, herrschaftsfreie, basisdemokratische Diskursprozesse für das Mittel der Wahl halten, auf die schlichte Wahrnehmung von Freiheitsrechten (Meinungs- und Redefreiheit) mit Verhinderungsrhetorik reagieren, wenn sie von der falschen Seite kommt, das pfeifen doch die Spatzen von den Dächern. Links wie rechts reproduziert man hier eben Diskursstrukturen, die wir seit Jahrzehnten kennen – sagen wir seit 1968 – und die im Großen und Ganzen die gesellschaftlichen Emanzipations- und Liberalisierungsprozesse, wie sie eben stattgefunden haben, weder befördert noch gehemmt haben. Für die Eitelkeit dieses oder jenes rechten oder linken (oder liberalen) Publizisten ist es zwar eine schwer zu ertragende Erkenntnis, aber man schreibt in der eigenen Tätigkeit doch höchstens am äußersten Rande gesellschaftlicher Veränderungen mit, wenn man sie nicht einfach nur be-schreibt oder ihnen folgt.
    Deinen Satz gegen Ende betreffend: Wo hätte die Homo-Bewegung denn jemals die „Ängste und Befürchtungen der heterosexuellen Mehrheit“ als Kriterium für ihre eigenen Forderungen genommen? Das hat man doch gerade nicht gemacht, und zwar aus gutem Grund, denn welches Gewicht sollten im öffentlichen Raum phobische gegenüber schlichten Gerechtigkeitsargumenten haben? Nun ist es natürlich richtig, dass, wenn es um Kinder und Familien geht, die meisten Leute keinen Spaß verstehen. Konservative wissen das. Aber sollte man deshalb umgekehrt auf die Selbststilisierung der Rechten hereinfallen, dass es denen wirklich um „das legitime Wohl von Kindern und Familie“ ginge? Die meisten Leute, die dadurch angesprochen werden sollen, haben doch ein recht gutes Gespür dafür, ob es da wirklich jemand ernst mit ihnen meint oder ob es nur wieder um eine politische Instrumentalisierung geht. Da ist es dann natürlich eine gute Frage, ob die Anstrengungen der Homo-Bewegung ein Adoptionsrecht oder die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften als Ehe wie jede andere rechtliche Frage als ein Gerechtigkeitsproblem einzuklagen, wirklich zielführend sind. Aber was wäre die Alternative? Wohl doch nur, einfach abzuwarten, bis sich die Sache gleichsam von selbst erledigt. Aber gerade das ist natürlich keine besonders angenehme Vorstellung.

  6. Dummerjan 16. November 2013 um 13:33 #

    „Wir können diese Konferenz nicht unkommentiert hinnehmen, weil dort nationalistische, rassistische, völkische, sexistische, homophobe und klassistische Standpunkte vertreten werden.“
    Damit ist praktisch jeder Standpunkt, der eine Ausdifferenzierung begründet abgelehnt.
    Ok, Haarfarbe die darf noch variieren.

    Mal ehrlich -welcher Schwule oder welche Lesben sollen den eigentlich ein Problem damit haben, dass die nun mal umfangreichste Art für das Aufwachsen von Kindern zu sorgen eben durch deren besondere wirtschaftliche SChwäche eben durch die Kinder – aber auch Altenversorgung zusätzlich staatlich geschützt wird?
    Nur weil es eben Heteros sind und man denen mal eins auswischen will, weil sie die Masse aber nicht notwendig auch immer Klasse haben?
    WIrklich, da gibt es ganz andere Fragen, die man diskutieren könnte – warum zum Beispiel Schwule immer noch als Eltern diskriminiert werden, insbesondere bei Sorgerechtsstreitigkeiten und Adoption.

  7. Bolon Yokte 16. November 2013 um 14:43 #

    Vergessen wir mal für einen Moment alles politisch-gesellschaftliche an der Sache und konzentrieren uns aufs Marginale:
    Ohne Vereinigung eines Heteromannes und einer Heterofrau kann es keinen biologischen Nachwuchs geben, der sich dann auch irgendwann als schwul/lesbisch outet ! Solange Schwule und Lesben nicht für das Klonen kämpfen und einstehen, sollten sie auch im Interesse der eigenen Community das evolutionäre Vorrecht der Heterofamilie klaglos anerkennen und mittragen. Alles andere wird ja schon geregelt!

  8. Alreech 16. November 2013 um 16:07 #

    Es sind weder Hungerlöhne (dagegen hilft übrigens Auswandern…) noch Feminismus noch die Diskriminierung von Männern und schon gar nicht die Akzeptanz von Schwulen und Lesben die zu gesunkenen Geburtenzahlen führen.

    Es ist der Wohlstand und der Sozialstaat.
    Kinder beschneiden den eigenen Wohlstand. Sie benötigen Mittel, die man in den eigenen Konsum stecken könnte. Keine oder wenige Kinder zu haben erlaubt einen höheren Konsum.

    Gleichzeitig sind Kinder nicht mehr notwendig um eine eigne Altersvorsorge zu erhalten.
    Als Erwerbstätiger führt man heute schon einen Teil des eigenen Einkommens ab um die Eltern anderer im Ruhestand zu versorgen.
    Und im Alter kann man deswegen auch zu Recht erwarten das die zukünftigen Erwerbstätigen einem den Ruhestand finanzieren.

  9. Blub 16. November 2013 um 16:32 #

    Lomax, die Analyse der Gründe für Kindermangel mag so stimmen bzw. da haben Sie weitgehend recht. Ich finde es kommt noch hinzu, dass man alternative moderne Lebensformen bisher noch zu wenig unterstützt und jenseits der heute seltener werdenden klassischen Familie Kinderkriegen zu wenig ermutigt wird.

    Aber was die Meinungen von Elsässer und compact angehen, zumindest die Leser hinter dem obigen Link sind nicht weitab von dieser Auffassung, sondern schlagen gleich verbal auf die „Homos“ und deren Lobby ein. Darüber hinaus ist auch typisch die Ignoranz vor den Fakten, dass fast alle Studien zeigen, dass Kinder, die bei Homosexuellen aufwachsen, sich genauso gut entwickeln (aktuell sogar besser, weil v.a. reiche Schwule ihre Kinderwünsche erfüllen). Insofern ist die Frage nach dem Kindswohl nicht offen, sondern klar beantwortet, und lediglich religiöse Denkschemata halten Sie davon ab, dies zu akzeptieren. Wie oft muss man noch lesen, dass man nicht weiss, ob Kinder Schaden nehmen. Zugegeben, ob Gott ein Kind nach seinem Tod in die Hölle schickt, weil es schwule Eltern hatte, das weiss ich nicht und kann man nicht empirisch untersuchen. Ist vielleicht auch kein Maßstab für einen sekularen Staat.

    Dass linksradikale Agitation Homosexuelle heute wohl nicht mehr weiter bringt, sondern andere Formen der Interessenswahrung und Rechteerkämpfung gefunden werden müssen, das ist vermutlich auch richtig.

  10. Atacama 16. November 2013 um 16:46 #

    @jürgern Elsässer
    Wenn Sie nicht homophob sind, wieso laden sie dann Elena Misulina ein?

    Die Sache mit der Pornographisierung können Sie sich im prinzip auch schenken. Ich bin nicht dafür, dass sehr junge Menschen sich Pornographie angucken, aber verhindern wird man es nicht können.
    Die meisten jungen Leute kennen sich mit Computern besser als als die eigenen Eltern und besitzen auch einen eigenen, Stichwort Umgehung der Kindersicherung. Und wenn nicht, dann haben sie einen Klassenkameraden mit Smartphone auf dem sich selbst 11 Jährige schon hardcore Pornos reinziehen.
    Der Kampf dagegen ist noch sinnloser und verorener als der Kampf gegen Drogen.
    Das einzige was hilft, ist: Reden.
    Totschweigen zum vermeintlichen Schutz bewirkt nur das Gegenteil, da sie es trotzdem sehen werden,besonders pubertäre Jungen: Komplexe den eigenen Körper (Penisgröße) und Standhaftigkeit und Skills und spezielle Praktiken betreffend, ggf. Fehlinformationen über den Umgang mit Frauen (insbesondere gleichaltrigen Mädchen) wenn nicht erklärt wird, dass Pornos eben doch nur Filme sind und wie man damit umgehen kann.

    Nur das werden Sie sicher nicht wollen, da darüber reden ja wieder Zwangssexualisierung für Sie wäre, eine sehr verzwickte Sache.

  11. Björnar 16. November 2013 um 17:15 #

    Wir sollten doch bitteschön nicht den Denkfehler der Gleichstellungsgegner übernehmen, die homophobe Minderheit mit der heterosexuellen Mehrheit gleichzusetzen.

  12. Dummerjan 16. November 2013 um 18:30 #

    “ dass fast alle Studien zeigen, dass Kinder, die bei Homosexuellen aufwachsen, sich genauso gut entwickeln (aktuell sogar besser, weil v.a. reiche Schwule ihre Kinderwünsche erfüllen). “
    1. Diese Studien sind ein Witz, aber nicht weil es dort um Aufwachsen bei Schwulen doer Lesben geht, sonder weil es schlicht niemanden gibt der ein „besser“ aufwachsen oder nicht genau definieren kann. Natürlich jeseits der Befriedigung von Grundbedürfnissen und eines liebe- und achtungsvollen Umgangs miteinander.
    Man ist ja nicht noch einmal in der Lage von Heterofamilien dies zu sagen, was denn besser oder schlechter wäre.
    „dass man alternative moderne Lebensformen bisher noch zu wenig unterstützt “
    2. Ich würde eine Ehe,. ob nun gleichgeschlechtlich oder nicht unter 2 Menschen glatt als das Gegenteil einer modernen Lebensform bezeichnen wollen. Es ist doch schlicht alter Wein in neuen Schläuchen. Die 3-er oder Gruppenehe, das wäre doch mal was gewesen *grins*.
    „sondern schlagen gleich verbal auf die “Homos” und deren Lobby ein“
    3. Da muss man sich schon da hin stellen, wo Elsässer und Co hinschlagen“. Eine kritische Hinterfragung ist legitim, und wer ein Problem damit hat, sollte doch mal schauen, ob er nicht einen Balken im eigenen Auge hat. Es gibt eben auch Linksspiessigkeit und
    nur weil man nach links schielt hat man doch nicht automatisch den größeren Horizont.

    4. Nimm das!

  13. Dummerjan 16. November 2013 um 18:51 #

    Heterosexualität ist genauso wie Homosexualität – KEIN Herrschaftsverhältnis sui generis.
    Es wird nur allenthalben eines drau gemacht.

  14. martin 16. November 2013 um 18:54 #

    @ Alreech: So sieht’s aus. Der Witz ist ja, dass es Leute gibt, die ernsthaft der Meinung sind, dass die Familie als „Keimzelle der Gesellschaft“ (ob nun hetero, queer oder sonstwie verstanden) den Schutz des Staates nötig hätte, um fortbestehen zu können. Dabei ist es in Wahrheit genau umgekehrt. Familien gibt es, seit es Menschen gibt, was man von Staaten und bestimmten gesellschaftlichen Normvorstellungen nicht gerade behaupten kann. Dementsprechend wird die Familie auch vom Staat und allen Etatisten schamlos ausgebeutet. Und allein das wäre doch Grund genug, um in einen „Gebärstreik“ zu treten, oder?

  15. blechtrommler 16. November 2013 um 21:28 #

    Erfreulich, diese Unaufgeregtheit wenigstens auf der (sexuell gesehen:) Gegenseite…
    Bedenklich, und schon gar nicht mit „Studien“ wegwischbar muss doch aber die Frage bleiben: hat ein Kind, in dem die geschlechtsspezifischen Anlagen – vor mir aus 50 zu 50 – bestehenn, bei monosexuellen Erziehern die gleiche Entwicklungschance (aus eigenem „Willen“) wie bei gemischtgeschlechtlichen?
    Gegen eine Instrumentalisierung der Unfruchtbarkeit im Zuge einer Despopulierung der Welt geht es den meisten Kritikern der „Schwulenlobby“, die Rolle, die dabei compact nun einnehmen kann, hat die Schwulenlobby der zugeschanzt. Lassen wir uns nicht zerreiben, Homos, Heteros!

  16. aron2201sperber 16. November 2013 um 23:13 #

    hier wurde ein sehr richtiger Punkt angesprochen:

    die progressive Agenda war im Westen so erfolgreich, dass man nicht mehr gewöhnt ist, sie verteidigen zu müssen.

    so lebt man in einer sicheren Scheinwelt, in der man die – solange es nur ein bizarrer Altkommunist/Neofaschist ist, der dieses Paradies bedroht:

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2013/11/15/umerzogen-oder-so-geboren/

    wenn man jedoch nicht in der Lage war, einem Freak wie Elsässer zu widersprechen, wird man erst recht keine Argumente finden, wenn einmal ein Mainstream-Populist mit breitem Rückhalt kommt.

    ich halte es aus den selben Gründen auch für notwendig, 9-11-Truthern zu widersprechen, auch wenn 9-11-Truther derzeit (natürlich zu Recht) unter die Schmuddel-Abteilung fallen.

  17. Dorothea Böhm 17. November 2013 um 00:21 #

    Ich möchte im Hinblick auf die unterstellte Einseitigkeit der Compact-Konferenz am Samstag, kurz darauf verweisen, dass ich ebenfalls als Referentin eingeladen bin.

    Ich bin für das Recht von Kindern auf dreijährige liebevolle Ganztagserziehung durch Menschen, die sie lieben, und FÜR gleichrangiges Ehe-, Partnerschafts- sowie Adoptionsrecht für Homosexuelle.

  18. Andre´ 17. November 2013 um 02:33 #

    Auffallend ist die Teilnahmeverweigerung der Homosexuellenvertretungen schon.

    An guten Argumenten scheint es nicht zu fehlen, wohl aber an der Courage, sie auch zu vertreten.

    Müssen eben wieder andere die Interessen durchboxen.

    Sagt ein Hetero, der die Auffassung von Dorothea Böhm vertritt.

  19. Rainer Balcerowiak 17. November 2013 um 20:00 #

    Warum eigentlich die Aufregung? Das Heimatblättchen einiger verirrter Rechtskonservativer und Verschwörungstheoretiker macht eine Veranstaltung. Das Ganze ist so verquast, dass sogar angekündigte Halb-Promis aus der Geisterfahrer-Szene wie Norbert Geis, Peter Scholl-Latour und Eva Hermann mittlerweile den schlanken Fuß machen. Der gewiefte Medienprofi J.Elsässer wusste natürlich genau, was sein homphober, reaktionärer Familienquark für ein Echo auslösen würde. „Nicht mal ignorieren“ wäre die angemessene Reaktion gewesen. Stattdessen fühlen sich sich sogar ARD und Spiegel bemüßigt, sich mit dem Unfug zu befassen. Bitte, bitte tiefer hängen

  20. Alreech 18. November 2013 um 01:14 #

    Ignorieren ? Eher drüber lustig machen.
    Was Compact angeht sind es eher die Querfrontaktivitäten die einem zu denken geben sollten.
    Das Sarrazin und Eva Hermann in dieses Milieu abgerutscht sind ist leider auch auf ihre mediale Hinrichtung zurück zu führen.
    Neben Nobert Geis gibt es auch Verbindungen zu Andreas Hauß dessen „Winnenden was wirklich geschah“ mal als Buch in der Compact – Reihe angekündigt gewesen ist.

  21. Auf eine Zigarette mit mir. 22. November 2013 um 06:11 #

    Tja, mit den Thesen „Wir sind nicht gegen Homosexualität“ und „sexuelle Umerziehung“ habe ich so einige Probleme. Also habe ich mich einfach mal damit beschäftigt. Gestern im Blog zu der Konferenz eines nicht genannten Verlages.
    http://blogvonthomas.wordpress.com/2013/11/21/der-mut-zur-familie/

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