Mein kleines Pony

7 Feb

Als ich etwa 10 Jahre alt war, war mein größter Wunsch, ein „Mein kleines Pony„-Pony zu bekommen. Ich weiß noch, dass ich ein solches Spielzeug irgendwo im Urlaub in einem Schaufenster gesehen habe. Ein gelbes „Mein kleines Pony“-Pony aus Kunststoff, komplett mit kämmbaren, lila Haaren und einem kleinen rosafarbenen Kamm.

Aus diesem Grund berührt mich folgende Geschichte sehr:

Ein elfjähriger Junge aus North Carolina (USA) kämpft um sein Leben, nachdem er am 23. Januar versucht hatte, Selbstmord zu begehen.

Der an ADHD leidende Schüler wurde in der Schule von anderen aufgezogen weil er Fan der Animationsserie „My little pony“ ist, Mitschüler bezeichneten ihn als „schwul“. In seinem Zimmer erhängte er sich an seinem Etagenbett.

Theoretisch hätte auch ich dieser Junge sein können. Glücklicherweise war ich aber immer ein Einzelgänger und hatte nie ein besonders großes Bedürfnis, mich in Gruppen zu integrieren und andere Menschen an meinen Gefühlen, Vorlieben und Hobbies teilhaben zu lassen ( was sich auch bis heute wenig geändert hat). Insofern kann ich nicht einschätzen, wie meine Mitschüler reagiert hätten, wenn sie von meinem „Pony“ gewusst hätten.

Auch meinen Eltern rechne ich es hoch an, dass sie mir ohne Umschweife meinen Wunsch erfüllten und mir das „Pony“ kauften, welches dann auch bis weit in der Pubertät einen Ehrenplatz in meinen Zimmer hatte.

Leider weiß ich nicht, was aus diesem Spielzeug geworden ist. Es muss irgendwie verloren gegangen sein. Woran ich mich allerdings noch sehr gut erinnere ist, dass ich intuitiv wusste, dass mein Wunsch nach diesem Spielzeug nicht „normal“ ist. Mir war klar, dass ich damit einen Konflikt hätte heraufbeschwören können, weil ich nun mal ein kleiner Junge bin und das „Pony“ im Spielwarengeschäft in der Abteilung stand, die eben für Mädchen reserviert war. Glücklicherweise wurde das „Pony“ eben auch im Schaufenster ausgestellt, so dass meine Mutter in das Geschäft gehen und es kaufen konnte, während ich mit meinem Vater draußen vor der Tür gewartet habe. Ich glaube nicht, dass ich es über mich gebracht hätte, der Kassiererin den Eindruck zu geben, dass ein Junge ein „Mein kleines Pony“-Pony haben möchte.

Insofern war der Junge aus North Carolina mutiger als ich. Er hatte offenbar keine Scheu, er selbst zu sein. Oder aber, es war ihm nicht bewusst, dass er in einer Gesellschaft lebt, die fein säuberlich zwischen dem unterscheidet, was sich für Jungen (Männern) und Mädchen (Frauen) gehört und was nicht. Und das die Überschreitung solcher Regeln soziale Konsequenzen zur Folge hat.

Doch so etwas sollte nicht passieren. Einer zivilisierten Gesellschaft sollte es egal sein, ob sich Menschen geschlechtlich „konform“ verhalten. Weil es eben unwichtig ist.

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13 Antworten to “Mein kleines Pony”

  1. tom174 7. Februar 2014 um 13:06 #

    Einer zivilisierten Gesellschaft sollte es egal sein, ob sich Menschen geschlechtlich “konform” verhalten. Weil es eben unwichtig ist.
    Absolute Zustimmung.
    Ich war kurz versucht, das unter „was willst du von den amis erwarten, die machen ja auch sowas“ zu verbuchen.
    Aber tatsächlich vermute ich, dass das auch hier, heute und jetzt durchaus möglich wäre. Toleranz gegenüber allen Verhaltensweisen, die niemandem schaden kommt immernoch viel zu kurz. Ob ein Junge mit Puppen spielen will, ein Mädchen Kopftuch tragen oder was auch immer.. ist es so schwer?

  2. Atacama 7. Februar 2014 um 16:47 #

    Genau deswegen bin ich für Gendermainstreaming, dahingehend, Menschen das tun und das sein zu lassen was sie sind/sein wollen/tun wollen, auch wenn es nicht ihrer kulturell zugeordneten Geschlechtsrolle entspricht.
    ich könnte heulen, wenn Menschen die dem nicht entsprechen das Leben zur Hölle gemacht wird.
    Ich frage mich, was die Täter für eine Erziehung genossen haben.

  3. Alreech 7. Februar 2014 um 23:15 #

    Kinder können grausam sein, das liegt in der menschlichen Natur.
    Solange das Gendermainstreaming die menschliche Natur nicht ändert, wird es nichts nützen… und die letzten Versuche die menschliche Natur zu ändern haben nichts als Not, Elend und Brutalität hervor gebracht.

  4. Atacama 8. Februar 2014 um 06:36 #

    „Kinder können grausam sein, das liegt in der menschlichen Natur.“

    Da ist man als Erwachsener natürlich völlig macht- und einflusslos. Da sind solche kleinen kollateralschäden zwar schade, aber leider nicht zu ändern.

  5. Alreech 9. Februar 2014 um 03:46 #

    Ist es das ?
    Menschen als Individuen lassen sich ändern, vor allem ein Kind ist noch ein unfertiges Wesen das Erziehung benötigt.
    Die menschliche Natur lässt sich allerdings nicht ändern.

  6. Atacama 9. Februar 2014 um 16:22 #

    Ich finde, das ist eine schwere Frage und nicht so leicht zu beantworten. Ich habe selber als ich klein war mal eine Zeit lang gehänselt aber als das Opfer weinte, habe ich es gelassen, aus innerer Einsicht.

    Dass die meisten Menschen MItläufer sind die möglichst konform sein wollen um nicht selber zur Zielscheibe zu werden und dementsprechend ignorant sind auch gegenüber Mobbing, ist wohl Natur. Ich musste da auch sehr arbeiten, um den Mund aufzukriegen wenn ich was mitkriege was mir nicht gefällt.
    Aber dass aktive Beteiligen oder Suchen von Opfern und immer neue kreative Formen der Belästigung, Verletzung und Beleidigung zu erfinden, ich bin nicht sicher ob das wirklich Natur oder auch viel Sozialisation ist. Spaß daraus ziehen, einen anderen Menschen unglücklich zu machen der einem nichts getan hat, ich weiss nicht…
    Ich kann mir zumindest nicht vorstelen, dass Kinder die so aufgewachsen sind wie beispielsweise Astrid Lindgren sich so verhalten.

    Ich habe mal in einer Kinder/Jugendgruppe gearbeitet, die Leiterin hatte eine Wahnsinnsmenschenführung und da wurde darauf geachtet dass jeder so sein darf wie er ist ohne Anfeindungen. Dadurch waren die Kinder alle sehr zufrieden und gelöst und es gab fast keine Reibereien, Mobbing schon garnicht. Es war eine wirklich gute unstressige Atmosphäre.
    Ein neuer Junge kam dazu, 8 Jahre, Sprachfehler, deshalb in der Schule gehänselt und ausgeschlossen, je mehr gehänselt wurde, desto schlimmer wurde der Sprachfehler.
    Die anderen Kinder haben ihn vollkommen akzeptiert mit seiner „unnormalen“ Eigenschaft und immer wenn er da war, wurde sein Sprechen viel flüssiger und der Sprachfehler verschwand fast völlig.

  7. Dummerjan 10. Februar 2014 um 18:32 #

    „Insofern war der Junge aus North Carolina mutiger als ich. Er hatte offenbar keine Scheu, er selbst zu sein. Oder aber, es war ihm nicht bewusst, dass er in einer Gesellschaft lebt, die fein säuberlich zwischen dem unterscheidet, was sich für Jungen (Männern) und Mädchen (Frauen) gehört und was nicht. Und das die Überschreitung solcher Regeln soziale Konsequenzen zur Folge hat.

    Doch so etwas sollte nicht passieren. Einer zivilisierten Gesellschaft sollte es egal sein, ob sich Menschen geschlechtlich “konform” verhalten. Weil es eben unwichtig ist.“
    Du machst es Dir zu leicht, wenn Du von „der Gesellschaft“ sprichst, die hier Schuld sei.
    Geschlechtsidentität ist nichts erfundenes, sie ist eine Interaktion von Bilogie und Umwelt. Und die menschlichen Entwicklungsprozesse sidn nicht notwendig ein gesellschaftliches Problem, eher der Umgang mit dieser Entwicklung.

    Aber Deine eigene statische Betrachtung zeigt dch das Problem auf: Es muss eine feste Bewertung her – muss es aber nicht. Identität ist etwas was andere wollen, nicht notwendig man selbst.

  8. The Laughing Man 10. Februar 2014 um 23:26 #

    „Einer zivilisierten Gesellschaft sollte es egal sein, ob sich Menschen geschlechtlich “konform” verhalten. Weil es eben unwichtig ist.“

    Bin mir nicht sicher ob das Problem alleine da liegt. Natürlich gibt es bestimmte „Eigenschaften“ die einen eher zur Zielscheibe machen, aber das eigentliche Problem ist der Umgang mit dem ich nenne es mal „ungewohnten“. Das gilt allgemein für Vorlieben, welche von der einen umgebenden Mehrheit nicht geteilt werden.

    Ich wurde ein Zeit lang gemoppt von Mitschülern, unter anderem wegen meiner Vorliebe für Fantasy und Science Fiction. Ich kann nicht beurteilen wie schlimm es im Vergleich dazu ist nicht geschlechtlich “konform” zu sein, aber ich glaube es reicht wesentlich weniger um von dem eigenen Umfeld in der Kindheit abgestoßen zu werden. Andrer Musikgeschmack, nicht die entsprechende Kleidung, stark abweichende Schulische Leistung egal ob gut oder schlecht oder sogar eine beliebige etwas von dem gewöhnlichen abweichende Körpereigenschaft um nur ein paar zu nennen.

    Die Gründe mögen dabei oberflächlich noch so unterschiedlich wirken, aber die Auswirkungen sind im schlimmsten Fall immer genauso verheerend. Deswegen glaube ich reicht es nicht sich einfach nur auf gewisse Bereiche zu konzentrieren. Man muss versuchen Verständnis für jeden aufzubauen der irgendwie „anders“ ist.

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