Wie uncool

15 Jan

Das Hitzlsperger-Coming-Out und die Pläne der baden-württembergischen Landesregierung, die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ als Ziel im Bildungsplan 2015 festschreiben, sorgen nun auch beim Berliner Tagesspiegel für Unruhe. Josef Joffe merkt dort an, Hitzlspergers Schritt sei nicht mutig gewesen,

da Klaus („Und das ist gut so“) Wowereit diesen Schritt vor Jahren getan hat –

als ob Fußball und Politik identisch wären. Und dann bekommt es auch Joffe mit der Angst zu tun:

 Wir sollten allerdings darauf bestehen, dass Heterosexualität auch cool ist.

Malte Lehming hingegen problematisiert den Begriff der „sexuellen Vielfalt“:

Über den Kern des Problems wird freilich kaum diskutiert. Das fängt bei der begrifflichen Unschärfe an. Denn was ist sexuelle Vielfalt? Laut einer gängigen Definition sind damit alle Formen von Sexualität gemeint, die erwachsene Menschen freiwillig miteinander praktizieren. Das jedoch umfasst nicht nur schwule, lesbische, bisexuelle und transsexuelle Lebens- und Liebesarten, sondern auch Sadomasochismus, Polygamie, Polyamorie und Inzest.

Wo ist jetzt das Problem?

Warum muss Homosexualität akzeptiert werden, nicht aber Polygamie (sofern sie im gegenseitigen Einverständnis geschieht)? Polyamoristen etwa propagieren „offene, liebevolle, stabile sexuelle Beziehungen von mehr als zwei erwachsenen Menschen“. Was spricht dagegen?

Nichts.

Auch das Inzestverbot lässt sich ohne Rückgriff auf tradierte Normen nur schwer begründen. Da es selbstverständlich sein sollte, dass auch behinderte Menschen ein uneingeschränktes Recht auf Sexualität haben, verbietet sich der Hinweis auf ein höheres Risiko von Erbkrankheiten.

Stimmt.

Hinzu kommt eine mögliche Wertekollision mit der Verfassung. Ehe und Familie sind in Deutschland durch Artikel 6 des Grundgesetzes besonders geschützt. Sie genießen als Lebensform eine normative Ausnahmerolle. Das Ideal sind also Homo- und Hetero-Ehen, die auf Familie – sprich: Nachwuchs – angelegt sind. Alle anderen Lebensformen liegen zwar in der freien Selbstbestimmung jedes Einzelnen, dürften aber von verfassungspatriotisch gesinnten Lehrkräften nicht im vollen Sinne als gleichwertig mit Ehe und Familie vermittelt werden. Trägt das zu einer größeren Akzeptanz bei?

Nun, hier stellt sich die Frage, ob man Artikel 6 nicht umfassender formulieren könnte. Oder ob man ihn nicht einfach abschaffen sollte. Möglich wäre auch ein Hinweis auf den Widerspruch zwischen Grundgesetz und Bildungsplan, den die Schüler_innen dann diskutieren könnten. Das macht man doch heutzutage in der Schule so. Warum nicht auch bei diesem Thema?

Und schließlich die interkulturelle Dimension. Migrantische Homophobie, insbesondere unter arabisch-, türkisch- und russischstämmigen Jugendlichen, ist weit ausgeprägter als die der Einheimischen. Muslimische und christlich-orthodoxe Gelehrte betrachten homosexuelle Handlungen in der Regel als Sünde. Das heißt, viele migrantische Heranwachsende würden durch ein Bildungsziel „sexuelle Vielfalt akzeptieren“ in einen tiefen Identitäts- und Wertekonflikt gestürzt: zwischen der häuslichen Moral, die sie von ihren Eltern lernen, und der schulischen Moral, die im Gegensatz dazu steht. In der Praxis heißt das, sowohl die Autorität der Eltern als auch die der Lehrer würde untergraben. Das verstärkt bei vielen Migranten das Gefühl, unter Integration werde stets nur das Überstülpen der Leitkultur und die Verleugnung kultureller Eigenständigkeit verstanden.

Mit dieser Argumentation dürften in der Schule überhaupt keine Werte vermittelt werden, da diese immer mit häuslichen Wertevorstellungen kollidieren können. Außerdem könnte man dagegen halten, dass die Begegnung mit der Akzeptanz sexueller Vielfalt Schüler_innen, die selbst homo-, trans- oder intersexuell sind, vermitteln kann, dass es auch Kulturen gibt, in denen ihre Existenz weder geleugnet noch verfolgt wird, zumindest offiziell. Und schließlich wären die kulturell oder religiös begründeten unterschiedlichen Sichtweisen auf sexuelle Vielfalt auch ein mögliches Thema der Auseinandersetzung in der Schule. Bei anderen Themen versucht Schule doch auch, Meinungsbildung unter den Schüler_innen zu beförderen. Nicht unbedingt mit dem Ziel einer bestimmten Meinung, aber mit dem Ziel einer eigenen, begründbaren Meinung, für die man sich nach dem Abwägen verschiedener Argumente entschieden hat.

Nicht zuletzt sei daran erinnert, dass die alltägliche Heternormativität von Schule und Alltag von ein paar „sexuelle Vielfalt akzeptieren“-Einsprengseln noch lange nicht ausgeglichen wird. Wer daher die Pläne der baden-württembergischen Landesregierung, die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ als Ziel im Bildungsplan 2015 festschreiben, unterstützen will, kann dies mittels zwei Petitionen tun.

Die Petition „Vielfalt gewinnt!“ setzt sich dafür ein, Jugendlichen Akzeptanz für die Vielfalt an Lebensstilen und sexuellen Orientierungen zu vermitteln, für eine Gesellschaft, die aus gelebter Vielfalt und Toleranz erwächst.
Die Gegenpetition zur Petition „Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“ arbeitet sich vor allem an der Argumentation ab, ein LSBTTIQ-Lebensstil weise „negative Begleiterscheinungen auf

wie die höhere Suizidgefährdung unter homosexuellen Jugendlichen, die erhöhte Anfälligkeit für Alkohol und Drogen, die auffällig hohe HIV-Infektionsrate bei homosexuellen Männern, wie sie jüngst das Robert-Koch-Institut (5) veröffentlichte, die deutlich geringere Lebenserwartung homo- und bisexueller Männer, das ausgeprägte Risiko psychischer Erkrankungen bei homosexuell lebenden Frauen und Männern.

Dabei, so die Argumentation der Gegenpetition, ist es

vielmehr so, dass sich bei LSBTTI deshalb ein erhöhtes Suizidverhalten zeigt, weil Teile der Gesellschaft ihnen immer noch – und eben u.a. gerade durch solche Petitionen – das Gefühl geben, abnormal zu sein, sodass es schwierig wird, sich selbst zu akzeptieren. Daraus, weil nicht kleine Teile der Gesellschaft einem das Gefühl geben „falsch“ zu sein, resultiert die erhöhte Suizidrate, nicht durch die Zugehörigkeit zu den oben genannten Gruppen. Und genau deshalb ist es so wichtig, zukünftigen Generationen zu vermitteln, dass LSBTTI keinesfalls „falsch“ sind und dass sie offen leben dürfen, was sie sind, ohne sich dessen schämen zu müssen oder von anderen beschimpft oder angegafft zu werden.

Die Chance, dass jemand es tatsächlich irgend wann einmal cool findet, lesbisch, schwul, trans* oder inter zu sein, ist jedenfalls noch Zukunftsmusik. Leider. Und dass Heterosexualität nicht mehr als selbstverständlich gilt, ist leider auch noch ziemlich weit entfernt.

Oder hat Herr Joffe Recht und muss die heterosexuelle Gemeinde darauf bestehen, dass Heterosexualität cool ist, eben weil sie in Wirklichkeit ziemlich uncool ist? Denn warum sonst würde bei dem geringsten Anlass Panik geschoben, bald wären alle Jugendlichen schwul? Ist Heterosexualität wirklich so unattraktiv?

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10 Antworten to “Wie uncool”

  1. derdiebuchstabenzaehlt 15. Januar 2014 um 08:45 #

    Ein „erhöhtes Suizidverhalten“ von LSBTTI Menschen „weil Teile der Gesellschaft ihnen immer noch – und eben u.a. gerade durch solche Petitionen – das Gefühl geben, abnormal zu sein“ wird allerdings auch nur behauptet. Die Petition soll also eine Mitschuld an zukünftigen Selbstmorden haben? Das ist mal eine starke Aussage. Dies wäre dann auch das einzige Argument, daß die Gegenpetition zu bieten hat.

  2. Damien 15. Januar 2014 um 08:56 #

    @derdiebuchstabenzaehlt:
    In der Gegenpetition wird argumentiert, dass ein erhöhtes Suizidrisiko bei homosexuellen Jugendlichen nicht, wie es die Petition suggeriert, aus der „Natur“ der Homosexualität resultiert, sondern gesellschaftlich verursacht ist, durch Positionen, die Kindern und Jugendlichen vermitteln, Homosexualität sei nicht normal. Solch eine Position legt die Petition zumindest nahe, insofern finde ich die Argumentation nachvollziehbar. Mehr Argumente braucht es an dieser Stelle nicht, die Gegenposition will ja kein wissenschaftliches Statement abgeben, sondern eine gesellschaftliche Position einnehmen.

  3. derdiebuchstabenzaehlt 15. Januar 2014 um 09:35 #

    „…sondern eine gesellschaftliche Position einnehmen.“

    Kann man machen. Also suggerieren eigentlich beide Positionen in diesem Punkt.

    In der Petition gegen den Bildungsplan sind in dem Zusammenhang ja nun noch mehr Punkte genannt und auch mit zumindest einem Beleg untermauert.

    Ich fände den Grund für eine zB höhere Suizidrate unter Homosexuellen schon wichtig, allein um wirksame Hilfen geben zu können. Aber darum scheint es ja nicht zu gehen.

  4. martin 15. Januar 2014 um 10:14 #

    Ein wenig gespenstisch ist diese Diskussion ja schon. Einerseits ist mir schleierhaft – gegen Malte Lehming und vielleicht auch gegen Damien -, wo hier eigentlich der Konflikt in Bezug auf Art. 6 GG liegen soll. Wieso impliziert ein „besonderer Schutz“ von Ehe und Familie, dass man eine darüber hinausgehende „sexuelle Vielfalt“ nicht „in vollem Sinne als gleichwertig“ vermitteln dürfe? Mir leuchtet dieser Gegensatz nicht ein. Ist die freie Entfaltung der Persönlichkeit nicht auch ein Grundrecht? Und kann man dann im Unterricht nicht mehr sagen, warum ein Staat besonderen Wert auf Familien legt?
    Andererseits spricht aus diesem „Bildungsplan“ schon ein ziemlicher Wertevermittlungs-Hokuspokus – der ist allerdings bildungspolitisch ganz typisch. Es weiß zwar niemand so genau, woher diese „Werte“, die da vermittelt werden, eigentlich kommen und wie diese „Vermittlung“ funktionieren soll – vielleicht nach dem Modell des Nürnberger Trichters? -, aber man kann es ja trotzdem ganz unschuldig in einen Lehrplan hineinschreiben. Dann darf ein Sozialkundelehrer mit sozialtechnischer Begabung einige salbungsvolle Worte an die Schüler richten. Das wäre dann im Grunde auch nichts Neues.
    Im Ergebnis wird der Schulunterricht immer nur ein Ort sein, wo die Gesellschaftsordnung des Grundgesetzes in ihrem Sinn und in ihrer Bedeutung angesichts pluraler gesellschaftlicher Wirklichkeit kontrovers diskutiert wird. Das schließt „sexuelle Vielfalt“ natürlich ein – warum auch nicht? Allerdings wird es nicht funktionieren, die Schule als Kompensation für einen Ausfall der übrigen Gesellschaft (einschließlich der Familie) zu instrumentalisieren, wo es um individuelle Lebensentwürfe des Nachwuchses geht, und zwar schon deshalb nicht, weil die Schule keine Indoktrinationsagentur ist, sondern im Rahmen des Grundgesetzes neutral zu sein hat. Und auch Homophobie ist ein nach Art. 2 GG zulässiger „Wert“.

  5. m 15. Januar 2014 um 11:08 #

    Der Gender-Unterstrich auch hier. Wie uncool.

  6. gnaddrig 15. Januar 2014 um 11:24 #

    Wir sollten allerdings darauf bestehen, dass Heterosexualität auch cool ist.

    Coolheit wird maßlos überschätzt. Im Zusammenhang mit dem Bildungsplan geht es eher darum, dass alle so akzeptiert werden sollen, wie sie sind, egal ob hetero, homo, trans oder sonstwie. Das irgendjemand irgendetwas cool findet, kann man kaum steuern, und es sollte auch egal sein.

    Außerdem: Wenn durch sinnvolle Umsetzung solcher Bildungspläne die allgemeine Akzeptanz auch für Schwule steigt, sagt das überhaupt nichts über die Akzeptanz von Heteros aus. Die werden doch deshalb nicht plötzlich nicht mehr akzeptiert.

    Das ist dieselbe Denkweise, die sofort unterstellt, man agitiere gegen Ehe und Familie, wolle die traditionelle Familie schwächen usw., nur weil man zur Abwechslung mal nicht auf alles eindrischt, was nicht klassisch heterosexuell ist.

  7. Atacama 15. Januar 2014 um 14:18 #

    „Muslimische und christlich-orthodoxe Gelehrte betrachten homosexuelle Handlungen in der Regel als Sünde. Das heißt, viele migrantische Heranwachsende würden durch ein Bildungsziel „sexuelle Vielfalt akzeptieren“ in einen tiefen Identitäts- und Wertekonflikt gestürzt: zwischen der häuslichen Moral, die sie von ihren Eltern lernen, und der schulischen Moral, die im Gegensatz dazu steht.“

    Und was ist mit Kindern aus traditionellen muslimischen Haushalten? Ist es nicht ein totaler Wertekonflikt wenn sie sehen, dass hierzulande Schwein gegessen, Alkohol getrunken und die Frauen im Sommer in Hotpants rumlaufen und mit offenen Haaren? Kann man ihnen das zumuten? Vielleicht lieber Burkapflicht für alle. Wir wollen ja nicht dass jemandem eine Leitkultur übergestülpt wird (ausser vielleicht uns selbst).

  8. Der Stadtfuchs 15. Januar 2014 um 23:03 #

    “ Denn warum sonst würde bei dem geringsten Anlass Panik geschoben, bald wären alle Jugendlichen schwul? “ Wo kommt eigentlich dieser Popanz her, dass die Leute, die sich gegen ein Ansprechen des Themas Homosexualität in der Schule aussprechen, glauben würden, das würde ihre oder andere Kinder schwul und/oder zu Drag-Queens machen? Ich kenne ein paar sehr gute Argumente gegen einen so gezielten Unterricht und einen sehr viel größeren Haufen bescheuerte Argumente. Aber dass ein solcher Unterricht nicht homosexuelle Kinder zu Homosexuellen machen würde, behauptet doch nun wirklich niemand – noch nichtmal außerhalb des Netzes der Mennonitenpfarrer bei der Predigt. Da wird doch ein Strohmann aufgebaut, den man nachher lustig verbrennen kann.

    • Damien 16. Januar 2014 um 08:28 #

      @Stadtfuchs: Es ist eine beliebte Argumentation von konservativen Christen (evangelikal wie katholisch), dass durch die vorbehaltlose Darstellung von Homosexualität/Homosexuellen in der Schule wie in den Medien Jugendliche sexuelle Desorientierung erfahren. Damit sind natürlich stets heterosexuelle Jugendliche gemeint, die durch diese „Propaganda“, wie es dann regelmäßig genannt wird, erst verwirrt und dann schwul werden könnten.

  9. 007 16. Januar 2014 um 12:13 #

    @m: Was ist an Ausgrenzung durch Sprache cool?

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