Nicht ohne meine Transphobie

10 Dez

Weiß hier jemand, was „Schnellreaktionsmechanismus“ ist? Oder „Thesaurierungsregelungen“? Oder „Transphobie“?

war Anfang Dezember im Tagesspiegel zu lesen, als Auftakt einer Beschwerde über den angeblich unverständlichen Koalitionsvertrag. Die Steilvorlage aufgegriffen hat Tagesspiegel-Autor Bernd Matthies am vergangenen Sonntag unter dem Titel „Meine Ängste gehören mir“:

Was ist eigentlich aus der guten alten Phobie geworden? Das griechisch verwurzelte Wort stand einst für alles, wovor ein Mensch Angst haben konnte, vor Spinnen, weiten Plätzen, engen Räumen – Epistaxiophobie beispielsweise ist die Angst vor Nasenbluten. Gemeinsam ist diesen psychologisch-medizinisch definierten Phobien, dass sie keine reale Grundlage haben oder doch zumindest der realen Gefahr völlig unangemessen sind, und insofern ein Krankheitsbild darstellen, das prinzipiell behandelbar ist.

Homophobie, nun wird es interessant, ist die Angst vor Gleichheit und Monotonie, aber auch vor Homosexualität. Transphobie, ein offenbar brandneuer Begriff, meint die Angst vor Transsexualität oder Transsexuellen.

Ein brandneuer Begriff? Das kann nur sagen, wer die letzten Jahrzehnte auf einem anderen Planeten verbracht hat. Matthies hingegen beweist mit diesem Opener lediglich, dass er offenbar erschreckend wenig Ahnung hat von dem Gegenstand über den er schreibt.

Beide Begriffe stehen im Koalitionspapier von SPD und CDU. „Wir verurteilen Homophobie und Transphobie und werden entschieden dagegen vorgehen“, heißt es darin. Das klingt für unvorbereitete Phobiker ein wenig nach Einweisung in die Psychiatrie, ist aber offenbar ganz anders gemeint, nämlich politisch.

Wir kennen diese neusprachliche Umdeutung der Phobie aus den aktuellen Religionskonflikten. Wer gegen den Islam oder eine seiner Erscheinungsformen angeht, der ist nicht länger Islamkritiker, sondern „islamophob“, ganz egal, ob er streng sachlich argumentiert oder Moscheen anzündet. Der Trick: Auch legitime Kritik wird mit dem Etikett „Phobie“ als krankhaft abgestempelt. Müssen wir nicht drüber reden, der Typ spinnt.

Meint Matthies tatsächlich, es gebe legitime Kritik an Transsexualität, die sachlich argumentieren könne und über die wir mal reden müssten? Ersteres offenbar nicht:

Bei der Homo- und Transphobie liegen die Dinge noch anders. Natürlich ist Angst vor Homo- oder Transsexuellen unsinnig, der Hass auf sie idiotisch, aber beides kommt häufig vor. Äußert es sich in Straftaten, muss der Staat eingreifen, das bedarf keiner Festlegung in Koalitionsgesprächen.

Doch wann soll der Staat nicht eingreifen?

Es geht also um etwas anderes: „Phobie“ in diesem frisch umgedeuteten Sinn steht offensichtlich für Ablehnung, wenn nicht gar für einfache Gleichgültigkeit, und das ist seltsam.

Frisch umgedeutet? Die Diskussion über die Bezeichnung von Feindseligkeit gegenüber bestimmten Gruppen als Phobie ist keineswegs neu und in den Sozialwissenschaften weitgehend Konsens:

Homophobie wird in den Sozialwissenschaften zusammen mit Phänomenen wie Rassismus, Xenophobie oder Sexismus unter den Begriff „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ gefasst und ist demnach nicht krankhaft abnorm.

Im Übrigen fragt man sich, wie Matthies an dieser Stelle auf die Idee kommt, als Phobie werde eine gleichgültige Haltung bezeichnet:

Denn unerwünschte Aussagen wie „Ich lehne Homosexualität ab“ oder „Ich bin gegen die Gleichstellung homosexueller Paare in der Ehe“ oder „Mir sind Transsexuelle vollkommen schnurz“ sind von der Meinungsfreiheit gedeckt; es gibt auch keinen Straftatbestand der Transsexualitätsleugnung. Doch offenbar will die Koalition gegen eine solche Haltung vorgehen, und zwar entschieden.

Was macht Matthies angesichts der Ankündigung der neuen Bundesregierung, gegen Homo- und Transphobie vorgehen zu wollen, eigentlich so wütend? Streitet er für das Recht, Homosexualität ablehnen zu dürfen? Sieht er dieses tatsächlich in Gefahr und keine anderen Probleme in einer Gesellschaft, in der die Diskriminierung von Homo- und Transsexuellen Alltag ist, bis hin zu offener, brutaler Gewalt gegen Leib und Leben? Schauen wir genauer hin:

Aber wie mag das genau aussehen? Grundlage regierungsamtlichen Vorgehens sind Gesetze, und die würde ich dann schon gern mal sehen.

Ist das jetzt Naivität oder Bösartigkeit? Natürlich geht es bei derartigen Gesetzen nicht darum, „Transsexualitätsleugnung“ unter Strafe zu stellen. Die unbedarfte Leserin wird vielleicht auf diese Idee kommen und damit wäre der Einsatz gegen Transphobie lächerlich gemacht. Ist es das, was Matthies erreichen möchte? Tatsächlich bedeutet der Einsatz gegen Homo- und Transphobie bisher stets Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung. Ist das Matthies tatsächlich unbekannt? Dann wäre eine Recherche vor dem Schreiben seines Textes vielleicht hilfreich gewesen. Doch Matthies bemüht immer absurdere Vergleiche:

Und umgekehrt wird es erst recht schwierig. Ich zum Beispiel würde mit allen demokratischen Mitteln, ja sogar entschieden dafür eintreten, dass jeder Homosexuelle sagen darf: „Heteros sind für mich das Letzte, ich würde lieber tot umfallen, als so einer zu sein.“ Heterophob, nicht wahr? Aber die Regierung, finde ich, geht auch das nicht das Geringste an.

Ob ein Angehöriger einer diskriminierten Minderheit sich abfällig über die Mehrheit äußert, mag formal dasselbe sein, wie wenn ein Angehöriger der Mehrheit sich abfällig über eine diskriminierte Minderheit äußert. Praktisch ist es jedoch ein Unterschied ums Ganze. Oder hat schon einmal jemand davon gehört, dass es unter heterosexuellen Jugendlichen eine deutlich erhöhte Suizidrate gibt aufgrund der erfahrenen Diskriminierung? Ob die Regierung es etwas angeht, wenn ganze Gruppen in einer Gesellschaft benachteiligt werden, darüber kann man streiten. Wenn jedoch die Regierung ihren Teil zu dieser Diskriminierung beiträgt, ist die Forderung nach einem Ende der Diskriminierung legitim. Eine Regierung, die auf der Grundlage eines Gesetzes, des Transsexuellengesetzes, Diskriminierung betreibt und sich zugleich in ihre Arbeitsplanung schreibt, Diskriminierung bekämpfen zu wollen, sollte man mit diesem Widerspruch konfrontieren. Ihr allerdings den Versuch des Abbaus der Diskriminierung anzukreiden, scheint mir die falsche Auflösung des Widerspruchs.

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3 Antworten to “Nicht ohne meine Transphobie”

  1. martin 10. Dezember 2013 um 14:40 #

    Die Einwände gegen Begriffe wie Homophobie, Transphobie, Islamophobie, Xenophobie usw. treffen einen wahren Punkt, insofern es zumindest den Anschein macht, als würde hier versucht, jeweils spezifische Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit psychologisch, und das heißt in diesem Fall: psychopathologisch, zu interpretieren, obwohl das vielleicht gar kein geeignetes Interpretationsmodell ist. Begriffe wie Homosexualitätsfeindlichkeit oder Antihomosexualität wären dagegen neutraler, da sie von der Beschreibung des Phänomens ausgehend noch keine Erklärung nahelegen. Dabei ist es schließlich gar nicht gesagt, dass gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit im Einzelfall oder generell oder auch nur kulturell präformierend eine psychologische Abweichung zugrunde liegt.
    Das Gegenargument, dass man hier „legitime Kritik“ als krankhaft zu denunzieren versuche, trifft es allerdings auch nicht. Immerhin macht es die homophobe oder islamophobe Position noch nicht besser, wenn man sie als homosexuellenfeindlich oder islamfeindlich beschreiben würde (eher noch wäre das Gegenteil der Fall).
    Allerdings ist diese Begriffsdiskussion insgesamt nicht sehr hilfreich. Sie weist meines Erachtens zwar auf interessante begriffspolitische Ansprüche hin, die der sozialwissenschaftlichen Begriffsbildung zugrunde liegen, aber die prägen nicht den Alltagssprachgebrauch – und die Bedeutung eines Begriffes ist mit Wittgenstein bekanntlich sein Gebrauch in der Sprache. Wer von Homophobie oder Transphobie oder Xenophobie spricht, der verwendet diese Begriffe normalerweise ganz synonym zu Homosexuellenfeindlichkeit usw. Die Psychopathologie wird da eben nicht mitgemeint.

  2. Dummerjan 10. Dezember 2013 um 18:04 #

    „Oder hat schon einmal jemand davon gehört, dass es unter heterosexuellen Jugendlichen eine deutlich erhöhte Suizidrate gibt“ Das ist ein Faktoid und das ist eine Behauptung:“aufgrund der erfahrenen Diskriminierung“.
    Allein schon aufgrund der inneren Inkomatibilität mit der Außenwelt kann man sich scheisse fühlen. Dazu bearf es keiner Diskriminierung. Wahrgenommene Andersartigkeit kann auch ohne Dskriminierung problematisch sein.

  3. Ralf 11. Dezember 2013 um 17:15 #

    Bezeichnen wir Hass doch einfach als Hass und geben ihm nicht den Vorwand, irgendwie Ausdruck einer psychischen Störung zu sein wie die Angst vor engen Räumen oder bestimmten Tieren.

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